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Assyrisches Reich

Das Assyrische Reich war ein Staat des sogenannten Alten Orients mit Ursprung im nördlichen, auch als Zweistromland bezeichneten Mesopotamien.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und frühe Geschichte
  2. 2. Altassyrischer Staat (bis 1380 v. Chr.)
  3. 3. Mittelassyrisches Reich (1380–912 v. Chr.)
  4. 4. Das Neuassyrische Großreich (911–605 v. Chr.)
  5. 5. Herrschaft, Verwaltung und Armee des Neuassyrischen Reiches
  6. 6. Nachleben, Sprache und Zeitrechnung

Überblick und frühe Geschichte

Das Assyrische Reich war ein Staat des Alten Orients mit Ursprung im nördlichen Mesopotamien (Zweistromland). Es existierte etwa 1200 Jahre, vom Beginn des 18. Jahrhunderts v. Chr. bis zu seiner Vernichtung um 609 v. Chr. Die Geschichte wird in drei Perioden eingeteilt: Alt-, Mittel- und Neuassyrisches Reich. Namensgeber für Reich und erste Hauptstadt war Assur, der höchste Gott der Assyrer. Das Neuassyrische Reich (ab dem 9. Jahrhundert v. Chr.) gilt als das erste Großreich der Weltgeschichte; sein Mittelpunkt lag am Tigris, das Machtzentrum verlagerte sich von Aššur über Kalchu (Nimrud) nach Ninive. Unter Assurbanipal erstreckte sich das Reich im Osten bis in den heutigen Iran, im Westen bis ans Mittelmeer und über Ägypten bis nach Nubien (assyrisch Meluḫḫa). Die Assyrer sind seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. am mittleren Tigris nachgewiesen, erste Ansiedlungen am Großen Zab und oberen Tigris werden um 2500 v. Chr. vermutet; sie entstanden aus einer Vermischung nicht-sumerischer Bewohner der Halaf- und Samarra-Kultur mit semitischen Einwanderern. Die Stadt Assur lag an einem Tigrisübergang an Handelswegen zwischen Babylonien und Anatolien, Elam und Nordmesopotamien; lokale Fürsten schützten die Stadt und die bis nach Kleinasien vorgeschobenen Handelskolonien (zum Beispiel Kaniš).

Altassyrischer Staat (bis 1380 v. Chr.)

Die reichste Quelle sind Keilschrifturkunden aus der Handelsniederlassung (karum) Kültepe in der Türkei. Die assyrische Königsliste, unter Šamši-Adad I. zusammengestellt, führt die Könige bis zu „Königen, die in Zelten wohnten“ zurück; die frühen Herrscher sind weitgehend mythisch. Erster durch eigene Inschriften belegter König ist Ilu-šūma (32. der Liste), der sich nur als Statthalter des Aššur bezeichnete. Šamši-Adad I. (König der Gesamtheit, 1744–1712 v. Chr.) errichtete ein obermesopotamisches Reich mit Residenz in Šubat-Enlil, das seine Söhne nicht fortführen konnten. Um 1450 eroberte Mittani Assur und Assyrien war von 1450 bis 1380 v. Chr. dessen Vasallenstaat, beschränkt auf die Stadt Aššur und Umgebung. Nach dem König war der bīt ālim (Stadtrat) die höchste Behörde; er erließ Handelsgesetze, zog den Zoll ein und wurde vom Eponym (limmu) geleitet, der auch in Rechtsprechung und Steuern eine wichtige Rolle hatte. In der Forschung gilt der Staat meist als Stadtstaat mit Zentrum Aššur (ca. 10.000 Einwohner nach Veenhof); Großfamilien (bīt abīni) bildeten die wirtschaftliche Grundlage. Händler legten in Anatolien ein Netz von Handelskolonien (karū) an, um Zinn und Gewänder gegen Kupfer, Silber und Gold einzutauschen; das Zinn stammte vermutlich aus Usbekistan. Zahlungsmittel war vor allem Silber, in Anatolien auch Zinn; die Goldausfuhr aus Aššur war verboten. Die Textilwirtschaft war bedeutend, doch anders als in Ur, Larsa und Mari stand sie nicht unter zentraler Kontrolle; teilweise verarbeiteten Kaufmannsfrauen und ihre Sklavinnen die Exportwolle.

