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Jeremy Bentham
Bentham gilt als Begründer des klassischen Utilitarismus. Er war einer der wichtigsten Sozialreformer Englands im 19. Jahrhundert und ein Vordenker des …
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Person und Bedeutung
Jeremy Bentham (* 4. Februar 1747 jul. / 15. Februar 1748 greg. in Spitalfields, London; † 6. Juni 1832 ebenda) war ein englischer Jurist, Philosoph und Sozialreformer. Er gilt als Begründer des klassischen Utilitarismus und als wichtiger Vordenker des modernen Wohlfahrtsstaats.
Er setzte sich unter anderem für allgemeine Wahlen, Frauenstimmrecht, Pressefreiheit, die Abschaffung der Todesstrafe, Tierrechte und die Legalisierung sexueller Präferenzen ein. Seine Ideen beeinflussten die englischen radicals und durch Anhänger wie James Mill, John Stuart Mill, David Ricardo und John Austin die Politik. Zugleich vertrat er Wucherzinsen, kritisierte die französische Menschenrechtserklärung scharf und lieferte Argumente für einen legitimen Foltereinsatz.
Utilitaristische Ethik
Das Leitprinzip lautet: „das größte Glück der größten Zahl“ (greatest-happiness-principle). Eine Handlung ist moralisch richtig, wenn ihre sozialen Folgen der Allgemeinheit beziehungsweise der größten Zahl nützen; sie ist falsch, wenn sie ihr schaden.
Diese Ethik heißt konsequentialistisch: Entscheidend sind die Folgen einer Handlung, nicht ihre inneren Beweggründe. Das Prinzip verlangt Gleichberechtigung im Sinn einer gleichen Berücksichtigung des Glücks aller bei der Bewertung von Handlungsfolgen.
Tiere als empfindende Wesen
Bentham gehörte zu den frühen Befürwortern von Tierrechten. Maßgeblich war für ihn nicht Vernunft oder Denkfähigkeit, sondern Leidensfähigkeit. Seine zentrale Frage lautete daher nicht: „Können sie denken?“ oder „Können sie reden?“, sondern: „Können sie leiden?“
Er begründete dies auch mit dem Vergleich zu Säuglingen und Menschen mit schwerer geistiger Behinderung: Wenn nur Vernunft ein Schutzgrund wäre, könnte man auch viele Menschen misshandeln. Nach Bentham sollte das Gesetz keinem empfindenden Wesen seinen Schutz verweigern.
Recht, Strafe und Überwachung
Bentham war ein früher Vertreter des systematischen Rechtspositivismus. Er trennte Moral und Recht begrifflich klar und lehnte Naturrecht sowie natürliche Rechte ab; die französische Menschenrechtserklärung nannte er „Unsinn auf Stelzen“ (nonsense upon stilts).
Er ging von einem individualistischen Menschenbild aus: Menschen maximierten ihren eigenen Nutzen. Gesetze sollten sie deshalb durch klar geregelte Pflichten und Sanktionen zur Allgemeindienlichkeit zwingen. Bentham prägte die Begriffe „Kodifikation“ und „international“. Eine Kodifikation sollte dauerhaft sein; Änderungen sollten regelmäßig nur wegen eines Wandels der Umgangssprache erfolgen.
Seine Strafrechtstheorie zielte auf Prävention, also die Verhinderung künftiger Rechtsbrüche. Gesetzliche Strafdrohungen und Strafen sollten abschrecken; eine Strafe sollte nicht vergangenes Unrecht ausgleichen, sondern künftigem Unrecht vorbeugen. Für den Strafvollzug entwarf er das Panopticon, eine total überwachte Strafanstalt. Ähnliche, privat geführte Lager plante er für Arme: Sie sollten dort unter Zwang bleiben, bis ihr „Selbstbefreiungskonto“ ausgeglichen war; das Leben dort sollte nicht wünschenswerter sein als das des Ärmsten im übrigen Land.
Demokratie und Freiheit als Sicherheit
Im Constitutional Code von 1831 entwickelte Bentham ein Demokratiemodell auf Grundlage von Volkssouveränität, allgemeinen Wahlen, weitgehender Regierungstransparenz sowie Meinungs- und Pressefreiheit. Da politische Macht nach ihm Missbrauch und Korruption begünstigt, soll eine Verfassung Minister, Parlamentarier, Richter und Verwaltungsbeamte durch Kontrollmechanismen an die Interessen der Bevölkerung binden. Neben Legislative, Exekutive und Judikative unterschied er das Volk als Konstitutive, die oberste Gewalt. Der Reform Act von 1832 wurde maßgeblich von Bentham und seinen Mitstreitern vorangebracht.
Sein Liberalismus beschränkte sich auf die Wirtschaftspolitik. In anderen Bereichen sprach er dem Staat eine zentrale Rolle zu. Freiheit verstand er vor allem als Sicherheit: Frei ist, wer vor Übergriffen anderer und Machtexzessen der Regierung geschützt ist und sich seines Lebens, seiner Gesundheit, Ehre, Verträge und seines Eigentums sicher sein kann. Dies sollte ein starker Überwachungs- und Kontrollapparat ermöglichen, der Menschen erzieht, ihr Verhalten überwacht und Fehlverhalten sanktioniert. Bentham forderte unter anderem eine Stärkung von Justiz und Polizei, erkennungsdienstliche Tätowierung sowie Spitzel und verdeckte Ermittler.