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Patrizier

Dieser Begriff wurde seit Anfang des 16. Jahrhunderts auch für die sozial relativ abgeschlossene Oberschicht in vielen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundstruktur
  2. 2. Entstehung und politische Vorrechte
  3. 3. Konflikte mit Zünften und Städten
  4. 4. Verhältnis zum Adel
  5. 5. Krise des Fernhandels
  6. 6. Europäische und neuere Formen

Begriff und Grundstruktur

Patrizier waren Angehörige einer städtischen Oberschicht. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem antiken Rom, wurde aber seit Anfang des 16. Jahrhunderts auch auf die sozial relativ abgeschlossene Führungsschicht vieler mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Städte übertragen. Diese städtische Oberschicht hatte sich vor allem im 13. bis 15. Jahrhundert herausgebildet. Ihre Herrschaft wird als Städtearistokratie bezeichnet, also als aristokratische Herrschaft innerhalb einer Stadt.

Im Mittelalter nannten sich diese Gruppen meist nicht selbst „Patrizier“, sondern „Geschlechter“. Gemeint waren Familien, die als ratsfähig galten und damit Zugang zu Rat und wichtigen Stadtämtern hatten. Der Ausdruck „Patrizier“ setzte sich für diese städtische Oberschicht erst im 17. und 18. Jahrhundert allgemein durch.

Entstehung und politische Vorrechte

In deutschen Reichsstädten entstand seit dem 11. Jahrhundert ein Patriziat aus dem Ortsadel oder aus der örtlichen Ministerialität. Ministerialität bezeichnete ursprünglich unfreie, aber hochgestellte Dienstleute eines Herrschers oder Stadtherrn. Die Patrizier besetzten den Rat und andere zentrale Ämter der Stadt. Sie versuchten, diese Ämter auf die „ratsfähigen Geschlechter“ zu beschränken.

Wichtig waren Patriziergesellschaften. Das waren geschlossene Vereinigungen, die ähnlich wie zünftige Stubengesellschaften oder religiöse Bruderschaften organisiert waren. Außenstehende konnten ihnen nicht einfach beitreten, sondern wurden, wenn überhaupt, durch Kooptation aufgenommen, also durch Entscheidung der bisherigen Mitglieder. Häufig entschied die Aufnahme in eine solche Gesellschaft darüber, ob jemand in den Rat gewählt werden konnte.

Die Regeln solcher Gesellschaften waren oft in „Schwörbriefen“ festgelegt. Diese wirkten ähnlich wie frühe Verfassungen, weil sie zum Beispiel die Sitzverteilung zwischen Patriziern und Handwerkerzünften regelten. Patrizier im rechtlichen Sinn wurde man in vielen Fällen erst durch die Aufnahme als „Stubengenosse“ in eine Patriziergesellschaft. Der Eintritt hing oft mit einer Eheschließung zusammen. Deshalb war das Patriziat kein Geburtsstand wie der Adel, kam einem solchen aber nahe: Nachkommen von Mitgliedern galten grundsätzlich als stubenfähig und standesgemäß.

Wirtschaftlich waren Patrizier meist Kaufleute, aber nicht im Kleinhandel tätig. Sie betrieben vor allem Groß- und Fernhandel, also Handel über weite Entfernungen und mit größeren Warenmengen. Daneben besaßen viele Patrizier Lehen, Grundherrschaften und Herrschaftsrechte im Umland der Städte.

Konflikte mit Zünften und Städten

Seit dem 13. Jahrhundert gewannen Handwerk und ein in Zünften organisiertes Bürgertum an Bedeutung. Zünfte waren Zusammenschlüsse von Handwerkern oder Händlern, die berufliche und politische Interessen vertraten. Kleinhändler und Handwerker kämpften gegen die Vorrechte der Patrizier und verlangten politische Beteiligung.

In vielen Städten konnten die Zünfte eine Beteiligung am Stadtrat erreichen. In Köln wurde die Stadtverfassung ganz auf die Zunftverfassung zugeschnitten. In anderen Reichsstädten wie Augsburg, Nürnberg, Regensburg, Bern und Frankfurt sowie in vielen Hansestädten konnte sich das Patriziat dagegen behaupten. In Lübeck etwa gab es die Zirkelgesellschaft als patrizische Führungsschicht. In Nürnberg war keine solche Gesellschaft nötig, weil die patrizische Ratsherrschaft stark genug blieb. In Hamburg dominierten bürgerliche Großhändler; aus ihnen entstanden später die Hanseaten als Führungsschicht.