Mittelassyrisches Reich (1380–912 v. Chr.)

Eriba-Adad I. (1380–1354 v. Chr.) befreite Assyrien von Mittani. Aššur-uballiṭ I. (1353–1318 v. Chr.) schlug Mittani entscheidend, machte Šattuara I. tributpflichtig, zerstörte Taidu und Waššukanni und knüpfte diplomatische Kontakte zu Ägypten. Die Beziehungen zu Babylonien waren – abgesehen von der Eroberung durch Tukultī-Ninurta I. (ca. 1225 v. Chr.) – weitgehend friedlich; Konflikte gab es vor allem um die Kontrolle der Handelswege in den Iran. Salmānu-ašarēd I. (1263–1234 v. Chr.) eroberte weite Teile Mittanis und setzte den Großwesir Qibi-Aššur als König von Hanilgabat ein; dessen Könige waren danach die zweitmächtigsten Personen des Reiches. Nach Rowton war der Besitz Hanilgabats mit Handelsrouten und Streitwagenbau-Tradition eine wichtige Vorbedingung für den assyrischen Aufstieg. Tukultī-Ninurta I. (1233–1197 v. Chr.) nahm den Titel „König der Gesamtheit“ an, ließ die Residenz Kār-Tukulti-Ninurta bauen und wurde bei einer Palastrevolution von seinen Söhnen getötet; erstmals werden unter ihm Deportationen erwähnt, und nachweislich wurden Waffen aus Eisen gefertigt. Tukulti-apil-Ešarra I. (1114–1076 v. Chr.) erweiterte das Reich bis zum Taurus und zum Mittelmeer, doch seine Nachfolger verloren weite Teile Nordsyriens an die Aramäer. Die Gesellschaft galt teils als feudal, teils als orientalische Despotie; das Land gehörte laut Postgate der Krone, Bauern leisteten dafür den ilku-Dienst (vermutlich meist Militärdienst). Die Landwirtschaft diente vor allem der Selbstversorgung (Sesam als Ölpflanze, Bier als wichtigstes Getränk, Wein war importiert), als Baumaterial dienten Lehmziegel, importiert wurden Zedern, Basalt und Alabaster. Hauptzahlungsmittel war das Metall AN.NA (Zinn oder Blei), Silber kaum noch; der Fernhandel diente vor allem der Luxusversorgung der Oberschicht. Die Armee war staatlich ausgerüstet (Waffenausgabe wurde quittiert), Pferde für Streitwagen kamen aus dem Zagros; Bronzewaffen dominierten, eiserne Panzerhemden wurden seit Adad-nārārī I. von den Hethitern eingetauscht, und seit Tukultī-Ninurta I. ist Eisenverarbeitung in Assyrien belegt.

Das Neuassyrische Großreich (911–605 v. Chr.)

