Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Wunder Jesu

Wunder des Jesus von Nazaret sind nach dem Neuen Testament (NT) wesentlicher Teil seines Handelns. Die Evangelien und einige später entstandene Apokryphen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbedeutung
  2. 2. Heilungen und Exorzismen
  3. 3. Weitere Wunderarten
  4. 4. Schweigen und außerkanonische Überlieferung
  5. 5. Vergleich mit der antiken Umwelt
  6. 6. Historische Deutung

Grundbedeutung

Wunder Jesu sind nach dem Neuen Testament ein wesentlicher Teil des Handelns Jesu von Nazaret. Die Evangelien und einige spätere apokryphe Texte erzählen von solchen Taten in Galiläa, Judäa und Jerusalem. Für die urchristlichen Autoren sind diese Berichte Glaubensaussagen: Sie verkündigen Jesus Christus als Sohn Gottes. Die historische Jesusforschung nimmt an, dass tatsächliche Heilungen Jesu einige der ältesten Wundererzählungen ausgelöst haben und dass die Überlieferung später legendarisch erweitert wurde.

Das Neue Testament verwendet für Jesu Taten nicht einfach den in der Antike üblichen allgemeinen Wunderbegriff. Das griechische thauma bedeutet „Erstaunliches“ oder „Außergewöhnliches“, wird aber für Jesu Taten kaum gebraucht. Auch terata, also „ungeheuerliche Geschehnisse“ oder Beweise besonderer Fähigkeiten, ist nicht typisch. Jesus weist nach den Evangelien Forderungen nach Beweiswundern zurück. Das Johannesevangelium nennt dagegen sieben Taten Jesu ausdrücklich semeia, also „Zeichen“, die zum Glauben an Jesus als Messias und Sohn Gottes führen sollen.

Häufig erscheinen die Begriffe dynamis und exousia. Dynamis bedeutet Kraft oder Macht und bezeichnet Jesu Heilkraft. Exousia bedeutet Vollmacht und verweist darauf, dass Jesus im Auftrag Gottes handelt. Die Wunder sollen diese Vollmacht nicht zuerst beweisen, sondern zeigen, dass in Jesu Umgebung Gottes Verheißungen für die Heilszeit Wirklichkeit werden.

Heilungen und Exorzismen

Besonders das Markusevangelium berichtet früh von Jesu Austreibung von Dämonen. Solche Exorzismen betreffen Menschen mit damals als unheilbar verstandenen Leiden, die als „Besessenheit“ durch eine böse Macht gedeutet wurden. Typisch ist: Der Dämon beherrscht den Menschen, spricht durch ihn, erkennt Jesus und fürchtet ihn. Jesus besiegt ihn nicht durch Rituale, Geheimwissen, Magie oder Gewalt, sondern durch seine befehlende Anrede. Damit verkünden die Texte, dass Gottes Schöpfermacht in Jesus gegenwärtig ist.

Die Exorzismen geschehen öffentlich und verbreiten Jesu Ruf rasch. Zugleich lösen sie Streit aus: Einige Schriftgelehrte werfen Jesus vor, mit Beelzebub verbunden zu sein. In den Berichten selbst fehlen oft direkte Umkehrrufe oder ethische Ermahnungen; im erzählerischen Zusammenhang werden die Austreibungen aber mit Jesu Botschaft vom nahen Reich Gottes verbunden. Der Satz „Wenn ich aber die Dämonen durch den Finger Gottes austreibe, dann ist doch das Reich Gottes schon zu euch gekommen“ fasst diese Deutung zusammen.

Andere Heilungswunder geschehen ohne Kampf mit Dämonen. Jesus heilt durch Berührung, durch Berührtwerden, durch Handauflegen, durch Befehl oder Zuspruch. Beispiele sind die Heilung der Schwiegermutter des Simon Petrus, eines Aussätzigen, eines Gelähmten, der Frau mit Blutfluss, Blinder, Tauber und Kranker am Sabbat. Manche Texte stellen Jesu Kraft fast wie eine Aura dar, andere betonen seine freie Entscheidung zur Heilung. Gelegentlich werden einfache Heilhandlungen erwähnt, etwa Speichel, Handauflegen oder das Waschen am Teich von Siloah.

