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Globale Religionsgeschichte in Zeitenwenden | Antrittsvorlesung Prof. Dr. Julian Strube

Universität Göttingen1:03:15 2.430 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

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Transkriptautomatisch erstellt · 462 Zeilen
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  1. Ich grüße alle ganz herzlich. Es freut mich, dass Sie auch so zahlreich erschienen sind,
  2. dass Ihr so zahlreich erschienen seid. Ich hoffe, das reicht vom Büffet her ein bisschen. Also möglichst schnell aufspringen
  3. und hinsprinten. Das zeigt aber, dass das Thema auch von einer gewissen Relevanz ist. Die Erfahrung
  4. habe ich ja neulich schon mal gemacht, im selben Raum. Ich denke, dass auch gerade das Thema Interkulturalität
  5. von ganz besonderer Bedeutung ist, um in diesen turbulenten Zeiten vielleicht einen winzig kleinen Beitrag zu leisten.
  6. Und wir alle können ja aktuell einen regelrechten Frontalangriff auf freiheitlich demokratische Strukturen und Werte beobachten
  7. oder gar selbst erleben. Dass Universitäten dabei weltweit zu den Hauptzielen zählen, führt uns die enge Verschränkung
  8. von Demokratie und Wissenschaft vor Augen. Die, für die ich in meinem Vortrag argumentieren möchte. Die Radikalität und Geschwindigkeit
  9. der aktuellen Entwicklungen wird viele überraschen und das ist auch durchaus beabsichtigt. Hithithit ist eine bekannte Devise
  10. des ehemaligen Trump Berater Steve Bannon, der nach wie vor zu den wichtigsten Strategen nicht nur der MAGA Bewegung,
  11. sondern in internationalen Netzwerken zählt. Schlag auf Schlag werden wir mit einer noch vor kurzem undenkbar erschienenen Handlung
  12. nach der anderen konfrontiert. Und ehe wir analysiert haben, was eigentlich gerade geschehen ist, wurde schon das nächste Tabu gebrochen,
  13. die nächste Maßnahme ergriffen. Diese Ereignisse sind das Ergebnis Jahrzehnte langer Entwicklungen.
  14. In unserer jetzigen Situation ist es von allergrößter Wichtigkeit, die historischen Entwicklungen ruhig und sorgfältig zu Untersuchen,
  15. die uns das politische Geschehen der Gegenwart verständlich machen. Ich werde im Folgenden darlegen, dass es dazu eines
  16. verflechtungsgeschichtlichen Ansatzes bedarf, der über Sprach, Landes und Kulturgrenzen hinausgeht.
  17. Ein Ansatz, der Verworrenheit als Forschungsgegenstand begreift und sich dabei nicht verwirren lässt. Meiner Argumentation nach
  18. ist dieses wissenschaftliche Erkenntnisinteresse kein akademischer Selbstzweck, keine Nabelschau im Elfenbeinturm.
  19. So wie ich eine globale Religionsgeschichte verstehe, die eben solch einen verflechtungsgeschichtlichen
  20. Ansatz verfolgen möchte, geht es um praktizierte Verantwortung für Demokratie, um die sachliche Begründung
  21. und das Eintreten für universelle Menschenrechte, demokratische Werte und internationales Recht.
  22. Wenn ich im Folgenden also mit einer sehr knappen Vorstellung meiner Interpretation einer globalen Religionsgeschichte
  23. beginne, so tue ich dies mit mit Nachdruck aus meiner eigenen Perspektive. Diese beansprucht keine Gültigkeit für die verschiedenen Verständnisse
  24. einer globalen Religionsgeschichte und schon gar nicht für die Religionswissenschaft. Ich verstehe meinen Vortrag
  25. als Gesprächsangebot und einer Aufforderung, alte Fehler zu vermeiden und gesellschaftliche Verantwortung
  26. zu übernehmen und unabhängig von fachlichen, weltanschaulichen und sonstigen Differenzen
  27. gemeinsam als Forschende und Lehrende, als Studierende für die freiheitliche Demokratie und damit auch für freie Wissenschaft
  28. einzutreten. Dazu werde ich das Schlagwort von der Zeitenwende, vor einem verflechtungsgeschichtlichen Hintergrund einordnen,
  29. um dann ein Schlaglicht auf die Kontinuitäten rechtsextremer und rechtsradikaler Ideologien
  30. in den letzten 100 Jahren zu werfen. Dies wird es mir abschließend erlauben, ein Plädoyer für einen möglichen Beitrag der Religionswissenschaft
  31. zu gesellschaftlichen Entwicklungen zu formulieren. Ich möchte unterstreichen, dass es sich bei der Rede
  32. von einer globalen Religionsgeschichte nicht um einen monolithischen Block handelt, nicht um einen homogenen Ansatz,
  33. sondern um ein Forum, in dem sich verschiedene Forschende aus unterschiedlichen Perspektiven über die mitunter
  34. größten Herausforderungen der Religionsforschung austauschen. Ich werde den theoretischen Teil meiner Vorlesung
  35. auf ein Minimum reduzieren und stattdessen viel Primärmaterial diskutieren. Schnallen Sie sich schon mal an. Die Grundanliegen
  36. einer globalen Religionsgeschichte sollen aber erstens verdeutlichen, aus welcher Perspektive ich historisch argumentieren werde
  37. und Ihnen zweitens vor Augen führen, inwiefern diese Perspektive einen gesellschaftlichen Beitrag leisten könnte.
  38. Einer globalen Religionsgeschichte geht es darum, die Bedeutung von Religion als Ergebnis kultureller Austauschprozesse zu verstehen,
  39. die ständigen Aushandlungsprozessen unterworfen sind. Es gibt nicht die eine Bedeutung von Religion,
  40. die in Europa oder dem Westen entstanden ist und dann in den passiven Rest exportiert wurde. Um stattdessen
  41. die komplexen Austauschprozesse zu untersuchen, bedarf es einer dezentrierten Geschichtsschreibung,
  42. die die lokalen Kontexte historisch philologisch sorgfältig in ihrem eigenen Recht und unter Berücksichtigung
  43. ihrer globalen Verflechtungen untersucht. Mit Austausch ist dabei keineswegs ein harmonisches Miteinander im Sinne romantisierender Vorstellungen
  44. gemeint. Gewalt, Unterdrückung, Ausbeutung sind Teil dieser Geschichten, nicht zuletzt in den kolonialen Kontexten der letzten Jahrhunderte.
  45. Trotz dieser Machtasymmetrien gilt es aber die Handlungsmacht, die "agency" auch etwa kolonisierter Menschen zu berücksichtigen
  46. und diese als Teilhaben an globalen Streitigkeiten über die Bedeutung von Religion und vielen anderen Dingen
  47. auch zu untersuchen. Dazu bedarf es einer konsequenten Historisierung durch einen genealogischen Ansatz, der Religionsverständnisse
  48. in ihrer umstrittenen Entstehungsgeschichte rekonstruiert, dabei Brüche und Kontinuitäten berücksichtigt
  49. und glatte Narrative bewusst vermeidet. Dieser Ansatz impliziert eine Eurozentrismuskritik, die postkolonialen Ansätzen
  50. verpflichtet bleibt, sich aber auch kritisch mit bestimmten Tendenzen in diesem Spektrum auseinandersetzt.
  51. So hat beispielsweise eine ausschließliche Fokussierung auf die Übermacht der Kolonisatoren manchmal dazu geführt,
  52. dass die Rolle der Kolonisierten ähnlich wie in "klassisch eurozentrischen" Arbeiten ausgeblendet wurde.
