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Prophetie
Als Prophetie bezeichnet man eine Botschaft eines Gottes. Die Verkündigung von Prophetien ist Gegenstand von Religionen. Personen, die dazu durch diesen …
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Begriff und Merkmale
Prophetie ist eine Botschaft eines Gottes. Personen, die von diesem Gott dazu berufen sind, heißen Propheten; ihr Wirken heißt Prophetentum. Eine einzelne Voraussage wird Prophezeiung, Weissagung oder Verheißung genannt. Als „falsche Propheten“ gelten Menschen, deren Voraussagen nicht eintreffen. Im übertragenen, nicht religiösen Sinn kann „Prophet“ auch jemanden bezeichnen, der eine säkulare Heilslehre vertritt oder eindringlich über die Zukunft spricht.
Anders als eine nicht religiös begründete Prognose oder Wahrsagerei ist Prophetie durch den Auftrag einer Gottheit legitimiert. Propheten nehmen deren Rede außersinnlich wahr, etwa als Intuition, Audition (akustische Wahrnehmung) oder Vision. Diese Fähigkeit gilt als göttliche Gabe. Auch Geisterbeschwörern indigener Völker wird sie meist zugeschrieben.
Im engeren Sinn ist Prophetie ein besonders aus dem Alten Orient bekanntes Phänomen, das vor allem die abrahamitischen Religionen und ihren Ein-Gott-Glauben prägt. Sie wird mündlich verkündet, häufig später schriftlich festgehalten und bezieht sich nicht nur auf die Zukunft: Sie kann auch Vergangenheit und Gegenwart der angesprochenen Menschen kritisieren.
Prophetie im Alten Orient
Altorientalische Weissagungen dienten oft dazu, eine Dynastie im Nachhinein als gottgewollt darzustellen; dies nennt man vaticinia ex eventu. Andere Texte berufen sich auf ein Offenbarungserlebnis und übermitteln eine Gottesbotschaft an bestimmte Empfänger. Die Sprecher standen meist dem Königshof oder zentralen Staatskulten nahe. Ihre Botschaften handelten überwiegend vom Wohl des Herrschers, richteten sich nicht direkt an das gesamte Volk und enthielten keine starke Kritik an Königen, Politik oder sozialen Verhältnissen. Deshalb werden sie als Hof- und Heilsprophetie eingeordnet.
Etwa 30 Briefe aus Mari um 1800 v. Chr. berichten von Männern und Frauen, die durch Traumvisionen oder Auditionen Botschaften etwa der Götter Dagān und Hadad erhielten und sie dem König ausrichteten. Sie sagten göttlichen Beistand für das eigene und Unheil für fremde Völker zu; kritisiert wurden vor allem Versäumnisse im Kult. Weitere Beispiele sind der Reisebericht des Wenamun um 1100 v. Chr., die Zakir-Inschrift aus Hamath um 800 v. Chr. und Wandinschriften aus Tell Der 'Alla über eine Schauung des Sehers Bileam.
Prophetie war in der Antike nicht scharf von Mantik, also Verfahren zur Zukunftsdeutung, getrennt. Orakel antworteten auf rituelle Befragung. Im römischen Staatskult wurden etwa Vogelflug, Himmelszeichen und die Eingeweide von Opfertieren gedeutet. Dabei fehlten jedoch meist der aktuelle Auftrag eines Gottes und die konkrete Botschaft. Neuassyrische Orakelsprüche aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. gelten dagegen als unmittelbare Gottesbescheide: Sie versprachen dem König Heil, langes Leben und den Fortbestand seiner Dynastie und tadelten kultische Nachlässigkeit.
Jüdische Prophetie
Im antiken Judentum hatte Prophetie etwa von 1000 bis 200 v. Chr. eine zentrale, zeitweise dominierende Bedeutung für die Beziehung zwischen Gott und Menschen. Propheten, hebräisch נָבִיא nāvi’, verkündeten Gottes Wort dem Volk Israel und seinen Führern als unbedingten Anspruch. Sie konnten gegen ihren Willen berufen werden und nahmen für ihre Botschaft persönliche Folgen in Kauf.
Der zweite Hauptteil des Tanach, die Neviim, umfasst 18 Bücher der Schriftpropheten. Als große Propheten gelten Jesaja, Jeremia, Ezechiel und Daniel. Die übrigen kürzeren Schriften fasst das Zwölfprophetenbuch als kleine Propheten zusammen. Klagelieder Jeremias und das Buch Baruch werden zusätzlich genannt; Baruch zählt zur Apokalyptik. Samuel, Elija und Elischa erscheinen ebenfalls in der Überlieferung, zählen aber ohne eigenständige Bücher nicht zu den Schriftpropheten.
Im Eretz Israel überwog zunächst Unheilsprophetie. Nach dem Untergang des Nordreichs Israel um 722 v. Chr. und besonders im Babylonischen Exil ab 586 v. Chr. nahm Heilsprophetie zu. Prophetie meint im Judentum daher sowohl mündliche Verkündigung als auch eine Literaturgattung. Sie enthält Aussagen über Zukunft und Gegenwart von Kollektiven, etwa des erwählten Volkes, fremder Völker sowie Gläubiger und Ungläubiger, und erzählt auch Lebensgeschichten von Propheten.
