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Reformierte Kirchen
Die reformierten Kirchen (oft auch evangelisch-reformierte Kirchen) bilden eine der großen christlichen Konfessionen in reformatorischer Tradition, …
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Kernidee und Bedeutung
Die reformierten Kirchen, oft auch evangelisch-reformierte Kirchen genannt, sind eine große christliche Konfession in der Tradition der Reformation. Sie entstanden in Mitteleuropa und gehen besonders auf Huldrych Zwingli in Zürich und Johannes Calvin in Genf zurück. Wie die evangelisch-lutherischen Kirchen gehören sie zu den evangelischen Kirchen. Die presbyterianischen Kirchen, die ursprünglich aus Schottland stammen, bilden weltweit die größte Gruppe innerhalb der reformierten Kirchenfamilie.
Im Zentrum der reformierten Theologie steht die Bibel als göttliche Offenbarung. Daraus folgt, dass Gottesdienst, Kirchenraum und Lehre möglichst stark an der Bibel ausgerichtet sein sollen. Reformierte Kirchenräume sind deshalb meist schlicht gestaltet, und der Gottesdienst ist vor allem auf die Verkündigung des Evangeliums, also die Predigt der christlichen Botschaft, konzentriert.
Ein wichtiges Merkmal ist die Prädestinationslehre. Damit ist die Lehre gemeint, dass Gott die Menschen zum Heil oder zur Verdammnis erwählt, ohne dass der Mensch diese Entscheidung beeinflussen kann. Diese Lehre wurde besonders durch den Calvinismus geprägt.
Entstehung und Ausbreitung
Huldrych Zwingli begann nach eigenen Angaben ab 1516, die sonntäglichen Bibeltexte durch eigenes Bibelstudium zu erarbeiten, um schriftgemäß predigen zu können. Einen Bruch mit der bisherigen Praxis sah er im Beginn seiner Tätigkeit als Leutpriester am Zürcher Großmünster am 1. Januar 1519. Er gab die traditionelle Ordnung der Perikopen, also der festgelegten Bibelabschnitte für bestimmte Sonntage, auf und erklärte fortlaufend das Matthäusevangelium.
Als frühes Schlüsselereignis der Zürcher Reformation gilt oft das Wurstessen beim Zürcher Drucker Christoph Froschauer am 9. März 1522, dem ersten Sonntag der vorösterlichen Fastenzeit. Zwingli soll nicht selbst mitgegessen, aber anwesend gewesen sein. Er verteidigte den Fastenbruch mit dem Argument, das Fastengebot sei ein menschliches Gesetz und deshalb nicht unbedingt verpflichtend; unbedingten Gehorsam schulde der Mensch nur göttlichen Gesetzen, die Zwingli in der Bibel fand.
Die Reformation Zwinglis verbreitete sich in Schweizer Städten wie Bern, Basel und St. Gallen sowie im süddeutschen Raum und im Elsass. Reformierte Zentren waren unter anderem Straßburg, Memmingen, Lindau und Konstanz. Anders als das Luthertum war Zwinglis reformierte Kirche von Anfang an eng mit republikanischen Städten verbunden, deren gewählte Regierungen sich oft nach Disputationen für die Reformation entschieden.
Ein Zusammenschluss mit dem lutherischen Zweig gelang beim Marburger Religionsgespräch 1529 nicht. Der wichtigste Streitpunkt war das Abendmahl: Martin Luther hielt an der wirklichen Gegenwart von Leib und Blut Christi in Brot und Wein fest, während Zwingli das Abendmahl als Symbol verstand. Nach Zwinglis Tod festigte Heinrich Bullinger die Reformation in der deutschsprachigen Schweiz. In Genf wurde Johannes Calvin zum Begründer eines zweiten Zweigs reformierter Theologie. 1549 einigten Bullinger und Calvin im Consensus Tigurinus die beiden Richtungen, was bis heute für die evangelisch-reformierten Kirchen der Schweiz Bedeutung hat.