Die Kranken werden meist ohne Vorbedingungen geheilt. Krankheit wird nicht grundsätzlich als Strafe für Sünde erklärt; beim Blindgeborenen weist Jesus diese Deutung ausdrücklich zurück. Eine wichtige Rolle spielt der Glaube, verstanden als Vertrauen auf Jesus. Der Zuspruch „Dein Glaube hat dich gerettet“ stellt dieses Vertrauen als Teil der Heilung dar. Ziel ist nicht der Ruhm des Wundertäters, sondern der Lobpreis Gottes. Manche Heilungen am Sabbat gelten als „Normenwunder“, weil sie zeigen: Lebensrettung und Heilung haben Vorrang vor der Sabbatruhe.

Weitere Wunderarten

Zu den Geschenkwundern gehören Wunder, bei denen Jesus Nahrung oder Gabe im Überfluss bewirkt, ohne dass er direkt darum gebeten wird. Dazu zählen die Speisung der 5000, die Speisung der 4000, wunderbare Fischfänge und die Wandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kana. Besonders im Johannesevangelium enden solche Berichte oft mit dem Hinweis, dass Jesus dadurch seine Herrlichkeit offenbart und Glauben auslöst. Die Massenspeisungen stehen in Verbindung mit Motiven aus dem Tanach, etwa der Brotvermehrung durch Elischa, und mit Jesu Seligpreisung der Hungernden.

Rettungswunder schildern die Rettung von Anhängern Jesu aus Gefahr durch Naturgewalten. Dazu gehören die Stillung des Seesturms und der Seewandel. In der antiken Umwelt galten Macht über Wasser, Wind und Wellen als Zeichen göttlicher Macht. Nach Gerd Theißen setzen solche Naturwunder implizit schon Wissen von Jesu Auferstehung voraus und sind daher als nachösterliche Dichtung zu verstehen.

Die Verfluchung des Feigenbaums ist das einzige im Neuen Testament von Jesus berichtete Strafwunder. Es trifft keinen Menschen und wird bei Markus mit Gebetserhörung und Sündenvergebung verbunden.

Die Totenerweckungen nehmen eine Sonderstellung ein. Genannt werden die Tochter des Jaïrus, der Jüngling von Naïn und Lazarus in Bethanien. Diese Texte verbinden Elemente von Exorzismen, Heilungen und Rettungswundern: Jesus handelt durch machtvolles Wort, überwindet Widerstand und wendet sich persönlicher Not zu. Bei Lukas führt das Wunder zum Lob Gottes. Bei Johannes wird die Auferweckung des Lazarus zum Höhepunkt der Offenbarung Jesu und zum Auslöser der Entscheidung seiner Gegner, seinen Tod zu beschließen.

Schweigen und außerkanonische Überlieferung

Das Markusevangelium und die ihm folgenden Synoptiker überliefern mehrfach ein Schweigegebot: Jesus befiehlt Dämonen, Geheilten oder Jüngern, von bestimmten Wundern nicht zu erzählen. Die Forschung deutete dies seit William Wrede oft als Teil des „Messiasgeheimnisses“. Danach wollte Markus zeigen, dass Jesu wahre Identität nicht einfach durch Wunder verstanden wird, sondern durch sein Leiden, seinen stellvertretenden Tod am Kreuz und die Selbstoffenbarung des Sohnes Gottes.

Andere Ausleger erklären das Schweigegebot damit, dass Jesus den wachsenden Zulauf wegen seiner Heilungen begrenzen wollte. Die Wunder konnten zur Erkenntnis seiner Identität helfen, sie aber auch verstellen, wenn Jesus nur als Krankenheiler wahrgenommen wurde. Klaus Berger erklärt die Schweigegebote aus Jesu Ablehnung bloßer Bekenntnisse ohne entsprechende Taten.

