Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Schlosskirche (Lutherstadt Wittenberg)

Sie gilt als Ausgangspunkt der Reformation, nachdem am 31. Oktober 1517 Martin Luther von hier aus seine 95 lateinischen Disputationsthesen verbreitet hatte.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Lage
  2. 2. Geschichtliche Entwicklung
  3. 3. Bauform und Thesentür
  4. 4. Innenausstattung und Grabstätten
  5. 5. Orgeln und Glocken
  6. 6. Neuere Entwicklung

Bedeutung und Lage

Die Schlosskirche in Lutherstadt Wittenberg, auch Kirche der Reformation genannt, ist eine evangelische Kirche und gehört seit 1996 zum UNESCO-Welterbe. Sie gilt als Ausgangspunkt der Reformation, weil Martin Luther am 31. Oktober 1517 von hier aus seine 95 lateinischen Disputationsthesen verbreitete. Diese Thesen richteten sich gegen den Ablasshandel, also gegen die kirchliche Praxis, Sündenstrafen durch Ablässe zu mindern. Ob Luther die Thesen wirklich an die Kirchentür angeschlagen hat, ist umstritten; sicher belegt ist, dass er sie an diesem Tag handschriftlich an zwei Bischöfe und später an weitere Theologen sandte.

Die Kirche liegt im Westen der Altstadt von Wittenberg am Ende der Schlossstraße. Sie ist baulich mit dem Schloss Wittenberg verbunden und bildet den nördlichen Seitenflügel der nach Osten offenen Dreiflügelanlage. Der Zugang erfolgt über das Besucherzentrum im Schlosshof. Die Kirche ist nicht genau nach Osten ausgerichtet; ihre Längsachse weicht um etwa 14 Grad nach Süden von der Ostrichtung ab.

Geschichtliche Entwicklung

Die früheste Schlosskirche an dieser Stelle war die Kapelle aller Heiligen. Sie entstand zusammen mit dem ersten Schloss um 1340 unter dem askanischen Herzog Rudolf I. Am 6. Mai 1346 wurde die Stiftung „Allerheiligen“ gegründet. Die Kapelle wurde direkt dem Recht des römischen Stuhls unterstellt. 1361 erhielt sie durch Herzog Rudolf II. Einkommen, Statuten und eine Gottesdienstordnung. Im Jahr 1400 wurden ihr auf Weisung von Papst Bonifatius IX. die Stadtkirche St. Marien und die Marienkapelle auf dem Apollensberg unterstellt.

Zwischen 1490 und 1515 ließ Friedrich der Weise das Schloss neu errichten. Ab 1496 wurde die Schlosskirche nach Plänen von Konrad Pflüger als Nordflügel angefügt; geweiht wurde sie am 17. Januar 1503, die Wölbarbeiten waren erst fünf Jahre später abgeschlossen. Friedrich der Weise sammelte dort über 19.000 Reliquien, damals „Heiltümer“ genannt, mit einem Gegenwert von rund zwei Millionen Jahren Ablass. Sie wurden auf 16 Altären der schmalen Dreiseiten-Empore präsentiert.

Nach der Gründung der Universität Leucorea 1502 wurde die Schlosskirche 1507 Universitätskirche. Studenten erhielten hier ihre Promotionen, Philipp Melanchthon hielt seine Antrittsrede, und akademische Würdenträger wurden in der Kirche bestattet. 1525 wurde Friedrich der Weise dort begraben und im selben Jahr der lutherische Gottesdienst eingeführt. Martin Luther erhielt 1546 sein Grab in der Schlosskirche, Philipp Melanchthon 1560.

Im Siebenjährigen Krieg brannte die Kirche 1760 aus. Die Innenausstattung ging größtenteils verloren, der Außenbau wurde bis 1770 verändert wieder aufgebaut, und der Schlossturm wurde zum Kirchturm umgebaut. 1814 erlitt die Kirche bei der Erstürmung Wittenbergs erneut schwere Schäden, besonders am Turm. Nach dem Wiener Kongress kam Wittenberg 1815 zu Preußen. Als die Universität 1817 nach Halle verlegt wurde, erhielt das neu gegründete Evangelische Predigerseminar die Kirche zur Nutzung.