Lehre und Kirchenordnung
Die reformierten Kirchen teilen mit anderen Kirchen der Reformation zentrale Grundsätze: das Priestertum aller Gläubigen und die vier evangelischen Prinzipien sola scriptura, solus Christus, sola gratia und sola fide. Sie bedeuten: allein die Schrift, allein Christus, allein durch Gnade und allein durch Glauben. Wie die meisten evangelischen Kirchen erkennen reformierte Kirchen zwei Sakramente an: Taufe und Abendmahl.
Im Unterschied zur lutherischen Tradition verstehen reformierte Kirchen das Abendmahl als reines Gedächtnismahl. Brot und Wein gelten als Zeichen für die reale Präsenz Jesu Christi, aber nicht als Materialisierung dieser Präsenz. Eine Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi wird nicht angenommen. In reformierten Kirchen steht deshalb meist kein Altar im Mittelpunkt, sondern ein Abendmahlstisch.
Ein weiteres Merkmal ist die Gleichgewichtigkeit des Alten und des Neuen Testaments. Aus dem Alten Testament wird besonders das Bilderverbot abgeleitet. Daher sind reformierte Kirchengebäude meist nüchtern gestaltet; Kruzifixe oder größere Ausschmückungen werden in der Regel abgelehnt. Die Kanzel ist oft zentral angebracht, weil die Predigt eine besonders wichtige Rolle spielt.
Reformierte Kirchen im deutschsprachigen Raum sind meist presbyterial-synodal organisiert. Das bedeutet, dass Gemeinden durch gewählte Leitungsgremien und Synoden mitbestimmt werden. Pfarrstellen werden nicht einfach durch eine Kirchenleitung vergeben, sondern direkt durch Gemeinden oder Gemeindevorstände besetzt. Die auf Calvin zurückgehende Ämterlehre kennt innerhalb der Gemeinde die Ämter Pastor, Lehrer, Ältester oder Presbyter und Diakon.
Gottesdienst und Bekenntnisse
Der reformierte Gottesdienst ist schlicht und wortbezogen. Äußerlich zeigt sich das in sparsamer Kirchenausstattung. Oft bestehen Schmuckelemente nur aus Bibelversen sowie aus der Gestaltung von Kanzel und Taufstein. Liturgisch hat das Wort, also Bibellesung und Predigt, Vorrang.
Zwingli lehnte Kirchenmusik im Gottesdienst ab, weil er sie als Gefahr für die Verkündigung ansah; in Zürich wurden auch Kirchenorgeln entfernt. Calvin führte den Psalmengesang ein. Daraus entstand der weit verbreitete Genfer Psalter, eine Sammlung von Nachdichtungen der biblischen Psalmen. Die Tradition des Gemeindegesangs und des reformierten Kirchenlieds begann bereits in der Anfangszeit der Reformation.
Das Abendmahl wird in reformierten Gemeinden meist nur einige Male im Jahr gefeiert. Nach dem Zürcher Vorbild von 1525 gab es in vielen Gemeinden vier Abendmahlsfeiern pro Jahr. Die Zürcher Kirchenordnung legte Weihnachten, Ostern, Pfingsten und den „Herbst“ fest. Heute sind häufig Weihnachten, Gründonnerstag, Karfreitag oder Ostern, Pfingsten und Erntedank üblich; manchmal kommt die Konfirmation hinzu.
Wichtige deutschsprachige reformierte Bekenntnisse des 16. Jahrhunderts sind das Zweite Helvetische Bekenntnis und der Heidelberger Katechismus. Weitere bedeutende Bekenntnisse sind die Lehrregeln von Dordrecht und das Bekenntnis von Westminster. Viele reformierte Kirchen Europas beteiligen sich an der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa und haben die Leuenberger Konkordie übernommen.
