Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Regel von de L’Hospital
Mit der Regel von de L'Hospital (gesprochen [lopi'tal]) lassen sich Grenzwerte von Quotienten zweier gegen null konvergierender oder bestimmt divergierender …
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee und Anwendungsbereich
Die Regel von de L’Hospital dient zur Berechnung von Grenzwerten von Quotienten. Sie ist besonders wichtig, wenn beim Einsetzen der Grenzstelle ein unbestimmter Ausdruck entsteht: entweder \frac{0}{0} oder \pm\frac{\infty}{\infty}. Dabei gehen Zähler f(x) und Nenner g(x) beide gegen 0 oder beide bestimmt gegen unendlich.
Unter den erforderlichen Voraussetzungen darf man statt des ursprünglichen Quotienten den Quotienten der ersten Ableitungen betrachten: \lim_{x\to x_0}\frac{f'(x)}{g'(x)}=c\quad\Rightarrow\quad\lim_{x\to x_0}\frac{f(x)}{g(x)}=c. Hier sind f' und g' die ersten Ableitungen. Der Wert c kann auch ein uneigentlicher Grenzwert, also +\infty oder -\infty, sein.
Auch andere unbestimmte Ausdrücke, etwa 0\cdot\infty, \infty-\infty, 0^0, \infty^0 oder 1^\infty, können vorkommen. Für die Regel müssen sie jedoch zunächst auf einen Quotienten zurückgeführt werden, bei dem der Typ \frac00 oder \frac\infty\infty entsteht. Beispielsweise lässt sich f(x)\cdot g(x) als \frac{f(x)}{1/g(x)} schreiben. Für f(x)-g(x) kann man die Differenz durch Kehrwerte zu einem Quotienten umformen.
Ergibt der Quotient \frac{f'(x)}{g'(x)} erneut einen unbestimmten Ausdruck, können Zähler und Nenner nochmals abgeleitet werden. Das ist gegebenenfalls endlich oft zu wiederholen. Die Umkehrung gilt aber nicht: Aus der Existenz von \lim \frac{f(x)}{g(x)} folgt nicht zwingend, dass auch \lim \frac{f'(x)}{g'(x)} existiert.
Voraussetzungen und genaue Aussage
Sei I=(\tilde{x}_0,x_0) ein nichtleeres offenes Intervall. Die Funktionen f,g\colon I\to\mathbb R seien differenzierbar. Für x\nearrow x_0, also wenn x von unten gegen x_0 geht, sollen f(x) und g(x) beide gegen 0 konvergieren oder beide bestimmt divergieren.
Zusätzlich muss g'(x)\ne0 für alle x\in I gelten. Konvergiert oder divergiert \frac{f'(x)}{g'(x)} für x\nearrow x_0 bestimmt gegen einen Wert c, dann gilt dies ebenfalls für \frac{f(x)}{g(x)}. Die entsprechende Aussage gilt auch für den linksseitigen Grenzübergang x\searrow\tilde{x}_0, bei dem x von oben gegen \tilde{x}_0 geht.
Sind die Voraussetzungen auf einem offenen Intervall um die Grenzstelle erfüllt, folgt insbesondere: \lim_{x\to x_0}\frac{f'(x)}{g'(x)}=c\quad\Rightarrow\quad\lim_{x\to x_0}\frac{f(x)}{g(x)}=c. Die Regel gilt auch bei uneigentlichen Intervallgrenzen x_0=\pm\infty.
Anschauliche Begründung und Beweisskizze
Anschaulich beruht die Regel auf der Tangentennäherung differenzierbarer Funktionen an einer Stelle x_0. Die Tangenten haben die Gleichungen f_T(x\mid x_0)=f'(x_0)(x-x_0)+f(x_0) und g_T(x\mid x_0)=g'(x_0)(x-x_0)+g(x_0). Für x\to x_0 wird der Quotient \frac{f(x)}{g(x)} durch \frac{f_T(x\mid x_0)}{g_T(x\mid x_0)} angenähert. Werden f(x_0) und g(x_0) beide null, bleiben nach dem Kürzen des gemeinsamen Faktors x-x_0 die Ableitungen übrig. Deshalb erscheint \frac{f'(x_0)}{g'(x_0)} als passende Näherung.