Christliche Auffassungen
Im Urchristentum galt Johannes der Täufer als letzter und wichtigster Prophet Israels. Jesus von Nazaret bezeichnete sich nach Mk 6,4 EU einmal als Prophet; viele Zeitgenossen sahen ihn nach Mk 8,28 EU ebenfalls so. In den frühen christlichen Gemeinden waren Propheten neben den Aposteln fast gleichrangige Autoritäten (1 Kor 12,28 EU).
Nach dem Streit der Alten Kirche um den Montanismus verlor Prophetie als Kennzeichen christlicher Gemeinden an Bedeutung. Spätere prophetische Bewegungen wurden häufig als Häresien ausgegrenzt und verfolgt. In der Reformationszeit entwickelte besonders der Calvinismus die Drei-Ämter-Lehre: Jesus Christus ist Priester, König beziehungsweise Messias und Prophet. Für die lutherischen Gebiete sind aus den Jahren 1550 bis 1700 350 Personen bekannt, die als Propheten auftraten und oft anerkannt wurden.
Im 20. Jahrhundert leiteten die evangelische Ökumenische Bewegung und die römisch-katholische Soziallehre aus biblischen Traditionen ein prophetisches „(Wächter-)Amt“ der Kirche ab. Nach dem Neuen Testament wird Prophetie aufhören, wenn „das Vollkommene“ kommt (1 Kor 13,8 LUT).
Islam und weitere religiöse Gruppen
Im Islam heißt Prophet arabisch nabī. Der Koran verwendet den Begriff insgesamt 75 Mal und nennt unter anderem Isaak, Jesus und Abraham Nabī. Für Mohammed wird der Titel erst seit medinischer Zeit verwendet, etwa in Sure 7:157f. Sure 33:40 nennt ihn das „Siegel der Propheten“ (ḫātam an-nabīyīn); die ursprüngliche Bedeutung dieses Ausdrucks ist laut Artikel nicht eindeutig geklärt.
Die islamische Theologie definiert einen Nabī als Person, der ein religiöses Gesetz, šarʿ, offenbart wurde. Mohammed gilt als letzter und wichtigster Prophet. Muslimische Gelehrte sammelten Beweise und Kennzeichen seines Prophetentums, darunter Wundertaten. Neben dem Nabī steht der Rasūl, der „Gesandte“: Nur wer eine himmlische Botschaft erhalten hat und zu ihrer Übermittlung beauftragt wurde, ist ein nabīy rasūl. Daher ist jeder Rasūl ein Prophet, aber nicht jeder Prophet ein Rasūl.
Im Manichäismus verstand sich Mani als zur Offenbarung der Gnosis berufener und zugleich letzter Prophet. Seine Botschaft sollte die Erkenntnis vom göttlichen Ursprung und Wesenskern des Menschen sowie dessen Rückkehr in die Lichtwelt vermitteln; die Manichäer sahen in ihm den von Christus verheißenen Parakleten. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage betrachtet Joseph Smith, ihren Gründer von 1830, und den jeweiligen Leiter ihrer Kirche als „Prophet, Seher und Offenbarer“. Nach ihrem Glauben empfängt dieser wichtige Offenbarungen für Gegenwart und Zukunft.
Zeugen Jehovas beschäftigen sich mit biblischen Prophezeiungen, glauben jedoch unter Berufung auf 1. Korinther 13,8, dass die Geistesgabe der Prophetie mit dem Urchristentum endete. Ihre Neue-Welt-Übersetzung von 1995 gibt 1. Korinther 13,8–10 leicht abgewandelt wieder; laut Artikel ist die Übersetzung der Gegenüberstellung von „dem Teilweisen“ und „dem Vollständigen“ an diese theologische Sicht angepasst.
Moderne Deutungen
Der Psychologe Anthony Storr spricht im Zusammenhang mit asiatischen Religionen mögliche Charakterzüge und Psychosen an und hält beredte „Propheten“ für gefährlich. David C. Lane meint, ein betrügerischer Scharlatan sei weniger unheilvoll als jemand, der völlig von seinen eigenen Vorstellungen überzeugt sei. Verschiedene Mythen verbinden falsche Propheten mit Weltuntergangsvorstellungen; die Geschichte kennt sie laut Artikel aus Zeiten untergehender Kulturen.
Anführer nordamerikanischer Indianer, die als „Propheten“ bezeichnet werden, sagten im 19. Jahrhundert unter bestimmten Bedingungen wie dem Geistertanz ein Ende des Vordringens weißer US-Amerikaner voraus. Genannt werden Tenskwatawa, Wabokieshiek, Wodziwob und Wovoka. Karl Popper nannte Philosophen wie Karl Marx und Friedrich Engels wegen ihrer Heilsverkündung zur Industrialisierung in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde sowie in der Vortragsreihe Philosophie und falsche Propheten „falsche Propheten“.