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Richard M. Hare

Hare entwickelte den Zwei-Ebenen-Utilitarismus, eine Synthese des Regelutilitarismus und des Handlungsutilitarismus. Inhaltsverzeichnis. 1 Biographie; 2 …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Person und philosophischer Schwerpunkt
  2. 2. Einflüsse und Grundgedanken
  3. 3. Universeller Präskriptivismus
  4. 4. Beispiel, Relativismus und Wirkung

Person und philosophischer Schwerpunkt

Richard Mervyn Hare, meist R. M. Hare genannt, war ein englischer Moralphilosoph. Er wurde am 21. März 1919 in Backwell, Somerset, geboren und starb am 29. Januar 2002 in Ewelme, Oxfordshire. Von 1966 bis 1983 lehrte er als White Professor of Moral Philosophy an der Universität Oxford. Seine metaethischen Theorien, also Theorien über die Bedeutung und Begründung moralischer Aussagen, waren besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einflussreich.

Hare studierte ab 1937 am Balliol College in Oxford. Während des Zweiten Weltkriegs geriet er 1942 in japanische Kriegsgefangenschaft und blieb dies bis Kriegsende. Diese Erfahrung beeinflusste seine Auffassung, dass Moralphilosophie Menschen in ihrem Leben als moralische Wesen unterstützen und auch unter schwierigen Umständen Orientierung geben soll.

Nach dem Krieg arbeitete Hare zunächst weiter in Oxford. Von 1947 bis 2002 war er elected fellow und Lehrbeauftragter für Philosophie am Balliol College, ab 1974 auch honorary fellow. Von 1963 bis 1966 war er Wilde Lecturer in Natural Religion. 1983 wechselte er als Graduate Research Professor of Philosophy an die University of Florida und blieb dort bis 1994. 1964 wurde er in die British Academy, 1975 in die American Academy of Arts and Sciences gewählt.

Einflüsse und Grundgedanken

Hares Denken wurde vom Emotivismus von A. J. Ayer und Charles L. Stevenson sowie von der Ordinary-Language-Philosophy beeinflusst, die unter anderem mit J. L. Austin und dem späten Ludwig Wittgenstein verbunden ist. Für seine Moralphilosophie waren außerdem der Utilitarismus und die praktische Philosophie Immanuel Kants wichtig. Auch die Ethik von Leonard Nelson schätzte Hare ausdrücklich.

Hare verband utilitaristische und kantische Überlegungen, ohne sich vollständig einer dieser Richtungen zuzuordnen. Er meinte, ethische Regeln könnten nicht allein aus dem Prinzip der Nützlichkeit begründet werden. Ein Problem des klassischen Utilitarismus sei, dass er Schwierigkeiten habe, die Grundrechte von Minderheiten anzuerkennen. In diesem Punkt unterschied sich Hare von klassischen Utilitaristen wie Jeremy Bentham und John Stuart Mill. Nach seiner eigenen Einschätzung war er ebenso sehr Kantianer wie Utilitarist.

Hare entwickelte außerdem den Zwei-Ebenen-Utilitarismus, eine Verbindung von Regelutilitarismus und Handlungsutilitarismus. Während der Regelutilitarismus die Befolgung nützlicher Regeln betont, bewertet der Handlungsutilitarismus einzelne Handlungen nach ihren Folgen. Hares Ansatz gehört insgesamt zu den konsequentialistischen Theorien, bei denen die Konsequenzen von Handlungen für ihre moralische Bewertung entscheidend sind.

Universeller Präskriptivismus

In Werken wie The Language of Morals, Freedom and Reason und Moral Thinking entwickelte Hare den universellen Präskriptivismus. Diese Moraltheorie erklärt moralische Begriffe wie „gut“, „sollen“ und „richtig“ durch zwei zentrale Eigenschaften:

  • Universalität bedeutet, dass ein moralisches Urteil die betreffende Situation mit einer endlichen Menge universeller Begriffe beschreiben muss. Eigennamen wie „ich“ oder „mir“ werden dabei ausgeschlossen; Kennzeichnungen sind jedoch nicht ausgeschlossen.
  • Präskriptivität bedeutet, dass ein moralisch Handelnder sich durch seine eigenen moralischen Urteile gebunden sehen muss. Er muss entsprechend handeln, wann immer er dazu physisch und psychisch in der Lage ist.