  53. Bestimmte Vorstellungen von kultureller Inkommensurabilität, von vorkolonialer kultureller Reinheit,
  54. die es wiederherzustellen gelte, können historische Komplexitäten und Ambivalenzen nur unzureichend abbilden und lassen sich allzu leicht
  55. ideologisch wenden. All dies wird in der postkolonialen Forschung seit Jahrzehnten konstruktiv debattiert. Der indische Historiker
  56. Dipesh Chakrabarty hat in seiner im Jahr 2000 erschienenen Studie "Provincializing Europe" dazu aufgerufen, Europa
  57. nicht als singulären Pol der Geschichtsschreibung zu zentrieren. Vielmehr müsse Europa als einer von vielen Schauplätzen
  58. global verflochtener Entwicklungen begriffen werden, einfach weil dies der historischen Realität viel näher komme
  59. als die verzerrende Linse des Eurozentrismus. Eine solche kritische Auseinandersetzung mit der Rolle Europas
  60. müsse allerdings Fallstricke vermeiden. Die Provinzialisierung Europas, so Chakrabarty, ruft nicht dazu auf, die Moderne,
  61. die liberalen Werte, die Universalität, die Wissenschaft, die Vernunft, die großen Erzählungen, die totalisierenden Erklärungen
  62. usw. einfach und ohne Weiteres abzulehnen. Das Projekt der Provinzialisierung Europas kann also kein Projekt des Kulturrelativismus sein.
  63. Es kann nicht von dem Standpunkt ausgehen, dass die Vernunft/Wissenschaft/ Universalien, die dazu beitragen, Europa als die Moderne zu definieren,
  64. einfach "kulturspezifisch" sind und daher nur den europäischen Kulturen gehören. Es ist wichtig zu betonen,
  65. dass es sich beim Ansatz einer globalen Religionsgeschichte eben nicht um Kulturrelativismus, um radikalen Konstruktivismus,
  66. um postmoderne Beliebigkeit geht handelt, sondern um ein Plädoyer für wissenschaftlich sorgfältiges Arbeiten auf den soliden Grundlagen
  67. historisch-philologischer Methoden. Dass dieses Vorgehen historische Kontingenz und Machtkonstellationen
  68. reflektiert, die Instabilität von Bedeutung, die ständige Umstrittenheit von Begriffen wie Religion,
  69. begreife ich als eine Annäherung an die Realität mit all ihren Wirren und Ambivalenzen und nicht als ihre übertheoretisierte
  70. Abstraktion oder ideologische Verzerrung. Eine so verstandene konsequente Historisierung,
  71. eine ständige Selbstreflexion und eine auch als Ethos verstandene Kritik sind schwer durchzuhalten und oft auch auszuhalten.
  72. Ebenso wie Demokratie mitunter schwer durch- und auszuhalten ist. Nicht die eine ewige, unumstößliche Wahrheit,
  73. nicht die eine Meinung, nicht die eine Position, nicht der eine Ansatz. Sollte unsere Gesellschaft,
  74. unsere Forschungskultur bestimmen. Religionswissenschaftliche Forschung ruft meines Erachtens zur Skepsis gegenüber kategorischen Setzungen auf,
  75. gegenüber Ein- und Ausgrenzungen, gegenüber der Proklamation stabiler monolithischer Identitäten. Diese können legitim vertreten werden,
  76. müssen aber immer auch Gegenstand einer demokratischen und wissenschaftlichen Streitkultur sein können.
  77. Dies ist nicht die destruktive "Dekonstruktion" von Demokratie, universellen Menschenrechten usw.,
  78. sondern ihre Voraussetzung. Das seit der Rede von Bundeskanzler Scholz geflügelte Wort von der Zeitenwende möchte ich hier als symptomatischen Impuls
  79. für damit zusammenhängende Entwicklungen aufgreifen, die weit über den russischen Überfall auf die Ukraine hinausgehen
  80. und untrennbar mit den eingangs angedeuteten Ereignissen verbunden sind. Und Sie werden bald merken, worauf Sie sich hier eingelassen haben.
  81. Spätestens dann, wenn Ihnen nach einer Stunde die Köpfe rauchen. Das von mir vorgestellte Material
  82. ist nicht zuletzt deshalb verworren und verwirrend, weil dies politstrategisch so gewollt ist. Aber gerade
  83. für eine solche Herausforderung ist eine globale Religionsgeschichte bestens gerüstet. Meine Darstellung wird sich hier weitgehend
  84. auf den Westen konzentrieren, und zwar aus zwei Gründen: Erstens ist es schon herausfordernd genug, die hier ausgewählten Verflechtungslinien
  85. zu verfolgen. Zweitens ist die Erforschung globaler Verflechtungen etwa nach Asien oder Südamerika
  86. vielfach ein Forschungsdesiderat, dessen Dringlichkeit ich Ihnen punktuell aufzeigen, aber nicht stante pede erfüllen kann.
  87. Ich werde daher an verschiedenen Stellen auf Verbindungen hinweisen, die es weiter zu erforschen gilt. Sei es nach Russland, Indien, Argentinien
  88. oder Iran. Der Ausgangspunkt meiner Untersuchung ist das Verhältnis der sogenannten Neuen Rechten
  89. zum schillernden Bereich der Esoterik, über das ich unlängst in diesen Räumlichkeiten hier vorgetragen habe.
  90. Es wird daher zunächst einige Überlappungen geben. Aber keine Sorge, die beiden Vorträge ergänzen sich
  91. und Sie können bei Interesse gerne nachvollziehen, in welche Richtung ich im Januar weiter in die Tiefe
  92. gegangen bin. Die Bedeutung von Esoterik, aber auch der "Neuen Rechten" ist äußerst unklar und umstritten.
  93. Begeben wir uns also in guter genealogischer Manier in medias res und schauen, wie sich einer der führenden Köpfe
  94. der Identitären Bewegung, der Österreicher Martin Sellner, vor einigen Jahren dazu geäußert hat. Er tat dies im September 2020
  95. in einer der führenden neurechten Publikationen, dem Blog der Sezession, in einem Artikel über den sogenannten Sturm
  96. auf den Reichstag im August 2020. Die Identitäre Bewegung wird einigen von ihnen, nicht zuletzt aufgrund ihrer Polemik
  97. gegen den angeblichen "Großen Austausch" bekannt sein, eine Verschwörungserzählungen, die den gezielten Bevölkerungsaustausch
  98. Europas durch von Eliten gesteuerte Einwanderung behauptet. Die sich daraus ergebende Forderung nach "Remigration"
  99. wird nicht zuletzt von der AfD lautstark gefordert. Es muss betont werden, dass die sogenannte Neue Rechte,
  100. die AfD und Identitären nicht deckungsgleich sind. Es handelt sich um fluide, oft zerstrittene, heterogene,
  101. aber dennoch eng verflochtene und überlappende Bereiche. Dies lässt sich etwa an der engen Beziehung
  102. zwischen Götz Kubitschek, einer zentralen Figur der deutschen Neuen Rechten, und Björn Höcke, verdeutlichen,
  103. die wiederum beide eng mit Martin Sellner verbunden sind. Sie sehen, es geht hier auch ein bisschen um einen Übergang
  104. zu einer jüngeren Generation. Kubitschek war eine Führungspersönlichkeit im 2000 gegründeten Institut für Staatspolitik,
  105. das sich nach der Einstufung durch den Verfassungsschutz als "gesichert rechtsextrem" im Mai 2024 taktisch aufgelöst hat.
  106. Das IFS kann als ideologisches Zentrum der deutschsprachigen Neuen Rechten gelten und zeichnete unter anderem für den Verlag Antaios
  107. verantwortlich, der auch die Sezession herausgibt. Auch hier erfolgte eine Einstufung als "gesichert rechtsextrem".
  108. Wie bewertete Sellner nun also diese Ereignisse vom 29. August 2020, als mehrere Hundert Personen versuchten, in den Reichstag in Berlin einzudringen?
  109. Wie einige sich vielleicht erinnern können, wurde im öffentlichen Diskurs schnell ein Zusammenhang
  110. mit Verschwörungsideologien, esoterisch geprägten Bewegungen und Reichsbürgern gesehen, wobei die US-amerikanischen Flaggen
  111. und QAnon-Motive bereits auf transatlantische Dimensionen verweisen, die uns im Folgenden noch interessieren
  112. werden. Zur Erinnerung: Am 6. Januar des darauffolgenden Jahres kam es zu diesem weitaus umfangreicheren und gewaltvolleren
  113. und wohl auch deswegen erfolgreichen Sturm auf das Kapitol in Washington, D.C. Anders als man vielleicht meinen könnte, zeigte Sellner nun aber
  114. keine uneingeschränkte Sympathie für die als "esoterisch" wahrgenommene Komponente des Geschehens in Berlin.
