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Vernichtungskrieg

Ein Vernichtungskrieg ist ein Krieg, dessen Ziel die vollständige Vernichtung eines Staates, eines Volkes oder einer Volksgruppe und die Auslöschung dieser …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Kennzeichen
  2. 2. Vorgehen gegen die Herero
  3. 3. Vom totalen zum Vernichtungskrieg
  4. 4. Nationalsozialistische Kriegführung im Osten
  5. 5. Weitere Verwendungen des Begriffs

Begriff und Kennzeichen

Ein Vernichtungskrieg ist ein Krieg, der die vollständige Vernichtung eines Staates, eines Volkes oder einer Volksgruppe und die Auslöschung dieser soziopolitischen Entität zum Ziel hat. Dies soll durch massenhafte Ermordung der Bevölkerung oder durch die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage erreicht werden. Die Absicht kann sich gegen äußere Gegner, aber auch gegen Teile der eigenen Bevölkerung richten.

Anders als Kriege mit begrenzten politischen Zielen geht es nicht etwa um die Anerkennung eines Rechtszustands, um ein umstrittenes Gebiet oder allein um die militärische Niederwerfung eines Staates. Vernichtungskrieg gilt als radikalisierte Kriegführung, bei der „alle physisch-psychischen Begrenzungen“ aufgehoben sind. Nach Jan Philipp Reemtsma ist der Kern ein Krieg, der eine Bevölkerung vernichten oder zumindest dezimieren soll. Die staatliche Organisation des Feindes wird zerschlagen.

Weitere Kennzeichen sind eine Ideologie, die den Krieg begründet, und die Ablehnung von Verhandlungen. Dem Gegner werden Existenzberechtigung und Vertrauenswürdigkeit abgesprochen; er wird zum „totalen Feind“. Andreas Hillgruber erläuterte dies am Beispiel des Unternehmens Barbarossa 1941 gegen den als „jüdischen Bolschewismus“ bezeichneten Gegner.

Vorgehen gegen die Herero

Die sozialdemokratische Publizistik verwendete den Begriff, um das Vorgehen gegen die aufständischen Herero zu kritisieren. Der Herero-Aufstand begann im Januar 1904 in der damaligen deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Bis August 1904 wurde er mit insgesamt etwa 15.000 Mann unter Generalleutnant Lothar von Trotha niedergeschlagen.

Viele Herero flohen in die nahezu wasserlose Omaheke, einen Ausläufer der Kalahari. Von Trotha ließ das Gebiet abriegeln und Flüchtlinge von den wenigen Wasserstellen vertreiben. Dadurch verdursteten Tausende Herero mit ihren Familien und Rinderherden. Im sogenannten Vernichtungsbefehl erklärte er, innerhalb der deutschen Grenze werde jeder Herero, ob mit oder ohne Gewehr und Vieh, erschossen; auch Frauen und Kinder sollten nicht mehr aufgenommen werden.

Von Trotha zielte nach eigener Aussage auf die Vernichtung der Herero als Nation. Generalstabschef Alfred von Schlieffen und Kaiser Wilhelm II. unterstützten dies. Das Vorgehen gilt als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts. Nach Empörung im In- und Ausland hob der Kaiser den Befehl auf Betreiben von Reichskanzler Bernhard von Bülow zwei Monate nach den Ereignissen in der Omaheke auf; Trothas Politik blieb jedoch bis zu seiner Abberufung im November 1905 weitgehend unverändert.

Vom totalen zum Vernichtungskrieg

Erich Ludendorff entwarf 1935 das Konzept des totalen Krieges, aus dem der Vernichtungskrieg weiterentwickelt wurde. Der Sieg sollte unbeschränkte Priorität vor allen gesellschaftlichen Belangen haben. Alle Ressourcen sollten für die Kriegswirtschaft nutzbar sein, Propaganda und Diktaturgewalt den Willen der Nation schon vor Kriegsbeginn vereinheitlichen. Außerdem sollten alle Waffentechniken ohne Rücksicht auf das Völkerrecht eingesetzt werden.

Ludendorff verstand den Krieg auch in seinen Zielen als unbegrenzt: Nicht nur Streitkräfte, sondern die Psyche und Lebenskraft feindlicher Völker sollten zersetzt und gelähmt werden. Er knüpfte dabei an militärtheoretische Debatten über den Volkskrieg und die französische guerre à outrance von 1870 an.

Carl von Clausewitz hatte in Vom Kriege (1832) zwischen „absoluten“ und „beschränkten“ Kriegen unterschieden. Selbst sein absoluter Krieg blieb aber etwa durch die Trennung von Kombattanten und Nichtkombattanten sowie von militärisch und zivil begrenzt. Ludendorff erklärte dagegen die „Lebenserhaltung“ und Identität der Nation zum Ziel. Die behauptete existenzielle Bedrohung sollte die mindestens moralische, möglicherweise physische Vernichtung des Feindes rechtfertigen. Seine Radikalisierungsversuche ab 1916 stießen noch auf Hemmnisse; 1935 boten seine Ratschläge nach Robert Foley den Nationalsozialisten einen günstigen Ansatzpunkt.

