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Kanon (Bibel)
Der Kanon der Bibel, genannt auch Bibelkanon oder Kanon der Heiligen Schrift, ist jene Liste von Schriften, die das Judentum und das Christentum als …
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Bibelkanon: Bedeutung und Grundstruktur
Der Bibelkanon ist die verbindliche Liste der Schriften, die Judentum beziehungsweise Christentum als Bestandteile ihrer Bibel anerkennen. Diese Schriften gelten als Maßstab für Glauben, Lehre und Lebensgestaltung. „Kanonisieren“ bedeutet entsprechend, eine Schrift als Bestandteil dieser Norm anzuerkennen.
Im Judentum wurde zuerst die Tora, also die fünf Bücher Mose, zur normativen Heiligen Schrift. Später kamen die Propheten und weitere poetische oder weisheitliche Schriften hinzu. Daraus entstand der dreiteilige Tanach. Die frühe christliche Jesusbewegung behielt diese jüdischen Schriften bei. Die Alte Kirche stellte sie als Altes Testament dem Neuen Testament voran und bestätigte damit ihre bleibende Bedeutung für den christlichen Glauben.
Beim Neuen Testament bildeten die vier Evangelien und eine Sammlung der Paulusbriefe bereits im 2. Jahrhundert den anerkannten Kern. Um 400 setzte sich der heute übliche Umfang von 27 Schriften durch. Zwischen den christlichen Konfessionen betrifft die wichtigste Uneinigkeit deshalb nicht das Neue, sondern das Alte Testament: Die Lutherbibel enthält dort 39 Bücher, deren hebräische Texte in anderer Anordnung den 24 Büchern des Tanach entsprechen. Weitere vorchristliche jüdische Schriften gelten im evangelischen Bereich als Apokryphen, im katholischen Bereich als deuterokanonische Schriften. Katholische und orthodoxe Kirchen erkennen solche Bücher in unterschiedlichem Umfang an.
Entstehung des jüdischen Kanons
Der Tanach wurde auf Hebräisch und teilweise auf Aramäisch verfasst und entstand in einem langen Prozess aus mündlicher Überlieferung, Verschriftlichung, Bearbeitung und Sammlung. Seine drei Teile sind Tora, Nevi’im („Propheten“) und Ketuvim („Schriften“).
Im Zentrum standen Rechtstraditionen, die als Offenbarung Gottes galten. Das Deuteronomium zitierte, ergänzte und aktualisierte ältere Gesetzessammlungen und stellte sie als große Rede des Mose dar. Eine Vorform dieses Buches legitimierte um 622 v. Chr. die Kultzentralisation unter König Josia. Die feierliche Verlesung der Tora nach dem Wiederaufbau des Tempels ab 539 v. Chr. setzt ihre kanonische Geltung voraus. Spätestens um 250 v. Chr., als ihre griechische Übersetzung begann, war sie abgeschlossen. Für die Samaritaner blieb allein der daraus hervorgegangene Samaritanische Pentateuch Heilige Schrift.
Um 200 v. Chr. war auch die Sammlung der Prophetenbücher abgeschlossen. Das um 190 v. Chr. entstandene Buch Jesus Sirach setzt bereits Tora, Geschichtsbücher und Prophetenbücher voraus; sein griechischer Prolog von etwa 117 v. Chr. erwähnt außerdem eine unbestimmte Zahl poetisch-weisheitlicher Schriften.
Flavius Josephus sprach um 90 n. Chr. von 22 heiligen Büchern: fünf Bücher des Mose, 13 Prophetenbücher und vier Bücher mit Hymnen und Lebensanweisungen. Das 4. Buch Esra nannte um 100 dagegen 24 heilige Schriften. Diese Zahl entsteht, wenn unter anderem 1/2 Samuel, 1/2 Könige, 1/2 Chronik, Esra/Nehemia und das Zwölfprophetenbuch jeweils als ein Buch gezählt werden. Für 22 Bücher können Richter und Rut sowie Jeremia und Klagelieder jeweils zusammengefasst werden.