  115. Er schrieb: Die völkischen Rauschebärte von einst sind die Corona-Esoteriker von heute. Von Fahrenkrug über Fidus, Gräser,
  116. Marby bis hin zu Guido von List wären sie heute wohl alle bei den Querdenkern dabei und würden im Tiergarten campieren.
  117. Die traditionalistische Kritik an diesem pseudoreligiösen Phänomen, welche insbesondere von Julius Evola und René Guénon perfektioniert wurde,
  118. soll hier nicht thematisiert werden. Wir sehen hier eine für den neurechten Diskurs typische Unterscheidung
  119. zwischen einer belächelten "New Age"-Esoterik, deren historische Tiefe in Gestalt der Völkischen
  120. und der Lebensreform durchaus erkannt wird, und einem zumindest implizit hier respektvoll behandelten anderen Bereich,
  121. dem sogenannten Traditionalismus. Und Esoterik ist, wie gesagt, ein schillernder Begriff mit vielen kontroversen Bedeutungen,
  122. wie ja Sellers sarkastische Differenzierung es uns bereits vor Augen geführt hat. In diesem Vortrag
  123. konzentrieren wir uns auf den so genannten esoterischen Traditionalismus, der insofern "esoterisch" ist, als dass er die Existenz
  124. einer universalen übergeschichtlichen Wahrheit behauptet, die nicht allen Menschen zugänglich sei. Es bedürfe der Initiation, der Einweihung
  125. in dieses Wissen, das sich in verschiedenen Formen manifestieren könne im Hinduismus, im Christentum, im Islam,
  126. im Judentum, im Daoismus, nahezu überall. Es gibt nicht den einen Traditionalismus, sondern eine Reihe teils höchst unterschiedlicher Autoren.
  127. Den von Sellner eben neben Julius Evola erwähnten René Guénon zum Beispiel müssen wir an dieser Stelle
  128. aus Zeitgründen leider komplett ausblenden. Traditionalistische Autoren verbindet ein extremer Antimodernismus, der die Moderne als Verfall
  129. "traditionaler" Werte und Lebensweisen versteht. Sie können sich vorstellen, dass dieser Grundgedanke sehr,
  130. sehr unterschiedlich weitergeführt werden kann. Für Evola resultierte daraus unter anderem die Frage nach der Wiederherstellung
  131. einer streng hierarchischen, elitaristischen, sogenannten "organischen" Gesellschaftsordnung, die transzendental,
  132. spirituell begründet sei. Die von Evola so genannte "Zersetzung" durch die Moderne geschehe durch Demokratie, Liberalismus, Sozialismus
  133. und Feminismus, ist sowieso allem Progressiven geschuldet, für das besonders die Juden verantwortlich gemacht werden.
  134. In den 1920er Jahren suchte Evola engen Kontakt zum faschistischen Regime in Italien sowie seit den 30er Jahren
  135. auch zu den Nationalsozialisten. Anders als es von seinen Anhängern gerne dargestellt wird, bot Evola seine eigenen Ideen
  136. diesen Regimen nicht nur an, sondern betrachtete sie als noch radikaler, etwa als er sich als rechts des Faschismus
  137. stehend beschrieb. Zu seinen heute noch am meisten gelesenen Schriften zählen die Revolte gegen die moderne Welt von 1934 sowie seine Nachkriegsbücher
  138. Menschen inmitten von Ruinen von '52 und Den Tiger Reiten von '61. Bereits zur Zeit des Erscheinens wurden einige dieser Titel
  139. ins Deutsche übersetzt, darunter als Erhebung wider die moderne Welt, Heidnischer Imperialismus
  140. und Grundrisse der faschistischen Rassenlehre. In den 1990er Jahren kam es dann zu Neu- und Erstübersetzungen
  141. in einem politischen Klima, mit dem wir uns in Kürze näher befassen werden. Diese Veröffentlichungen
  142. erschienen in führenden rechtsextremen Verlagen wie dem Arun Verlag und dem Hohenrain Verlag,
  143. ein Ableger des Grabert Verlages, der wichtigste rechtsextreme Verlag der Nachkriegszeit mit Wurzeln schon in den Jahrzehnten davor.
  144. Begeben wir uns vor diesem Hintergrund wieder in die jüngere Vergangenheit. Nachdem also das Institut für Staatspolitik
  145. im Mai 2024 geschlossen worden war, erschien im darauffolgenden Juni eine Sonderausgabe der Sezession im Zeichen der Dissidenz
  146. bzw. des Widerstandes. Diese Ausgabe kann angesichts der Umstände als besonders programmatisch eingeschätzt werden.
  147. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich ein Artikel in dieser Ausgabe dezidiert Evola widmet. Er stammt aus der Feder
  148. von Martin Lichtmesz. Eigentlich Martin Semlitsch, der zu den profiliertesten Autoren der Neuen Rechten und Identitären zählt.
  149. Wir lesen: Es gibt wohl kaum jemanden im alternativ-rechten Spektrum, dem der Name Julius Evola unbekannt ist oder der den zauberischen Titel
  150. seines berühmtesten Werkes Revolte gegen die moderne Welt von 1934 noch nie gehört hat. Die Bedeutung, die Lichtmesz Evola beimisst,
  151. wird auch durch den Titel eines Buches unterstrichen, in dem sich unter anderem Lichtmesz Übersetzung
  152. einer programmatischen Schrift von Renaud Camus über den "Großen Austausch" findet. Die Wahl des Buchtitels
  153. unterstreicht, illustriert, wie die Ideologie Evolas explizit mit gegenwärtigen neurechten Narrativen
  154. in Verbindung gebracht wird: Revolte gegen den Großen Austausch. In den Worten Lichtmesz gehe es bei Evola um das politische Problem
  155. des Untergangs des Abendlandes. Lichtmesz konstatiert: die Frage nach den Ursachen des Verfalls und des Sterbens
  156. der europäischen Zivilisation beantwortet Evola mit einem grandiosen, im erweiterten Wortsinne metapolitischen, mythischen Entwurf.
  157. Wie weit verbreitet die Rezeption Evolas in rechtsradikalen und extremistischen Kreisen ist, wird unter anderem durch eine Publikation
  158. des Verlages Arktos weiter illustriert, eine Sammlung von Schriften Evolas als Handbook for Rightwing Youth mit einem Vorwort
  159. des ehemaligen Vorsitzenden der ungarischen Jobbik Partei, Gábor Vona. Wir lesen in der Beschreibung ganz ähnlich:
  160. Evola believed that it was only by channeling the energies of the rebellious youth into the political
  161. Right - not the Right of today, but rather that Right which represents the timeless principles which stem
  162. from before the advent of liberalism - thus restoring the West to a healthy and organic condition ones again. Laut Lichtmesz wiederum
  163. sei Evolas traditionale Welt streng hierarchisch gegliedert: Sie ist die kompromisslose Antithese zur abnormen, modernen Welt
  164. mit ihren egalitären, humanistischen, demokratischen, individualistischen, progressiven Ideen. Wer trotz allem aufrecht bleibt,
  165. wird auch im Kali-Yuga Früchte erlangen können, die für Menschen anderer Zeitalter kaum erreichbar waren.
  166. Die Rede vom Kali-Yuga, wörtlich "das Zeitalter der hinduistischen Göttin Kali", wurde vor allem durch Evola
  167. zu einem integralen Bestandteil rechtsradikaler Diskurse und erfreut sich immer noch wachsender Beliebtheit.
  168. Aus seiner orientalistisch geprägten Perspektive rezipierte Evola insbesondere tantrische Ideen,
  169. für die das Kali-Yuga als Zeitalter des Verfalls von zentraler Bedeutung ist. Im Gegensatz zum vergangenen Goldenen Zeitalter
  170. könne man heute nicht mehr vollkommen nach alten vedischen Idealen leben. Dennoch könne man auch unter diesen widrigen Umständen
  171. den Tiger reiten, sich den Übeln aktiv stellen, sich diese zunutze machen, als Held und Krieger
  172. inmitten der Ruinen der modernen Welt aufrecht stehen. Dieses auf den ersten Blick pessimistische Weltblick
  173. hat durchaus eine eine hoffnungsvolle Stoßrichtung aufgrund der zugrunde liegenden zyklischen Kosmologie.
