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Apokryphen
christlicher Herkunft aus der Zeit zwischen etwa 200 vor bis ca. 400 nach Christus, die nicht in einen biblischen Kanon aufgenommen wurden oder über deren …
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Bedeutung und Abgrenzung
Apokryphen, auch apokryphe oder außerkanonische Schriften, sind religiöse Texte jüdischer oder christlicher Herkunft. Sie entstanden überwiegend zwischen etwa 200 v. Chr. und ca. 400 n. Chr. und wurden nicht in einen biblischen Kanon aufgenommen oder ihre Zugehörigkeit blieb umstritten. Gründe können Inhalt, religionspolitische Entscheidungen, eine Entstehung nach Kanonabschluss oder mangelnde Bekanntheit zur Zeit der Kanonbildung sein. Manche christlichen Texte bis ins 8. oder 9. Jahrhundert werden ebenfalls zu den neutestamentlichen Apokryphen gerechnet.
Die Schriften erheben durch Namen, Verfassertradition oder Inhalt oft einen quasibiblischen Anspruch. Entscheidend für die Bezeichnung „apokryph“ ist daher der Eindruck, ein Text sei kanonisch und verbindlich, obwohl er es nicht ist. Viele Texte werden gegenüber kanonischen Schriften als theologisch oder literarisch weniger hochwertig beurteilt. Manche sind Hagiographien, also Heiligen- oder Lebensbeschreibungen von Personen aus dem biblischen Umfeld.
Der christliche Begriff wurde im 2. Jahrhundert geprägt und bedeutete zunächst zugleich „außerkanonisch“ und „häretisch“, also irrig oder gefälscht. Er bezog sich besonders auf gnostische Texte; Gnostiker bezeichneten Geheimlehren für Eingeweihte teilweise selbst als „apokryph“. Im Judentum spricht man eher von Sefarim Chitzonim, „außenstehenden Büchern“. Gemeint sind vor allem Schriften, die nicht im Tanach, aber in der griechischen Septuaginta stehen. Heute kann „apokryph“ allgemein einen zweifelhaften Ursprung oder Inhalt bezeichnen.
Nicht dazu zählen Texte mit ähnlichem Offenbarungsanspruch, die in den ersten Jahrhunderten historisch nicht nachweisbar sind, etwa das Barnabasevangelium, die Offenbarungen Jakob Lorbers, die Holy Piby, das Buch Mormon, Letztes Testament oder das „Wassermann-Evangelium“ von Levi H. Dowling.
Apokryphen zum Alten Testament
Im engeren Sinn sind dies die von Martin Luther und anderen Reformatoren ausgesonderten Schriften, die nicht in der hebräischen Bibel, wohl aber in der Septuaginta enthalten sind. Die griechischsprachige Kirche behielt die Septuaginta als Kanon des Alten Testaments bei; die römische Kirche rechnete ihre Schriften seit dem 3. Konzil von Karthago 397 definitiv zum Kanon. Die Reformation ordnete sie im 16. Jahrhundert den Apokryphen zu.
Die katholische und orthodoxe Kirche folgen für den AT-Kanon weiter der Septuaginta, während die Reformatoren die hebräische Bibel zugrunde legten. Protestantisch gelten die betreffenden Texte als nützlich, aber nicht als heilige Schriften; in der Lutherbibel stehen sie in einem Anhang oder fehlen in manchen Ausgaben. Zu ihnen gehören unter anderem Judit, Weisheit, Tobit, Jesus Sirach, Baruch mit dem Brief des Jeremia, 1. und 2. Makkabäer, Zusätze zu Ester und Daniel sowie das Gebet des Manasse. Nicht alle apokryphen Texte sind Pseudepigraphien, also fälschlich einer bekannten Person zugeschriebene Werke.
