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Atlantis
Bei Atlantis handelt es sich um eine in Platons Werk eingebettete Geschichte, die – gleich den übrigen Mythen Platons – eine zuvor aufgestellte Theorie …
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Kern der Erzählung und Quellenrahmen
Atlantis ist ein mythisches Inselreich, das Platon (428/427 bis 348/347 v. Chr.) um 360 v. Chr. in den Dialogen Timaios und Kritias schildert. Es soll als mächtige Seemacht jenseits der „Säulen des Herakles“ gelegen haben, große Teile Europas und Nordafrikas beherrscht und Athen angegriffen haben. Nach der Niederlage gegen Athen sei es um 9600 v. Chr. durch Erdbeben und Überschwemmungen innerhalb „eines einzigen Tages und einer unglückseligen Nacht“ im Meer versunken.
Die Erzählung ist in eine angebliche Überlieferung eingebettet: Kritias habe sie von seinem Großvater erfahren; dieser von Solon; Solon wiederum von einem Priester der Göttin Neith in Sais in Ägypten. Der Priester soll Texte aus „geheiligten Schriften“ übersetzt haben. Platon lässt Kritias mehrfach betonen, die Geschichte sei nicht erfunden. Der Kritias blieb jedoch unvollendet; ein im Timaios angekündigter Dialog Hermokrates wurde nicht geschrieben.
Nach überwiegender Auffassung von Althistorikern und Philologen ist Atlantis keine historische Ortsbeschreibung, sondern eine Erfindung Platons. Umstritten bleibt, ob einzelne Anregungen aus realen Ereignissen oder älteren Überlieferungen stammen könnten. Viele Lokalisierungsversuche nehmen einen historischen Kern an, sind wissenschaftlich aber nicht anerkannt.
Reich, Hauptstadt und Untergang
Platon nennt Atlantis ein Reich, das größer als Libyen und Asien zusammen gewesen sei. Mit Libyen war damals Nordafrika ohne Ägypten gemeint, mit Asien die bekannten Teile Vorderasiens. Die Hauptinsel lag im Atlantìs thálassa, dem Atlantik. Sie sei reich an Rohstoffen, besonders Gold, Silber und dem „feurig schimmernden“ Metall Oreichalkos, sowie an Pflanzen, Früchten und Tieren einschließlich Elefanten gewesen. Fruchtbare Ebenen, künstliche Kanäle und die Nutzung von Winterregen und Sommerwasser hätten zwei Ernten pro Jahr ermöglicht.
Im Zentrum lag eine Ebene von 3000 mal 2000 Stadien. Ein griechisches Stadion entspricht etwa 180 Metern, ein ägyptisches etwa 211 Metern; die Ebene hatte damit ungefähr eine Ausdehnung von 400 bis 600 Kilometern. Sie war rechtwinklig kanalisiert. Die Akropolis der Hauptstadt lag auf einem zentralen Berg und war fünf Stadien breit. Drei ringförmige Wasserkanäle umgaben sie; ein breiter Kanal verband die Anlage mit dem Meer. Die äußeren Kanäle waren schiffbar und dienten als Kriegshafen beziehungsweise Handelshafen. Weitere konzentrische Ringmauern schützten die Stadt.
Auf der Akropolis stand ein Poseidontempel von einem Stadion Länge und drei Plethra, also etwa 90 Metern, Breite. Er war innen und außen mit Gold, Silber und Oreichalkos geschmückt. Ein Kultbild zeigte Poseidon auf einem sechsspännigen Streitwagen. Poseidon hatte seinem ältesten Sohn Atlas, den er mit der sterblichen Kleito gezeugt habe, die Herrschaft über die Hauptstadt übertragen. Die Nachkommen von fünf Zwillingspaaren regierten die übrigen Reichsteile.
Atlantis entwickelte sich laut Platon von einer ländlichen Insel zu einer hochgerüsteten Seemacht. Allein die Flotte der Hauptstadt umfasste 1200 Kriegsschiffe und 240.000 Mann Besatzung. Sie unterwarf Europa bis Tyrrhenien im heutigen Italien und Nordafrika bis Ägypten. Der Angriff scheiterte aber am zahlenmäßig unterlegenen Athen. Der Untergang gilt als göttliche Strafe für Hybris, also Selbstüberhebung: Der göttliche Anteil der Atlanter sei durch Vermischung mit Menschen geschwunden; Gier nach Macht und Reichtum habe sie erfasst. Der Dialog bricht ab, als Zeus die Götter zur Beratung über eine Strafe versammelt.
Ur-Athen als Gegenbild
Das „Ur-Athen“ ist das bewusste Gegenbild zu Atlantis. Es beherrschte Attika bis zum Isthmus von Korinth, war eine fruchtbare Landmacht und betrieb aus eigenem Entschluss weder Seefahrt noch Hafenwesen. Felder und Wälder ermöglichten es, ein großes Heer zu ernähren, dessen Angehörige vom Ackerbau befreit waren.
Athene habe die politischen Einrichtungen gestiftet. Diese entsprechen fast dem Idealstaat, den Platon in der Politeia entwirft. Als Atlantis angriff, schlug Ur-Athen die Angreifer zurück und befreite bereits unterworfene griechische Stämme. Platon erklärt das Fehlen griechischer Erinnerungen an diese angeblich große Tat durch wiederholte Erdbeben und Fluten: Besonders eine verheerende Flut habe die herrschende Küstenbevölkerung vernichtet. Übrig geblieben seien ungebildete Bauern in Bergregionen, sodass früheres Wissen verloren gegangen sei.
