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Volkswirtschaftliche Kennzahl
Volkswirtschaftliche Kennzahlen sind Kennzahlen, die volkswirtschaftliche Makrodaten und Größen miteinander in Beziehung setzen und zur Beurteilung der …
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Definition und Bedeutung
Volkswirtschaftliche Kennzahlen setzen volkswirtschaftliche Makrodaten und Größen miteinander in Beziehung. Sie dienen dazu, die gesamtwirtschaftliche Lage und ihre Entwicklung zu beurteilen. Ihr Gegenstück auf der Mikroebene sind betriebswirtschaftliche Kennzahlen.
Wie Kennzahlen allgemein messen sie eine reproduzierbare Größe, einen sich wiederholenden Zustand oder einen Vorgang von volkswirtschaftlicher Bedeutung. Sie beziehen sich auf quantitativ messbare und wichtige ökonomische Tatbestände. Das umfangreiche Datenmaterial einer Volkswirtschaft wird durch sie verdichtet, erläutert und in konzentrierter Form dargestellt.
Kennzahlen helfen bei der Problemerkennung, der Ermittlung von Stärken und Schwachstellen, der Informationsgewinnung, der Kontrolle durch Soll-Ist-Vergleiche, der Dokumentation und der Koordination wichtiger Sachverhalte und Zusammenhänge. Im Vergleich zu betriebswirtschaftlichen Kennzahlen haben sie einen höheren Aggregationsgrad: Sie betrachten beispielsweise nicht nur ein einzelnes Unternehmen, sondern fassen die Daten aller Unternehmen als „Unternehmenssektor“ zusammen.
Unternehmen, Medien, Experten, Finanzanalysten und Laien nutzen sie, um sich ein konzentriertes Urteil über konjunkturelle Entwicklungen zu bilden. Auch Zentralbanken, Regierungen und Wirtschaftsverbände greifen auf Kennzahlen zurück, die unter anderem vom Statistischen Bundesamt oder von Wirtschaftsforschungsinstituten berechnet werden. Sie werden regelmäßig erhoben und veröffentlicht, etwa als Inflationsrate oder Arbeitslosenquote. Vergleiche mit vorangegangenen Monaten oder früheren Jahren zeigen Entwicklungen und Trends. An diesen Eckdaten wird auch der Erfolg oder Misserfolg der Wirtschaftspolitik beurteilt.
Aufgaben und Anforderungen
Die zentrale Aufgabe volkswirtschaftlicher Kennzahlen besteht darin, aus der großen Menge volkswirtschaftlicher Daten die wesentlichen Informationen herauszufiltern. Entscheidungsträger erhalten dadurch übersichtliche und konzentrierte Informationen über wichtige ökonomische Sachverhalte.
Damit Kennzahlen für Entscheidungen brauchbar sind, sollen sie mehrere Anforderungen gleichzeitig erfüllen:
- Repräsentativität: Eine Kennzahl muss in einem Staat einen bestimmten, typischen ökonomischen Teilaspekt wiedergeben und Aussagen über eine Grundgesamtheit ermöglichen.
- Aussagekraft: Sie muss eine volkswirtschaftlich sinnvolle Aussage über Tatbestände und Vorgänge enthalten.
- Zielorientierung: Sie muss einem konkreten Entscheidungsziel dienen können.
- Wirtschaftlichkeit: Sie muss ohne besonderen Aufwand ermittelbar sein.
- Reversibilität: Sie muss auch umgekehrte Verhältnisse wiedergeben können.
- Zweckneigung: Sie muss zur Lösung einer bestimmten Aufgabe geeignet sein.
Volkswirtschaftliche Kennzahlen ermöglichen Vergleiche im Zeitablauf innerhalb eines Staates sowie Vergleiche zwischen Staaten.
Arten und Berechnung
Methodisch-statistisch unterscheidet man nach der Anzahl der Rechenoperationen zunächst zwischen absoluten und relativen Kennzahlen. Alle volkswirtschaftlichen Kennzahlen lassen sich einer dieser Arten zuordnen.