Spätere außerkanonische Texte erzählen weitere Wunder Jesu, etwa die Abgarlegende, das Kindheitsevangelium nach Thomas und das Arabische Kindheitsevangelium. Nach der neutestamentlichen Forschung setzen sie die kanonischen Evangelien bereits voraus und schmücken sie legendarisch aus. Ein Beispiel ist das Sperlingswunder: Der fünfjährige Jesus formt am Sabbat zwölf Sperlinge aus Lehm und lässt sie durch ein Wort lebendig werden. Diese Legende verbindet Motive wie Sabbatbruch, die Zwölfzahl der Jünger und Gottes schöpferisches Wort.

Vergleich mit der antiken Umwelt

Seit dem 19. Jahrhundert wurden Jesu Wunder mit antiken Wunderberichten verglichen. In der Antike waren Religion und Medizin oft eng verbunden. In Heiligtümern wie dem Asklepios-Heiligtum in Epidauros erwarteten Kranke nach Ritualen Heilung oder Heilungsanweisungen im Traum. Solche Heilungen waren an einen besonderen sakralen Ort, Reinheitsregeln und Auflagen gebunden. Die neutestamentlichen Texte zeichnen Jesus anders: Er wendet sich gerade „Unreinen“ und Ausgegrenzten zu und befähigt sie ohne besondere Auflagen zur Rückkehr in die Gemeinschaft.

Ein anderes Vergleichsmodell ist der „göttliche Mensch“ (theios aner), also ein Mensch mit besonderen göttlichen Kräften. Ludwig Bieler vertrat 1936 die These, Jesus sei im Neuen Testament nach diesem antiken Typus gestaltet. Als Vergleich dient etwa Apollonios von Tyana. Die neutestamentlichen Totenerweckungen unterscheiden sich jedoch deutlich: Sie bezweifeln den Tod nicht, betonen persönliche Beziehungen und fragen nicht nach einer Technik des Wunders, sondern nach der Identität Jesu.

Auch das Modell des Magiers wurde diskutiert. Jesu Gegner deuten seine Taten teilweise negativ, etwa als Wirken mit Beelzebub. Morton Smith nahm sogar magische Praktiken an. Andere wie John Dominic Crossan verstanden „Magie“ eher als gesellschaftliches Etikett. Gegen ein magisches Selbstverständnis Jesu spricht laut Artikel, dass Jesus sich als Prophet verstand, kaum ritualisierte Praktiken überliefert sind und seine Heilungen als Anbruch des Reiches Gottes gedeutet werden.

Jüdische Charismatiker wie Honi ha-M'agel und Chanina ben Dosa wurden ebenfalls mit Jesus verglichen, weil von ihnen Wunder erzählt wurden. Doch die talmudische Tradition berichtet bei ihnen nicht von Jesu besonderer Vollmacht oder seiner Endzeiterwartung. Zeichenpropheten kündigten dagegen Zukunftszeichen an, vollzogen aber selbst keine Wunder. Jesu Besonderheit liegt nach dem Artikel gerade in der Verbindung von gegenwärtigen Heilungen und Exorzismen mit eschatologischer Bedeutung: In ihnen beginnt eine neue Welt.

Historische Deutung

Die Kirchenväter deuteten die Wunderberichte oft als Demonstration der Göttlichkeit Jesu. Schon der Christentumsgegner Celsus fragte um 178 kritisch, ob solche Taten Jesus wirklich als Gottes Sohn ausweisen könnten, da es auch andere Wundertäter gebe. Seit der Aufklärung wurden solche Fragen wissenschaftlich weitergeführt.