Zum 375. Geburtstag Martin Luthers stiftete König Friedrich Wilhelm IV. am 10. November 1858 die bronzene Thesentür. Zum 400. Geburtstag Luthers begann 1883 unter Friedrich Adler ein tiefgreifender neugotischer Umbau zum „Denkmal der Reformation“, der 1892 abgeschlossen wurde. Am 31. Oktober 1892 wurde die Kirche in Anwesenheit Kaiser Wilhelms II. neu geweiht. 1949 entstand eine eigene Schlosskirchengemeinde. Zum 500. Geburtstag Luthers wurden 1983 zwölf Glasfenster mit Porträts von dreizehn wichtigen Reformatorenschülern eingeweiht. Von 1978 bis 1992 wirkte Friedrich Schorlemmer an der Kirche; er wurde durch die Aktion des symbolischen Umschmiedens eines Schwertes zu einer Pflugschar bekannt. 1999/2000 wurde der Dachstuhl saniert. Vor dem Reformationsjubiläum 2017 erfolgte eine umfassende Restaurierung für rund 8,2 Millionen Euro.

Bauform und Thesentür

Die Schlosskirche ist eine einschiffige spätgotische Hallenkirche. „Einschiffig“ bedeutet, dass der Innenraum im Wesentlichen aus einem Hauptschiff besteht; „Hallenkirche“ bezeichnet einen Kirchenraum mit hallenartiger Wirkung. Die Decke bildet ein Netzgewölbe über fünf Joche, also über fünf Raumabschnitte. Der Chor endet in einer Apsis mit 5/8-Schluss. Seit dem neugotischen Umbau am Ende des 19. Jahrhunderts besitzt die Kirche eine umlaufende steinerne Empore, deren Säulen auch das Gewölbe tragen. Dadurch wirkt sie wie eine Wandpfeilerkirche, also eine Kirche, bei der tragende Pfeiler an den Wänden den Raum gliedern.

Früher hatte der Innenraum eine andere Ausrichtung: Die Kanzel stand an der Längswand, das Gestühl war von drei Seiten auf sie ausgerichtet, und für den Kurfürsten gab es eine besondere Loge. Nach den Bränden von 1760 und 1814 und dem Umbau von 1892 wurde die Kirche stärker auf den Altar ausgerichtet. Das Dach ist mit bunt glasierten Ziegeln in Rautenmuster gedeckt. Der Turm, ursprünglich einer der Schlosstürme, wurde zum Kirchturm umgebaut. Er ist 88 Meter hoch, trägt eine kupfergedeckte neugotische Haube von 1885/92 und ist für das Stadtbild prägend. Unterhalb der Haube steht als Mosaikinschrift die Liedzeile Martin Luthers: „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen“.

Die berühmte Thesentür erinnert an die Überlieferung, dass Luther dort 1517 seine 95 Thesen angeschlagen habe. Die ursprüngliche Tür verbrannte 1760. Die heutige bronzene Tür wurde 1858 von König Friedrich Wilhelm IV. gestiftet und enthält den Text der 95 Thesen. Sie wurde nach Zeichnungen Ferdinand von Quasts und Modellen von Friedrich Drake durch den Berliner Erzgießer Friebel gegossen. Das Türgewände ist noch ursprünglich; zu beiden Seiten des Scheitelsteins steht die Jahreszahl 1499. Über dem Portal befinden sich Figuren Friedrichs des Weisen und Johanns des Beständigen sowie ein Kruzifix mit Luther und Melanchthon vor der Wittenberger Stadtsilhouette.

Innenausstattung und Grabstätten

Die heutige Ausstattung des Kirchenraums stammt im Wesentlichen aus der Erneuerungsphase am Ende des 19. Jahrhunderts. Im Chor steht ein Altar aus französischem Sandstein in gotisierender Form. Unter drei Arkaden mit gotischem Maßwerk sind Christus sowie die Apostel Petrus und Paulus dargestellt. Das Chorgestühl, wegen seiner Stiftung durch deutsche Fürsten auch Fürstengestühl genannt, und die Kanzel stammen vom Wittenberger Bildhauer Lober. Die Kanzel zeigt im Unterbau Wappen von Städten, die mit Luther verbunden sind, am Kanzelkorb die vier Evangelisten mit ihren Symbolen und am Schalldeckel gotisches Maßwerk. Der Taufstein aus Eisenguss wurde 1832 von Theodor Kalide nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel geschaffen.

