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Mystik
Auch das Drusentum ist eine mystische Abspaltung des Islam, die sich so weit vom Islam entfernt hat, dass sie heute als eigenständige Religion zählt.
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Begriff und zentrale Merkmale
Mystik bezeichnet Berichte und Aussagen über die Erfahrung einer göttlichen oder absoluten Wirklichkeit sowie die Bemühungen um eine solche Erfahrung. Religionsgeschichtlich geht es um ein religiöses Erleben, das auf ein Wirklichkeitsganzes oder eine Gotteswirklichkeit ausgerichtet ist.
In monotheistischen Religionen wie Christentum, Judentum und Islam wird mystische Erfahrung als Gottes- oder Glaubenserfahrung verstanden. Sie wird unter anderem mit Bildern wie Licht, Feuer, Geist, Liebe, dem göttlichen Du oder dem innersten Innen beschrieben. Im Christentum heißen solche Erfahrungen auch Mysterium oder unio mystica, im Zen-Buddhismus Satori oder Kenshō und im Hinduismus Nirvikalpa Samadhi.
Nichttheistische Traditionen wie Buddhismus, Jainismus und Daoismus beziehen sich dabei nicht auf eine göttliche Person oder ein übernatürliches Wesen. Allgemein kann mystische Erfahrung als kognitiv-emotionale transzendierende Erfahrung beschrieben werden: Sie geht über gewöhnliche Wahrnehmung und normale Gefühlszustände hinaus und wird als Verbindung mit einer höheren, göttlichen oder universellen Wirklichkeit erlebt. Je nach Tradition werden mystische Erfahrungen von ihren möglichen Folgen, etwa Prophetie oder göttlichen Eingebungen, unterschieden.
Für die wissenschaftliche Begriffsbestimmung gibt es keinen übergreifenden Konsens. Mystik wird in Theologie, Religions-, Kultur-, Geschichts- und Literaturwissenschaft, Philosophie und Psychologie untersucht. Im alltäglichen Sprachgebrauch meint der Ausdruck meist spirituelle Erlebnisse, die wissenschaftlich nur schwer objektivierbar sind.
Entwicklung des Begriffs und der Traditionen
Die Vorstellung einer unmittelbaren Erfahrung des Absoluten ist bei Origenes im 3. Jahrhundert n. Chr. nachweisbar. Er verband sie mit der Gottesschau und der mystischen Schau. Um 500 n. Chr. prägte Pseudo-Dionysius Areopagita mit seiner Schrift über die mystische Theologie Mystik als Bezeichnung für eine auf spirituelle Erfahrung bezogene Theologie.
Im Christentum entwickelte sich eine mystische Schriftauslegung, die verborgene göttliche Bedeutungen biblischer Texte erschließen sollte. Im Mittelalter lebte die persönliche mystische Gotteserfahrung besonders in den Klöstern. Ziel war die unio mystica, die mystische Vereinigung mit Gott, beziehungsweise das Bewusstsein der unmittelbaren Gegenwart Gottes. Eine wichtige Grundlage bildete die Auslegung des Hohenliedes, etwa durch Bernhard von Clairvaux.
In der Reformationszeit wurde in der protestantischen Theologie der vierfache Schriftsinn weitgehend auf den Literalsinn beschränkt. Im katholischen Raum entwickelte sich unter anderem die spanische Mystik mit Ignatius von Loyola, Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz. Im 17. Jahrhundert wurde Mystik zunehmend als besondere religiöse Praxis und als eigene Art religiöser Literatur verstanden. Das Wort bezeichnete nun nicht mehr nur einen Bestandteil theologischen Denkens, sondern einen Typus außergewöhnlicher Verfahren.
Mystik in den Weltreligionen
Im Buddhismus ist eine Gleichsetzung mit Mystik nur bedingt zulässig. Meditation soll nicht die Vereinigung mit einer letzten Wirklichkeit oder die Weckung besonderer Erlebnisse erreichen. In der buddhistischen Mystik, besonders im Mahayana, wird die Natur des Geistes als nicht-dual verstanden. Das Anhaften am Ich verschleiert diese Einsicht. Daraus entstehen die Geistesgifte Verwirrung beziehungsweise Unwissenheit, Hass, Gier, Neid und Stolz, die als Ursachen des Leidens gelten. Meditation, Gebet, Opferdarbringungen, Yoga und tantrische Techniken sollen helfen, diese Geistesgifte in Weisheit umzuwandeln, die Ich-Vorstellung aufzulösen und die Buddha-Natur zu erkennen. Wer dies erreicht, gilt als erleuchtet oder als Buddha.