  174. Denn das Zeitalter der Regeneration, das nächste Goldene Zeitalter, stehe bevor. Hier möchte ich eine der globalen Verbindungen markieren,
  175. die sich nun weiterverfolgen ließen. Evola stützte sich nämlich bei seiner eigenwilligen Auslegung hinduistischer Ideen
  176. weitgehend auf Quellen, die im Zentrum meiner letzten Monographie standen. Sowieso gälte es, Verbindungen nach Indien,
  177. insbesondere mit Blick auf den Hindu-Nationalismus, weiter zu untersuchen, worauf ich an späterer Stelle
  178. nochmals verweisen werde. Statt nach Osten möchte ich nun aber nach Westen springen und mich dem eingangs erwähnten Steve Bannon zuwenden.
  179. Dieser arbeitete im Jahr 2018 unter anderem mit Kardinal Raymond Burke zusammen, um in Italien eine Kaderschmiede im Sinne
  180. der sogenannten "Konservativen Revolution" aufzubauen, ein ideologisches Konstrukt der "Neuen Rechten",
  181. über das wir gleich noch mehr hören werden. Das Ziel der Kaderschmiede lautete in eigenen Worten: To promote
  182. a number of projects that should make a decive contribution to the defense of what used to be called Christendom.
  183. Diese Zusammenarbeit reichte bereits mehrere Jahre zurück und äußerte sich eindrücklich im Juni 2014,
  184. als Bannon per Videoschalte auf der Konferenz des katholisch- traditionalistischen Dignitatis
  185. Humanae Instituts eine aus vielen Gründen bemerkenswerte Rede hielt. Uns interessiert hier vor allem eine Passage,
  186. die auf ein Lob Wladimir Putins als "sehr intelligent" folgt: Wenn you really look at home of the underpinnings of some of
  187. Putin's beliefs today, a lot of those come from what I call Eurasianism; he's got an advisor who harkens back to Evola and different writers
  188. of the early twentieth century who are really the supporters of what is called the traditionalist movement, which really eventually metastasized
  189. into Italian fascism. A lot of people are traditionalists are attracted to that.
  190. Nachdem Bannon 2016 in seiner Funktion als Trump-Berater im Weißen Haus zu großer Prominenz gelangt war,
  191. sorgten diese Bemerkungen für einigen Wirbel. Die New York Times zeigte sich alarmiert über die Erwähnung Evolas,
  192. während ein Artikel im Atlantic vor allem hervorhob, dass Evola als Galionsfigur der amerikanischen Alt-Right
  193. doch eigentlich ein Feind des Christentums gewesen sei. Und das ist richtig. Evola polemisierte gegen das Christentum als schwach,
  194. proklamierte dagegen den "heidnischen Imperialismus", dem Sie vorhin kurz in Buchform begegnet sind.
  195. Hier möchte ich einen der wichtigsten Aspekte unseres Wirrwarrs hervorheben, nämlich die Verbindung
  196. teils äußerst unterschiedlicher Auffassungen über Religion, die doch auf erstaunlich gute Weise
  197. miteinander politisch harmonieren können. Ein Hauptgrund dafür sind gemeinsame Feindbilder. Der von Bannon erwähnte Eurasianismus
  198. ist ein gutes Beispiel. Dessen Hauptvertreter Alexandr Dugin berief sich ebenfalls grundlegend auf die Ideen Evolas.
  199. Er betrachtet den modernen Westen als degeneriert, abgefallen von seinen traditionalen Idealen.
  200. Manche von Ihnen können sich gut denken, wie das sehr gut mit der russischen Propaganda der letzten Jahre funktioniert.
  201. Dugins Rolle dafür wurde häufig überzeichnet, sie ist aber substanziell und vor allem mit Blick
  202. auf internationale extremistische Netzwerke von Relevanz. Hierzu gibt es bereits einige hochwertige Forschung,
  203. die jedoch immer noch nur an der Oberfläche kratzt. Ein weiterer Sprung auf den Fährten der Evola-Rezeption
  204. führt uns nach Italien, genauer gesagt zu Alessandro Giuli, dem Kulturminister der Regierung Giorgia Meloni.
  205. Giuli hat sich wiederholt wohlwollend auf zentrale Ideen Evolas bezogen und gilt daher als Vertreter evolianischer Positionen.
  206. Erst im vergangenen Oktober fiel er dadurch auf, dass er sich in seiner Rede auf der Frankfurter Buchmesse
  207. auf mehrere Kernkonzepte Evolas berief. Giuli war bereits in den frühen 90er Jahren Mitglied einer radikalen Gruppierung
  208. namens Meridiano Zero, deren Logo mit Algiz-Rune rechts zu sehen ist. Generell kann die Rezeption Evolas in Entwicklungen
  209. seit der italienischen Nachkriegszeit eingeordnet werden. Seit den 50ern spielte Evola in neofaschistischen Bewegungen
  210. wie dem Movimento Sociale Italiano eine zentrale Rolle. Evola selbst betrachtete den MSI allerdings als zu links, kein Scherz,
  211. und arbeitete vor allem mit Mitgliedern des Ordine Nuovo zusammen, eine Gruppierung, die in ihrer Selbstdarstellung
  212. kaum auf symbolische Zurückhaltung setzte und für die Evola eine zentrale Rolle spielte. Dies weist exemplarisch darauf hin,
  213. dass Evola in der ideologischen Entwicklung des italienischen Neofaschismus eine zentrale Rolle spielte.
  214. Das Einfluss auf den Kultursektor kann auch auf institutioneller Ebene vermutet werden, etwa in der Fondazione Julius Evola,
  215. zu deren Publikationen auch Giuli beitrug, wie hier zu den Studi Evoliani 1998. Den Medien fällt die Einordnung dieser Entwicklungen
  216. in aller Regel schwer. Evola taucht insbesondere hierzulande nur sehr selten als prominenter Einfluss auf.
  217. Dabei wäre dies wichtig, um bestimmte kulturpolitische Maßnahmen zu verstehen. Dazu zählt, dass die Biennale in Venedig
  218. nun unter der Präsidentschaft eines weiteren Evolianers steht, der einem ganz besonders radikalen evolianischen Hintergrund entstammt.
  219. Ich sehe schon ein bisschen die Köpfe rauchen, aber wir führen unsere dichte Analyse in Richtung der USA fort. Dort ist Evola, wie bereits angedeutet,
  220. ein integraler Bestandteil der Alt-Right. Wie dies auch indirekt mit Entwicklungen auf höchster politischer Ebene zusammenhängen könnte,
  221. kann ein Interview zwischen dem extremistischen Podcaster Jack Murphy und dem jetzigen US-Vizepräsidenten
  222. J.D. Vance vom 17. September 2021 illustrieren. Vance, ein ehemaliger Evangelikaler, der 2019 zum Katholizismus konvertierte,
  223. sagte zum Vorhaben eines kompletten politischen und gesellschaftlichen Umsturzes das Folgende:
  224. So step one in the process is to totally replace - like rip out like a tumor - the current American leadership class,
  225. and then reinstall some sense of American political religion. Sein Gastgeber hakte nach: How do we rip out this disgusting leadership
  226. class? Besides voting them out, which as we're seeing is ineffectual. Vances Antwort: This is a tough question,
  227. but this is maybe the question that confronts us right now. There is this guy Curtis Yarvin who's written about about some of these things.
  228. Curtis Yarvin ist einer der wichtigsten Autoren des selbstreferentiell so genannten "Dark Enlightenment".
  229. Auch unter dem Pseudonym Mencius Moldbug verbreitete er jahrelang seine Ideen über einen radikalen
  230. gesellschaftlichen Umsturz im Sinne einer ultrarechts- libertären Revolution. Seine Polemik gegen die Übel der Moderne
  231. ging dabei auf anscheinend paradoxe Weise mit einer Technikaffinität einher, die ihn und ähnliche Autoren zu maßgeblichen Einflüssen
  232. auf die Ideen eines Peter Thiel oder Elon Musk machten. Vielleicht haben Sie Musks Rede von "Dark MAGA" ja mitbekommen,
  233. Hier auch zu sehen in Mützenform. Direkte Referenzen auf Evola finden sich dort meines Wissens nicht. Doch geht es mir hier
  234. um eine breitere Kontextualisierung bestimmter Milieus und politischer Strömungen, in denen "Dark Enlightenment" und Evola
  235. selbst als Buzzword oder Meme, wie wir noch sehen werden, absolut omnipräsent und fundamental sind. Die Frage ist eben: warum eigentlich?
