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Präventivkriegsthese
Rolf-Dieter Müller resumierte 2008 den gültigen Forschungsstand, „dass das Unternehmen Barbarossa kein Präventivkrieg gewesen ist. […] ein Angriffsbefehl …
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Kern der These und heutige Einordnung
Die Präventivkriegsthese, auch Präventivschlagthese oder Präventivkriegslegende genannt, ist die Behauptung, der deutsche Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 habe einen unmittelbar bevorstehenden sowjetischen Angriff verhindert. Danach sei das „Unternehmen Barbarossa“ kein völkerrechtswidriger Angriffskrieg gewesen, sondern ein durch das Kriegsvölkerrecht gedeckter Präventivschlag. Außerdem wird behauptet, die Rote Armee sei im Frühjahr und Sommer 1941 für einen Angriff auf das Deutsche Reich aufgestellt gewesen.
Die Geschichtswissenschaft hatte diese These bereits in den 1960er-Jahren entkräftet. Ab 1985 wurde sie erneut verbreitet, und ab 1990 wurden neu zugängliche sowjetische Dokumente zeitweise in der Forschung diskutiert. Durch internationalen Forschungsaustausch galt die These bis 1997 erneut als widerlegt. Sie wird heute als wichtiger Bestandteil des Geschichtsrevisionismus im deutschen Rechtsextremismus eingeordnet, weil sie die Kriegsschuld und die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands relativieren oder leugnen kann.
Ursprung in der NS-Propaganda
Adolf Hitler entschied sich bereits am 31. Juli 1940 im Kreis des Oberkommandos der Wehrmacht für den Krieg gegen die Sowjetunion. Am 18. Dezember 1940 befahl er die militärische Vorbereitung des „Unternehmens Barbarossa“. Am 30. März 1941 erklärte er den beteiligten Generälen seine Ziele: Der Krieg gegen den Bolschewismus sei ein rassenideologischer Vernichtungskrieg; durch Eroberungen im Osten solle Deutschland von Importen aus Feindstaaten unabhängiger werden. Am 14. Juni 1941 behauptete Hitler zusätzlich, die Sowjetunion wolle Deutschland im Krieg gegen den Westen in den Rücken fallen, weshalb Deutschland vorbeugen müsse.
Die NS-Propaganda stellte den geplanten Angriff als notwendige Abwehr dar. Intern war bekannt, dass diese Darstellung der Tarnung deutscher Angriffsabsichten diente. Die Abteilung „Fremde Heere Ost“ hatte am 15. März 1941 das Aufrücken sowjetischer Truppen an die Westgrenze als „Defensiv-Maßnahme“ gegen deutsche Truppenbewegungen nach Osten bewertet. Auch die Abteilung Landesverteidigung im OKW stellte am 28. April 1941 fest, dass Behauptungen über sowjetische Angriffsabsichten dazu dienten, deutsche Operationsabsichten als „offensive Abwehrmaßnahmen“ erscheinen zu lassen.
Am 22. Juni 1941 verlas Joseph Goebbels eine vorbereitete Erklärung Hitlers im Radio. Zugleich wurden ein Tagesbefehl an die Soldaten und eine Note an die Sowjetunion verbreitet. Alle behaupteten im Kern, Deutschland sei sowjetischen Aggressionsplänen nur zuvorgekommen. Die Propaganda sprach von einer angeblich sprungbereit an der Grenze stehenden Roten Armee und später von einem „Kreuzzug Europas gegen den Bolschewismus“. Diese Rechtfertigung wurde bis Kriegsende aufrechterhalten, etwa durch Goebbels, Hermann Göring und Heinrich Himmler.
Nachkriegszeit und Wiederaufnahme der Debatte
Nach 1945 nutzten führende Wehrmachts- und NS-Funktionäre die Präventivkriegsthese zur Rechtfertigung. Alfred Jodl erklärte am 15. Mai 1945, Deutschland habe die Sowjetunion nicht wegen Raumgewinn angegriffen, sondern wegen des angeblich wachsenden russischen Aufmarschs. In den Nürnberger Prozessen folgten viele Angeklagte dieser Linie. Frühere Nationalsozialisten und Wehrmachtsgeneräle verbreiteten den Mythos einer Abwehr der „asiatischen Bedrohung“ in der Zeit des Kalten Krieges weiter.