Deutung, Vorbilder und Gegenpositionen
Die Dialoge Timaios und Kritias setzen Platons Politeia fort. Nach der herrschenden Deutung ist die Atlantis-Erzählung ein platonischer Mythos: Sie soll eine zuvor entwickelte Theorie anschaulich machen, hier die praktische Bewährung des idealen Staates. Eine mythische Erzählung beansprucht dabei philosophische Wesenswahrheit, nicht unbedingt historische Überprüfbarkeit. Die behauptete ägyptische Überlieferung gibt dem Gedankenexperiment den Anschein einer wahren Geschichte.
Ur-Athen und Atlantis sind idealtypische Gegensätze: eine kleine, stabile und wehrhafte Landmacht gegen eine expansive Seemacht, die an ihrem Machtstreben zerbricht. Die Forschung deutet dies häufig als politische Allegorie. Platon hatte die Niederlage Athens 404 v. Chr. im Peloponnesischen Krieg erlebt und könnte vor neuer imperialer Seemachtpolitik gewarnt haben.
Ur-Athen folgt erkennbar dem Idealstaat der Politeia; als reale Anregung ist auch Sparta denkbar. Atlantis setzt sich nach verbreiteter Auffassung aus mehreren Vorbildern zusammen: Das Perserreich könnte die Hierarchie aus Oberkönig und neun Unterkönigen geliefert haben, Ekbatana die Ringstruktur der Hauptstadt und Karthago die Hafenanlage. Der gescheiterte Angriff erinnert an die Perserkriege, besonders Marathon 490 v. Chr., oder an Athens gescheiterte Sizilienexpedition. Als mögliches Vorbild für den katastrophalen Untergang gilt vor allem Helike, das im Winter 373 v. Chr. nach Erdbeben und Flutwelle im Golf von Korinth versank; dort bestand ebenfalls ein Poseidonkult.
Kritiker der Erfindungsthese verweisen darauf, dass Platon Atlantis als logos alēthēs, als „wahren Bericht“, bezeichne, die Erzählung sehr detailliert sei und sie für die Bestätigung seiner Staatstheorie wahr sein müsse. John V. Luce vermutet mögliche Einflüsse einer ägyptischen Überlieferung über die Minoer; Herwig Görgemanns bringt eine Tradition über die Seevölkerinvasion des 13./12. Jahrhunderts v. Chr. ins Spiel. Beide Ansätze bleiben unsicher. Gegen eine alte ägyptische Überlieferung spricht unter anderem, dass zwischen Solon und Platon bei keinem griechischen Autor eine Spur der Geschichte vorkommt und auch in athenischen Leichenreden kein Sieg über Atlantis erwähnt wird.
Lokalisierungshypothesen verorten Atlantis etwa bei Helgoland, auf den Kanarischen Inseln, auf Kreta, in Troja oder am Schwarzen Meer. Sie müssen meist Platons Orts- und Zeitangaben als falsch oder verzerrt annehmen. Althistoriker und Philologen lehnen solche Versuche in der Regel als Fehlinterpretation der einzigen Quelle, nämlich Platons, ab.
Wirkung und spätere Verwendung
Schon in der Antike wurde die mögliche Existenz von Atlantis unterschiedlich beurteilt. Krantor von Soloi hielt es für geschichtlich und behauptete, entsprechende ägyptische Stelen in Sais gesehen zu haben; die Mehrheitsmeinung bewertet diesen Bericht als unglaubhaft. Plinius der Ältere äußerte Zweifel, Plutarch ließ die Frage offen, Numenios verstand den Kampf als Dichtung, und Proklos verband die Annahme eines realen Atlantis mit einer symbolischen Deutung. Bereits antike Autoren nutzten oder parodierten das Motiv, etwa Euhemeros mit der fiktiven Insel Panchaia und Theopompos mit Meropis.
Im europäischen Mittelalter geriet Atlantis weitgehend in Vergessenheit. Mit der Renaissance wurde Platon wieder gelesen. Nach der Entdeckung Amerikas 1492 erschien manchen eine Verbindung von Amerika und Atlantis plausibel. Frühe neuzeitliche Utopien griffen das Motiv auf, darunter Thomas Morus’ Utopia (1516), Tommaso Campanellas La città del Sole und Francis Bacons unvollendete Nova Atlantis um 1624.
Seit dem 19. Jahrhundert gewann Atlantis durch Ignatius Donnellys Atlantis – The antediluvian World von 1882 neue Popularität. Donnelly erklärte es zum Ursprung früher Hochkulturen im Mittelmeerraum und Mittelamerika sowie zur Urheimat der Arier. In Theosophie, Anthroposophie, Ariosophie und weiteren okkulten Strömungen wurden daraus Vorstellungen über „Atlantier“ entwickelt. In völkischen und nationalsozialistischen Kreisen der Weimarer Republik und des Dritten Reiches wurde Atlantis rassistisch als nordische oder „arische“ Urheimat, etwa in Nordsee oder Nordpolregion, instrumentalisiert; über Alfred Rosenberg und Heinrich Himmler wurde die Idee Teil der inoffiziellen NSDAP-Parteiideologie.
Heute dient „Atlantis“ häufig als Bezeichnung für eine reiche, mächtige Kultur, die plötzlich unterging, und als Stoff für Literatur und Film. Beispiele sind E. T. A. Hoffmanns Der goldne Topf von 1814 sowie Jules Vernes 20.000 Meilen unter dem Meer, in dem die Figuren Ruinen von Atlantis am Meeresgrund besuchen.