  236. Diese oft subkulturell und jugendkulturell signifizierten Tendenzen zielen auf einen kompletten Umsturz, den radikalen Abriss
  237. der bestehenden Ordnung ab, prominent versinnbildlicht durch die Kettensäge des argentinischen Präsidenten
  238. Javier Milei, die dieser Elon Musk auf der letzten Conservative Political Action Conference übergab. Es war ebenfalls
  239. auf der ja nicht gerade marginalen CPAC, dass Bannon den von seinen Verteidigern so genannten "Römischen Gruß" zeigte. Und auch Musks Geste auf einer Trump-Rally
  240. wird Ihnen wahrscheinlich bekannt sein. Das ist bei diesen Agenten nicht nur um Wirtschaftsreformen und die Optimierung von Regierungsstrukturen geht,
  241. liegt auf der Hand. Mileis Rede auf dem diesjährigen diesjährigen World Economic Forum in Davos zum Beispiel
  242. ging weit über Freihandelsrhetorik hinaus, indem sie ein konkretes Feindbild für den Niedergang des Westens verantwortlich machte.
  243. Dabei artikulierte Milei ein Selbstverständnis als Teil einer globalen Bewegung, das bezeichnend ist:
  244. Over the course of this year I have found allies in this fight for the ideas of freedom in every corner of the world -
  245. from the amazing Elon Musk to that fierce Italian lady, my dear Georgia Melanie, from Bukele
  246. in El Salvador zu Viktor Orbán in Hungary; from Benjamin Netanyahu in Israel to Donald Trump in the United States - slowly
  247. and international alliance has been forming among all those nations which like ours want to be free and believe in the ideas
  248. of liberty. Diese globale Rhetorik der Globalisierungsgegner ist nur auf den ersten Blick paradox. Gerade die aktuelle US-Politik
  249. könnte den Eindruck erwecken, es handele sich weniger um das Kappen globaler Verbindungen als um das Streben nach globaler Dominanz.
  250. Es scheint so, als ob diese nicht nur durch einen Wirtschaftskampf, sondern vor allem durch einen Kulturkampf erreicht werden solle,
  251. der sich durch eine Rhetorik von Krankheit und Heilung auszeichnet: It is our moral duty und our historical responsibility
  252. to dismantle the ideological edifice of sickly wokeism until we have succeded in rebuilding our historical cathedral, until we have ensured
  253. that the majority of western countries once again embrace the ideas of liberty. Wir erfahren: The common
  254. denominator among the countries that are failing is the mental virus of work ideology. Die Hauptverantwortung dafür
  255. läge bei "indoctrination centers disguised as universities". Wie rasant und erfolgreich diese Polemik Anklang findet,
  256. wie begeistert sie auch hierzulande aufgenommen wird, wurde uns unlängst durch das vieldiskutierte Gespräch
  257. zwischen Musk und Alice Weidel vor Augen geführt, gefolgt von seinem Auftritt auf einer AfD Veranstaltung
  258. und natürlich auch vor dem Hintergrund seiner wiederholten Auslassungen in den sozialen Medien. "Freiheit", "konservativ"
  259. und andere ganz explizit als politische Kampfbegriffe bezeichnete Wörter sind eine bewusste Resignifizierung.
  260. Sie zeigen uns den Erfolg von Strategien, die über Jahre, über Jahrzehnte hinweg im äußeren Bereich des rechten politischen Spektrums
  261. ganz offen diskutiert worden sind. Karlheinz Weißmann, ein protestantischer Theologe, Schullehrer und der wohl wichtigste Impulsgeber
  262. der Neuen Rechten seiner Generation, schrieb dazu 1986: Die Fähigkeit, in die Offensive zu gehen,
  263. muss entwickelt werden und dazu die Fähigkeit, die Situation zu beurteilen, ob hier der offene Angriff oder die politische Mimikry
  264. gefordert ist. 15 Jahre später schrieb er: Uns geht es nicht... uns geht es um den geistigen Einfluß, nicht die intellektuelle Lufthoheit
  265. über Stammtischen, sondern über Hörsälen und Seminarräumen interessiert uns. Es geht um Einfluss auf die Köpfe, und wenn die Köpfe auf den Schultern
  266. von Macht- und Mandatsträgern sitzen, umso besser. Und zwölf Jahre später: Metapolitik ist das langsame,
  267. geduldige Bohren dicker Bretter, Dass Geduld eine konservative Tugend ist, liegt auf der Hand. Aber man unterschätze nicht
  268. ihr Umsturzpotenzial. Das war vor zwölf Jahren. Strategien wie Metapolitik, der Einfluss auf den sogenannten vorpolitischen Raum,
  269. Ethnopluralismus als neu verpackter Nationalismus und Rassismus, das gesamte Projekt einer "Kulturrevolution
  270. von rechts" wird in neurechten, in der neurechten Sphäre seit den 1960er Jahren intensiv verhandelt.
  271. Und maßgeblich geht es dabei um solche politischen Kampfbegriffe, die neu besetzt werden sollen, wie zum Beispiel
  272. "konservativ" oder "Freiheit". Die Ziele sind Diskursverschiebung, die Resignifikation von Begriffen, das allmähliche Verschieben
  273. politischer Positionen in die gesellschaftliche Mitte, die Verwischung von Grenzen. Ich möchte dabei betonen,
  274. dass sich die hier herausgegriffenen Beispiele nicht über einen Kamm scheren will und dass ich mit meinem Schlaglicht
  275. auf Evola keineswegs die eine obskure Erklärung enthüllen möchte, die all das auf einmal verständlich macht.
  276. Mir geht es darum zu zeigen, wie auch unterschiedliche Positionen durch gemeinsame Feindbilder, Rhetoriken, Narrative und Referenzpunkte
  277. miteinander synergieren können. Die daraus resultierende Verwirrung ist oft gewollt. Bei der Entwirrung hilft es,
  278. diese zeitgenössischen Betrachtungen nun zumindest ansatzweise historisch einzuordnen.
  279. Ich tue das, indem ich erstens ein Schlaglicht auf die Wissenschaftsgeschichte zurzeit des NS und Faschismus werfe.
  280. Zweitens werde ich bestimmte Nachkriegsentwicklungen aus den Bereichen des von mir so genannten esoterischen (Neo-)Nazismus
  281. und der internationalen "Neuen Rechten" illustrieren, bevor ich einige zentrale Aspekte zum Verständnis dieser Entwicklungen herausstellen möchte.
