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Geschichtsrevisionismus
Sie deuten besonders die Zeit des Nationalsozialismus um, indem sie die NS-Verbrechen leugnen, relativieren oder verharmlosen. Dazu bedienen sich rechtsextreme …
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Begriff und Verhältnis zur Geschichtswissenschaft
Geschichtsrevisionismus bezeichnet Versuche, ein wissenschaftlich, politisch und gesellschaftlich anerkanntes Geschichtsbild wesentlich umzudeuten. Besonders der rechtsextreme Geschichtsrevisionismus richtet sich gegen die wissenschaftlich gesicherte Darstellung der Zeit des Nationalsozialismus: NS-Verbrechen werden geleugnet, relativiert oder verharmlost. Dafür werden Methoden der Geschichtsfälschung und Geschichtsklitterung eingesetzt. Der Begriff „Revisionismus“ ist jedoch weiter als Holocaustleugnung, mit der er in der Forschung über Rechtsextremismus häufig gleichgesetzt wird.
Eine quellenbasierte Revision ist ein normaler Bestandteil der Geschichtsforschung. Neu entdeckte Quellen können bisherige Darstellungen korrigieren. Da historische Darstellungen immer von gesellschaftlichen, politischen und persönlichen Bedingungen abhängen, ist eine vollständig eindeutige und endgültige Erfassung der Vergangenheit nicht möglich. Historische Tatsachen sind stets auch interpretierte Tatsachen; Geschichtsbilder müssen daher grundsätzlich revidierbar bleiben.
Ideologisch motivierte Revisionisten nutzen diese Offenheit aus. Sie stellen das anerkannte Geschichtsbild als bloße „herrschende Meinung“ dar, behaupten selbst aber vorgefasste Deutungen als Fakten. Rechtsextreme Revisionisten bemühen sich nicht ergebnisoffen um historische Objektivität, sondern wollen die Vergangenheit politisch umdeuten. Deshalb vermeiden viele Historiker die Selbstbezeichnung „Revisionismus“ und sprechen stattdessen von „Leugnung“.
Deutschland: Weltkriege und politische Ziele
In Bezug auf Deutschland zielt der Geschichtsrevisionismus vor allem auf eine Umdeutung der Ursachen, Verläufe und Folgen des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Die besondere Verantwortung deutscher Regierungen wird bestritten; zugleich werden Ansprüche auf frühere deutsche Gebiete oder neue Großmachtambitionen unterstützt. Ziel ist häufig, die deutsche Kriegsschuld zu bagatellisieren, die NS-Zeit zu entlasten und die „Deutungshoheit“ über sie zu gewinnen. Seit etwa 1980 sind revisionistische Thesen international vernetzt und in pseudowissenschaftlichen Instituten verbreitet worden, obwohl kein reputabler Historiker an diesen Versuchen beteiligt war.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Niederlage mit der Dolchstoßlegende Demokraten und Juden zugeschrieben. Sie leugnete die tatsächlichen Ursachen der Niederlage und war mit der Ablehnung der Weimarer Republik sowie der demokratischen Kontrolle von Militär und Justiz verbunden. Der Vertragsrevisionismus wollte die im Versailler Vertrag von 1919 festgelegten Reparationen und Gebietsabtretungen revidieren. Dies war Ziel aller deutschen Regierungen der Weimarer Republik. Staatliche Stellen beeinflussten die Kriegsschulddebatte durch die gezielte Veröffentlichung entlastender und das Zurückhalten belastender Dokumente.
Nach 1945 versuchten verschiedene Autoren, die Verantwortung des NS-Regimes für den Zweiten Weltkrieg zu bestreiten. Erich Kern erklärte etwa den Versailler Vertrag zur Ursache des Nationalsozialismus und des Krieges und machte innere Gegner des NS-Regimes für die deutsche Niederlage verantwortlich. David L. Hoggan stellte 1961 in Der erzwungene Krieg Hitler als friedliebend und Großbritannien sowie Polen als Kriegstreiber dar; die systematische Fälschung und Verzerrung seiner Quellen wurde in den 1960er Jahren von Hermann Graml und anderen Historikern nachgewiesen. David Irving bestritt 1977 Hitlers Initiative beim Zweiten Weltkrieg und gab Winston Churchill die Hauptschuld; später wurde Irving zu einem bekannten Holocaustleugner.
Weitere revisionistische Deutungen machen Franklin D. Roosevelt, Großbritannien, Frankreich oder Polen für den Krieg verantwortlich und behaupten, Hitler sei einem Angriff zuvorgekommen oder habe nach dem 1. September 1939 ein großzügiges Friedensangebot gemacht. Die Präventivkriegsthese erklärt den deutschen Überfall auf die Sowjetunion als Reaktion auf angebliche sowjetische oder westliche Angriffspläne. Auch Verbrechen der Wehrmacht in Osteuropa werden teilweise als gerechtfertigte Abwehrmaßnahmen gegen Partisanen dargestellt. Solche Positionen stützen sich laut dem Artikel auf einseitige oder rechtsextreme Literatur und nicht auf seriöse historische Forschung. Sie finden auch in der Neuen Rechten Zustimmung.