Viele Ausstattungsstücke dienen dem Gedenken an die Reformation. Vor den Wandpfeilern stehen überlebensgroße Standbilder von neun Repräsentanten der Reformation: Martin Luther, Philipp Melanchthon, Johannes Bugenhagen, Georg Spalatin, Justus Jonas, Johannes Brenz, Urbanus Rhegius, Nikolaus von Amsdorf und Caspar Cruciger. Die Empore ist mit Maßwerk und Adelswappen geschmückt; bronzene Medaillons zeigen weitere Persönlichkeiten aus dem Umfeld der Reformation. Die Chorfenster nach Motiven aus Holzschnitten Albrecht Dürers zeigen die Geburt Christi, die Kreuzigung, die Auferstehung und das Pfingstwunder.

Die Schlosskirche enthält Grabstätten von Angehörigen sächsischer Herrscherhäuser, Reformatoren und Gelehrten der Wittenberger Universität. Dazu gehören Grabplatten für Kurfürst Rudolf II., seine zweite Gemahlin Elisabeth und eine Tochter aus erster Ehe. Am westlichen Ende ließ Kaiser Wilhelm II. 1891 für weitere askanische Herzöge ein Kenotaph errichten, also ein Erinnerungsgrab ohne dort bestatteten Leichnam. Vor dem Hauptaltar liegen Friedrich der Weise und Johann der Beständige. Ihre Grabplatten stammen aus der Werkstatt von Peter Vischer. Im Kirchenschiff sind Martin Luther unterhalb der Kanzel und Philipp Melanchthon auf der Gegenseite beigesetzt. Luthers bronzene Grabtafel in der Schlosskirche ist ein Abguss von 1872; das Originalepitaph von 1548 befindet sich in der Michaeliskirche in Jena.

Orgeln und Glocken

Nach dem Brand von 1760 baute Johann Ephraim Hübner 1771 eine neue Orgel mit 37 Registern auf zwei Manualen und Pedal. Ein Register ist eine Pfeifenreihe mit bestimmtem Klang; Manuale sind die Tastaturen für die Hände, das Pedal wird mit den Füßen gespielt. 1863/64 ersetzte Friedrich Ladegast das Werk in dem barocken Gehäuse der Vorgängerorgel. 1892 erhielt die Orgel ein neugotisches Eichenholz-Gehäuse. Das Ladegast-Instrument hatte zunächst 39 Register auf drei Manualen und Pedal. 1935 erweiterte die Firma Wilhelm Sauer die Disposition auf 50 Register und baute elektropneumatische Trakturen ein, also eine technische Verbindung zwischen Tasten und Pfeifensteuerung. Zwischen 1985 und 1994 rekonstruierte die Firma Hermann Eule das Instrument und ergänzte ein Schwellwerk. Heute besitzt die Orgel etwa 3500 Pfeifen, 57 Register auf vier Manualen und Pedal sowie mechanische Spieltrakturen. Seit 2016 steht zusätzlich im Chorraum eine Orgel der Firma Alexander Schuke aus Potsdam von 1965 mit elektrischen Trakturen und 20 Registern.

Im Schlosskirchturm hängen drei Bronzeglocken, die 1960 von der Glockengießerei Schilling in Apolda gegossen wurden. Die Festtagsglocke hat einen Durchmesser von 1615 mm, eine Masse von 2667 kg und den Nominal h0; ihre Inschrift lautet: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“ nach Jesaja 7,9. Die Sonntagsglocke hat 1380 mm Durchmesser, 1629 kg Masse und den Nominal d1; ihre Inschrift lautet: „Die völlige Liebe treibt die Furcht aus“ nach 1 Joh 4,18. Die Betglocke hat 1225 mm Durchmesser, 1126 kg Masse und den Nominal e1; ihre Inschrift lautet: „Seid fröhlich in Hoffnung“ nach Röm 12,12. Die Glocken wurden während der Sanierungsarbeiten restauriert.

