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Tom Regan
Sein Case for Animal Rights gilt als Klassiker in der Tierethik und stellt die erste Ausarbeitung einer abolitionistischen Tierrechtsposition dar. Im Rahmen …
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Person und Bedeutung
Tom Regan (* 28. November 1938 in Pittsburgh; † 17. Februar 2017) war ein US-amerikanischer Philosoph und einer der wichtigsten Vertreter der Tierethik. Sein Hauptwerk The Case for Animal Rights von 1983 gilt als Klassiker und als erste ausgearbeitete abolitionistische Tierrechtsposition. „Abolitionistisch“ bedeutet hier, dass institutionalisierte Tiernutzung nicht nur verbessert, sondern abgeschafft werden soll.
Regan studierte Philosophie am Thiel College und an der University of Virginia. 1966 promovierte er über den Begriff des Guten. Von 1967 bis zu seiner Emeritierung 2001 lehrte er an der North Carolina State University, seit 1972 als Professor. Außerdem arbeitete er zur Philosophie von George Edward Moore. Gemeinsam mit seiner Frau Nancy leitete er die Culture and Animals Foundation, die Tierrechtspolitik durch intellektuellen und künstlerischen Ausdruck fördern soll.
Seine Beschäftigung mit Tierethik entstand im Umfeld der Proteste gegen den Vietnamkrieg. Bei der Auseinandersetzung mit Pazifismus las er 1972 Gandhi. Dessen Prinzip der ahimsa, meist als Gewaltfreiheit übersetzt, bezog ausdrücklich Tiere ein. Regan übernahm Gandhis radikalen Pazifismus nicht vollständig, untersuchte aber anschließend intensiv die moralische Behandlung von Tieren. 1975 veröffentlichte er den Essay Moral Basis of Vegetarianism; 1976 gab er mit Peter Singer Animal Rights and Human Obligations heraus.
Tiere als bewusste Subjekte
Regans Tierrechtsargument beginnt mit der Frage, ob Tiere Bewusstsein und ein eigenes Wohlergehen besitzen. Er wendet sich gegen Descartes’ Vorstellung der bête machine, nach der Tiere im Gegensatz zu Menschen keine eigenständigen geistigen Vorgänge haben und wie Maschinen funktionieren.
Regan hält Sprache nicht für eine notwendige Voraussetzung des Bewusstseins. Andernfalls wäre schwer zu erklären, wie kleine Kinder Sprache lernen können, wenn sie die Welt vorher noch nicht begrifflich wahrnehmen. Außerdem könne man nicht ohne Weiteres tierliches Verhalten für rein mechanisch erklären, ohne denselben Einwand auch auf menschliches Verhalten anzuwenden.
Für Bewusstsein bei zumindest manchen Tieren sprechen nach Regan mehrere Gründe: Die Zuschreibung entspricht der Alltagserfahrung und der Alltagssprache; das Verhalten der Tiere passt zu dieser Erklärung; Versuche, tierliches Verhalten vollständig ohne geistige Phänomene zu erklären, seien gescheitert; und die Evolution liefere ein theoretisches Fundament für die Annahme tierlichen Bewusstseins. Dafür müsse man Tieren keine unsterbliche oder immaterielle Seele zuschreiben.
Manche Tiere können nach Regan eigene Wünsche, Überzeugungen und Interessen besitzen. Dadurch haben sie ein subjektives Wohlbefinden: Ihr Leben kann aus ihrer eigenen Perspektive besser oder schlechter verlaufen, auch abhängig von menschlichen Handlungen. Diese Eigenschaft wird zur entscheidenden Grundlage seines späteren Rechtsarguments.
Moralische Maßstäbe und Utilitarismuskritik
Ideale moralische Urteile müssen nach Regan (1) begrifflich klar, (2) sachlich gut informiert, (3) hinreichend rational, (4) unparteiisch und (5) in einem nüchternen Gemütszustand gebildet sein sowie (6) auf validen moralischen Prinzipien beruhen. Solche Prinzipien müssen untereinander konsistent, angemessen weitreichend, hinreichend präzise und mit reflektierten moralischen Intuitionen vereinbar sein. Reflektierte Intuitionen sind moralische Überzeugungen, die auch nach einer ehrlichen Prüfung anhand der ersten fünf Kriterien bestehen bleiben; sie unterscheiden sich von bloßen vorreflektierten „Bauchgefühlen“.