  282. Ich kann mich für den ersten Schritt auf einige hochwertige Arbeiten stützen, unter denen ich diejenigen meines hiesigen Kollegen Fritz Heinrich
  283. und des Religionswissenschaftlers Horst Junginger hervorheben möchte. Ein wesentliches Ziel dieser Betrachtung ist es zu zeigen,
  284. wie Evola in der Nachkriegszeit Schritt für Schritt zu einem respektablen Denker gemacht werden sollte, nicht zuletzt durch seine Zuordnung
  285. zur sogenannten "Konservativen Revolution". Letztere wurde bekanntlich seit den 1950er Jahren von Armin Mohler propagiert und ist bis heute zentral
  286. für neurechte Ideologien. Dass diese Strategien mitunter in eklatantem Widerspruch zu den historischen Fakten stehen,
  287. kann uns über all das einiges beibringen. Zum italienischen Kontext gäbe es sehr viel zu sagen, Aber ich werfe mein erstes Schlaglicht
  288. auf die Aktivitäten Evolas nördlich der Alpen. Evola hat in den 1930er Jahren enge Kontakte
  289. insbesondere zur SS aufbauen können und dort vor allem zum Leiter des sogenannten Ahnenerbes. Walther Wüst. Ziel des Ahnenerbes
  290. war die Legitimierung des Nationalsozialismus durch ideologisch geleitete Wissenschaft, in deren Dienst
  291. sich Wüst vollkommen stellte. Als Indologe und Iranist war er an der LMU München Professor für "Arische Kultur- und Sprachwissenschaft",
  292. brachte es 1941 zum "Führer-Rektor" der Universität und zeichnete übrigens in dieser Funktion auch für die Verhaftung
  293. der Geschwister Scholl verantwortlich. In der SS hatte er eine steile Karriere hingelegt und zählte neben Heinrich Himmler
  294. und Walter Darré zu den Gründern des Ahnenerbes im Jahr 1935. Horst Junginger bezeichnet Wüsts Tätigkeiten, oder Taten,
  295. gerade auch mit Blick auf dessen Rolle für die Orientalistik und Religionswissenschaft, treffend als einen Tiefpunkt
  296. der deutschen Wissenschaftsgeschichte. Mehrere von Wüst gehaltene Reden wurden als "Indogermanisches Bekenntnis" veröffentlicht,
  297. doch setzte er sich nicht für eine Art neuheidnische Alternative zum Christentum ein. Wie die SS im Allgemeinen
  298. und die allermeisten nationalsozialistischen Funktionäre, vertrat er aus mehr oder weniger opportunistischen Gründen
  299. eine prochristliche Position und vermied eine Konfrontation mit den Kirchen - entgegen dem weit verbreiteten Glauben,
  300. die Nazis hätten sich für eine Art Heidentum eingesetzt. Dies erklärt, warum Evola einerseits mit offenen Armen empfangen worden ist
  301. und unterstützt wurde, andererseits aber auch auf Distanz gehalten und überwacht wurde. Zu den Themen,
  302. über die er im Juni 1938 in Deutschland referierte, zählte etwa "Die arische Lehre des heiligen Kampfes".
  303. Wiederholt attackierte er die Juden als angebliche Haupttäter des Umsturzes. Es war der unverhohlene und aggressive Antisemitismus,
  304. der Evola mit führenden Vertretern der SS verband. Diese Beziehungen ging so weit, dass er für den Sicherheitsdienst
  305. der SS tätig wurde, eine "Gruppe Evola" leitete und sich in den Diensten des SD in Wien aufhielt,
  306. um über, oder besser gegen, die Freimaurerei zu forschen. Dort wurde er im Jahr 1945 bei einem sowjetischen Bombenangriff
  307. so schwer verletzt, dass er für den Rest seines Lebens querschnittsgelähmt blieb. Im Jahr 1938
  308. erschien eine Einführung Evolas zu den berüchtigten "Protokollen der Weisen von Zion", der aus Osteuropa stammenden
  309. antisemitischen Fälschung aus dem 19. Jahrhundert, die bis heute zahlreichen Verschwörungsideologien
  310. zugrunde liegt. Evola unterstreicht in seiner Einführung, dass die Juden die westliche Zivilisation von innen zersetzten
  311. durch Liberalismus, Individualismus, Egalitarismus, Freidenkertum, antireligiöse Aufklärung und natürlich Kommunismus.
  312. Der Herausgeber der italienischen "Protocolli", Giovanni Preziosi, war ein traditionalistischer Katholik,
  313. was einmal mehr illustriert, dass Evola des Christentums feindliche Haltung der ideologischen Anschlussfähigkeit
  314. in anderen extremistischen Milieus nicht entgegenstand. Das entscheidende Bindeglied war auch hier ein unverhohlener Antisemitismus.
  315. In der deutschen Ausgabe von Erhebungen wider die moderne Welt von 1935 schrieb Evola: Schon vor dem Krieg erschien eine Schrift mit dem Titel
  316. Die Protokolle der Weisen von Zion. In ihr wurde eine Art Weltverschwörung aufgezeigt, die das hebräische Element systematisch und heimlich
  317. angezettelt haben soll, um sich vor allem mittels Finanz und Presse, durch die Verbreitung des liberalistischen Virus
  318. und die Zerstörung jedes monarchischen und aristokratischen Überreste der abendländischen Welt zu bemächtigen.
  319. Im gleichen Zuge wendet sich Evola interessanterweise auch gegen eine angeblich jüdisch geprägte Religionswissenschaft.
  320. Wir lesen: Juden sind vorwiegend (z.B. Reinach, Durkheim) die Wegbereiter einer befleckenden "Religionswissenschaft"
  321. auf "soziologischer" und "ahnenmäßiger" Grundlage. Diese bewusste Bezugnahme auf Religionswissenschaft,
  322. die sich auch im Ahnenerbe und seinem Umfeld findet, deutet einen Kontrast zwischen von Evola als schlecht
  323. und als gut empfundenen Religionswissenschaften an. Sicherlich gewogen war er den Arbeiten eines herausragenden
  324. Religionswissenschaftlers des 20. Jahrhunderts, Mircea Eliade. In Rumänien traf Evola im März 1938 Corneliu Zelea Codreanu,
  325. den Führer der Legion Erzengel Michael bzw. der Eisernen Garde. Auch diese Sympathien gründeten sich
  326. über unterschiedliche Einstellungen zum Christentum hinweg gehend auf einen gemeinsamen Antisemitismus.
  327. Eliade wiederum, der Eisernen Garde verbunden, hatte Evolas Arbeiten seit 1927 gepriesen und rezensierte 1935
  328. die Revolte gegen die moderne Welt wohlwollend. Nach dem Krieg, von 1959 bis '71, gab Eliade gemeinsam mit Ernst Jünger
  329. die Zeitschrift Antaios heraus, zu der auch Evola Beiträge beisteuerte. Man beachte hier auch die Namensgebung mit Blick auf
  330. den neurechten Antaios Verlag. Nachdem ich Ihnen nun einen kurzen Einblick in den Strang der Wissenschaftsgeschichte gegeben habe,
  331. möchte ich den Fokus auf Nachkriegsentwicklungen im besonders extremistischen Bereich
  332. esoterischer Vorstellungen richten, wie sie von Alt- und Neonazis vertreten worden sind. Diese drehen sich maßgeblich
  333. um die Symbolik der sogenannten "Schwarzen Sonne", die Sie hier in ihrer heutigen Darstellung sehen.
  334. Seit den 1950er Jahren behauptete eine Gruppe von Autoren die Existenz einer sogenannten esoterischen SS,
  335. die auch nach 1945 unter diesem Zeichen der Schwarzen Sonne weiterhin operiere und sich dabei Geheimtechnologien bediene,
  336. welche die seit 1947 sehr populären UFO-Sichtungen erklärten. Daher kommt diese ganze Sache mit den Nazi-UFOs.
  337. In mancherlei Hinsicht handelt es sich dabei um Kontinuitäten aus dem völkisch-esoterischen Untergrund der Zwischenkriegszeit,
  338. die ich hier nicht weiter vertiefen kann. Hervorheben möchte ich, dass sich diese Autoren, allen voran das ehemalige
  339. Wiener SS-Mitglied Wilhelm Landig, Maßgeblich auf Julius Evola beriefen. Nicht zuletzt dessen Konzeption "des Nordens"
  340. als Ursprung des "Arischen", versinnbildlicht durch die Orte Atlantis, Hyperborea
  341. oder Thule, war für diese Autoren interessant. In Landigs Götzen gegen Thule von 1971 lesen wir: Hinter
  342. den Kulissen der Weltgeschichte geht ein großes Kräftemessen vor sich, das mit Bestimmtheit eine Kraft für sich entscheiden wird,
  343. welche den ewigen Eingeweihten als esoterisches Weltzentrum oder als Hochsitz der ethisch positiven Kräfte bekannt ist.
  344. Es ist das wahre Ultima Thule, nicht nur der arischen Völker, sondern der ganzen Welt. Die Schwarze Sonne sei Ausdruck
  345. der "Kräfte des Lichts", die gegen die "Kräfte der Finsternis" kämpften, welche in der Erzählung
  346. ganz unschwer als Juden zu erkennen sind. Das heute als Schwarze Sonne bekannte Symbol findet sich in der Wewelsburg
  347. bei Paderborn, nicht so weit weg von hier, die Himmler zu einer weltanschaulichen Schulungsstätte umbauen lassen wollte.
