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Moralische Rechtfertigung
Moralische Rechtfertigung bezeichnet in neueren philosophischen Anthropologien die Annahme oder Legitimation einer Person bzw. ihres Verhaltens durch den …
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Bedeutung und Abgrenzung
Moralische Rechtfertigung bezeichnet in neueren philosophischen Anthropologien die Annahme oder Legitimation einer Person oder ihres Verhaltens durch den sozialen Bezug zu anderen Menschen. Sie geht davon aus, dass Menschen als Personen rechtfertigungsbedürftig sind und ihre Rechtfertigung nicht allein aus sich selbst gewinnen.
Der Begriff steht im Rahmen von Ludwig Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen: Als Rechtfertigung gilt demnach, was einer Lebensform entspricht. Eine Lebensform ist die gemeinsam gelebte und praktizierte Weise, in der Menschen verstehen, handeln und urteilen.
Moralische Rechtfertigung ist von zwei anderen Bedeutungen zu unterscheiden: Epistemic justification der Erkenntnistheorie rekonstruiert Gründe dafür, Meinungen für wahr zu halten. Die ethische Rechtfertigung beurteilt dagegen eine einzelne Handlung innerhalb einer Theorie normativer Ethik. Bei moralischer Rechtfertigung im anthropologischen Sinn geht es umfassender um die Person und ihr Verhältnis zu anderen Menschen.
Theologische und anthropologische Grundlagen
Die Begriffsverwendung knüpft an die christliche Rechtfertigungslehre an. Dort bedeutet Rechtfertigung die Erlösung des Menschen von Erbsünde oder persönlicher Sündhaftigkeit. Nach der Mehrheitsmeinung katholischer und protestantischer Tradition geschieht sie nicht durch menschliche Werke, sondern durch Gottes Gnade.
Immanuel Kant bildete diese theologische Vorstellung in Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft mit der Rechtsmetaphorik der Vernunft anthropologisch um. Weil der Mensch vom „radikalen Bösen“ behaftet sei, reichen einzelne Handlungen nicht aus, um eine Person zu rechtfertigen. Es lasse sich nie sicher feststellen, ob jemand aus moralischer Gesinnung handelt oder nur aus Eigennutz mit moralischen Normen übereinstimmt. Kants Idee einer Rechtfertigung des Menschen braucht deshalb als Ergänzung den Glauben an die ewige Gerechtigkeit Gottes.
William James transformierte 1897 in Der Wille zum Glauben die protestantische Rechtfertigung durch Glauben in eine pragmatische Rechtfertigung des Glaubens. Dabei entspricht die Überzeugung von Wahrheit der Struktur religiösen Glaubens; Rechtfertigung und Glaube werden jenseits logischer Begründung identifiziert. Hans Blumenberg bezeichnet die daraus hervortretende Auffassung vom Menschen als rechtfertigungsbedürftigem Wesen als Anthropodizee, also Rechtfertigung des Menschen, in Analogie zur Theodizee, der Rechtfertigung Gottes.
Existenz, Andere und Liebe
Im Existentialismus, für den die Existenz dem Wesen vorangeht, wird Rechtfertigung zentral für das Verständnis des Menschen. Sören Kierkegaard deutete authentisches Selbstsein als Anerkennung der Abhängigkeit von Gott, dem „absolut Anderen“. Sein Individualismus und die Angst als Existenzial, also als grundlegende Weise menschlichen Daseins, wurden von der Existenzphilosophie des 20. Jahrhunderts aufgenommen.
Martin Heidegger zufolge prägen Angst vor dem Nichts und das Selbstverständnis des Menschen einander. Der Mensch könne seine Person nicht aus dem eigenen Ego heraus rechtfertigen, sondern benötige das Verständnis anderer Menschen. Rechtfertigung wird damit zu einer hermeneutischen Kategorie intersubjektiver Verständigung: Sie entsteht im gegenseitigen Verstehen zwischen Personen.
Jean-Paul Sartre vertritt in Der Ekel zunächst die Auffassung, kein anderer Mensch könne uns rechtfertigen, weil der Andere die Freiheit bedrohe. In Das Sein und das Nichts nennt er die menschliche Existenz „ungerechtfertigt und nicht zu rechtfertigen“ (SN 108; französisch: injustifié et injustifiable, EN 76). Nach Peter Kampits schreibt Sartre jedoch der Liebe rechtfertigende Kraft zu: Ohne Liebe sei der Mensch eine „ungerechtfertigte und nicht zu rechtfertigende Protuberanz“. Im Geliebtwerden erfahre er die Freiheit der Wahl und könne sich gerechtfertigt fühlen zu existieren (SN 649f.).
Simone de Beauvoir ersetzt in Für eine Moral der Zweideutigkeit (1954) universale Handlungsnormen durch situationsbedingte Regeln der Selbstverwirklichung. Für sie kann der Mensch eine Rechtfertigung seiner Existenz nur in der Existenz anderer Menschen finden; er brauche diese Rechtfertigung und könne ihr nicht entkommen (103f.).
Kommunikation, Anerkennung und Beziehung
Jürgen Habermas deutet die Abhängigkeit des Individuums von einer überpersönlichen Macht sprachpragmatisch, also aus der Praxis des Sprechens heraus, als Teilhabe an Strukturen innerweltlicher Kommunikation. In Wahrheit und Rechtfertigung (1999) löst er rationalen Diskurs von Wahrheit als logisch zwingender Begründung und bezieht ihn auf Rechtfertigungen durch lebensweltliche Erfahrungen und Überzeugungen. Seine Theorie kommunikativen Handelns wird dadurch für Motive der Situationssemantik geöffnet. Ob sich, wie Rainer Forst behauptet, daraus ein „Recht auf Rechtfertigung“ als Grundlage der Menschenrechte ableiten lässt, bleibt fraglich.
Axel Honneth entwickelt Anerkennung als Rechtfertigungsgrund im Anschluss an Hegel und kritisch weiterführend zu Habermas. Anerkennung ist für ihn konstitutiv für Selbstverwirklichung. Sie hängt auf allen Ebenen sozialen Lebens von anonymen Machtstrukturen ab und ist nicht vollständig rationalisierbar. Gerade bei persönlichen und besonders bei Liebesbeziehungen bleibt offen, worauf die Gründe der Anerkennung beruhen. Anerkennung und Rechtfertigung sind daher nicht deckungsgleich.
Ferdinand Fellmann nennt die Rechtfertigung in Paarbindungen „erotische Rechtfertigung“. Anders als rationale Rechtfertigung durch Diskurs beruht sie auf gegenseitigem Vertrauen der Liebenden. Nicht eine logisch zwingende Begründung, sondern die Beziehung selbst ist die Rechtfertigungsinstanz: Die Partner nehmen an ihr teil und gewinnen daraus emotionale Gewissheit. Dieses Modell ist nach Fellmann nicht nur auf Intersubjektivität, also Beziehungen zwischen Menschen, anwendbar, sondern auch als Modell dialogischer Naturerkenntnis auffassbar.