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Nationale Identität
Während die Erzählung von sich selbst die Identität einer Person hervorbringt, schaffen sich Gemeinschaften durch Erzählungen, in denen Erinnerungen mit einem nationalen Bezug überliefert werden, ihre nationale Identität.
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Kernbegriff
Nationale Identität bezeichnet gemeinsame Überzeugungen, Verhaltensweisen und oft auch emotionale Bezüge, durch die sich Individuen oder Gruppen als Teil einer Nation verstehen. Sie ist ein besonderer Fall von kollektiver Identität, also eines gemeinsamen Selbstbildes einer Gruppe. Nach Benedict Anderson sind Nationen „vorgestellte Gemeinschaften“ (imagined communities): Die Mitglieder kennen sich wegen räumlicher Trennung nicht persönlich, stellen sich aber dennoch als zusammengehörige Gemeinschaft vor.
Nationale Identität wirkt verbindend, weil sie Menschen gemeinsame Bezugspunkte gibt. Zugleich kann sie abgrenzend wirken, wenn die behaupteten Gemeinsamkeiten der eigenen Nation durch Unterschiede zu anderen Gruppen oder Nationen bestimmt werden. Sie kann auch mehrfach oder übergreifend sein: Mehrere nationale Zugehörigkeiten können sich zu transnationalen oder transkulturellen Identitäten verbinden, etwa bei französisch-algerischer oder deutsch-amerikanischer Zugehörigkeit.
Von Nationalismus unterscheidet sich nationale Identität dadurch, dass Nationalismus politische Ziele verfolgt, zum Beispiel eine Staatsgründung, und häufig starke Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen nutzt. Nationale Identität kann in Nationalismus übergehen, wenn die Besonderheiten einer Nation besonders betont und für machtpolitische Zwecke instrumentalisiert werden. Die Übergänge zwischen nationaler Identität und Nationalismus sind oft fließend.
Nation und Erinnerung
Was nationale Identität bedeutet, hängt davon ab, was unter einer Nation verstanden wird. Ernest Renan fragte 1882 in einer Rede an der Sorbonne: „Was ist eine Nation?“ Er lehnte essentialistische Definitionen ab, nach denen Rasse, Sprache, Konfessionen oder Territorialgrenzen allein eine Nation bestimmen sollen. Solche Kriterien seien nicht auf alle Nationen übertragbar.
Nach Renan ist eine Nation nichts Materielles. Sie entsteht aus der gemeinsamen Erinnerung eines Kollektivs und aus der Übereinkunft, zusammenzuleben. Diese Übereinkunft muss immer wieder erneuert werden, was Renan als „tägliches Plebiszit“ beschreibt. Ein Plebiszit ist eine Abstimmung oder Zustimmung des Volkes; gemeint ist hier nicht unbedingt eine formale Wahl, sondern die dauernde Bereitschaft, zusammenzugehören.
Für das Verständnis nationaler Identität gelten Renans Betonung der Erinnerung und Andersons Konzept der vorgestellten Gemeinschaft als besonders wichtig. Jan Assmann verbindet beide Gedanken mit der Idee, dass Gesellschaften Selbstbilder entwerfen und über Generationen hinweg Identität fortsetzen, indem sie eine Kultur der Erinnerung ausbilden. Nationale Identität ist daher vor allem eine kulturelle Konstruktion, nicht einfach eine staatliche. Aleida Assmann zeigt für das kulturelle Gedächtnis, dass gemeinschaftliche Erinnerungen sich je nach historischem Kontext, Bedürfnissen der Gemeinschaft und Zielen der Identitätskonstrukteure verändern. Kollektive Erinnerungen werden aus der Gegenwart heraus ausgewählt und gedeutet; dadurch verändert sich auch die nationale Identität.
Erzählungen und Medien
Nationale Identität wird ähnlich wie personale Identität durch Erzählungen aufgebaut. Eine Person bildet ihr Selbstbild durch Geschichten über sich selbst; Gemeinschaften bilden nationale Identität durch Erzählungen, in denen Erinnerungen mit nationalem Bezug weitergegeben werden. Patrick Colm Hogan fasst diese Bedeutung so zusammen: “Nationhood, everyone now seems to agree, is inseparable from storytelling.”
Solche Erzählungen bestimmen, welche historischen Ereignisse als prägend für die Nation gelten und wie die Geschichte gedeutet werden soll. Früher wurden nationale Ereignisse und Themen mündlich überliefert. Sie können aber auch an Orte und Bauwerke gebunden sein, zum Beispiel an Denkmäler, und durch literarische Texte oder Filme ein großes Publikum erreichen.