Absolute Kennzahlen werden unabhängig von anderen Zahlengrößen dargestellt. Dazu gehören:
- Einzelzahlen, beispielsweise die Einwohnerzahl oder die Anzahl der Erwerbspersonen;
- Summen, beispielsweise Auftragseingänge, Bruttoinlandsprodukt, Geldmenge, Finanzvermögen und Arbeitsvolumen;
- Differenzen, beispielsweise Volkseinkommen, Nettonationaleinkommen und Außenbeitrag;
- Mittelwerte, also Durchschnittszahlen, beispielsweise die alternative Berechnung des Offenheitsgrads oder die Kapitalstruktur in einer Branche.
Relative Kennzahlen oder Verhältniskennzahlen setzen absolute Zahlen miteinander in Beziehung. Zu ihnen zählen drei Gruppen:
- Gliederungszahlen sind dimensionslose Kennzahlen. Sie setzen eine Teilmenge zu einer artgleichen Gesamtmenge in Beziehung und vergleichen zwei gleichartige, aber ungleichrangige Größen. Da Zähler und Nenner Werte desselben Merkmals enthalten, haben sie keine Maßeinheit und werden gegebenenfalls in Prozent angegeben. Beispiele sind Erwerbsquote, Arbeitslosenquote, Sozialleistungsquote, Lohnquote, Sparquote, Konsumquote, Investitionsquote und Inflationsrate.
- Beziehungszahlen sind dimensionsbehaftete Kennzahlen. Sie setzen zwei artverschiedene, sachlich zusammenhängende Mengen zueinander in Beziehung und vergleichen zwei ungleichartige, aber gleichrangige Größen. Weil Zähler und Nenner unterschiedliche Merkmale enthalten, besitzen sie stets eine Maßeinheit. Beispiele sind Arbeitsproduktivität, Bodenproduktivität, Auslastungsgrad, Außenhandelsquote, Exportquote, Importquote, Kapitalproduktivität, Staatsschuldenquote, Pro-Kopf-Einkommen, Pro-Kopf-Verbrauch und Totale Faktorproduktivität.
- Indexzahlen vergleichen zwei gleichartige und gleichrangige Größen mit unterschiedlichem Zeitbezug. Entscheidend ist die Wahl des Basisjahres oder eines anderen Basiszeitpunkts. Dieser wird in der Regel gleich 100 gesetzt, um die Entwicklung gegenüber dem Basiszeitpunkt zu analysieren. Beispiele sind Preisindex, Produktionsindex und Aktienindex.
Die Berechnungsgrundlagen sind international teilweise uneinheitlich. Das erschwert Vergleiche, etwa bei der Arbeitslosenquote. Für die EU-Mitgliedstaaten hat Eurostat eine Vereinheitlichung herbeigeführt.
Kennzahlen und Indikatoren
Nur einige volkswirtschaftliche Kennzahlen besitzen zugleich Indikatoreigenschaften. Auftragseingänge können beispielsweise als Frühindikatoren künftige Veränderungen des Bruttoinlandsprodukts anzeigen.
Andere Kennzahlen eignen sich dagegen nicht als Indikatoren, weil sie lediglich einen volkswirtschaftlichen Istzustand beschreiben und Vergleiche mit der Vergangenheit ermöglichen. Dazu gehören Inflationsrate, Arbeitslosenquote, Sparquote und Konsumquote.
Bedeutung, Grenzen und gesetzliche Verwendung
Volkswirtschaftliche Kennzahlen bilden eine Entscheidungsgrundlage für die Wirtschaftspolitik und für Unternehmen, Privathaushalte, den Staat und das Ausland. Sie informieren über gesamtwirtschaftliche Umgebungsbedingungen, Rahmenbedingungen und die Wirtschaftsentwicklung eines Staates. Außerdem ermöglichen sie internationale Vergleiche und dienen Ratingagenturen zur Beurteilung von Länderrisiken. Für den materiellen Wohlstand verwenden diese Agenturen insbesondere das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, weil es um die Preis- und Bevölkerungsentwicklung bereinigt ist.