Katholische Bibeln behandeln die meisten dieser Bücher als kanonisch. Das Trienter Konzil bestätigte am 8. April 1546 den größten Teil der von Reformatoren angezweifelten Bücher als kanonisch. Als im engeren Sinn apokryph gelten katholisch vor allem 3. und 4. Esra, 3. und 4. Makkabäer, das Gebet des Manasse, Psalm 151, Psalmen Salomos und das Buch der Jubiläen. In der Orthodoxie gibt es keinen einheitlich autoritativ festgelegten Kanon; eine panorthodoxe Bibelausgabe von 1950 enthält alle im evangelischen Bereich apokryph genannten Schriften ohne besondere Kennzeichnung. Psalm 151 gilt in der Ostkirche als unbestrittener Bestandteil des Psalmenbuches.
Im weiteren Sinn umfasst der Ausdruck weitere nichtkanonische jüdische Texte, etwa das Äthiopische und Slawische Henochbuch oder die Baruch-Apokalypsen 2., 3. und 4. Baruch. Sie stammen meist aus dem hellenistischen Judentum Ägyptens, Syriens und Palästinas sowie aus dem Umfeld der Qumran-Schriften und enthalten Legenden, Erzählungen, Lehrtexte, Poesie und Apokalypsen.
Apokryphen zum Neuen Testament
Neutestamentliche Apokryphen sind christliche Schriften der ersten Jahrhunderte, die in Form oder Inhalt an das Neue Testament anknüpfen. Autoren oder Leser beanspruchten für sie teilweise kanonische Autorität, oder sie dienten einzelnen Gruppen als Ergänzung zum Kanon. Häufig beanspruchten sie, von Aposteln zu stammen oder von deren Wirken zu berichten. Die Kirche und maßgebliche Theologen bestritten diesen Anspruch oft; spätestens seit Irenäus und Tertullian galten solche Werke deshalb als gefälscht. Die heutigen christlichen Konfessionen stimmen weitgehend darin überein, dass sie nicht zur Bibel gehören.
Die Grenze zu anderen frühchristlichen Texten ist nicht immer scharf. Die Apostolischen Väter schrieben etwa zwischen 90 und 150 n. Chr. lehrhafte oder seelsorgerliche Briefe und Kommentare. Didache und Hirte des Hermas zählen meist zu den Apokryphen, obwohl sie als authentisch und glaubenstreu anerkannt sind. Ebenfalls dazu gerechnet werden Agrapha: mündlich überlieferte und später aufgeschriebene Worte, Dialoge oder Episoden über Jesus, die im Neuen Testament nicht vorkommen.
Origenes und Eusebius unterschieden allgemein anerkannte, teils anerkannte und umstrittene sowie unechte und verworfene Schriften. Eine eindeutige Trennung von kanonischen und nichtkanonischen Texten besteht seit dem 39. Festbrief des Athanasius von 367 n. Chr. Der Laodizenerbrief ist ein Sonderfall: Obwohl er schon in der Spätantike abgelehnt wurde, stand er lange in der Vulgata und in allen 17 deutschen NT-Übersetzungen vor der Lutherbibel. Luther schied ihn aus; das Konzil von Trient nahm ihn nicht in den verbindlichen katholischen Kanon auf.
Überlieferung, Bewertung und Evangelienfragmente
Viele neutestamentliche Apokryphen sind nur fragmentarisch, in Übersetzungen oder durch Zitate und Erwähnungen bei Kirchenvätern erhalten. Sie wurden oft unter dem Namen eines Apostels oder Jüngers als Pseudepigraphien verbreitet. Funde machten einige Texte wieder zugänglich: das Petrusevangelium 1886, Oxyrhynchus-Papyri ab 1897, der Egerton-Papyrus 1935 und das Thomasevangelium in Nag Hammadi 1945–1947.