  348. Die soeben erwähnten Autoren nahmen diese Identifikation mit diesem Symbol aber noch nicht selbst vor.
  349. Sie geschah erst in den 1990er Jahren in einem Roman, der wieder einmal im Arun Verlag erschienen ist.
  350. Personale Kontinuitäten dieser Kreise zum Ahnenerbe lassen sich anhand von Herman Wirth illustrieren,
  351. ein quasi zugunsten Evola Evola geschasstes Gründungsmitglied des Ahnenerbes, das sich mit den Ursprüngen
  352. der "atlantischn-ordischen Rasse" in Atlantis befasst hatte. Das lag übrigens bei Helgoland, falls Sie es noch nicht wussten.
  353. Wirth publizierte in der Nachkriegszeit in Landigs Volkstumverlag. Hier herrscht ganz dringender Forschungsbedarf.
  354. Ich möchte andeuten, dass ein vertieftes Verständnis dieser Dynamiken eine konsequent globale Perspektive
  355. auf die zugrunde liegenden Netzwerke voraussetzt, an denen Alt- und Neonazis mitwirkten, darunter auch die schillernde Figur
  356. Maximiniani Portas, die als Savitri Devi bekannt wurde und eine meiner Markierungen für eine Verbindung nach Indien darstellt.
  357. Noch heute ist Savitri Devi eine Galionsfigur extremistischer Netzwerke auf der ganzen Welt.
  358. Sie reiste in den 1930er Jahren nach Indien und wurde in Kalkutta zur glühenden Nazi-Anhängerin. Sie können sich denken,
  359. wie viel man da auspacken kann aus dieser Geschichte. Sie knüpfte enge Kontakte zu den Vordenkern des Hindu-Nationalismus
  360. und veröffentlichte 1939 A Warning to the Hindus, in der sie den Islam als semitisch Fremdes attackierte,
  361. das in Indien wie das Judentum in Europa vernichtet werden müsse. Ich zeige Ihnen dieses Beispiel, weil Evola und Savitri Devi
  362. zu den am meisten verbreiteten populären Versatzstücken gegenwärtiger rechtsextremistischer Subkulturen zählen,
  363. nicht zuletzt in den Untiefen der Onlinewelt. Dieser enorme Erfolg ist nicht nur dem extremen Strang geschuldet,
  364. den ich hier herausgegriffen habe - also vielleicht den besonders extremen Strang, sollte ich sagen -
  365. sondern vor allem auch Evolas zentraler Rolle für die Entwicklung der internationalen sogenannten "Neuen Rechten".
  366. Hier müssen Sie nochmal ein bisschen stark bleiben. Evola war in die Entstehung, war in die Entstehung
  367. oder Weiterentwicklung rechtsradikaler und extremistischer Netzwerke nach 1945 unmittelbar involviert. 1951 schrieb er zum Beispiel
  368. in der einschlägigen Zeitschrift Nation Europa, dass es nun nach dem Krieg des Anschlusses an eine genaue positive
  369. und normative geistige Autorität bedarf. Die übernationale europäische Einheit sollte vorläufig heroisch bestimmt
  370. sein von Eliten ungebrochener Männer. Dann, schrieb er, würde wirklich aus den Trümmern nicht so sehr die "Nation Europa"
  371. als das "Reich Europa" entstehen und die drohende Gefahr der endgültigen Zersetzung und Versklavung unserer Völker abwenden.
  372. Seit den 1960ern waren Evolas Gedanken, darunter nicht zuletzt derjenige des europäischen Supranationalismus, weitgehend für die
  373. französische Nouvelle Droite einflussreich, deren wohl prominentester Vertreter bis heute Alain de Benoist ist.
  374. Ausgehend des von ihm gegründeten Groupement de Recherche et d'Études pour la Civilisation Européenne, kurz GRECE, wurden enge europäische
  375. Partnerschaften und Netzwerke gegründet. Die französische Zeitschrift Éléments zum Beispiel hatte einen deutschen Ableger namens Elemente,
  376. einen italienischen Namens Elementi usw. Diese Szene war fluide und heterogen. Immer wieder gab es Streitigkeiten und Konkurenzverhältnisse,
  377. wie etwa zu den sogenannten Synérgies européennes, ebenfalls mit nationalen Ablegern. Trotz Differenzen
  378. zog man allerdings immer wieder am selben Strang. Evola wurde in Frankreich vor allem seit den 1970ern wiederentdeckt,
  379. stimuliert durch Monographien und Sonderausgaben. Ich habe bereits angedeutet, welch wichtige Rolle Evola
  380. im Umfeld des MSI und Ordine Nuovo zukam, aber auch einer ganzen Reihe weiterer Paletten
  381. an radikalen und extremistischen Gruppierungen. Als zentrale Plattform für die Synérgies européennes
  382. fungierte in Italien die Zeitschrift Orion, deren Beitragende sich sehr häufig auf Evola bezogen
  383. und die ihm ganze Sonderausgaben widmeten. Hier von 2002, aber auch zum Beispiel von 1998. Interessant ist nun,
  384. dass 1992 eine Delegation von Orion und weiterer Akteure, vor allem von Seiten der französischen Synérgies européennes,
  385. nach Moskau reiste, um dort Kontakte unter anderem zu Alexandr Dugin und weiteren Extremisten zu knüpfen
  386. bzw. zu festigen. 1994 folgte dann eine Reise in den Iran, was eine weitere, hier nicht weiter verfolgte
  387. globale Verbindung markiert, die es noch eingehender zu erforschen gälte. Die führenden Zeitschriften der deutschen Neuen Rechten, Criticón,
  388. Junge Freiheit und Sezession, setzen sich immer wieder prominent mit Evola auseinander. Dies hängt vor allem mit den Erst-
  389. und Neuübersetzungen zentraler Bücher Evolas zusammen, die in den 1990er Jahren konzentriert erschienen.
  390. Caspar von Schrenck-Notzing, neben Armin Mohler die damalige Führungsgestalt der "Neuen Rechten", schrieb zur Übersetzung von Menschen
  391. inmitten von Ruinen in Criticón im Jahre 1992: Mit der deutschen Übersetzung ist nunmehr ein wichtiges Werk
  392. der Metapolitik leicht erreichbar. In Rom, berichtet Schrenck-Notzing, sei Evola nach dem Krieg auf einige, vor allem junge Leute gestoßen,
  393. die inmitten der Ruinen aufrecht standen. Für sie schuf er mit dem besprochenen Band eine Art von traditionalem Handbuch für die Voraussetzungen
  394. politischen Handelns. Der Übersetzer Evolas, H.T. Hansen, eigentlich Hans Thomas Hakl,
  395. beschrieb das Werk Evolas in der extremistischen, beim Grabert Verlag erschienenen Zeitschrift Deutschland
  396. in Geschichte und Gegenwart als einen Versuch, zwischen dem gesichtslosen sowjetischen Kommunismus
  397. und dem bloß maskentragenden, unbeschränkten, in Anführungszeichen "amerikanischen" Liberalismus
  398. einen dritten Weg auf spiritueller Grundlage zu schaffen. Ein Monument, an dem sich die Geister scheiden,
  399. und es ist fast unmöglich, an Evola vorbeizukommen. Sucht man tatsächlich nach dem viel zitierten "Dritten Weg".
  400. Karlheinz Weißmann steuerte wohlgemerkt, anscheinend einmal mehr über religiöse Differenzen hinweg, eine Bibliographie
  401. zu dieser Übersetzung hinzu und äußerte sich zum Beispiel in den Nouvelles Synérgies Européennes von 1997 positiv über ein "Erwachen
  402. des Traditionalismus in Deutschland". Evola wurde zu dieser Zeit immer näher an das Konstrukt der sogenannten "Konservativen Revolution" angenähert
  403. und wurde somit endgültig zu einem Heroen auch der deutschen Neuen Rechten. Hier eine Sonderausgabe von Criticón von 1998 mit einem Porträt Evolas.
