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Protestantismus
Weltweit gibt es rund 900 Millionen Protestanten, darunter 300 Millionen in den durch die Reformation direkt geprägten Kirchen (Evangelische) und 600 Millionen …
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Grundverständnis und innere Vielfalt
Protestantismus bezeichnet im engeren Sinn die christlichen Konfessionen, die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangen sind. Ausgangspunkte waren Deutschland, besonders das Kurfürstentum Sachsen ab 1517, und die Schweiz, besonders der Kanton Zürich ab 1519. Von dort aus entwickelten sich verschiedene protestantische Kirchen und Bewegungen, die sich weltweit verbreiteten.
Weltweit gibt es laut Artikel rund 900 Millionen Protestanten. Etwa 300 Millionen gehören Kirchen an, die unmittelbar von der Reformation geprägt wurden und häufig als evangelisch bezeichnet werden; etwa 600 Millionen werden neuprotestantischen Kirchen zugerechnet, die teilweise aus den Erweckungsbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts hervorgingen und meist evangelikal geprägt sind.
Zu den wichtigsten Konfessionsfamilien gehören Lutheraner, Reformierte, Anglikaner, Täufer, Baptisten, Methodisten, Adventisten und Pfingstler. Zu den Reformierten zählen unter anderem Calvinisten, Zwinglianer, Presbyterianer und Kongregationalisten; zu den Täufern etwa Mennoniten, Amische und Hutterer. Daneben gibt es zahlreiche kleinere Gruppen, darunter Arminianer, Quäker, Puritaner, Independents, die Brüderbewegung, die Heiligungsbewegung, Pietisten und die Herrnhuter Brüdergemeine.
Seit 1817 schließen sich evangelische Kirchen verschiedener Konfessionen in Kirchenunionen zusammen. Überkonfessionelle Richtungen wie Fundamentalismus, Liberalismus, Neo-Orthodoxie und Paleo-Orthodoxie prägen mehrere Kirchen zugleich. Zum Neuprotestantismus zählen unter anderem Evangelikalismus, charismatische und neocharismatische Bewegungen, Hauskirchen, afrikanisch-unabhängige Kirchen sowie viele unabhängige Kirchen und Megachurches.
Protestantisch, evangelisch und evangelikal
Der Ausdruck „Protestanten“ geht auf die Speyerer Protestation von 1529 zurück. Eine Protestation war damals ein Rechtsinstrument des Reichsrechts, mit dem eine Minderheit von Ständen und Reichsstädten ihre Anliegen auf einem Reichstag vortragen konnte. Das lateinische protestari bedeutet ursprünglich, für etwas als Zeuge aufzutreten oder für etwas Zeugnis abzulegen.
Im Deutschen werden „protestantisch“ und „evangelisch“ im Alltag meist gleichbedeutend verwendet. Die deutschen Kirchen der Reformation bezeichnen sich selbst jedoch überwiegend als evangelisch, nicht als protestantisch. Eine Ausnahme ist die Evangelische Kirche der Pfalz, die offiziell „Protestantische Landeskirche“ heißt. Ebenfalls gebräuchlich sind „Kirchen der Reformation“ und „reformatorische Kirchen“.
„Lutherisch“ beziehungsweise „Augsburgischen Bekenntnisses (A.B.)“ bezeichnet Kirchen in der Tradition der Wittenberger Reformation. „Reformiert“ beziehungsweise „Helvetischen Bekenntnisses (H.B.)“ bezeichnet Kirchen, die auf Schweizer Reformatoren wie Ulrich Zwingli, Johannes Calvin und Johannes Oekolampad zurückgehen. Unierte Kirchen verbinden lutherische und reformierte Traditionen oder verzichten auf diese Unterscheidung.
„Evangelisch“ ist außerdem vom jüngeren Begriff „evangelikal“ zu unterscheiden. Im Deutschen bezeichnet evangelisch allgemein die Kirchen der Reformation und ihnen nahestehende Kirchen; evangelikal bezeichnet vor allem eine bestimmte neuere protestantische Frömmigkeitsrichtung. Im Englischen kann evangelical dagegen sowohl „evangelisch“ als auch „evangelikal“ bedeuten. Das englische reformed entspricht „reformiert“, nicht „reformatorisch“.
Von der Reformation bis zur Aufklärung
Die Reformation begann 1517 in Wittenberg. 1519 entstand die reformierte Kirche, 1525 wurden die Täufer gegründet und ein erster protestantischer Staat gebildet. 1529 folgten die Speyerer Protestation und das Marburger Religionsgespräch. 1534 entstand die anglikanische Kirche. Das Konzil von Trient begann 1545; 1555 erkannte der Augsburger Religionsfriede die lutherische Konfession an. 1609 wurde in Amsterdam die erste Baptistengemeinde gegründet. 1618 markierten die Konfessionalisierung und der Beginn des Dreißigjährigen Krieges einen Höhepunkt der Spannungen. Der Westfälische Friede von 1648 erkannte auch die reformierte Konfession an.