Über das Thomasevangelium besteht ein Forschungsstreit: Manche nehmen unabhängige und ältere Überlieferungen von Worten des historischen Jesus an; andere sehen Abhängigkeit von anderen Evangelien und starke gnostische Redaktion. Insgesamt gibt es eher mehr als 100 solche Apokryphen. Sie informieren über volkstümliches Christentum innerhalb und außerhalb der Kirche, erweitern die historische Kenntnis über Jesus und die Apostel aber nicht erheblich. Eine nachträgliche Aufnahme in das Neue Testament wird nicht ernsthaft erwogen.
Das Petrusevangelium enthält einen verkürzten Passionsbericht mit Petrus als Ich-Erzähler. Es beginnt beim Händewaschen des Pilatus, gibt unhistorisch Herodes und den Juden die Alleinschuld an Jesu Tod und schildert die Auferstehung mit vielen Zeugen und phantastischen Zügen. Sein historischer Wert wird unterschiedlich beurteilt: Helmut Köster hielt es für eine sehr alte Auferstehungsvision, Martin Dibelius für eine aus dem Gedächtnis nacherzählte und ergänzte Fassung der kanonischen Evangelien; Gerd Theißen schätzte seinen Wert für die Erklärung des Todes Jesu gering ein.
Weitere Fragmente sind unterschiedlich gut einzuordnen. Papyrus Egerton 2 enthält Teile eines unbekannten Evangeliums des 2. Jahrhunderts. Papyrus Oxyrhynchus 840, ein Blatt von 8,5 zu 7 cm, überliefert ein Streitgespräch über Reinheit; es betont die innere statt der äußeren Reinheit und könnte nach manchen Forschern zu einem vormarkinischen Evangelium gehört haben. Das geheime Markusevangelium ist nur durch einen angeblichen, 1958 von Morton Smith entdeckten Brief mit zwei Erweiterungen bezeugt; das Original ist verloren, möglicherweise handelt es sich um eine moderne Fälschung.
Wichtige Formen und Verwendung
Apokryphe Evangelien sind nicht immer Evangelien im engeren Sinn, also geordnete Erzählungen über Jesu Leben und Wirken. Zu dieser Gruppe gehören auch Evangelienharmonien, Spruchsammlungen, esoterische Abhandlungen und andere Texte. Beispiele sind das Diatessaron als Evangelienharmonie, das judenchristliche Hebräerevangelium, das Judasevangelium, Kindheitsevangelien, das Nikodemusevangelium und das Thomasevangelium.
Apokryphe Apostelakten erzählen, oft fiktional und romanhaft-phantastisch, besonders von Missionsreisen eines Apostels. Vorbild ist die Apostelgeschichte des Lukas. Wichtige Beispiele sind Andreasakten, Johannesakten, Paulusakten, Petrusakten und Thomasakten. Apokryphe Briefe sind eine sehr verschiedene Gruppe; manche fügen Paulus-Zitate zusammen, um Lücken seiner Biografie zu füllen. Der 3. Korintherbrief ist in der armenischen Kirche kanonisch. Der Barnabasbrief ist eher ein theologisches Traktat und gehört zu den Apostolischen Vätern.
Apokalypsen sind Offenbarungsschriften, etwa die Apokalypse des Petrus, die Apokalypse des Paulus und Baruch-Apokalypsen. Daneben gibt es authentische, aber nicht kanonische Werke wie Didache, Hirte des Hermas, 1. Clemensbrief und Briefe des Ignatius und Polykarp. Sie gelten als wertvoll, aber nicht als allgemeinverbindlich für alle Zeiten; manche wurden zeitweise im Gottesdienst gelesen.
Apokryphe Quellen wurden im frühen Christentum eher selten verwendet. Sicher zitiert das Neue Testament das Henochbuch in Judasbrief Vers 14. Clemens von Alexandria kommentierte um 200 n. Chr. die nichtkanonische Offenbarung des Petrus. Bei abweichenden Evangelienzitationen der Kirchenväter bleibt oft offen, ob sie aus einem apokryphen Evangelium, einer abweichenden Handschriftentradition oder aus ungenauer Erinnerung stammen.