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Rechtsextremismus und Esoterik

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Ariosophie zunächst als „staatsfeindliche Sekte“ beobachtet und ab 1937 verboten. Esoterische Neigungen einzelner …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Bedeutung und Ursprünge
  2. 2. Ariosophie und Nationalsozialismus
  3. 3. Neonazistische Esoterik seit 1945
  4. 4. Ideologen, Organisationen und Anwendungsfelder
  5. 5. Karma, Holocaust und Verschwörungserzählungen
  6. 6. Mythen über einen okkult gesteuerten Nationalsozialismus

Begriff, Bedeutung und Ursprünge

Rechtsextremismus und Esoterik bezeichnet Überschneidungen zwischen rechtsextremen Ideologien und esoterischen, okkulten oder neuheidnischen Vorstellungen. Esoterik wird dabei im geschichtswissenschaftlichen, nicht im sehr weiten umgangssprachlichen Sinn verwendet. Typisch ist, dass Rassismus, Antisemitismus und autoritäre Gesellschaftsentwürfe durch angeblich geheimes, uraltes oder übernatürliches Wissen gerechtfertigt werden. Die Schwarze Sonne wurde in den 1990er Jahren zu einem wichtigen Erkennungszeichen dieser Szene.

Die Ursprünge liegen in der Völkischen Bewegung Deutschlands und Österreichs. Die Suche nach nationaler Identität, die späte deutsche Einigung, die Alldeutsche Bewegung und eine romantische Gegenreaktion auf Industrialisierung und Moderne förderten den Mythos einer idealisierten germanischen Vergangenheit. Manche völkischen Gruppen verbanden Nationalismus, Antiliberalismus und Antisemitismus mit damals verbreiteten okkulten und spiritistischen Vorstellungen.

Begriffe wie Wurzelrasse entstammten um 1900 einem breiteren Rassendiskurs. Nach Wolfram Pyta konnte „Rasse“ auch eine flexible soziale und kulturelle Ordnungskategorie sein. Völkisch-nationalistische Kreise deuteten solche Begriffe jedoch meist biologistisch und rassistisch um. Diese Auslegung war den betont spirituellen Auffassungen führender Esoteriker wie Helena Petrovna Blavatsky und Rudolf Steiner selbst fremd.

Ariosophie und Nationalsozialismus

Die Ariosophie entstand im frühen 20. Jahrhundert. Guido von List und Jörg Lanz von Liebenfels, der den Begriff prägte, verbanden Theosophie mit rassistischen und germanisch-mythologischen Vorstellungen. Nicholas Goodrick-Clarke zufolge diente der Okkultismus als „geheiligte Legitimation“ ihrer Ablehnung von Moderne und Materialismus. Ariosophen behaupteten ein vorgeschichtliches Goldenes Zeitalter mit einer rassisch reinen Gesellschaft und verorteten es in Atlantis, Thule oder Hyperborea. Blavatskys Lehre von einer arischen Epoche deuteten sie als Vorhersage deutscher Weltherrschaft.

List kombinierte dies mit germanischer Mythologie, Odinskult, Runenweisheit und Runenmagie. Lanz entwickelte eine neo-gnostische Religion. In Theozoologie oder die Kunde von den Sodoms-Äfflingen und dem Götter-Elektron (1904) behauptete er, göttliche Lebensformen hätten elektrische Sinnesorgane und telepathische Fähigkeiten besessen. Diese seien durch „Rassenmischung“ verloren gegangen und könnten von „Ariern“ durch Segregation zurückgewonnen werden.

Lists Vorstellungen beeinflussten den 1912 gegründeten antisemitischen Reichshammerbund und den geheimen Germanenorden. Dessen Hauptziel war der Kampf gegen eine vermeintliche jüdische Verschwörung; ariosophische Motive erschienen vor allem im Initiationsritus. Die 1918 gegründete Thule-Gesellschaft sollte öffentliche politische Arbeit leisten. Ihr Mitbegründer Rudolf von Sebottendorf bewunderte List und Lanz, verließ sie aber 1919; innerhalb der Gesellschaft wurden keine okkulten Praktiken ausgeübt.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 hofften deutschchristliche und neuheidnische Gruppen auf einen „neuen Deutschen Glaubensfrühling“. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Hitler hatte Ariosophen in Mein Kampf (1925/26) als Wirrköpfe bezeichnet. Okkultistische, freimaurerische und zahlreiche religiöse Gruppen wurden als „staatsfeindliche Sekten“ überwacht und im Juli 1937 verboten.