Die evangelischen Stände protestierten 1529 gegen die Aufhebung des Speyerer Abschieds von 1526. Dieser hatte den Ländern und Reichsstädten, die Reformen durchgeführt hatten, vorläufig Rechtssicherheit zugesagt. Die Protestanten beriefen sich dabei auf die Glaubensfreiheit des Einzelnen. Kaiser Karl V. und andere weltliche Herrscher fürchteten um die politische und religiöse Einheit des Reiches. In den folgenden Konflikten spielte der Protestantismus unter anderem in den Hugenottenkriegen und im Dreißigjährigen Krieg eine zentrale Rolle. Täufer und andere Gruppen der radikalen Reformation blieben bis ins 18. Jahrhundert ohne staatliche Anerkennung.
Nach der äußeren Festigung der Konfessionen entstand die lutherische Orthodoxie, also eine stark normierte und verbindliche Lehrform. Pietismus und Aufklärung stellten diese Verfestigung infrage: Der Pietismus betonte das tätige christliche Handeln, während die Aufklärung die wörtliche Bibelauslegung und die Geltung überlieferter Dogmen kritisierte. In dieser Zeit wurde „Protestantismus“ in der deutschen Theologie zu einer Selbstbezeichnung und zu einem Sammelbegriff für verschiedene Konfessionen. Zugleich entstand die Frage, welche Gemeinsamkeiten diese Konfessionen verbanden.
Kirchenunion und Konfessionalismus im 19. Jahrhundert
Die Koalitionskriege von 1792 bis 1815, der Reichsdeputationshauptschluss von 1803, der Rheinbund von 1806 bis 1813 und der Wiener Kongress von 1814/15 veränderten die politischen Grenzen. Dadurch entstanden viele konfessionell gemischte Territorien mit lutherischen und reformierten Bevölkerungsanteilen. Das förderte unterschiedliche Formen von Kirchenunionen.
Besonders bekannt und umstritten war die Preußische Kirchenunion von 1817. König Friedrich Wilhelm III. verkündete sie am 27. September 1817 anlässlich des Reformationsjubiläums. Lutheraner und Calvinisten sollten organisatorisch und liturgisch zusammengeführt werden. Umstritten waren vor allem die Kirchenverfassung und die Frage, ob die Kirche synodal, also unter Beteiligung gewählter Vertreter, oder konsistorial geleitet werden sollte. Die Synode wurde 1823 ausgesetzt. Auch der Versuch des Königs, eine einheitliche Agende vorzuschreiben, führte zum Agendenstreit; unter öffentlichem Druck musste er die Agende zurücknehmen. 1850 erhielten die Kirchen teilweise Selbstverwaltung, 1873 eine wirkliche Kirchenverfassung in Preußen.
Friedrich Schleiermacher befürwortete die Union und verstand die Bekenntnisschriften nicht als wörtlich, sondern ihrem gemeinsamen Sinn nach verbindlich. Gegen die Union entwickelte sich ein überwiegend lutherischer Konfessionalismus. Er wollte die überlieferte Lehre und die institutionelle Kirche bewahren. Friedrich Julius Stahl begründete dies staats- und kirchenrechtlich mit einem von Gott eingesetzten Obrigkeitsstaat und der Forderung nach einer einheitlichen, reinen Lehre. Wilhelm Löhe vertrat theologisch die Auffassung, die vollständige Wahrheit liege in einem bestimmten, für ihn im lutherischen Bekenntnis. In dieser Sicht gab es zwischen uneingeschränkter Bekenntnistreue und dem Abfall vom Christentum keinen mittleren Weg.
Protestantismus, Moderne und Gegenwart
Um 1900 wurde gefragt, welchen Anteil der Protestantismus an der Entstehung der Moderne hatte. Georg Jellinek führte die amerikanischen Menschen- und Bürgerrechte auf das Bedürfnis calvinistischer Siedler nach Religionsfreiheit und nach einer Trennung von Staat und Kirche zurück. Ernst Troeltsch schränkte diese Deutung ein und bezog sie besonders auf protestantische Sekten, darunter die Quäker. Max Weber untersuchte um 1905 die wirtschaftlichen Folgen des Protestantismus. Nach seiner These förderte der asketische Protestantismus eine auf Arbeit, Disziplin und erfolgreiches wirtschaftliches Handeln konzentrierte Lebensführung und trug so zur Entstehung des Kapitalismus bei. Der Artikel weist darauf hin, dass diese These im deutschen Sprachraum empirisch nicht bestätigt wurde, während Gerhard Lenski 1958 wesentliche Teile davon im Großraum Detroit bestätigte.