Regan bestreitet, dass menschliche Pflichten im Zusammenhang mit Tieren immer nur indirekte Pflichten seien, die eigentlich Menschen, Gott oder der Sittlichkeit geschuldet würden. Gegen Jan Narvesons ethischen Egoismus wendet er ein, dass dieser radikal ungleiche gesellschaftliche Verhältnisse rechtfertigen könne. An John Rawls kritisiert er, dass Menschen hinter dem „Schleier des Nichtwissens“ zwar ihre gesellschaftliche Stellung, aber nicht ihre Spezieszugehörigkeit außer Acht lassen sollen. Auch Kants Aufwertung der Menschlichkeit beruhe nach Regan auf einer Unterschätzung tierischer Fähigkeiten.
Direkte Pflichten gegenüber Tieren lassen sich für Regan auch nicht überzeugend utilitaristisch begründen. Der Utilitarismus bewertet Handlungen anhand der Maximierung von Glück gegenüber Leid oder der Befriedigung gegenüber Frustration von Präferenzen. Dadurch würden Individuen zu bloßen „Containern“ für Erfahrungen oder Präferenzen: Ihre Interessen könnten für einen größeren Gesamtnutzen geopfert und Tötungen zu leicht gerechtfertigt werden. Außerdem sei unklar, wie die gleiche Berücksichtigung aller Interessen mit der Behauptung vereinbar ist, Nutzenmaximierung sei das einzige moralische Prinzip. Entweder müsse Gleichheit als zusätzliches Prinzip anerkannt oder aus dem Nutzenprinzip abgeleitet werden, wobei nach Regan ihr moralischer Gehalt verwässert werde. Diese Kritik richtet sich besonders gegen Peter Singers utilitaristische Begründung des Vegetarismus.
Inhärenter Wert, Respekt und Rechte
Als Grundlage seiner Theorie führt Regan den gleichen inhärenten Wert ein. „Inhärent“ bedeutet, dass dieser Wert nicht auf den Nutzen eines Wesens für andere und nicht auf eigene oder fremde angenehme Erfahrungen reduziert werden kann. Er ist nicht abstufbar: Alle Wesen, denen er zukommt, besitzen ihn gleichermaßen.
Ein hinreichendes, aber nicht notwendiges Kriterium für inhärenten Wert ist ein eigenes subjektives Wohlergehen. Inhärent wertvoll sind mindestens alle „Subjekte eines Lebens“: Wesen mit einem Leben, das für sie selbst besser oder schlechter verlaufen kann, unabhängig davon, ob sie anderen nützen.
Daraus entwickelt Regan das Respektprinzip. Es verlangt, Individuen mit inhärentem Wert nur so zu behandeln, dass dieser Wert respektiert wird. Aus ihm folgt das Verletzungsprinzip: Wer ein Subjekt eines Lebens schädigt und dessen eigenes Wohlergehen missachtet, verletzt zugleich seinen inhärenten Wert.
Rechte versteht Regan als Beziehung zwischen gültigen Ansprüchen und den Pflichten anderer: P hat genau dann ein Recht auf X, wenn Ps Anspruch auf X gültig ist beziehungsweise andere verpflichtet sind, diesen Anspruch zu schützen. Aus dem Respektprinzip ergibt sich daher ein Recht auf respektvolle Behandlung.
Für Konflikte zwischen gleichwertigen Rechten formuliert Regan zusätzliche Regeln. Das miniride principle verlangt, nur die minimal notwendige Zahl von Rechtsansprüchen zu übergehen. Das worse off principle soll bei nicht vergleichbaren Schäden diejenigen schützen, die insgesamt am schlechtesten gestellt wären. Es kann deshalb gebieten, einen großen Schaden für wenige Unschuldige zu verhindern, selbst wenn dadurch ein kleiner Schaden für sehr viele Unschuldige nicht verhindert wird.
Folgen für den Umgang mit Tieren
Regans Theorie fordert die Abschaffung aller Formen institutionalisierter Tiernutzung, darunter Tierhaltung, Jagd und Tierversuche. Er leitet daraus auch eine moralische Pflicht zu vegetarischer Lebensweise ab. Im Case behandelt er unter anderem Einwände, Vegetarismus gefährde die Gesundheit oder sei wirtschaftlich nicht praktikabel.