Einige Kennzahlen sind in Gesetzen oder Verträgen verankert. Das in Deutschland im Juni 1967 in Kraft getretene Stabilitätsgesetz fordert die gleichzeitige Erfüllung des sogenannten magischen Vierecks: Preisniveaustabilität, stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum, hoher Beschäftigungsstand und außenwirtschaftliches Gleichgewicht. Diese Ziele stehen teilweise in gegenseitigem Zielkonflikt.
Seit November 1993 schreiben die EU-Konvergenzkriterien vor, dass die Inflationsrate eines EU-Mitgliedstaats höchstens 1,5 Prozentpunkte über derjenigen der drei preisstabilsten Mitgliedstaaten liegen darf. Die Staatsverschuldung darf höchstens 60 % des Bruttoinlandsprodukts betragen, und das jährliche Haushaltsdefizit darf 3 % des Bruttoinlandsprodukts nicht übersteigen (Art. 126 AEU-Vertrag). Diese Grenzwerte beruhen auf Modellüberlegungen zu den Zusammenhängen zwischen Wirtschaftswachstum, Defizitquote, Zinssätzen und Schuldenstand, die Evsey D. Domar bereits 1944 theoretisch in allgemeiner Form darstellte.
Kennzahlen können eine einseitige Sicht fördern oder fehlinterpretiert werden. Dagegen hilft die gleichzeitige Betrachtung mehrerer komplementärer Kennzahlen innerhalb einer Kennzahlenhierarchie. Voraussetzung für sinnvolle Vergleiche sind identische und transparente Erhebungs- und Berechnungsgrundlagen. Außerdem sind die Grenzen der Aussagefähigkeit zu beachten: Kennzahlen sind aufgrund ihrer mathematischen Grundlage meist statisch und können dadurch irreführend sein. Vergangenheitsbezogene Kennzahlen erlauben nur bedingte Aussagen über die Gegenwart und sind für die Prognose der künftigen Entwicklung unbrauchbar.
Historische Entwicklung
1881 veranschaulichte der französische Statistiker Alfred de Foville als Erster den Zusammenhang mehrerer volkswirtschaftlicher Kennzahlen. Ebenfalls ab 1881 stellte der italienische Statistiker Rodolfo Benini insgesamt 51 volkswirtschaftliche Indikatoren zusammen. 1882 bildete der Österreicher Richard Sorer 39 Indikatoren.
Der erste allgemein bekannte Konjunkturindikator war das Harvard-Barometer von 1919. Es wurde regelmäßig in der eigens dafür gegründeten Fachzeitschrift Review of Economic Statistics veröffentlicht. Das Barometer konnte die Weltwirtschaftskrise von 1929 jedoch nicht vorhersagen: Bis September 1929 zeigte es einen Aufschwung an, obwohl die realwirtschaftliche industrielle Entwicklung in den USA bereits ab Juni 1929 rückläufig war.
Das Statistische Bundesamt verfolgt seit 1950 das Ziel, ein statistisches Gesamtbild der Wirtschaftsstruktur und des Wirtschaftsablaufs zu zeichnen. Es soll die Grunddaten für die kurz- und langfristige Wirtschaftsbeobachtung liefern; die laufend erhobenen Kennzahlen dienen insbesondere der Konjunkturbeschreibung. Seit August 1972 veröffentlicht das Statistische Bundesamt „Indikatoren zur Wirtschaftsentwicklung – Zeitreihen mit Saisonbereinigung“.
Die Bundesbank verwendete bis 1987 die Zentralbankgeldmenge und seitdem die Geldmenge in ihrer Abgrenzung M3. Die Europäische Zentralbank verfolgt seit 1994 eine „zwei-Säulen-Strategie“: Sie berücksichtigt einerseits realwirtschaftliche Indikatoren, etwa Produktionspotenzial und Lohnentwicklung, und andererseits in der monetären Analyse längerfristige monetäre Indikatoren, etwa die weit gefasste Geldmenge M3.