  404. Entgegen allen historischen Tatsachen sollte Evola damit, ähnlich wie die anderen angeblichen oder manche anderen angeblichen Akteure
  405. der "Konservativen Revolution", von NS und Faschismus distanziert werden. Die Prominenz dieser Strategie wird durch mehrere Versionen
  406. und Übersetzungen deutlich: in den Studi Evoliani, interessanterweise in derselben eingangs zitierten, gezeigten Ausgabe,
  407. zu der auch Alessandro Giuli beitrug, in Frankreich mit einer Rahmung durch Benoist und den bekannten Extremisten Philippe
  408. Baillet; und noch 2013 in einem von Weißmann herausgegebenen Sammelband. Weniger subtil gingen andere Akteure in der Sphäre der "Neuen Rechten" vor,
  409. nicht zuletzt der Deutsch-Franzose Pierre Krebs, der den deutschen Ableger leitete, das 1981 gegründete Thule-Seminar.
  410. Hier wirkten unter anderem wie Wigbert Grabert mit, Leiter des von seinem Vater Herbert gegründeten Grabert Verlages
  411. sowie Hans Michael Fiedler, eine Führungspersönlichkeit der NPD. Die deutschen Elemente zeichneten sich durch einen deutlicheren Extremismus aus
  412. und sind neben anderen Aktivitäten des Seminars bedeutend für die Verbreitung der nun mit dem Symbol aus der Wewelsburg identifizierten
  413. Schwarzen Sonne verantwortlich. Rasant wurde dieses Symbol zu dem globalen Identifikationsmarker, der es heute ist.
  414. Hier zu sehen bei der berüchtigten "Unite the Right"-Rally von 2017 in Charlottesville; oder als ehemaliges Symbol
  415. des ukrainischen Asow-Bataillons. Um hier aber nicht den Eindruck zu erwecken, die Ukraine bedürfe
  416. einer Entnazifizierung, sei auch auf die Prominenz des Symbols unter russischen Neonazis verwiesen. Und auch in Deutschland
  417. ist das Symbol heute nahezu allgegenwärtig. Es wurde unter anderem vom Täter verwendet,
  418. der 2019 den Anschlag auf die Synagoge in Halle ausübte. Und auch der Täter von Christchurch, der im Jahr 2019
  419. ein Massaker in zwei Moscheen verübte, verwendete das Symbol auf seiner Ausrüstung in seinem sogenannten "Manifest".
  420. Gleiches gilt für den Täter in Buffalo 2022, der als selbstreferentieller Ethno- Nationalist und "Kämpfer
  421. gegen den Großen Austausch" afroamerikanische Menschen ermordete. Die Opfer dieser Verbrechen führen uns vor Augen,
  422. dass wir die hier diskutierte Thematik intersektional untersuchen und dementsprechend
  423. über Lösungsansätze nachdenken müssen. Längst ist die Schwarze Sonne, nicht selten in Verbindung mit Evola und anderen, zu einem Bestandteil
  424. rechtsextremer Popkultur geworden, wie dieses Musikprojekt illustrieren kann. Es handelt sich dabei um ein Genre namens Fash Wave,
  425. also Fascist Wave, das halb ironisch mit 80er-Jahre-Nostalgie spielt. Wir sehen hier Evola, Codreanu, Joseph de Maistre,
  426. mit dem ich mich in meiner Dissertation auseinandergesetzt habe, und den italienischen Futuristen Filippo Tommaso Marinetti.
  427. Weitere Beispiele verdeutlichen die vielsagende Verbindung verschiedener Elemente, hier mit den Identitären.
  428. Und all das wird auch explizit mit MAGA in Verbindung gebracht. Vielleicht ist jemandem aufgefallen, dass sich auch
  429. dieses Handbook for Right-Wing Youth derselben Ästhetik bedient. Es geht auch ein bisschen um subkulturelle Codes,
  430. eine gewisse Ästhetik, die aufgebaut wird. Wir sehen also, wie die drei von mir herausgegriffenen Stränge untrennbar
  431. miteinander verflochten sind und gegenwärtige Entwicklungen aus verschiedenen Perspektiven erklären können.
  432. Dabei möchte ich nochmals betonen: Ich möchte nicht suggerieren, dass alles durch Evola erklärt werden kann.
  433. Wir können die Handlungen eines Bannon oder Musk zum Beispiel nicht endlich begreifen, weil diese angeblich daheim saßen
  434. und Evola gelesen haben. Das ist nicht der Punkt. Auch möchte ich die hier vorgestellten Persönlichkeiten,
  435. Gruppierungen, Institutionen und Bewegungen wie gesagt nicht miteinander gleichsetzen. Die Unterschiede sind teils enorm,
  436. aber dennoch sind sie evidenterweise Teil desselben komplexen Geflecht, das einen bedeutenden Anteil an der Herbeiführung
  437. unserer jetzigen Lage hat. Dies wurde nicht zuletzt durch Niedergangsnarrative möglich, die Rede
  438. von Zersetzung, Krankheitsrhetorik über Tumore und Viren, die es endlich auszumerzen gelte. Unterschiedliche Positionen
  439. können durch solche Narrative und Rhetoriken ebenso verbunden werden wie durch Neugestaltungen von Rassismus, Antisemitismus,
  440. Muslimfeindlichkeit, im Rahmen des Großen Austauschs, des Ethnopluralismus, des Globalismus. Was wir hier in weiten Teilen
  441. beobachten konnten, ist Diskursverschiebung, Resignifikation, politische Mimikry. Was kann Religionswissenschaft
  442. also in dieser Situation gesellschaftlich leisten? Wie ich bereits angedeutet habe, ist ein Wirrwarr wie dasjenige,
  443. mit dem ich sie nun malträtiert habe, der ideale Untersuchungsgegenstand einer globalen Religionsgeschichte, die keine glatten Narrative schreibt,
  444. die Brüche und Kontinuitäten herausarbeitet, Nuancen, Ambivalenzen und Widersprüche. Ihre methodologische Selbstreflexion
  445. und ihre Theoretisierung der Umstrittenheit von Bedeutung stehen nicht für postmoderne Beliebigkeit, sondern decken sich
  446. mit den Aushandlungsprozessen einer freiheitlich demokratischen und pluralistischen Gesellschaft,
  447. die sich immer wieder selbst herausfordert und hinterfragt. Dies ist kein akademischer Selbstzweck, sondern Teilhabe an Demokratie
  448. und ein Eintreten für wissenschaftliche wie gesellschaftliche Freiheit. Wissenschaftliche Kritik wirkt nicht "zersetzend",
  449. sondern sie festigt demokratische Werte gerade auch durch eine fundierte und sachliche Debattenkultur.
  450. Ziel dessen darf nicht eine polarisierende Identitätspolitik sein, sondern eine Ausbildung und Übung im Problematisieren,
  451. im Verkomplizieren, im Unbequem sein. Demokratie wie Wissenschaft sollen unbequem sein. Auch dies macht sie zu gemeinsamen Feinden
  452. von Akteuren, die sich unumstößliche, unhinterfragbare organische Strukturen herbeisehnen. Die Religionswissenschaft
  453. verfügt aufgrund ihrer Geschichte und ihrer besonderen Reflexionskultur über ein spezifisches Repertoire. Um diesen Herausforderungen zu begegnen.
  454. Es ist höchste Zeit, dieses bewusster und Aktiver in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen. Für die Zukunft
  455. möchte ich gemeinsam auf eine multidisziplinäre und multiperspektivische Religionsforschung hinarbeiten,
  456. in der sich Fächergrenzen, diverse Weltanschauungen, Ansätze und Streitigkeiten nicht auflösen, sondern sich gegenseitig herausfordern
  457. und konstruktiv ergänzen. In Göttingen ist die Religionswissenschaft durch ihre Verankerung in drei Fakultäten und ihre Anbindung an die Theologie,
  458. gerade auch die interkulturelle Theologie, in einzigartiger, exzellenter Weise positioniert. Ich wünsche mir für die Zukunft
  459. keine Homogenisierung, sondern Vielfalt. Entscheidend dafür ist, dass wir für wissenschaftliche wie demokratische Prinzipien
  460. an einem Strang ziehen, Vielfalt verteidigen, wissenschaftlich wie gesellschaftlich. Dies scheint mir
  461. einem ehrlichen Verständnis von Freiheit zu entsprechen. Ich danke Ihnen nun für Ihre Geduld, für Ihr Durchhaltevermögen
  462. und freue mich auf unseren weiteren Austausch. Lassen Sie uns das Buffet stürmen. Vielen Dank.

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