Die christliche Mystik richtet sich auf die Erkenntnis der Gotteswirklichkeit. Wichtige biblische Bilder sind die Reinheit des Herzens und das Einwohnen Gottes oder Christi im Herzen. Das Gott-Schauen zu Lebzeiten gilt als klassisches mystisches Erlebnis. Meister Eckhart verband mystische Gotteserkenntnis mit präzisem Denken. Thomas von Aquin bezeichnete die Kirche als den mystischen Leib Christi; die Enzyklika Mystici corporis von Papst Pius XII. bestimmte 1943, der mystische Leib Christi und die römisch-katholische Kirche seien ein und dasselbe. Christliche Mystik bietet außerdem Ansatzpunkte für einen Dialog mit anderen Religionen, besonders mit dem Buddhismus.
Im Daoismus beziehen sich Daodejing und Zhuangzi auf das Dao als Urgrund des Daseins, auf das Erlangen des Ureinen, die mystische Innenschau und eine entsprechende geistige Haltung. Die ab dem 2. Jahrhundert entstandene daoistische Religion entwickelte in verschiedenen Schulen mystische Rituale, Magie, Meditation und Innenschau.
Im Hinduismus wird eine Einheitserfahrung mit dem göttlichen Brahman angestrebt. In den Upanishaden wird Brahman, das höchste Absolute, mit Atman, dem Selbst oder Wesen der Person, gleichgesetzt. Ziel ist die Überwindung des Samsara, des Kreislaufs von Werden, Vergehen und Wiedergeburten. Dazu dienen Yoga, Meditation und Askese. Die Einheit von Atman und Brahman kann pantheistisch, panentheistisch oder monotheistisch verstanden werden. Die mystische Erfahrung wird als Einheitserfahrung beschrieben, die sprachlich kaum fassbar ist.
Der Sufismus entstand im 8. bis 9. Jahrhundert n. Chr. unter Muslimen des Iraks. Er betont Weltentsagung, spirituelle Armut, den Kampf gegen die Triebseele sowie das Gedenken und den Lobpreis Gottes. Ein überlieferter Ausspruch nennt siebzig, siebenhundert oder siebentausend Schleier zwischen den Menschen und Gott; die unterschiedlichen Zahlen sind überliefert. Eine zentrale Übung ist der Dhikr, bei dem Koranstellen und eine bestimmte Anzahl der neunundneunzig Attribute Gottes wiederholt werden. In Sufi-Orden kann der Dhikr mit Musik, Körperbewegungen und Atemübungen verbunden sein. Zu den Orden gehören unter anderem Qadiriyya, Chishtiyya, Naqshbandiyya, Mevleviyya, Shadhiliyya und Tijaniyya. Auch Alawiten und Aleviten berufen sich teilweise auf sufische Einflüsse; das Drusentum gilt als mystische Abspaltung des Islam und heute als eigenständige Religion.
Im Judentum besitzt die Kabbala eine besonders wichtige mystische Tradition. Ihr zentrales Anliegen ist die Befreiung des göttlichen Urlichts aus der Umhüllung der Buchstaben der Schöpfung. Die Gottesschau und die Wiederherstellung des Menschen in seiner ursprünglichen Geistnatur stehen mit einem erneuerten Verständnis der Tora in Verbindung. Eine zentrale Vorstellung ist die Schechina, die Gegenwart Gottes in der Welt. Der Schabbat gilt als Zeichen dieser Gegenwart und als Vorgeschmack der kommenden Welt. Mystisches Verstehen der Tora wird nicht als beliebige Leistung, sondern als Geschenk der messianischen Zeit beschrieben.
Mystik als Forschungsgegenstand
Mystische Erfahrungen werden auch anhand ihrer körperlichen und psychischen Begleiterscheinungen untersucht. Genannt werden Ekstasen, Konvulsionen, Inedie, Stigmata und allgemein veränderte Bewusstseinszustände, englisch altered state of consciousness (ASC). Bereits im 12. Jahrhundert wurde Erlebnismystik teilweise als krankhafte Erscheinung erklärt.