Rudolf Heß nutzte dennoch Astrologen, Magnetheiler und Hellseher. Heinrich Himmler interessierte sich für Okkultismus und östliche Religionen. Er nahm Karl Maria Wiligut 1933 in die SS auf; Wiligut beriet ihn bei Symbolen und Zeremonien, wirkte am Totenkopfring und am Ausbau der Wewelsburg mit, schied aber 1939 aus. Solche Neigungen waren in der NS-Führung Ausnahmen und blieben weitgehend privat. Okkulte Zirkel hatten keinen nachgewiesenen direkten Einfluss auf Aufstieg und praktische Machtpolitik des Nationalsozialismus; ihr Einfluss beschränkte sich teilweise auf Symbolik und äußere Erscheinungsformen. Nach Heß’ „Englandflug“ 1941 führte Reinhard Heydrich massive Maßnahmen gegen Anhänger von „Geheimlehren“ durch, einschließlich Einweisung in Konzentrationslager oder Zwangsarbeit.

Neonazistische Esoterik seit 1945

Nach 1945 entstanden international Gruppen, die das nationalsozialistische Deutschland als Modell betrachteten. Seit den 1970er Jahren verbanden sie Ariosophie mit orientalischen Religionen und europäischer Esoterik. Daraus entwickelte sich eine völkisch-esoterische Ideologie gegen Demokratie, Globalisierung, Einwanderung und die Förderung ethnischer Minderheiten, verbunden mit Antisemitismus. Goodrick-Clarke beschreibt ihre dualistische Einteilung der Welt in Hell und Dunkel beziehungsweise Gut und Böse als Fortleben nationalsozialistischer Denkmuster. Überschneidungen mit der New-Age-Bewegung seit den 1980er Jahren werden unterschiedlich bewertet; Thomas König hält sie wegen der losen Netzwerkstrukturen für marginal.

Seit den 1950er Jahren entwickelte ein Wiener Kreis um die ehemaligen SS-Mitglieder Wilhelm Landig und Rudolf Mund sowie Erich Halik einen esoterischen Neonazismus. Landigs Thule-Trilogie verbreitete die Vorstellung, eine verborgene SS bestehe nach 1945 in Basen unter den Polen fort. Unter der Schwarzen Sonne, einer angeblichen Energiequelle zur Regeneration der „arischen Rasse“, verfüge sie über Flugscheiben. Landig verband dies mit Evolas Philosophie, Atlantis, Welteislehre, unterirdischen Reichen, Tibet, dem Gral und internationalen Verschwörungen.

Seit den späten 1980er Jahren griff die Tempelhofgesellschaft um Hans-Günter Fröhlich diese Motive auf. Ralf Ettl und Norbert Jürgen-Ratthofer verbreiteten Vorstellungen über angeblich sumerisch-babylonische Ursprünge der Deutschen, die Schwarze Sonne und das Vril-Projekt. Das Vril-Projekt beeinflusste Anfang der 1990er Jahre die Entstehung einer rechtsextremen Ufologie. Ettl gründete später den Freundeskreis Causa Nostra.

Die Schwarze Sonne besteht aus zwölf ringförmig angeordneten, gespiegelten Sig-Runen. Das entsprechende Bodenornament befindet sich im Obergruppenführersaal der Wewelsburg; seine Bezeichnung als Schwarze Sonne entstand jedoch erst nach 1945 und wurde erstmals 1991 in einem Roman des Arun-Verlags mit dem Symbol verbunden. Das 1980 in Kassel gegründete Thule-Seminar verbindet Sonnenrad- und Runensymbolik mit dem Mythos eines untergegangenen nordischen Reiches. Seit 2020 beteiligen sich rechtsextreme Esoteriker auch an Protesten gegen Maßnahmen zum Schutz vor COVID-19.