Die Vorstellung einer „jüdischen Kriegserklärung“
Ein wichtiges Motiv der NS-Propaganda und später des Geschichtsrevisionismus ist die Umdeutung deutscher Kriegs- und Vernichtungspolitik in eine angebliche Reaktion auf jüdische oder alliierte Angriffspläne. 1933 wurde ein Artikel des Daily Express vom 24. März mit der Überschrift Judea declares war on Germany als Beleg für eine „jüdische Kriegserklärung“ benutzt. Tatsächlich hatte der Artikel nur über einen erwogenen Boykott britischer Juden gegen deutsche Waren berichtet; deren Vertreter lehnten den Aufruf am 27. März 1933 ausdrücklich ab. Die NS-Propaganda verwendete die Behauptung später auch zur Rechtfertigung der Novemberpogrome von 1938.
Revisionisten beziehen sich außerdem auf einen Brief Chaim Weizmanns vom 2. September 1939 an den britischen Premierminister Arthur Neville Chamberlain. Weizmann versicherte darin angesichts des am Vortag begonnenen deutschen Überfalls auf Polen, die Juden würden an Englands Seite stehen. Ernst Nolte deutete diese Solidaritätsbekundung als „Kriegserklärung der Juden“ und stellte die eskalierende Judenverfolgung als „berechtigte Gegenmaßnahme“ dar.
Weitere antisemitische Thesen machen jüdische Bevölkerungsteile für die Bedingungen des Versailler Vertrags von 1919, den Aufstieg des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg verantwortlich. Auch der Morgenthauplan wurde von der NS-Propaganda ab dem 21. September 1944 als „Judas Mordplan“ dargestellt. Diese Deutungen dienen der Täter-Opfer-Umkehr: Deutsche Verbrechen sollen als Notwehr gegen ein angebliches „Weltjudentum“ erscheinen.
Holocaustleugnung und Holocaustrelativierung
Holocaustleugnung gilt als Hauptbestandteil und extremste Form des Geschichtsrevisionismus seit 1945. Sie bestreitet wesentliche Aspekte des Holocaust unter dem Anschein wissenschaftlicher Argumentation. Typische Behauptungen sind:
- Die Zahl von etwa sechs Millionen ermordeten Juden wird auf einige Hunderttausend reduziert.
- Als Todesursachen werden Epidemien, Kriegshandlungen oder einzelne Gewalttaten genannt; eine systematische Vernichtungsabsicht wird bestritten.
- Gaskammern und Giftgaseinsatz werden geleugnet oder als Schädlingsbekämpfung umgedeutet.
- Ein schriftlicher Befehl Hitlers zur Vernichtung wird als notwendiger Beweis verlangt; weil ein solcher Befehl nicht gefunden wurde, wird die Planung und Durchführung des Völkermords bestritten.
Seit den 1970er Jahren ersetzten pseudowissenschaftliche Bücher, technische „Gutachten“ und eigens gegründete Institute die bloßen Erlebnisberichte früherer Leugner. Vermeintliche Widersprüche in Zeugenaussagen werden ausgenutzt, während zentrale Dokumente wie Baupläne von Vernichtungslagern, Aussagen Rudolf Höß’ zu Auschwitz-Birkenau, das Protokoll der Wannseekonferenz oder das Tagebuch der Anne Frank als Fälschungen erklärt werden. Im Kern beruhen diese Argumentationen auf der antisemitischen Verschwörungstheorie, Juden hätten den Holocaust erfunden, um Deutschland zu unterjochen oder Israel finanziell zu unterstützen. Genannt werden unter anderem die Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt, das Adelaide Institute, das Institute for Historical Review und das Institut Vrij Historisch Onderzoek. Einige Publikationen werden vom Verfassungsschutz beobachtet oder sind verboten.
Holocaustrelativierung verschiebt die Ursachen und die Bedeutung des Völkermords, ohne ihn immer vollständig zu leugnen. Ernst Nolte deutete im Historikerstreit von 1986 den Krieg gegen die Sowjetunion als Präventivmaßnahme und die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager als Reaktion auf die sowjetischen Gulags. In Der europäische Bürgerkrieg (1987) erklärte er die Judenvernichtung unter anderem als „biologistisch umgeprägte Kopie“ eines sowjetischen sozialen Vernichtungsmodells. Er stellte außerdem die technische Durchführung der Vergasungen, die Echtheit des Wannseekonferenz-Protokolls und die Opferzahlen von Auschwitz als fraglich dar und verwies auf den pseudowissenschaftlichen Leuchter-Report. Eine weitere Form ist die Täter-Opfer-Umkehr, etwa die Behauptung, jüdische oder zionistische Organisationen hätten die Novemberpogrome ausgelöst.
