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Globalisierung
Der Begriff Globalisierung bezeichnet den Vorgang, bei welchem weltweite Verflechtungen in unter anderem den Bereichen Wirtschaft, Politik, Kultur, …
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Kernbegriff und Ursachen
Globalisierung bezeichnet den Vorgang, bei dem weltweite Verflechtungen zwischen Individuen, Gesellschaften, Institutionen und Staaten zunehmen. Sie betrifft vor allem Wirtschaft, Politik, Kultur, Umwelt und Kommunikation. Kennzeichnend sind eine Komprimierung der Welt und ein intensiviertes globales Bewusstsein.
Wichtige Ursachen sind technische Fortschritte und Innovationen, besonders Internet, Digitale Revolution, zunehmender Weltluftverkehr und Containerisierung des Stückguttransports. Hinzu kommen die Liberalisierung des Welthandels sowie Bevölkerungswachstum in vielen Ländern. Als Vorläufer gilt der Kolonialismus europäischer Staaten. Nach dem Zweiten Weltkrieg erweiterten Dekolonisation, der Fall des Eisernen Vorhangs und das Ende des Kalten Krieges die Möglichkeiten grenzüberschreitender Beziehungen.
Der Ausdruck wurde in den Sozialwissenschaften geprägt; manche Quellen nennen 1944 als erste Verwendung. Theodore Levitt verwendete ihn 1983 wissenschaftlich in „The Globalization of Markets“. Auch Entnationalisierung oder Denationalisierung wird verwendet, wenn der Macht- und Bedeutungsverlust des Nationalstaats betont werden soll.
Wirtschaftliche Verflechtung
Wirtschaftliche Globalisierung zeigt sich unter anderem am Wachstum des Welthandels, ausländischer Direktinvestitionen, globaler Unternehmenskooperationen und transnationaler Konzerne sowie an globalisierten Finanzmärkten. Indikatoren sind Messgrößen; sie müssen vorsichtig gedeutet werden. Es ist weder eindeutig, welche Indikatoren Globalisierung genau erfassen, noch ab welchen Werten sie ihren Fortgang belegen.
Der statistisch erfasste Warenexport stieg von 1960 bis 2017 auf mehr als das 19fache, die Güterproduktion nur auf das 7fache. Direkte Auslandsinvestitionen stiegen von 13 Milliarden US-Dollar 1970 auf rund 1.400 Milliarden US-Dollar im Zeitraum 2010–2014. Das Welthandelsvolumen wuchs von 0,3 Billionen US-Dollar 1970 auf 18,9 Billionen US-Dollar 2014. Multinationale Unternehmen sind Schätzungen zufolge an etwa zwei Dritteln des Welthandels beteiligt; etwa ein Drittel findet innerhalb von Konzernen zwischen Mutter- und Tochterunternehmen statt.
Unternehmen können weltweit unterschiedliche Arbeits-, Steuer- und Investitionsbedingungen nutzen. Das erhöht den Konkurrenzdruck auf kleinere, nur national tätige Unternehmen und kann Verlagerungen in Niedriglohnländer fördern. Schwellenländer können durch niedrige Löhne und Weltmarktorientierung wachsen, erleben aber oft starken Strukturwandel. Entwicklungsländer mit Instabilität, geringer Rechtssicherheit und schwacher Infrastruktur ziehen häufig kaum Investitionen an. Das 1974 von der UNO verabschiedete Konzept der Neuen Weltwirtschaftsordnung und das Integrierte Rohstoffprogramm von 1976 scheiterten daran, Rohstoffpreise trotz Interventionen bei Angebots- und Nachfrageschwankungen nicht zu stabilisieren.
Auch Personen, Waren und Informationen bewegen sich stärker über Grenzen. 2014 wurden 1,32 Milliarden Passagiere auf Auslandsflügen befördert; die internationale Luftfracht betrug 32,8 Millionen Tonnen. Internetnutzung stieg von 495 Millionen Menschen 2001 auf rund 2 Milliarden 2010 und mehr als 3 Milliarden 2015. Der Zugang und die Überwachung sind weltweit jedoch sehr ungleich. Hochqualifizierte Migration folgt laut jüngeren Studien oft eher einer Brain-Circulation, also zeitweiligen Auslandsaufenthalten mit Rückkehr, als einem dauerhaften Braindrain. Regionalisierung ergänzt die Globalisierung, etwa durch EU, USMCA, ASEAN oder Mercosur. Für die Zeit bis etwa 2030 wird teilweise mit kürzeren, stärker dezentralen Wertschöpfungsketten gerechnet.
Politik, Umwelt und internationale Zusammenarbeit
Wirtschaftliche und kulturelle Verflechtungen schaffen Probleme, die einzelne Staaten nicht allein lösen können: Standortwettbewerb, Umweltbelastungen und grenzüberschreitende Kriminalität. Daher wächst der Druck zu multilateralen Regeln und zu Global Governance, auch Weltinnenpolitik oder globale Ordnungspolitik genannt.