Häufig wird zwischen echter und unechter mystischer Erfahrung unterschieden. Als unecht gelten Erlebnisse, die nachweislich und ausschließlich medizinisch erklärbar sind, etwa durch Drogeneinfluss oder Halluzinationen. Als echt werden Erfahrungen bezeichnet, für die keine befriedigende physiologische Erklärung vorliegt oder aufgrund der Umstände nicht gegeben werden kann. Diese Unterscheidung hängt von der jeweiligen Definition ab und ist wissenschaftlich nicht allgemein verbindlich.
Bei spontanen mystischen Erlebnissen von kurzer Dauer können Forschende meist nur die Berichte analysieren. Während des Ereignisses selbst ist eine Untersuchung in der Regel nicht möglich. Untersucht werden können allenfalls der Zustand und das Verhalten der betroffenen Person vor und nach wiederholten Erfahrungen. Beteiligt sind unter anderem Theologie, Religionswissenschaft, Geschichtswissenschaft, Literaturwissenschaft, Philosophie und Psychologie.
Philosophische und psychologische Deutungen
Carl Gustav Jung versteht Mystik als religionsunabhängige innere Kontemplation, die jenseits der Spaltung in verschiedene Konfessionen und Bekenntnisse liegt. Ludwig Wittgenstein schrieb im Tractatus Logico-Philosophicus und anderen Schriften über das Mystische als das, was sich zeigt, aber nicht ausgesagt werden kann. Auch Niklas Luhmann und Peter Fuchs untersuchten Mystik aus systemtheoretischer Perspektive.
Erich Fromm beschäftigte sich mit Zusammenhängen von Mystik und Politik. Karl Jaspers beschrieb Mystik als Auflösung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses und als Aufhebung der gegenständlichen Welt und persönlichen Individualität. Er kritisierte, dass in der mystischen Einstellung rationale Formen, Gegensätze und Widersprüche fehlten. Als Gegenkonzept entwickelte er das Umgreifende, in das der Mensch durch klares Denken und offene Diskussion eindringen könne. Der Semiotiker Johannes Heinrichs schlug einen semiotischen und strukturellen Mystikbegriff ohne konfessionelle Voraussetzungen vor.
Unsagbarkeit und Bedeutung für das Leben
Mystische Erfahrungen gelten in vielen Traditionen als nicht vollständig in Worte fassbar. Begriffe und Aussagen reichen nach den Berichten höchstens für Umschreibungen aus. Deshalb verwendet mystische Sprache häufig Metaphern. Im Christentum wird die Unnennbarkeit Gottes unter anderem mit dem unzugänglichen Licht und dem späteren Schauen von Angesicht zu Angesicht verbunden. Auch die Lehre des Thomas von Aquin behandelt die Spannung zwischen Beschreibbarkeit und Unbeschreibbarkeit Gottes.
Im Buddhismus wird die höchste Wirklichkeit weder als göttliches Wesen noch einfach als natürliche Welt bezeichnet. Sie gilt als souveräne, erfüllende Wirklichkeit von Frieden und Glückseligkeit. Zugleich werden alle Phänomene als Leerheit beschrieben, weil sie kein ihnen innewohnendes, unabhängiges Sein besitzen. Im Daoismus bezeichnet Dao die verborgene, namenlose Wirklichkeit, über die keine rationale Aussage möglich, die aber erfahrbar ist.
Mystik kann mit Fasten, Askese, Zölibat, Einsamkeit und dem Leben als Eremit verbunden sein. In manchen Traditionen gilt eine solche Lebensweise als Voraussetzung; Augustinus sah die Gnade Gottes als Voraussetzung an. Andere betonen die Gleichwertigkeit von kontemplativem und aktivem Leben. Dorothee Sölle wandte sich in Mystik und Widerstand von 1997 gegen den Gegensatz zwischen Transzendenzerfahrung und gesellschaftlichem Engagement. Auch im Zen wird betont, dass Spiritualität in den Alltag zurückführen muss. Mystische Erfahrung kann daher sowohl Rückzug als auch eine Quelle für Widerstand gegen gesellschaftliches Unrecht sein; sie garantiert jedoch nicht automatisch ethisches politisches Handeln.