Aššur-nâṣir-apli II. (883–859 v. Chr.) brachte die Routen zum Mittelmeer unter assyrische Herrschaft. Sein Sohn Salmānu-ašarēd III. (859–824 v. Chr.) stieß Richtung Süd-Syrien und Israel vor, wurde aber 853 v. Chr. in der Schlacht von Qarqar von einer Allianz (u. a. Nordreich Israel und Damaskus) gestoppt; Urartu leistete im Norden erfolgreich Widerstand. Mitte des 8. Jahrhunderts war das Reich an einem Tiefpunkt. Tiglat-Pileser III., dessen Herrschaftsanspruch unklar ist (wahrscheinlich kein Angehöriger der bisherigen Dynastie, vielleicht ein Statthalter), verdoppelte sofort die Zahl der Provinzen, eroberte Syrien und Libanon, belagerte 733 v. Chr. Damaskus (erstmals erobert, Fall wohl im Jahr darauf) und dehnte das Reich bis nach Palästina und Gaza aus – vom heutigen Israel bis zum persischen Golf. Sein Sohn Salmānu-ašarēd V. fiel 722 v. Chr. einem Mordanschlag zum Opfer, nachdem er die Sonderstellung der Stadt Aššur angetastet hatte. Sargon II. (Name bedeutet „rechter Herrscher“), vermutlich ebenfalls nicht aus der bisherigen Dynastie, erlitt gegen Elam und Babylon eine Niederlage, eroberte das Nordreich Israel mit Samaria (720 v. Chr.), erreichte Zypern und Kleinasien und schlug 714 v. Chr. Urartu entscheidend (Rusa I. auf dem Berg Uaus), worauf Urartu keine Bedrohung mehr war. 710 v. Chr. eroberte er Babylonien und ließ sich in Babylon krönen; ab 717 v. Chr. ließ er die Residenzstadt Dur Šarrukin (heute Khorsabad) bauen (fertig 706 v. Chr.), die aber nie Hauptstadt wurde, da sein Sohn Sîn-aḫḫe-eriba nach Ninive verlegte. Seine Nachfolger Sanherib (Sîn-aḫḫe-eriba) und Asarhaddon (Aššur-ahhe-iddina) hielten und erweiterten das Reich. Assurbanipal (668–627 v. Chr.) gab dem Reich mit der Einnahme Thebens (667 v. Chr.) seine größte Ausdehnung; seine 40-jährige Herrschaft war eine Blütezeit, doch der Bruderkrieg mit Šamaš-šuma-ukin, dem König von Babylonien, der sich 652 v. Chr. mit Elam verbündete, schwächte das Reich nachhaltig. Nach zweijähriger Belagerung eroberte Assurbanipal Babylon und bestrafte es grausam, danach eroberte er Elams Hauptstadt Susa. Nach neuerem Forschungsstand war das Reich einzig auf Expansion ausgerichtet: eroberte Gebiete wurden durch Deportationen und Steuern ausgeblutet, das Kernland verlor Produktivität und Personal – so waren bei der Eroberung Thebens die Ressourcen an Verwaltungspersonal offenbar erschöpft. Nach Assurbanipals Tod (Datum unbekannt) zog 616 v. Chr. Nabopolassar mit einem babylonischen Heer nach Assyrien; 614 v. Chr. fiel Aššur, 612 v. Chr. Ninive, 608 v. Chr. Harran. Assyrische Einheiten kämpften mit ägyptischer Hilfe bis zur verlorenen Schlacht bei Karkemiš 605 v. Chr. weiter. Die Rache der unterdrückten Völker galt als besonders grausam, doch Funde in Dur-Katlimmu (Geschäftsleute und Handwerker, die nach dem Reichsende weiterarbeiteten) lassen die Annahme einer Massenausrottung des gesamten Volkes zunehmend anzweifeln. Babylon stieg zur Vormacht auf (Nabopolassar, dann Nabū-kudurrī-uṣur II.), bis 539 v. Chr. Kyros II. das neubabylonische Reich eroberte.