1963 stellte Paul Carell in Unternehmen Barbarossa den deutschen Überfall als berechtigten Präventivschlag dar. Nur wenige Autoren wie Philipp W. Fabry und Erich Helmdach folgten ihm damals. Historiker wie Gerhard L. Weinberg, John Erickson, Karl-Heinz Janßen und Andreas Hillgruber wiesen die These in den 1960er-Jahren detailliert zurück.
In den 1980er-Jahren kam die These erneut öffentlich auf. Ernst Topitsch stellte 1985 den Zweiten Weltkrieg als im Kern sowjetischen Angriff auf die westlichen Demokratien dar. Viktor Suworow behauptete 1985/86, Stalin habe für Juni 1941 einen Krieg gegen Deutschland geplant. Im Umfeld des westdeutschen Historikerstreits griffen einige Autoren diese Deutungen auf. Joachim Hoffmann schrieb, Hitler habe 1941 möglicherweise die letzte Gelegenheit gehabt, einem anderen Aggressor zuvorzukommen. Ernst Nolte deutete 1987 den deutschen Angriff als verständliche präventive Reaktion auf eine aus nationalsozialistischer Sicht permanente Bedrohung. Andere Historiker wiesen diese Aussagen wegen fehlender konkreter Belege zurück.
Dokumente der 1990er-Jahre und Deutungen
Durch die Glasnost-Politik Michail Gorbatschows wurden seit 1985 neue oder zuvor nicht überprüfbare Dokumente aus sowjetischen Archiven zugänglich. Einige wurden von Vertretern der Präventivkriegsthese als Belege genutzt, andere zu ihrer Widerlegung.
Wichtig waren drei Generalstabspläne der Roten Armee von 1940/41. Der Einsatzplan vom 18. September 1940 ging für den Kriegsfall von einer massiven deutschen Invasion aus und sah vor, diese zunächst aufzuhalten und dann begrenzte Gegenstöße zu führen. Ein Entwurf vom 11. März 1941 reagierte auf den deutschen Truppenaufmarsch und sah Gegenoffensiven nur unter günstigen Bedingungen vor.
Besonders umstritten waren Stalins Rede vom 5. Mai 1941 und ein Konzeptpapier Alexander Wassilewskis vom 15. Mai 1941. In der Rede hieß es nach einer Version, die Rote Armee müsse von der Verteidigung zu einer Politik offensiven Handelns übergehen. Die Echtheit und Bedeutung des überlieferten Berichts ist umstritten. Das Konzeptpapier vom 15. Mai rechnete mit einem deutschen Überfall und schlug geheime Mobilmachung, verdeckte Konzentration der Roten Armee und einen Präventivschlag in Polen sowie die Besetzung Ostpreußens vor. Generalstabschef Georgi Schukow, Verteidigungsminister Semjon Timoschenko und Stalin unterzeichneten das Dokument nicht. Nach späteren Berichten lehnte Stalin einen Präventivschlag ab und verbot provokative Truppenbewegungen an der Grenze.
Ein weiteres Dokument, eine angebliche Stalinrede vom 19. August 1939, wurde von manchen Autoren als Beleg verwendet. Spätere Forschung, besonders Sergei Slutsch 2004, bewertete sie als Fälschung.
Argumente der Vertreter
Viktor Suworow löste mit Der Eisbrecher 1989 eine neue Debatte aus. Er verwies auf die grenznahe Aufstellung der Roten Armee, den Abbau von Verteidigungsanlagen an der Molotow-Linie und angebliche Stalinreden von 1939 und 1941. Er behauptete, Stalin habe einen Angriff geplant und Hitler sei diesem zuvorgekommen.