Politische Globalisierung zeigt sich in internationalen Verträgen, Organisationen und einer internationalen Öffentlichkeit. Je nach Zählweise gab es 2004 26.000 internationale Verträge, 5.200 oder 252 Regierungsorganisationen sowie 15.000 oder 6.076 Nichtregierungsorganisationen. Die Haager Konvention Nummer 12 von 1961 vereinfachte durch Apostillen den internationalen Rechtsverkehr, weil öffentliche Urkunden häufig ohne diplomatische Beglaubigung verwendet werden können.
Wichtige Organisationen sind die UNO für Frieden, Völkerrecht, Menschenrechte und Zusammenarbeit; IAO für Arbeits- und Sozialnormen; UNEP für Umwelt und nachhaltige Entwicklung; Weltbank für Entwicklungshilfe; IWF für Währungspolitik und Wechselkurse; WTO für Handelsliberalisierung und OECD für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklungshilfe. Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace, WWF, Internationaler Gewerkschaftsbund und attac arbeiten je nach Akteuren durch Protest, Lobbyarbeit oder Zusammenarbeit.
Globalisierung verbessert zudem die Wahrnehmung weltweiter Umweltschäden und fördert ein „planetares Bewusstsein“. Umweltstandards mächtiger Märkte können auf andere Länder übergehen, etwa wenn Staaten der EU beitreten oder in die USA exportieren wollen. Dieser einseitige Einfluss wird Brüssel-Effekt beziehungsweise California-Effekt genannt. Internationale Umweltregelungen und Organisationen wie UNEP reagieren darauf, nach Ansicht von Kritikern jedoch zu langsam.
Kultur, Sprache, Geschlechter und Bildung
Kulturelle Globalisierung bedeutet die Verbreitung und Vermischung kultureller Praktiken, Ideen, Bilder, Klänge und Lebensstile. Byung-Chul Han bezeichnet dies als Hyperkulturalität: Kulturelle Ausdrucksformen lösen sich von ihrem ursprünglichen Ort und zirkulieren in einem globalen „Hyperraum“. Dabei entstehen sowohl weltweit verfügbare kulturelle Elemente als auch hybride, also gemischte Formen. Nach Tyler Cowen können Homogenisierung und Heterogenisierung gleichzeitig auftreten: Austausch kann Vielfalt zwischen Gesellschaften verringern, aber Wahlmöglichkeiten und Vielfalt innerhalb einer Gesellschaft vergrößern.
Kritiker sehen teilweise eine Dominanz westlicher Werte, verbreitet durch Fernsehen, Internet, Kino, Musik, Mode und Tourismus. Andere betonen, dass auch östliche Kulturen weltweit Einfluss gewinnen und Lokalisierung traditionelle oder regionale Identitäten stärken kann. „Kampf der Kulturen“ nach Samuel P. Huntington ist eine umstrittene Prognose; Kritiker warnen, sie könne Konflikte als unvermeidbar erscheinen lassen. Glokalisierung beschreibt, dass globale Angebote an lokale Bedürfnisse und Geschmäcker angepasst werden.
Englisch dominiert als Wirtschaftssprache und gewinnt in vielen Schulsystemen als erste Fremdsprache an Bedeutung. Gleichzeitig entstehen Mischwörter, im Deutschen unter anderem „Denglisch“. Der Abschnitt weist darauf hin, dass seine Angaben nicht hinreichend belegt sind.
Geschlechtersensible Forschung bewertet Globalisierung ambivalent: Sie verändert die internationale Arbeitsteilung und kann Frauen in flexible und prekäre Beschäftigung drängen, etwa in der Textilverarbeitung Lateinamerikas und Südostasiens. Dies wird auch Feminisierung des Arbeitsmarktes genannt. Neue Kommunikationsmedien und internationale Organisationen eröffnen Frauen zugleich Möglichkeiten zur Kooperation und Vernetzung.
Im Bildungsbereich werden Deregulierung, Marktmechanismen und weltweiter Wettbewerb von Bildungsanbietern kritisch diskutiert, weil Bildung dadurch stärker von einem öffentlichen Gut zu einer privaten Dienstleistung werden könne. Globales Lernen soll zur kritischen Auseinandersetzung mit globalen Fragen anregen. Globale Entwicklungen sollen verstärkt in Lehrpläne einfließen; zudem wird ein Globales Geschichtsbewusstsein gefordert, das weniger einseitig westlich ausgerichtet ist.
