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Peter Singer
Er gilt als einflussreicher Vertreter des Utilitarismus. Insbesondere ist er durch seine Beschäftigung mit Tier- und Bioethik bekannt. Aufgrund seiner Thesen …
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Philosoph und ethischer Ansatz
Peter Albert David Singer (* 6. Juli 1946 in Melbourne) ist ein australischer Philosoph und Ethiker sowie ein einflussreicher Vertreter des Utilitarismus. Bekannt wurde er besonders durch Tier- und Bioethik. Er lehrte unter anderem an der Monash University und wurde 1999 DeCamp Professor of Bioethics am Center for Human Values der Princeton University.
Singer vertrat lange den Präferenzutilitarismus: Handlungen oder Regeln sollen danach beurteilt werden, ob sie die Präferenzen, also Interessen oder Wünsche, aller Betroffenen erfüllen. Diese Präferenzen müssen für das ethische Urteil miteinander abgewogen werden. In The Point of View of the Universe (2014) verteidigte er weitgehend Henry Sidgwicks klassisch-hedonistischen Utilitarismus und schloss sich dessen Sicht an, bei der Wohlbefinden beziehungsweise Lust und Leid zentral sind.
Nach Singer lässt sich eine Begründung moralischen Handelns nicht allein rational geben, wenn man von individuellen Präferenzen und dem Wesen der Individuen absieht. Zugleich vertritt er ethischen Objektivismus: Ethische Urteile können objektiv wahr oder falsch sein. Singer befürwortet außerdem den Effektiven Altruismus und gründete die gemeinnützige Organisation The Life You Can Save.
Gleiche Berücksichtigung von Interessen
In Praktische Ethik (1979) entwickelt Singer seinen Ansatz für Fragen der angewandten Ethik. Sein Prinzip der gleichen Interessenabwägung bedeutet nicht, dass alle gleich behandelt werden müssen. Vielmehr sollen gleiche oder vergleichbare Interessen gleich berücksichtigt werden. Für die Nicht-Berücksichtigung von Interessen gebe es keine moralische Rechtfertigung.
Für Wesen, die Schmerz und Wohlergehen empfinden können, sind nach Singer Präferenzen anzunehmen: Schmerz vermeiden und Wohlergehen erreichen zu wollen. Die bloße biologische Zugehörigkeit zur menschlichen Spezies ist für ihn moralisch nicht entscheidend. Entscheidend sind Eigenschaften wie Schmerzempfinden und Selbstbewusstsein. Eine Bevorzugung allein wegen der Spezieszugehörigkeit nennt er „Speziesismus“.
Als „Personen“ bezeichnet Singer Wesen, die sich ihrer selbst in einem zeitlichen Kontinuum bewusst sind. Weil sie dadurch weitergehende Präferenzen entwickeln können, schreibt er ihnen einen „besonderen Wert“ zu. Ob eine Tötung moralisch schlecht ist, hängt nach diesem Ansatz von den Eigenschaften des betroffenen Wesens und weiterer Betroffener, etwa Angehöriger, ab. Im Allgemeinen verletzt sie das Interesse eines Lebewesens, weiterleben zu wollen. Singer behandelt außerdem Schwangerschaftsabbrüche, die Tötung von Neugeborenen, Sterbehilfe, weltweite Armut und ökologische Ethik. Das Kapitel zur Asylproblematik strich er in der dritten Auflage, weil ein Kapitel dem Thema nach seiner Auffassung nicht ausreichend gerecht werden könne.
Tierethik und Tierleid
Animal Liberation (1975; deutsch: Animal Liberation – Die Befreiung der Tiere) gilt als wichtiges Werk der zeitgenössischen Diskussion über den moralischen Status von Tieren. Gemeinsam mit Tom Regan wird Singer als Begründer der modernen Tierethik angesehen.
Singer beschreibt die Diskriminierung und Ausbeutung von Tieren aufgrund eines angenommenen Vorrangs der menschlichen Spezies als „Speziesismus“. Die Spezieszugehörigkeit dürfe allein keine moralische Bedeutung haben. Ethisch relevant sei vielmehr, ob ein Lebewesen Präferenzen besitzen kann. Bereits Schmerz empfinden zu können, gilt ihm – in Anlehnung an Jeremy Bentham – als Grundlage für die Präferenz, Schmerz zu vermeiden. Besonders bei Säugetieren und Vögeln sieht Singer hinreichende Hinweise auf Schmerzempfinden.
Daraus folgt seine moralische Empfehlung, Produkte aus nahezu allen Formen der Tierhaltung, besonders aus Massentierhaltung, zu boykottieren, etwa durch Vegetarismus oder Veganismus. Viele Tierversuche seien moralisch falsch, weil ihr Nutzen nicht in einem rational zu rechtfertigenden Verhältnis zum Tierleid stehe. Sie könnten jedoch gerechtfertigt sein, wenn sie insgesamt mehr Leid verhindern, als sie verursachen. Die Frage, wann das Töten von Tieren verwerflich ist, behandelt Animal Liberation kaum; Singer verweist auf ihre Komplexität und erörtert den Wert des Lebens ausführlicher in Praktische Ethik.
Kontroverse und Kritik
Singers Ethik wird seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert; seine Auftritte in Deutschland führten wiederholt zu Protesten. Kritik kam unter anderem von Theologen sowie Interessenvertretungen von Menschen mit Behinderung. Während seine Position im angelsächsischen Raum als eine von mehreren legitimen Auffassungen behandelt wurde, gab es in Deutschland besonders scharfe Reaktionen auf Praktische Ethik und auf Einladungen Singers. Befürchtet wurde ein „Dammbruch des eigentlich Indiskutablen“.
Behindertenorganisationen befürchten, seine Positionen könnten Einstellungen fördern, die in der Vergangenheit nationalsozialistische Euthanasieprogramme ermöglichten. Singer argumentiert, Eltern und zuständige Ärzte sollten bei einem Säugling mit einer unheilbaren Krankheit wie Anenzephalie entscheiden können, wenn dessen Leben niemals auch nur minimale Befriedigung erfahren werde. Das Lebensrecht erwachsener behinderter Personen stellt er nicht infrage.
Kritiker sehen außerdem Schwierigkeiten bei Interessen, die nicht oder noch nicht artikuliert werden können, etwa bei schlafenden oder komatösen Personen, Embryonen, Drogenabhängigen und Menschen mit zeitweiligen Suizidwünschen. Singer stimmt zu, dass schlafenden Personen Interessen zugeschrieben werden, weil sie diese nach dem Aufwachen wieder äußern würden; bei komatösen Individuen sei dies nicht der Fall. Donald Bagley Marquis versuchte dagegen, auch in solchen Fällen schützenswerte Interessen zu begründen. Singer führt manche Kontroversen auf aus dem Zusammenhang gerissene oder fälschlich ihm zugeschriebene Zitate sowie auf fehlendes Gesamtverständnis seiner Thesen zurück.