Der Kulturwissenschaftler Stuart Hall nennt fünf Grundelemente der Erzählung einer Nationalkultur. Erstens gibt es eine Erzählung der Nation, die geschichtliche Ereignisse, nationale Symbole und Rituale verbindet und gemeinsame Erfahrungen, Sorgen, Triumphe und Niederlagen deutet. Zweitens wird Ursprung und Kontinuität betont: Die nationale Identität erscheint als etwas, das dauerhaft erhalten bleibt. Drittens gibt es die Erfindung von Traditionen; Hall weist darauf hin, dass viele angeblich alte Traditionen erst kürzlich entstanden sind, etwa bestimmte Prozeduren der britischen Monarchie als „Produkt des späten 19. und des 20. Jahrhunderts“. Viertens gehört ein Gründungsmythos dazu, durch den alternative Geschichten oder Gegenerzählungen entstehen. Fünftens wird oft ein reines ursprüngliches Volk erzählt.
Als Beispiel nennt der Artikel die Statue von Wilhelm Tell, dem mythischen Nationalhelden der Schweiz, der als Idealbild die freiheitsliebende und unbeugsame Wesensart der Eidgenossen im Kampf gegen „fremde Richter“ symbolisiert. In Deutschland wird nationale Identität seit einigen Jahren verstärkt in Fernsehfilmen über den Nationalsozialismus und die DDR verhandelt. In Hollywood-Spielfilmen gelten dagegen Themen wie die Verfassung, die Gründerväter, Präsidenten oder Kriege als national bedeutsam.
Staaten, Nationalismus und Gegenwart
Nationale Identität entsteht vor allem aus gemeinsamen Erinnerungen und ist deshalb zuerst ein kulturelles, nicht ein politisches Phänomen. Nationen und nationale Identitäten können unabhängig von Staaten existieren. Der Artikel nennt als Beispiele die Basken, die Roma sowie die frankophonen und indigenen Einwohner Kanadas: Sie verfügen über starke Identitäten, ohne notwendigerweise einen eigenen Staat zu haben.
Gleichzeitig können nationale Identitäten zur Grundlage nationalistischer Bewegungen werden. Die Nationalismen und Nationalstaatsgründungen des 18. und 19. Jahrhunderts beruhten auf bestehenden nationalen Identitäten, die für politische Zwecke genutzt oder erst konstruiert wurden. Auch der Zerfall Jugoslawiens nach dem Fall des Tito-Regimes in den 1990er Jahren wurde beschleunigt, als unterschiedliche nationale Identitäten in Nationalismen mündeten. Dies führte sowohl zu ethnischen Säuberungen als auch zu neuen Staatsgründungen. Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich nach der Auflösung der Sowjetunion ab 1989 in der ehemaligen UdSSR und in Osteuropa, wo Menschen mit verschiedenen nationalen Identitäten zuvor zwangsweise in die Sowjetunion oder den Ostblock integriert worden waren und nach deren Zerfall eigene souveräne Staaten gründeten.
Die Bedeutung nationaler Identität wurde weder durch Individualisierung im 20. Jahrhundert noch durch Globalisierung oder supranationale Gebilde wie die Europäische Union aufgehoben. Die 2008 begonnene Eurokrise zeigte laut Artikel, dass weiterhin starke nationale Identitäten und starke Vorurteile gegenüber anderen Nationen bestehen. Ökonomische Probleme und Unzufriedenheit mit politischen Entscheidungen führten in einzelnen Ländern zu mehr Vorurteilen und Abgrenzungen gegenüber anderen Ländern, verbunden mit dem Ziel politischer und wirtschaftlicher Autonomie. Daraus konnten Formen von Nationalismus entstehen, die einzelne politische Parteien nutzbar machten oder kreierten.
Nationale Identitäten gehören nicht nur zu einer bestimmten politischen Richtung. Historisch haben sowohl linke als auch rechte Parteien bei der Formulierung ihres Machtanspruchs auf die Nation Bezug genommen und ihr Engagement für nationale Interessen betont. Als extreme Beispiele nennt der Artikel die nationalsozialistische Ideologie und Stalins Vaterländischen Krieg; zugleich verweist er darauf, dass auch nahezu jedes heutige Wahlprogramm nationale Interessen anspricht. 2023 richtete Israel mit der Jewish National Identity Authority eine eigene Behörde ein, die für seine nationale Identität als jüdischer Staat verantwortlich ist.