Nationalsozialistische Kriegführung im Osten

Der deutsche Vernichtungskrieg zur Eroberung von „Lebensraum im Osten“ begann 1939 mit dem Überfall auf Polen und der massenhaften Ermordung polnischer Intellektueller. Als bekanntestes Beispiel gilt der Deutsch-Sowjetische Krieg, der am 22. Juni 1941 mit dem Angriff auf die Sowjetunion begann. Ernst Nolte nannte ihn 1963 den „ungeheuerlichsten Versklavungs- und Vernichtungskrieg, den die moderne Geschichte kennt“ und unterschied ihn von einem „Normalkrieg“ wie dem deutschen Krieg gegen Frankreich.

Andreas Hillgruber arbeitete 1965 drei rassenideologische Ziele heraus: die physische Auslöschung der als „jüdisch-bolschewistisch“ bezeichneten Elite und der Juden als angeblicher biologischer Wurzel; die Eroberung von Kolonial- und Lebensraum im Osten; sowie die Unterwerfung und Dezimierung der slawischen Bevölkerung. Später bezeichnete er das Unternehmen Barbarossa ausdrücklich als beabsichtigten rassenideologischen Vernichtungskrieg. Es ist auch ein Beispiel des allgemeinbildenden Geschichtsunterrichts.

Hitler sprach am 30. März 1941 vor Wehrmachtsgenerälen von einem „Vernichtungskampf“ gegen Bolschewismus, Kommissare und kommunistische Intelligenz. Die Planung zeigt sich außerdem in Weisung Nr. 21 vom 18. Dezember 1940 sowie im Kriegsgerichtsbarkeitserlass vom 13. Mai 1941, den Richtlinien für die Truppe in Russland vom 19. Mai, für politische Kommissare vom 6. Juni und zur Bekämpfung des „Bandenunwesens“ vom 18. August 1942.

Zur Raub- und Vernichtungsstrategie gehörte die Agrarpolitik in den eroberten sowjetischen Gebieten. Am 2. Mai 1941 wurde das planmäßige Verhungern der Bevölkerung vorbereitet; dabei würden „zweifellos zig Millionen Menschen verhungern“, wenn Deutschland das für sich Notwendige aus dem Land hole. Auch Hitlers Absichten zur Zerstörung Leningrads, Moskaus und Kiews werden in diesen Zusammenhang gestellt. Für Stalingrad befahl er die Beseitigung der männlichen Bevölkerung und den Abtransport der weiblichen.

Weitere Verwendungen des Begriffs

In Publizistik und Forschung werden weitere Konflikte als Vernichtungskrieg bezeichnet. Daniel Krochmalnik verweist auf Vorschriften im 5. Buch Mose: Dtn 20,16–17 EU fordert bei Völkern Kanaans nach der Eroberung ihrer Städte, den „Bann“ zu vollstrecken und „nichts leben [zu] lassen, was Odem hat“. Dies steht im Gegensatz zur humanen Behandlung unterworfener Feinde in weit entfernten Gebieten nach Dtn 20,10–15 EU.

Belege für diese Bezeichnung gibt es unter anderem für den Dritten Punischen Krieg von 149–146 v. Chr., die Varusschlacht, die Indianerkriege nordamerikanischer Siedler und den Krieg spanischer Conquistadores gegen die indigene Bevölkerung. Felix Dahn verwendete den Begriff 1876 in seinem Roman Ein Kampf um Rom für einen Feldzug gegen die Goten.

Umstritten ist die Einordnung der sowjetischen Kriegführung gegen das nationalsozialistische Deutschland. Joachim Hoffmann nannte sie 1995 einen „Vernichtungskrieg“ und bezog sich auf Stalins Rede vom 6. November 1941, die zur Vernichtung deutscher Okkupanten aufrief. Andere Wissenschaftler verweisen auf spätere Erklärungen Stalins, nach denen die Vernichtung Deutschlands nicht Kriegsziel gewesen sei; Hoffmanns Werk wurde mehrheitlich sehr kritisch rezensiert.

Die Bezeichnung „hemmungsloser Vernichtungskrieg“ wird auch für das israelische Vorgehen im Nahostkonflikt verwendet. Der darin enthaltene Nazi-Vergleich gilt als Indiz für sekundären Antisemitismus. Eine Veröffentlichung des Menschenrechtszentrums der Universität Potsdam von 1998 bezeichnete außerdem das Vorgehen des guatemaltekischen Militärs im Bürgerkrieg als „unerbittlichen Vernichtungskrieg gegen die eigene Bevölkerung“.

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