Verhältnis zu anderen Strömungen
Im frühen 19. Jahrhundert wurden in mehreren Staaten des 1815 gegründeten Deutschen Bundes reformierte und lutherische Kirchen vereinigt. Diese Vereinigungen waren teils vor allem organisatorisch, teils auch bekenntnismäßig. In den folgenden Jahrzehnten verschmolzen reformierte und lutherische Traditionen vielerorts weitgehend. Außer in Bremen kann man laut Artikel meist von einer Dominanz lutherischer Vorstellungen ausgehen. Getrennt blieben reformierte und lutherische Kirche unter den Ländern mit traditionell reformierten Gebieten nur im Königreich Hannover.
Die Zürcher Reformation war zugleich die Keimzelle der Täuferbewegung, die heute auch als radikale Richtung der Reformation gilt. Zu ihren frühen Vertretern gehörten Konrad Grebel, Felix Manz und Andreas Castelberger, die zunächst zum Umfeld Zwinglis gehörten. Ende 1524 und Anfang 1525 kam es zum Bruch, besonders wegen unterschiedlicher Vorstellungen von Kirche und wegen der Säuglingstaufe, die die Täufer als unbiblisch ablehnten. Am 21. Januar 1525 vollzogen Täufer erstmals die Gläubigentaufe.
Der Zürcher Rat stellte die Verweigerung der Kindertaufe unter Strafe; Manz und Grebel erhielten ein Lehrverbot. Später wurden Täufer in vielen Gebieten verfolgt. Das Wiedertäufermandat des Reichstags zu Speyer von 1529 drohte ihnen die Todesstrafe an. Viele Anhänger kamen im 16. und 17. Jahrhundert ums Leben und gelten ihren Glaubensgenossen als Märtyrer. Spätere täuferische Richtungen sind unter anderem Hutterer, Mennoniten, Melchioriten und Amische.
Heute betrachten Reformierte sich selbst und die Täuferbewegung als Zweige desselben evangelischen Astes. In einem Gottesdienst im Zürcher Großmünster im Juni 2004 erklärten Reformierte, die damalige Verfolgung sei nach heutiger Überzeugung ein Verrat am Evangelium gewesen.
Heutige Verbreitung
Reformierte Kirchen sind heute auf allen Kontinenten verbreitet, bilden aber nur in wenigen Ländern die Mehrheit. Länder mit mehrheitlich reformierten Kirchen sind Tuvalu, Vanuatu und Niue. Bis in die 1950er Jahre gehörten auch Schottland und Nordirland dazu, die Schweiz noch bis in die 1970er Jahre. In den Niederlanden ist die große Mehrheit der evangelischen Kirchen reformiert. Die Niederländisch-reformierte Kirche war bis 1795 Staatskirche und bis 1930 die größte christliche Kirche der Niederlande.
Traditionelle reformierte Minderheiten aus der Reformationszeit gibt es in Frankreich, wo sie Hugenotten genannt werden, sowie in Polen, Ungarn/Rumänien und Litauen. Größere reformierte Kirchen bestehen auch in Nordamerika, unter anderem durch puritanische Einwanderer aus Großbritannien. Beispiele sind die Presbyterian Church und die United Church of Christ.
In der Schweiz sind alle evangelischen Landeskirchen reformierten Bekenntnisses; zusammen mit der methodistischen Kirche bilden sie die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz. In Österreich sind reformierte Gemeinden in der Evangelischen Kirche H.B. zusammengeschlossen.
In Deutschland gibt es mit der Evangelisch-reformierten Kirche und der Lippischen Landeskirche zwei reformierte Landeskirchen, die zusammen mit lutherischen und unierten Landeskirchen zur Evangelischen Kirche in Deutschland gehören. Dachverband der etwa 1,5 Millionen deutschen reformierten Christen ist der Reformierte Bund. Reformierte Gebiete und Gemeinden finden sich unter anderem auf dem Hunsrück, im Wittgensteiner Land, in Lippe, am Niederrhein, im Bergischen Land, im Siegerland, in Nordwestdeutschland, in Bremen, im Ravensberger Land, in Bayern sowie in Berlin und Brandenburg.