Nach Hare ergibt es keinen Sinn, zu sagen „Ich sollte X tun“ und X dann trotzdem nicht zu tun. Diese Verbindung erklärt einerseits die besondere Autorität moralischer Urteile. Andererseits kritisierten Gegner, dass dadurch schwer zu erklären sei, wie Willensschwäche oder Akrasia möglich ist.

Aus der Verbindung von Universalität und Präskriptivität folgt nach Hare eine bestimmte Form des Konsequentialismus: der Präferenzutilitarismus. Dabei spielen die Präferenzen, also die Wünsche und Interessen der Betroffenen, eine zentrale Rolle.

Hare hält außerdem die Einzelheiten einer konkreten Situation für moralisch sehr wichtig. Eine allgemeine Regel wie „Stehlen ist verboten“ kann im Einzelfall anders zu bewerten sein, etwa wenn jemand dadurch Terroristen daran hindert, eine Bombe in einem Hochhaus zu zünden. Für die moralische Prüfung müssen daher alle universalisierbaren Einzelheiten der jeweiligen Situation berücksichtigt werden. Hare wandte sich damit gegen eine Auslegung Kants, bei der nur sehr allgemeine Maximen und nicht deren Folgen betrachtet werden.

Beispiel, Relativismus und Wirkung

Hares Theorie lässt sich an einer Bitte um ein Darlehen verdeutlichen. Eine Person bittet einen Freund um eine größere Geldsumme; der Freund lehnt ab. Die Person behauptet, es sei falsch, eine solche Bitte abzulehnen. Die zunächst mögliche Formulierung „Wann immer ich einen Freund nach einer größeren Summe Geldes frage, ist es falsch, wenn er mir dies verweigert“ ist nicht universal, weil sie die individuellen Ausdrücke „ich“ und „mir“ enthält.

Eine universale Formulierung lautet: „Wann immer jemand einen Freund um eine größere Summe Geldes bittet, ist es falsch, wenn dieser ihm die Bitte verweigert.“ Nun muss die Person prüfen, ob sie dieses Urteil auch dann akzeptieren und befolgen würde, wenn sie selbst die um Geld gebetene Person wäre. Universalität verlangt, dass die Rollen vertauscht werden können; Präskriptivität verlangt, dass aus dem Urteil auch die entsprechende Handlung folgt. Die Person müsste demnach bereit sein, jedem Bittsteller Geld zukommen zu lassen. Durch wiederholte Selbsttests und die Änderung widersprüchlicher Formulierungen soll ein Urteil entstehen, das mit den eigenen Präferenzen in allen vergleichbaren Situationen vereinbar ist.

Hare vertrat die Auffassung, dass der Inhalt moralischer Urteile nicht wahrheitsfähig und Moral deshalb nicht Gegenstand universeller Objektivität sei. Dennoch war seine Position nicht einfach ein beliebiger moralischer Relativismus. Als objektiven Maßstab sah er die Logik an. Auch ein Relativist müsse seinen moralischen Überzeugungen folgen, wenn seine Urteile moralisch ernst genommen werden sollen. Der universelle Präskriptivismus soll daher verhindern, dass Moral bloß vom wechselnden Geschmack Einzelner abhängt.

Einige Schüler übertrugen Hares Theorie auf die angewandte Ethik. Peter Singer griff viele Positionen seines Lehrers auf und entwickelte sie weiter, stützte sich dabei aber stärker auf das Nützlichkeitsprinzip. In Deutschland machten Georg Meggle und seine Schüler Hares Werk in der philosophischen Diskussion bekannt. Bernard Williams setzte sich besonders kritisch mit Hares systematischer Moralphilosophie auseinander.

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