Wann der Umfang des dritten Teils endgültig feststand, ist unsicher. Die früher verbreitete Annahme, eine Synode von Jabne habe um 100 darüber entschieden, gilt nicht als gesichert. Diskussionen über Prediger und Hoheslied müssen nicht deren Kanonizität betroffen haben. Auch die tatsächliche Wertschätzung einzelner Schriften war verschieden: In den Schriftrollen vom Toten Meer ist die Tora besonders wichtig; Jesaja, das Zwölfprophetenbuch, Jeremia, Psalmen und Daniel sind stark vertreten. Auch nicht allgemein anerkannte Werke wie Jubiläen und Henoch wurden hochgeschätzt, während Ester ganz fehlt.
Altes Testament in den Kirchen
Für Jesus und die ersten Christen war der bereits dreiteilige, im Umfang aber noch nicht endgültig festgelegte Tanach die maßgebende Heilige Schrift. Sie verstanden ihre Botschaft als dessen Auslegung. Um 150 wollte Marcion die jüdische Bibel aus der christlichen Bibel ausschließen und nur ein verkleinertes, vom Judentum „gereinigtes“ Neues Testament anerkennen. Die Kirchenväter widersprachen und bewahrten die jüdischen Schriften als ersten Teil der christlichen Bibel.
Große Bedeutung gewann die Septuaginta, die griechische Übersetzung des Tanach und weiterer jüdischer Schriften. Ihre jüngsten Übersetzungsbestandteile entstanden etwa 100 n. Chr. Manche darin überlieferten Bücher wurden von Rabbinern nicht anerkannt, aber von christlichen Autoren verwendet. Ein eigener jüdischer „alexandrinischer Kanon“ lässt sich jedoch nicht nachweisen.
Melito von Sardes übertrug um 170 „Alter Bund“ als vetus testamentum („Altes Testament“) und bezog den Ausdruck auf die ihm bekannten heiligen jüdischen Schriften. Seine Liste umfasste den Tanach außer Ester. Origenes kannte ebenfalls den Tanach und bezeichnete unter anderem die Makkabäerbücher und Henoch als nicht zugehörig. Hieronymus betrachtete 393 den hebräischen Textbestand als inspirierte hebraica veritas („hebräische Wahrheit“).
Die Synoden von Rom (382), Hippo (393) und Karthago (397 und 419) nahmen dagegen auch Judit, Tobit, Weisheit Salomos, 1. und 2. Makkabäer, Jesus Sirach, Baruch sowie griechische Zusätze zu Ester und Daniel auf. Um 400 umfasste der Kanon der Alten Kirche nach der Septuaginta 54 Bücher. Der römisch-katholische Kanon der Vulgata wurde 1546 in Trient mit 46 alttestamentlichen Büchern festgelegt. Die Lutherbibel von 1534 zählt 39; der orthodoxe Umfang wurde auch später nicht überall eindeutig einheitlich bestimmt.
Bildung des Neuen Testaments
Die 27 griechisch verfassten Schriften des Neuen Testaments wurden spätestens nach dem 39. Osterfestbrief des Athanasius von 367 von fast allen Christen anerkannt. Unumstritten waren die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die Paulusbriefe einschließlich der Pastoralbriefe und der 1. Johannesbrief. Hebräer, Jakobus und 1. Petrus wurden teilweise angezweifelt, schließlich aber von allen christlichen Traditionen anerkannt. 2. Petrus, 2. und 3. Johannes, Judas und die Offenbarung des Johannes fanden fast überall Anerkennung; in der assyrischen Tradition seit der syrischen Peschitta fehlen diese fünf Bücher. Zeitweise hochgeschätzte Werke wie die Clemensbriefe, Didache, Barnabasbrief, Hirte des Hermas, Hebräerevangelium und Offenbarung des Petrus wurden nicht aufgenommen.
Zuerst sammelte man die Paulusbriefe. Nach einigen Forschern war bereits um 70 eine Sammlung im Umlauf. Die Briefe wurden in Gemeinden öffentlich vorgelesen, ausgetauscht und über ihren ursprünglichen Anlass hinaus als maßgeblich behandelt. Umfang und Reihenfolge dieser Sammlung blieben jedoch bis etwa 200 uneinheitlich.