In den 1990er-Jahren griffen rechtskonservative und rechtsextreme Autoren diese Thesen auf, darunter Fritz Becker, Max Klüver, Walter Post, Carl Gustav Ströhm, Heinz Trettner, Adolf von Thadden und Wolfgang Strauß. Ernst Nolte sprach 1993 von einem möglichen „objektiven“ Präventivkrieg. Werner Maser meinte, Hitler und Stalin hätten gegenseitig Präventivkriege geplant; Stalin habe für spätestens Juli 1941 eine Angriffsoperation unter dem Decknamen „Groza“ vorbereitet. Joachim Hoffmann behauptete, militärische Vorbereitungen der Roten Armee seien längst angelaufen gewesen, und deutete Schukows „Überlegungen“ vom 15. Mai 1941 als Angriffsplan.
Einige russische Militärhistoriker vertraten zwar nicht unbedingt die These eines deutschen Präventivkrieges, sahen aber in den sowjetischen Dokumenten Hinweise auf Angriffspläne. Wladimir Neweschin deutete Stalins Rede vom 5. Mai 1941 als Anstoß zu den „Überlegungen“ vom 15. Mai. Waleri Danilow nahm an, Stalin habe das Dokument gebilligt, ohne Hitlers Schuld als Aggressor zu bestreiten. Michail Meltjuchow sah darin eine direkte Präventivschlagsabsicht. Boris Sokolow unterstützte Suworows Thesen, räumte aber Fehler und Verdrehungen in dessen Buch ein.
Gegenargumente und Forschungsstand
Die meisten deutschen und viele internationale Historiker weisen die Präventivkriegsthese zurück. Sie verweisen auf die fast ein Jahr dauernde deutsche Angriffsplanung seit Sommer 1940, Hitlers seit Mein Kampf formuliertes Ziel der Eroberung von „Lebensraum im Osten“, die intern erklärten Eroberungs-, Unterwerfungs- und Vernichtungsabsichten, fehlende Belege für deutsche Präventivschlagsabsichten und die deutsche Einschätzung des sowjetischen Aufmarschs als defensiv.
Bernd Bonwetsch erklärte, ein sowjetischer Überfallplan vor Juni 1941 gehöre nicht zu Stalins „Sündenkonto“. Gerd R. Ueberschär sah Suworows Thesen als für die Geschichtswissenschaft irrelevant an. Bernd Wegner deutete die „Überlegungen“ vom 15. Mai 1941 als unverbindlichen Entwurf, den Stalin nicht umsetzen ließ. Manfred Messerschmidt betonte, dass sowjetische Planungen von einem erwarteten deutschen Angriff ausgingen und Hitler am 12. November 1940 befohlen hatte, die Kriegsvorbereitungen unabhängig vom Verhalten der Sowjetunion fortzusetzen.
Nichtdeutsche Historiker kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Gabriel Gorodetsky kritisierte Suworow dafür, sowjetische Kriegsvorbereitungen aus dem politischen Zusammenhang zu lösen. Dmitri Wolkogonow fand in geheimen sowjetischen Akten keine Materialien über einen geplanten Überfall auf Deutschland. Juri Gorkow zeigte, dass sowjetische Einsatz- und Mobilmachungspläne offensive Maßnahmen erst nach erfolgreicher Abwehr einer Invasion vorsahen. David M. Glantz erklärte 1998, die Rote Armee sei im Sommer 1941 wegen Ausbildung, Ausrüstung, Nachrichtenwesen und Führung nicht einsatzbereit gewesen.
Seit 2000 gilt in der Forschung: Das „Unternehmen Barbarossa“ war kein Präventivkrieg. Bernd Wegner fasste 2001 zusammen, Hitler habe die Sowjetunion angegriffen, weil er die Rote Armee als schwach einschätzte, nicht weil er einen unmittelbar bevorstehenden Angriff fürchtete. Rolf-Dieter Müller schrieb 2008, ein Angriffsbefehl Stalins entsprechend Hitlers „Weisung Nr. 21“ liege nicht vor, und eine unmittelbare Bedrohung durch die UdSSR habe für die deutsche Planung nachweislich keine Rolle gespielt. Christian Hartmann bezeichnete 2011 das „Unternehmen Barbarossa“ als Angriffskrieg, den das „Dritte Reich“ ohne Not eröffnet und von Anfang an als rassenideologischen Vernichtungskrieg geplant habe.