Herrschaft, Verwaltung und Armee des Neuassyrischen Reiches

Zur Herrschaftsform: Um die Macht einzelner Machthaber zu beschneiden, teilte Tiglat-Pileser III. das Land in kleinere Distrikte, führte diese mit loyalen Statthaltern, teils Eunuchen, statt des Adels, und hob das Heer selbst aus. Er forderte regelmäßig Steuern und baute einen streng hierarchischen Beamtenapparat auf. Verwaltung: Eroberte Königreiche wurden gewöhnlich in Provinzen umgewandelt, die einem Gouverneur (šaknu oder bel paḥete) unterstanden; daneben gab es Distriktsverwalter (rab alani) und Stadtgouverneure (ḥazannu). Autonome Vasallenkönige wurden durch besondere Beamte (qepu) überwacht; die philistinischen und phönizischen Küstenstädte, die die Flotte stellten, hatten einen Sonderstatus. Sozialstruktur: Jeder Einwohner konnte zu öffentlichen Arbeiten (dullu ša šarri) wie Erdarbeiten oder Ziegelmachen herangezogen werden. Wirtschaft: Unter Handwerkern gab es Abstufungen, Meister hießen umānu; Arbeiten für den König unterstanden der Kontrolle eines hohen Hofbeamten. Armee: Jeder Assyrer war wehrpflichtig, konnte sich aber durch Zahlung loskaufen; zusätzlich dienten Einheiten unterworfener Staaten und teils Söldner (aramäische Itu’äer seit Salmanasser III.). Für die jährlichen königlichen Kriegszüge im Herbst gab es ein spezielles Aufgebot (dikût māti). Die Infanterie bestand aus gepanzerten Lanzenträgern, Speerwerfern, Bogenschützen und Schleuderern; es gab technische Einheiten mit Rammböcken und Belagerungstürmen. Die Kavallerie nutzte Streitwagen und Reiter (Reiter seit Adad-nirari II. belegt), Pferde kamen aus Gilzanu und später Parsua. Eine eigene Flotte gab es nicht – Seeleute aus phönizischen und zypriotischen Städten wurden herangezogen; Flussüberquerungen erfolgten mit aufgeblasenen Ziegenhäuten. Gegnerverluste wurden durch Zählen von Köpfen überprüft; Angaben zu Truppenstärken in assyrischen Texten sind mit Misstrauen zu betrachten. Deportationen: Tiglat-Pileser III. setzte Massendeportationen ein – alleine für seine Regierungszeit werden 370.000 deportierte Personen gerechnet. Deportierte waren in fremder Umgebung von assyrischen Rationen abhängig und mussten sich ins Reich eingliedern; die Politik führte zu einer Vermischung der Bevölkerung und einer sprachlichen Vereinheitlichung. Das Schicksal von Rebellen wurde ausführlich geschildert, um Nachahmer einzuschüchtern.

Nachleben, Sprache und Zeitrechnung

Bibel: Assyrien ist vor allem aus dem Tanach als feindliche Großmacht der Israeliten bekannt. In 2. Kön 19 spricht JHWH im Konflikt zwischen Sanherib und Hiskia von Juda vom Assyrerkönig als sein Werkzeug bei der Vernichtung des Nordreichs Israel, besiegt ihn dann aber durch einen Engel. Im Buch Jona tun die Bewohner Ninives Buße und werden so vom Zorn JHWHs verschont. Antike Quellen: Griechisches Wissen über die Assyrer ist gering; zu nennen sind Herodot und Ktesias von Knidos (sein Werk Persika ist nur in Auszügen erhalten). Strabon (Geographika 16) beschreibt die Ausdehnung von Syrien im weiteren Sinne und versteht unter Syrern das heute als Assyrer bekannte Volk; die Syrer wurden von den Medern, diese von den Persern unterworfen. Sprache: Assyrisch war wie das Babylonische eine Varietät der akkadischen Sprache, die bis ins erste nachchristliche Jahrhundert in Mesopotamien und Syrien verwandt und zunehmend vom Aramäischen verdrängt wurde; es diente zuletzt als Schrift- und Gelehrtensprache. Assyrisch in Keilschrift hatte unter den Sargoniden eine Stellung wie Latein im mittelalterlichen Europa. Zeitrechnung: Die Jahre wurden nach den eponymen Beamten (limmu) und außergewöhnlichen Ereignissen benannt; diese Eponymenlisten sind teilweise erhalten und eine wichtige historische Quelle. Daneben zählte man nach den Regierungsjahren der Könige (palu).

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