Neuere Entwicklung

Im Zusammenhang mit der Sanierung vor dem Reformationsjubiläum 2017 wechselte die Schlosskirche 2016/2017 den Eigentümer. Das Land Sachsen-Anhalt, vertreten durch die Landesregierung mit Ministerpräsident Reiner Haseloff, verkaufte die Kirche nach Abschluss der Sanierungsarbeiten an die Evangelische Kirche in Deutschland. Der symbolische Kaufpreis betrug 1 Euro. Im Gegenzug übergab die EKD dem Land Sachsen-Anhalt das Augusteum. Die EKD bezifferte die jährlichen Unterhaltskosten für die Schlosskirche Wittenberg mit rund 500.000 Euro. In der Artikelangabe werden für die Sanierungskosten in diesem Zusammenhang 8,1 Millionen Euro genannt, während zuvor für die umfassende Sanierung rund 8,2 Millionen Euro genannt wurden.

Seit dem 1. Dezember 2019 ist der Eintritt in die Schlosskirche außerhalb von Gottesdiensten grundsätzlich kostenpflichtig. Damit folgt die Kirche dem Beispiel anderer stark besuchter protestantischer Kirchen wie dem Berliner Dom, dem Dom zu Meißen, der Marienkirche Lübeck und der Nikolaikirche Stralsund. Die EKD hat außerdem wegen der historischen und bleibenden Bedeutung Wittenbergs beschlossen, ein Pfarramt der EKD an der Schlosskirche einzurichten. Erster Pfarrer der EKD an der Schlosskirche war Dr. Peter Meyer; seit dem 1. Februar 2024 ist Anne Brisgen erste Pfarrerin der EKD an der Schlosskirche.

Weiterlesen

Reformation Ihr Beginn wird traditionell auf den 31. Oktober 1517 datiert, als Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Tür der Schlosskirche zu … Kirche (Bauwerk) Eine Kirche oder ein Kirchengebäude ist ein von einer oder mehreren christlichen Konfession(en) zum Gottesdienst, zum Gebet und zur stillen Einkehr … Martin Luther Martin Luther (* 10. November 1483 in Eisleben, Grafschaft Mansfeld; † 18. Februar 1546 ebenda) war ein deutscher Augustinereremit und Theologieprofessor, … 95 Thesen Die Historizität des Thesenanschlags, bei dem Luther seine 95 Thesen am Mittwoch, dem 31. Oktober 1517, eigenhändig an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg … Friedrich III. (Sachsen) Friedrich III. oder Friedrich der Weise von Sachsen (* 17. Januar 1463 in Torgau; † 5. Mai 1525 in Lochau) war von 1486 bis zu seinem Tod 1525 Kurfürst von … Kirchweihe Alle Kerzen in der Kirche werden entzündet und der Kirchenraum erhellt; das erinnert an Jesus Christus, „das Licht zur Erleuchtung der Heiden“ (Lk 2,32 EU). Reliquie Die Verehrung von Reliquien in der katholischen und den orthodoxen Kirchen gilt als Ausdruck der Heiligenverehrung, die die Bildnisse der Heiligen und deren … Ablass Das Wort bezeichnet einen von der Kirche geregelten Gnadenakt, durch den nach kirchlicher Lehre zeitliche Sündenstrafen erlassen (nicht dagegen die Sünden … Heinz Schilling (Historiker) ... Geschichte der politischen Theorie, die Reformation und Konfessionalisierung, die Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Calvinismus vom 16. bis 19 … Evangelisch-lutherische Kirchen Die lutherischen Kirchen (oft auch evangelisch-lutherische Kirchen) sind die Kirchen, die sich dem Luthertum, einem Zweig innerhalb des Protestantismus, … Kirchenausstattung Einige Prinzipalien wie Altar, Kanzel, Taufbecken und Kreuz finden sich in den meisten Kirchen, oft auch eine Orgel. Auch Paramente und Verbrauchsgüter wie … Befreiungskriege Nach einem wechselhaften Kriegsverlauf wurde Napoleon im Oktober 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen. Er musste sich über den Rhein zurückziehen, …