Historische Entwicklung und Gegenbewegungen
Der Beginn der Globalisierung ist umstritten. Positionen reichen von einem neuen Phänomen nach dem Zweiten Weltkrieg über das 19., 16. oder 15. Jahrhundert bis zu einem Integrationsprozess, der so alt wie die Menschheit sei. Historiker verweisen auf ältere Fernhandelsnetze, etwa Seide und Gewürze zwischen Asien und Rom, den Indienhandel sowie die Flotten Zheng Hes ab 1405. Die Hanse verband seit der Gründung Lübecks 1159 Handelsplätze von Nowgorod über Reval, Lübeck, Hamburg und Brügge bis London. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts gehörten ihr mehr als 200 Städte an; der letzte Hansetag fand 1669 statt.
Knut Borchardt beschreibt Globalisierungswellen, auf die jeweils Phasen abnehmender Verflechtung folgen. Die Welle von den 1840er Jahren bis zum Ersten Weltkrieg brachte starken Handel, Kapitalverkehr, Kommunikation und Migration; bei Migration wurden die damaligen relativen Werte bis heute nicht wieder erreicht. Mit dem Ersten Weltkrieg endete das Wachstum, ab der Weltwirtschaftskrise 1929 nahm die Verflechtung ab. Technische Innovationen, europäische Expansion und handelspolitische Liberalisierung waren wichtige Ursachen.
Seit Ende der 1860er Jahre beschleunigten Dampfschiffe, Suezkanal, First Transcontinental Railroad, Transatlantikkabel und Weltpostverein Waren- und Informationsaustausch. Die Große Depression von 1873–1896 förderte später Protektionismus. Nach dem Ende des Bretton-Woods-Systems 1973 fielen feste Wechselkurse und weitgehend Kapitalverkehrskontrollen weg; internationale Kapitalströme nahmen stark zu.
Govindarajan unterscheidet eine Phase der US-Expansion in den 1950er und 1960er Jahren, die Ressourcenorientierung in den 1970er und 1980er Jahren und die Glokalisierung von 1990 bis etwa 2008. Für eine weitere Phase prognostiziert er Reverse Innovation: Produkte werden in Zielländern entwickelt und produziert und möglicherweise später von Industrieländern übernommen.
Seit der Finanzkrise ab 2007 treten Abschottung, Onshoring und kürzere Lieferketten stärker hervor. Der von Ulrich Beck 1997 beschriebene Zustand einer Weltgesellschaft ohne Bedeutung nationaler Grenzen sei noch nicht erreicht. TTIP scheiterte; Protektionismus und unterschiedliche Technologie-, Datenschutz- und Governancestandards könnten Märkte weiter zersplittern.
Kontroversen und öffentliche Meinung
Befürworter erwarten, dass Handel und Arbeitsteilung Armut verringern. Die Importsubstitution mit hohen Zöllen wird als gescheitert betrachtet; Exportorientierung habe China, Indien und den asiatischen Tigerstaaten Wachstum und Armutsbekämpfung ermöglicht. Sinkende Löhne in Industrieländern werden teilweise eher technischem Wandel als Globalisierung zugeschrieben. Einer Untersuchung zufolge verbessert wirtschaftliche Globalisierung die Lebenserwartung robust, auch in armen Ländern; politische und soziale Globalisierung tun dies nicht.
Globalisierungskritiker richten sich meist nicht gegen Verflechtung an sich, sondern gegen ihre neoliberale Ausprägung: Marktöffnung und Freihandelszonen. Sie fordern, Grundversorgung, öffentlicher Verkehr und Bildung nicht vollständig dem Markt zu überlassen, und verlangen soziale sowie ökologische Mindeststandards. Kritisiert werden auch mangelnde Transparenz und demokratische Legitimation von WTO, IWF und Weltbank.
Kritiker sehen wachsende Ungleichheit. Der Gini-Koeffizient zwischen Ländern stieg von etwa 0,43 im Jahr 1950 auf knapp 0,54 im Jahr 1998; bei Gewichtung nach Bevölkerungsgröße sinkt er seit Mitte der 1950er Jahre, vor allem wegen China und Indien. Nach UNDP entfielen 1960 2,3 % des Einkommens auf die unteren 20 % und 70,2 % auf die oberen 20 %; 1997 waren es 1,2 % beziehungsweise 89 %. Andere Kritiken betreffen fehlende Institutionen für Terrorismus, Klimawandel, Finanzkrisen und Migration sowie eine Gefährdung demokratischer Kontrolle durch eine „globale Klasse“.
Studien zur öffentlichen Meinung zeigen: In vielen, aber nicht allen Ländern hält eine Mehrheit Globalisierung für gut; Vorteile werden eher bei Verbrauchern und Unternehmen als bei Arbeitern gesehen. Mehrheiten bevorzugen häufig Protektionismus und eine Begrenzung der Einwanderung, meist aus Sorgen um Arbeitsplätze und Löhne. Kulturellen Austausch bewertet in allen 17 untersuchten Ländern eine Mehrheit tendenziell positiv, obwohl Entwicklungsländer darüber stärker besorgt sind als Industrieländer.
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