Ideologen, Organisationen und Anwendungsfelder

Julius Evola wurde neben Savitri Devi, Miguel Serrano und Jan Udo Holey zu einem zentralen Autor der Verbindung von Esoterik und Neonazismus. Seine mythisch überhöhten rassistischen und antisemitischen Thesen beeinflussten europäische Neofaschisten und machten ihn nach seinem Tod zu einer Ikone der Opposition gegen Demokratie und Liberalismus.

Savitri Devi verband Nationalsozialismus mit Hinduismus. Sie übernahm Bal Gangadhar Tilaks Lehre von der arktischen Herkunft der Arier und die Vorstellung eines Verfalls vom Goldenen Zeitalter bis zum Kali-Yuga, das um 3000 v. Chr. begonnen habe. Hitler deutete sie als Avatar und „Menschen gegen die Zeit“, der eine Katastrophe beschleunige, damit anschließend ein neues Goldenes Zeitalter entstehen könne. Miguel Serrano entwickelte seit den 1970er Jahren daraus einen „esoterischen Hitlerismus“. Er verstand Hitler als Medium eines „arischen Archetyps“ und beeinflusste lose vernetzte Nazi-Satanisten wie Black Order und Infernal Alliance.

In den USA entstand 1969 Else Christensens Odinist Fellowship. Dieser rassistische Odinismus verband Wotankult und germanisches Neuheidentum mit Vorstellungen von rassespezifischen Archetypen. Jost Turner kombinierte in seiner Lehre Aryan Krya nordische Mythologie, ario-vedische Glaubenssätze, Tantrismus, Endzeiterwartungen und die Verehrung Hitlers. James H. Madole, Vorsitzender der 1949 gegründeten National Renaissance Party, wollte unter dem Namen Neues Atlantis einen nationalsozialistischen Kastenstaat errichten. Sein Modell umfasste Rassentrennung, Eugenik, Euthanasie und autoritäre Herrschaft.

Die rechtsextreme Ufologie behauptet eine jüdische oder „illuminatische“ Weltverschwörung sowie den Bau sogenannter Reichsflugscheiben durch das NS-Regime und eine erfundene Vril-Gesellschaft. Holey übernahm dabei Material der Tempelhofgesellschaft. Die Zeichnungen angeblicher deutscher UFOs waren erkennbar von George Adamskis UFO-Darstellungen beeinflusst.

Die 1981 von Ryke Geerd Hamer begründete Germanische Neue Medizin lehnt evidenzbasierte Medizin teilweise als angeblich „jüdische Erfindung“ ab und propagiert aus medizinischer Sicht unwirksame esoterische Heilmethoden. Sie ist in rechtsextremen Kreisen beliebt. Ähnliche Verbindungen erscheinen in Musikrichtungen wie NSBM und teilweise im Viking Metal, Pagan Metal und Neofolk: Dort werden NS-Zeit, nordische Mythologie und Blut-und-Boden-Ideologie okkult verklärt und zu Vorstellungen „arischer Vorherrschaft“ verbunden.

Karma, Holocaust und Verschwörungserzählungen

Rassistische Deutungen von Karma und Wiedergeburt können soziale Not, Naturkatastrophen oder Gewalt als Ergebnis des Verhaltens in früheren Leben darstellen. Opfer gelten dann nicht mehr als Opfer menschlichen Unrechts, sondern ihr Leiden als angeblich selbst gewählte karmische Notwendigkeit. Auf den Holocaust bezogen sich solche Vorstellungen bei Beatrice Flemming, Erhard F. Freitag und Thorwald Dethlefsen.

Trutz Hardo behauptete 1996 in Jedem das Seine unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die Inschrift am Eingang des KZ Buchenwald, die ermordeten Juden hätten ihr Schicksal selbst gewählt und Hitler sei nur Vollstrecker ihres Willens gewesen. 1998 wurde er wegen Volksverhetzung in Tateinheit mit Beleidigung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener zu einer Geldstrafe verurteilt; das Buch wurde verboten. Das Urteil wurde in zweiter Instanz grundsätzlich bestätigt.