Seit dem späten 2. Jahrhundert erstellten Kirchenväter Kanonlisten. Als wichtige Kriterien galten die Abfassung durch einen Apostel oder unter apostolischer Autorität, die Orthodoxie – also die Übereinstimmung mit der kirchlichen Lehre – und der Gebrauch im Gottesdienst verschiedener Regionen. Ob diese Kriterien schon vor 170 systematisch angewandt wurden, ist historisch nicht gesichert. Um 150 existierte eine Sammlung der vier Evangelien; der Kanon Muratori um 170 enthielt noch die Offenbarung des Petrus mit Vorbehalten, ließ aber mehrere später kanonische Briefe aus. Irenäus legte um 185 die Zahl der Evangelien auf genau vier fest, führte jedoch noch den Hirten des Hermas auf und ließ mehrere heutige Briefe weg.
Origenes behandelte um 230 alle heutigen neutestamentlichen Schriften, nannte aber sechs heute kanonische Briefe umstritten. Eine andere Liste von ihm entspricht bereits den heutigen 27 Schriften. Im 4. Jahrhundert zeigen Handschriften weiterhin unscharfe Grenzen: Der Codex Sinaiticus enthält den Hirten des Hermas und den Barnabasbrief, der Codex Alexandrinus die beiden Clemensbriefe. Athanasius führte 367 erstmals alle Bücher des heutigen Neuen Testaments gemeinsam auf. Die lokale Synode von Karthago erkannte 397 insgesamt 46 alttestamentliche und 27 neutestamentliche Schriften an und untersagte die gottesdienstliche Lesung anderer Werke als göttliche Schriften.
Mittelalter, Reformation und heutige Unterschiede
Trotz der Entscheidungen des 4. Jahrhunderts blieben die Grenzen des Kanons im Mittelalter teilweise durchlässig. Außerbiblische Texte konnten ähnlich wie kanonische Schriften gelesen werden. Der von Hieronymus abgelehnte Laodizenerbrief stand noch jahrhundertelang in manchen Vulgata-Handschriften und in allen 17 deutschen Übersetzungen des Neuen Testaments vor der Lutherbibel. Scharfe Grenzen zwischen kanonischen und nichtkanonischen Büchern entstanden im Westen im Wesentlichen erst im 16. Jahrhundert durch reformatorische Kritik und die Reaktion des Konzils von Trient.
Die Renaissance förderte mit dem Grundsatz ad fontes („zu den Quellen“) die Arbeit an hebräischen und griechischen Originaltexten. Wichtige gedruckte Ausgaben waren Erasmus’ griechisches Neues Testament von 1516 und Jakob ben Chaims hebräische Bibelausgabe von 1524/25.
Martin Luther orientierte sich für das Alte Testament am hebräischen Kanon. Die zusätzlichen Schriften der Septuaginta stellte er als Bücher zusammen, die der Heiligen Schrift nicht gleichgestellt, aber „nützlich und gut zu lesen“ seien. Ähnlich urteilt die anglikanische Tradition; stärker calvinistisch geprägte Richtungen lehnten diese Bücher meist vollständig ab. Die katholische Kirche legte auf dem Konzil von Trient verbindlich den Umfang der lateinischen Vulgata fest. Lutherische Kirchen definierten den Kanon nicht offiziell in einem Bekenntnistext, folgten aber faktisch Luther. Reformierte Kirchen legten ihn durch Listen fest und lehnten die deuterokanonischen Schriften gewöhnlich vollständig ab. Eine Ausnahme mit ökumenischer Absicht war ihre Aufnahme in die Neuübersetzung der Zürcher Bibel von 2019.
Damit gelten unterschiedliche Grundlagen: Protestantische Kirchen folgen im Alten Testament dem hebräischen Tanach, die römisch-katholische Kirche der Vulgata und orthodoxe Kirchen der Septuaginta. Umstritten sind vor allem Schriften außerhalb des Tanach. Je nach konfessioneller Sicht heißen sie Apokryphen oder deuterokanonische Schriften; in evangelisch-katholischen Gemeinschaftsprojekten wird auch die Bezeichnung „Spätschriften des Alten Testaments“ verwendet.
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