Kritiker sehen Spannungen in der praktischen Ausarbeitung. Barry Kew bemängelt, Regan kritisiere Milch- und Eierproduktion nur indirekt: Eine vegane Position sei zwar in der Logik seines Arguments enthalten, werde aber nicht mit voller Konsequenz ausgesprochen. Gary Francione meint, Regans Zusammenarbeit mit Organisationen des institutionalisierten Tierschutzes habe seine abolitionistische Position teilweise untergraben.
Eine weitere Streitfrage betrifft Wildtiere. Ein Einwand lautet, Menschen müssten bei Anerkennung von Tierrechten auch systematisch gegen Gewalt zwischen Tieren eingreifen. Regan antwortet, Tiere seien keine moral agents, also keine Wesen, die Moral verstehen und auf moralische Appelle reagieren können. Deshalb seien etwa Räuber-Beute-Beziehungen keine Rechtsverletzungen und erzeugten nicht automatisch eine Interventionspflicht.
Kritiker verweisen jedoch auf Regans eigenes Beispiel eines Kleinkinds, das mit einem Revolver schießt: Obwohl das Kind ebenfalls kein moralisch verantwortlicher Akteur ist, dürfe man gewaltsam eingreifen. Neuere Tierrechtler schließen Interventionen in der Natur daher nicht grundsätzlich aus; umstritten bleiben ihr gebotenes Ausmaß und ihre Priorität gegenüber institutionalisierter Tierausbeutung.
Streitpunkte der Theorie
Aus ökofeministischer Sicht wurde Regan vorgeworfen, Gefühle und moralische Impulse gegenüber abstrakter Vernunft abzuwerten. Brian Luke und Cathryn Bailey kritisieren, dass Regan häufig von zunächst gleichgültigen Lesern ausgehe und vor allem logische Widersprüche ihrer Haltung aufzeigen wolle. Luke hält die angenommene allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber Tierleid für unrealistisch und schreibt Emotionen und Erfahrungen eine mindestens gleichwertige Rolle zu. Regan erkennt ihre Bedeutung teilweise selbst an: „Die Philosophie kann das Pferd zwar an das Wasser führen, aber das Gefühl ist notwendig dafür, dass es auch trinkt.“ Deborah Slicer und Josephine Donovan kritisieren darüber hinaus die individualistische und rationalistische Rechtstradition und betonen stattdessen Tugenden, emotionale Bindungen, Kollektivität und einen ganzheitlichen Naturbegriff.
Umstritten ist außerdem Regans Lösung fundamentaler Rechtskonflikte. In einem Gedankenexperiment befinden sich vier Menschen und ein Hund in einem Rettungsboot, aus dem ein Wesen geworfen werden muss. Regan entscheidet sich für den Hund, weil der Tod für normale erwachsene Menschen seiner Ansicht nach ein kategorisch anderer Schaden sei. Francione verteidigt, dass dieses Beispiel eine extreme Ausnahmesituation betreffe und die Abschaffung alltäglicher institutionalisierter Tierausbeutung nicht widerlege.
Die zugrunde liegende Rangordnung bleibt jedoch umstritten. Sapontzis weist darauf hin, dass Menschen zwar Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung besitzen, die Tieren fehlen, Tiere aber umgekehrt Möglichkeiten haben können, die Menschen fehlen. Evelyn Pluhar sieht einen Widerspruch zwischen Regans Behauptung, die Schwere des Todes hänge von den dadurch ausgeschlossenen Befriedigungsmöglichkeiten ab, und dem gleichen inhärenten Wert aller Subjekte eines Lebens. Auch Peter Singer hält die Annahme gleichen inhärenten Werts für schwer damit vereinbar, dass im Rettungsboot stets der Hund geopfert werden müsse.
Regans Beitrag bleibt damit grundlegend: Er begründet Tierrechte nicht durch die Maximierung des Gesamtnutzens, sondern durch Bewusstsein, subjektives Wohlergehen, gleichen inhärenten Wert und daraus folgende individuelle Ansprüche. Zugleich werden besonders der Umgang mit Konfliktfällen, Wildtierleid sowie die Rolle von Emotionen und Beziehungen in seiner Theorie weiter diskutiert.