Ernst Troeltsch sah zwischen Protestantismus und Moderne keinen grundsätzlichen Widerspruch. Er erklärte den modernen weltlichen Individualismus teilweise aus dem religiösen Individualismus des Protestantismus. Aus dem älteren Protestantismus sei unter dem Einfluss christlicher Sekten, Mystik, Aufklärung und Humanismus der mit der Moderne vereinbare Neuprotestantismus entstanden.
Seit den 1920er-Jahren wurde in der deutschen protestantischen Theologie zwischen dialektischer und liberaler Theologie unterschieden. Die dialektische Theologie stellt die Offenbarung gegenüber der jeweiligen Kultur in den Mittelpunkt; ihr Hauptvertreter war Karl Barth. Die liberale Theologie versteht den Protestantismus stärker als in die jeweilige Kultur eingebettet. Paul Tillich bestimmte Protestantismus als „Kritik und Gestaltung“: Er soll die Kirche prophetisch kritisieren, darf sich aber nicht auf Kritik beschränken, sondern muss auch eine Gemeinschaft der Gläubigen gestalten. Jörg Lauster beschrieb 2017 den Protestantismus als Ausdruck eines „Ewigen Protests“ gegen die Verabsolutierung kirchlicher Institutionen, Traditionen und Lehren.
Die protestantischen Kirchen umfassen weiterhin ein breites Spektrum von strikt konservativen bis zu sehr liberalen Positionen. Seit 1960 nehmen in Europa und Nordamerika die Säkularisierung und zugleich weltweit die Expansion evangelikaler und anderer neuprotestantischer Bewegungen zu.
Glaubenslehre, Kirche und gesellschaftliche Wirkungen
Zentrale Merkmale des Protestantismus sind die Konzentration auf die Bibel, die Anerkennung Jesu Christi als alleiniger Autorität sowie die Lehre, dass der Mensch allein aus Gnade und allein durch den Glauben gerechtfertigt und errettet wird. Der Ablass, also der Nachlass zeitlicher Sündenstrafen gegen Geld, Bußübungen oder andere gute Werke, wird abgelehnt. Diese Grundsätze werden häufig in den vier Soli zusammengefasst: solus Christus, sola scriptura, sola gratia und sola fide.
Als eindeutig von Christus eingesetzte Sakramente gelten Taufe und Abendmahl. Firmung, Ehe, Priesterweihe und Krankensalbung werden in den evangelischen Kirchen nicht allgemein als Sakramente anerkannt. Luther hielt an der Beichte fest, die offiziell meist keinen Sakramentsstatus besitzt. In reformierten Kirchen und vielen Freikirchen haben die Sakramente vor allem Symbolcharakter. Gottesdienste werden in der jeweiligen Landessprache gefeiert. Geistliche sind grundsätzlich nicht zur Ehelosigkeit verpflichtet. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ließen viele protestantische Kirchen Frauen zum Pfarramt und auch in Leitungsämter zu.
Luther lehrte das allgemeine Priestertum aller Gläubigen und trennte mit der Zwei-Reiche-Lehre grundsätzlich geistliche und weltliche Ordnung. Im reformierten Bereich stärkten Presbyterien und Synoden, in denen Geistliche und Laien zusammenwirken, die kirchliche Selbstregierung. In protestantischen Gebieten wurden Religionsfreiheit, demokratische Beteiligung und die Trennung von Kirche und Staat besonders durch Täufer, Hugenotten, Baptisten und englische Dissenters weiterentwickelt. Zugleich wurden Täufer auch in lutherischen und reformierten Gebieten verfolgt, weil ihre Ablehnung von Eid, Kriegsdienst und teilweise Eigentum als politische Gefahr betrachtet wurde.
Da alle Gemeindeglieder die Bibel selbst lesen sollten, förderte die Reformation das Bildungswesen und die Alphabetisierung. Protestantische Vorstellungen beeinflussten außerdem Naturwissenschaften, Technik, Recht, Demokratie und Menschenrechte. Der von Robert K. Merton 1938 formulierten Merton-These zufolge trugen besonders englische Puritaner und deutsche Pietisten zur naturwissenschaftlich-technologischen Revolution des 17. und 18. Jahrhunderts bei. Protestantische Initiativen wirkten auch in der sozialen Hilfe: Es entstanden Krankenhäuser, Heime und Einrichtungen für Arme, Alte und Menschen mit Behinderungen, darunter das Diakonische Werk und Brot für die Welt. Henry Dunant gab wichtige Impulse für die Genfer Konvention und das Rote Kreuz.
Der Protestantismus prägte schließlich Musik, Malerei und Literatur. Kirchenlieder, geistliche Musik und Werke protestantisch geprägter Künstler und Schriftsteller wurden zu wichtigen Bestandteilen der europäischen Kultur.