Rationalistische Ausleger wie Karl Friedrich Bahrdt und Heinrich Eberhard Gottlob Paulus setzten tatsächliche Ereignisse voraus, erklärten aber das Wunderbare natürlich: etwa den Seewandel durch Nebel oder Bauhölzer, die Sturmstillung durch Missverständnis, die Speisung durch Teilen vorhandener Vorräte. Albert Schweitzer karikierte solche Deutungen später, etwa bei Totenerweckungen als bloßen Schutz vor lebendigem Begrabenwerden.

David Friedrich Strauß deutete die Wundergeschichten 1836 als Mythen, die Jesus als den verheißenen Messias darstellen sollten. Einige Heilungen erklärte er psychosomatisch, andere als volkstümliche Sagen mit religiösem Sinn. Rudolf Bultmann sah viele Wunderberichte als nachösterliche Übertragung hellenistischer Motive auf Jesus; das Weinwunder von Kana verband er etwa mit dem Dionysoskult. Martin Dibelius und Ludwig Bieler betonten ebenfalls die Anpassung an antike Legenden und den Typus des göttlichen Wundertäters.

Die Redaktionsgeschichte zeigte, dass jeder Evangelist die Wunder anders einordnet. Matthäus kürzt und bündelt Wunder, um Jesus als barmherzigen Messias der Tat zu zeigen. Lukas vermehrt sie und stellt Jesus als endzeitlichen Propheten dar, der Gottes Heilswillen für Arme, Gefangene und Sünder erfüllt. Johannes verarbeitet nach Bultmann eine Quelle von sieben Zeichen und deutet sie so, dass das eigentliche Wunder Jesus selbst ist: der Bringer des wahren Lebens, dessen Herrlichkeit Glauben wecken soll.

Lernvideos zu Wunder Jesu

Weiterlesen

Wunder Als Wunder gilt umgangssprachlich ein Ereignis, dessen Zustandekommen man sich nicht erklären kann, sodass es Verwunderung und Erstaunen auslöst. Jesus von Nazaret Seine Anhänger verkündeten ihn nach seinem Tod als Jesus Christus, den Messias und Sohn Gottes. Daraus entstand eine neue Weltreligion, das Christentum. Auch … Neues Testament Die Schriften des NT lassen sich in vier Textgattungen einteilen: Erstens die vier Evangelien, die Jesu Leben, Sterben und Auferstehen erzählend entfalten, … Apokryphen christlicher Herkunft aus der Zeit zwischen etwa 200 vor bis ca. 400 nach Christus, die nicht in einen biblischen Kanon aufgenommen wurden oder über deren … Jerusalem Die Mauern der Altstadt umschließen einige bedeutende Orte der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam: die Klagemauer, die … Urchristentum Als Urchristentum oder Frühchristentum wird die Anfangszeit des Christentums von der Kreuzigung des Jesus von Nazaret (um 30 n. Chr.) bis zur Trennung der … Verkündigung Mit „Verkündigung“ ist oft auch die Verkündigung der Empfängnis Jesu an Maria durch den Erzengel Gabriel gemeint, wie sie im Lukasevangelium geschildert wird. Jesus Christus Der Glaube an Jesu Auferstehung beruht nach dem NT auf Erscheinungen des auferstandenen Jesus gegenüber einigen seiner ersten Nachfolger, aber auch … Historische Jesusforschung Die historische Jesusforschung entstand etwa ab 1740 im Zeitalter der Aufklärung. Sie findet in der universitären christlichen Theologie im Fach Neues Testament … Auferstehung Jesu Christi Als Auferstehung oder Auferweckung Jesu Christi bezeichnet das Christentum das im Neuen Testament (NT) bezeugte Ereignis, Jesus Christus, Sohn Gottes, … Antike Die Antike (von lateinisch antiquus ‚alt, altertümlich, altehrwürdig') war eine Epoche im Mittelmeerraum, die etwa von 800 v. Chr. bis 600 n. Christenverfolgungen im Römischen Reich Als Christenverfolgungen im Römischen Reich wird eine Reihe von Maßnahmen zur Unterdrückung des Christentums im Römischen Reich bezeichnet.