Geschichtsrevisionismus in anderen Ländern
Der Ausdruck wird international unterschiedlich verwendet. Im englischen Sprachraum kann historical revisionism wertfrei eine neue Interpretation auf Grundlage neuer empirischer Daten bedeuten. Revisionistische Historiker in ehemaligen Kolonien trugen beispielsweise dazu bei, verbreitete Missverständnisse über indigene Völker in Amerika oder Australien zu korrigieren. In Deutschland bezeichnet „Revisionismus“ dagegen meist ideologisch motivierte rechtsextreme Geschichtsfälschung.
In Frankreich richtet sich Geschichtsrevisionismus unter anderem auf eine verfälschende Darstellung Napoleons, der kolonialen Vergangenheit, der Beteiligung der Vichy-Regierung an deutschen Verbrechen und des Holocaust. Als staatlich angeregte Form gilt das Gesetz Nummer 158 vom 23. Februar 2005, dessen Artikel 4 die „positive Rolle“ der französischen Kolonisation festschrieb und dadurch eine objektive Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit und dem Algerienkrieg erschwerte.
In Italien betrifft die Debatte neue Deutungen des Faschismus und der Resistenza. Der Vorwurf des Revisionismus gegen Renzo De Felice und seine Schüler ist umstritten; unter anderem Emilio Gentile, Francesco Perfetti, Mauro Canali und Norberto Bobbio lehnen ihn bezogen auf De Felices Werk ab. „Negazionismo“ bezeichnet dort ausdrücklich nichtwissenschaftliche Leugnung.
In Japan werden Kriegsverbrechen des Kaiserreichs, darunter das Massaker von Nanking, verharmlost und die Invasion Chinas als Reaktion auf westlichen Imperialismus dargestellt. Häufig wird auch die Verschleppung und Vergewaltigung koreanischer „Trostfrauen“ während der japanischen Herrschaft über Korea ausgeblendet. Daraus entstanden Auseinandersetzungen über revisionistische Schulbücher.
In Russland vertreten einige Historiker die durch Quellen und Eigenaussagen widerlegte These, die Rote Armee habe vor dem deutschen Überfall vom 22. Juni 1941 einen Präventivschlag vorbereitet. Außerdem wird über die Opferzahlen und die Notwendigkeit der stalinistischen Säuberungen gestritten; sowohl drastische Überhöhungen als auch Verharmlosungen und die Behauptung, nur tatsächliche Straftäter seien betroffen gewesen, kommen vor. Der Artikel weist darauf hin, dass die Angaben zu diesem Absatz nicht ausreichend belegt sind. In der Türkei wird der Völkermord an den Armeniern von 1915–1917 staatlich bestritten und entsprechend im Schulunterricht dargestellt. In Spanien werden Propagandamythen der Francozeit wiederholt, etwa die These, die Putschisten von 1936 seien einer sozialistischen Revolution zuvorgekommen. Auch die Biografie Francos im Diccionario Biografico Español von 2011 wird als verharmlosend bezeichnet.
Historische Einordnung und Kritik
Der deutsche Verfassungsschutz betrachtet Geschichtsrevisionismus als zentralen und verbindenden Bestandteil des Rechtsextremismus. Wolfgang Benz bezeichnet ihn als „Hilfsideologie“ rechtsextremer Ziele, die Geschichte durch Fälschung und Manipulation „entkriminalisieren“ und ein positives Bild der deutschen Vergangenheit erzeugen soll. Besonders die Leugnung von Auschwitz dient laut Benz dazu, den Nationalsozialismus für Hitler-Apologeten, Alt- und Neonazis sowie Nationalisten nachträglich zu rechtfertigen. Die Verharmlosung von SS-Verbrechen findet sich auch bei rechtspopulistischen Politikern in Deutschland und Österreich.
Das Bundesministerium des Innern definierte Geschichtsrevisionismus 2009 als gemeinsame Bestrebung von Rechtsextremisten, die NS-Verbrechen „in einem günstigeren Licht erscheinen“ zu lassen. Im weiteren Sinn wird die Schuld des NS-Regimes am Zweiten Weltkrieg und sein verbrecherischer Charakter geleugnet; im engeren Sinn wird der Holocaust geleugnet. Typische Verfahren sind gefälschte oder einseitig ausgelegte Dokumente, das Verschweigen belastender Belege, die Überbetonung positiv bewerteter Aspekte des NS-Regimes und die Gleichsetzung des Holocaust mit Verbrechen der alliierten Siegermächte.
Für die Prüfungsvorbereitung ist daher die zentrale Unterscheidung wichtig: Wissenschaftliche Revision bleibt quellenoffen und überprüfbar, während rechtsextremer Geschichtsrevisionismus ein politisches Ergebnis vorgibt und Quellen selektiv, manipulativ oder fälschend verwendet.