Für den Fall f(x)\to0 und g(x)\to0 kann man beide Funktionen durch f(x_0)=g(x_0)=0 stetig fortsetzen. Der erweiterte Mittelwertsatz liefert dann zu jedem x\in I ein \xi zwischen x und x_0, sodass \frac{f'(\xi)}{g'(\xi)}=\frac{f(x_0)-f(x)}{g(x_0)-g(x)}=\frac{f(x)}{g(x)}. Beim Grenzübergang x\nearrow x_0 folgt die Regel. Der uneigentliche Fall lässt sich durch die Variablentransformation x\mapsto\frac1{x-x_0} darauf zurückführen.
Typische Grenzwertberechnungen
Für x\to0 soll \frac{\cos(x)-1}{\tan(x)} untersucht werden. Mit f(x)=\cos(x)-1 und g(x)=\tan(x) gilt f(x)\to0 und g(x)\to0. Der Ableitungsquotient ist \frac{f'(x)}{g'(x)}=\frac{-\sin(x)}{1/\cos^2(x)}=-\sin(x)\cos^2(x)\to0. Daher existiert der ursprüngliche Grenzwert und hat den Wert \lim_{x\to0}\frac{\cos(x)-1}{\tan(x)}=0.
Für x\to\infty betrachtet man \frac{\sqrt{x}}{\ln(x)}. Zähler und Nenner gehen gegen \infty. Mit f(x)=\sqrt{x} und g(x)=\ln(x) erhält man \frac{f'(x)}{g'(x)}=\frac{1/(2\sqrt{x})}{1/x}=\frac{\sqrt{x}}2\to\infty. Damit folgt als uneigentlicher Grenzwert: \lim_{x\to\infty}\frac{\sqrt{x}}{\ln(x)}=\infty.
Grenzen der Regel und Verallgemeinerung
Die Voraussetzungen müssen wirklich geprüft werden. Für f(x)=\sin x+2x und g(x)=\cos x+2x liegt für x\to\infty zwar der Typ \frac\infty\infty vor. Der Ableitungsquotient \frac{f'(x)}{g'(x)}=\frac{\cos x+2}{-\sin x+2} ist wegen seiner Periodizität jedoch unbestimmt divergent. Die Regel ist deshalb nicht anwendbar. Trotzdem konvergiert der ursprüngliche Quotient, denn \lim_{x\to\infty}\frac{f(x)}{g(x)}=\lim_{x\to\infty}\left(1+\frac{\sin x-\cos x}{\cos x+2x}\right)=1.
Sind Taylorentwicklungen von Zähler und Nenner bekannt, kann der Landau-Kalkül oft einfacher sein als mehrfaches Ableiten. Das Beispiel \frac{\sin x-x}{x(1-\cos x)}=\frac{-\frac16x^3+\mathcal O(x^5)}{x\left(\frac{x^2}{2}+\mathcal O(x^4)\right)}=\frac{-\frac16+\mathcal O(x^2)}{\frac12+\mathcal O(x^2)}\to-\frac13 gilt für x\to0. Dabei beschreibt \mathcal O(\cdot) die Größenordnung eines Restterms.
Für komplexe Variablen gilt eine Verallgemeinerung: Sind f und g in D holomorph, also komplex differenzierbar, und haben sie an a\in D dieselbe Nullstellenordnung k, dann ist \lim_{z\to a}\frac{f(z)}{g(z)}=\frac{f^{(k)}(a)}{g^{(k)}(a)}.
Lernvideos zu Regel von de L’Hospital
14:39
LIMES Grenzwert berechnen – Grenzwerte von Funktionen
MathemaTrick · 705.852 Aufrufe
5:08
Mathematik: Die Quotientenregel - Videos & Erklärungen
Onlinetutorium · 1.582 Aufrufe
14:01
Ableiten mit Quotientenregel - gebrochenrationale Funktionen
Kochrezepte für Mathematik · 1.749 Aufrufe
3:51
Limes & Grenzwerte
Mathe - simpleclub · 1 Mio. Aufrufe