Weitere Autoren verbreiteten antisemitische und revisionistische Verschwörungserzählungen. Dieter Rüggeberg, Jo Conrad und E. R. Carmin behandelten die gefälschten Protokolle der Weisen von Zion als glaubwürdige Quelle oder knüpften daran an. Carmin stellte historische Ereignisse des 20. Jahrhunderts als Ergebnis eines esoterischen Masterplans dar. In den 1980er Jahren entstand umgekehrt in englischsprachigen christlichen Milieus die Verschwörungstheorie, das New Age strebe eine Weltregierung mit Zielen an, die denen Hitlers entsprächen; wichtige Veröffentlichungen waren Constance Cumbeys The Hidden Dangers of the Rainbow (1983) und The New Spirituality (1988) von Dave Hunt und T. A. McMahon.

Mythen über einen okkult gesteuerten Nationalsozialismus

Von den realen, aber begrenzten Überschneidungen ist der populäre Mythos zu unterscheiden, Hitler und der Nationalsozialismus seien wesentlich durch okkulte Mächte gesteuert worden. Ein früher Ausgangspunkt waren Hermann Rauschnings erfundene „Gespräche“ in Hitler m’a dit (1939; deutsch Gespräche mit Hitler, 1940). Eine Schlüsselrolle spielte später Le matin des magiciens von Louis Pauwels und Jacques Bergier (1960; deutsch Aufbruch ins dritte Jahrtausend, 1962). Es erklärte die Thule-Gesellschaft zum angeblichen magischen Zentrum der NS-Bewegung und erfand eine Berliner Vril-Gesellschaft. Tatsächlich existierte die Thule-Gesellschaft nur von 1918 bis etwa 1925 und war antisemitisch, konterrevolutionär und politisch tätig, nicht okkult.

Dietrich Eckart und Karl Haushofer wurden in dieser Literatur zu „okkulten Beratern“ Hitlers stilisiert. Belegt ist, dass Eckart Hitler politisch und ideologisch förderte; bei Haushofer wird ein geopolitischer Einfluss diskutiert. Nicht belegt sind Kontakte zu höheren Wesen oder die Vermittlung geheimen Wissens. Sri Aurobindo und Mira Alfassa behaupteten zudem, Hitler sei das Medium eines Asura gewesen.

Weitere Legenden verbinden den Nationalsozialismus mit Tibet, Agarthi und Shambhala. Pauwels und Bergier konstruierten eine Sage über einen „arischen Grundstamm“, geheime Zentren im Himalaya und eine angebliche deutsche Eroberungsstrategie. Trevor Ravenscroft baute dies in Der Speer des Schicksals weiter aus. Ähnlich entstanden Erzählungen über Heilige Lanze, Gral, Katharer und SS. Otto Rahn untersuchte zwar in den 1930er Jahren Verbindungen zwischen Katharern und Gralsmythos und wurde 1936 SS-Mitglied. Die Behauptung Marc Augiers, Himmler habe den Gral bei Montségur bergen lassen, ist jedoch kontrafaktisch.

Goodrick-Clarke nennt dieses Genre „Nazi-Mysterien“, Eva Kingsepp „Kryptohistorie“ beziehungsweise im weiteren Sinn „Nazi-Fantastik“, weil Fakten mit Fantasy und Science-Fiction verschmelzen. Dazu zählen auch Indiana-Jones-Filme und Wolfenstein-Computerspiele. Die Erzählungen können Nationalsozialismus als übernatürlichen Kampf von Gut und Böse deuten und ihm dadurch einen problematischen schwarzromantischen Reiz verleihen. Martin Brauen bezeichnet einen großen Teil der Tibet-Okkult-Literatur als neonazistisch, weil sie durch willkürliche Geschichtsverfälschung rechtsextreme Ideologie wiederbelebe und die Verbrechen des Nationalsozialismus verschweige.

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