Verhältnis zum Adel

Das Verhältnis zwischen Patriziat und Adel war im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit kompliziert. Im Hochmittelalter war der Begriff Adel noch nicht eindeutig festgelegt. Manche patrizische Familien stammten aus der Ministerialität oder hatten eine ursprünglich ritterliche Lebensweise. Nach dem Untergang des Stauferreiches um 1250 zogen zum Beispiel einige Reichsministerialenfamilien aus dem Umland Nürnbergs in die Stadt, wurden in den Rat aufgenommen und betätigten sich im Fernhandel, später auch im Bergbau und in Hammerwerken.

Trotzdem erkannte der Landadel Patrizier meist nicht als ebenbürtig an. Als sich der Landadel im Spätmittelalter in Ritterschaften zusammenschloss, wurden Patrizier fast immer ausgeschlossen, auch wenn sie Grundherrschaften besaßen und Herrenhäuser im Umland der Städte errichteten. Der Vorwurf lautete, sie hätten durch Fernhandel ihre ritterliche Lebensweise aufgegeben. Auch Ehen mit dem Adel waren eher selten; Patrizier heirateten meist untereinander, teilweise auch von Stadt zu Stadt.

Um ihren Rang zu zeigen, übernahmen Patrizier adelige Formen. Nürnberger Patrizier veranstalteten etwa „Gesellenstechen“, festliche ritterliche Lanzenstechen nach dem Vorbild des Adels. Manche Familien fügten ihrem Namen ein „von“ mit dem Namen eines erworbenen Landsitzes hinzu. In vielen Fällen ließen sie sich solche Zusätze später vom Kaiser als Adelsprädikat bestätigen.

Besonders in Nürnberg und Frankfurt hatten Patrizier enge Beziehungen zum Kaiserhof. Sie waren wichtige Steuerzahler und Kreditgeber des Reichsoberhaupts. Deshalb erhielten führende Geschlechter häufig Adelsbriefe. Bekannte Kaufmannsfamilien oberdeutscher Reichsstädte waren unter anderem Fugger, Welser, Tucher, Langenmantel und Imhoff. Die Fugger stiegen Anfang des 16. Jahrhunderts aus einer sehr erfolgreichen Bürgerfamilie in den Briefadel und bald darauf sogar in den Hochadel auf.

Auch in Städten mit einem fürstlichen Stadtherrn konnte ein Stadtadel entstehen, etwa in München oder Münster. In Münster wurden die Angehörigen des Stadtadels Erbmänner genannt. Im Erbmännerstreit ab 1597 verteidigten sie vor dem Reichskammergericht über rund zwei Jahrhunderte ihre Anerkennung als ritterbürtiger Adel und damit vor allem ihre Stiftfähigkeit, also den Zugang zum Domkapitel und seinen Einkünften.

Krise des Fernhandels

Um 1600 zogen sich viele deutsche Patrizierfamilien aus dem Handel zurück. Ein wichtiger Grund war die Verlagerung des Fernhandels. Seit dem Mittelalter verliefen Handelswege über die Seidenstraße, Konstantinopel, Venedig und die Alpenpässe in süddeutsche Reichsstädte. Nach der Entdeckung Amerikas 1492 verschob sich der Handel zunehmend auf Küstenstädte und Übersee.

Die Republik der Vereinigten Niederlande und ihr Patriziat erlebten ein Goldenes Zeitalter. Zugleich führten der Achtzigjährige Krieg gegen Spanien, Staatsbankrotte Spaniens, Frankreichs sowie der spanischen und der unabhängigen Niederlande und die aus Amerika eingeführten Edelmetalle zu einer Geld- und Absatzkrise. Viele Handelshäuser mussten schließen. Die Welser verkauften 1610 ihre Nürnberger Niederlassung; 1614 war ihre Augsburger Handelsgesellschaft zahlungsunfähig.

Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 verschärfte die Lage. Er unterbrach Handelsrouten und trennte Reichsstädte von Bergbaurevieren in Thüringen, Böhmen und Tirol, in denen manche Patrizier investiert waren. Sebald XI. Tucher musste 1636 wegen Überschuldung aus dem Nürnberger Rat ausscheiden.

Viele patrizische Fernhändler zogen sich auf Landgüter mit abgabenpflichtigen Grundherrschaften zurück und näherten sich einer adeligen Lebensweise an. Dadurch wurden sie häufiger in Ritterschaften aufgenommen. Andere traten als Beamte und Offiziere in fürstliche Dienste und gelangten so in den Beamtenadel. Nicht geadelte oder verarmte Patrizier sanken ins Kleinbürgertum oder in den Handwerkerstand ab.

Als Nürnberg 1808 mit seinem Umland vom Königreich Bayern übernommen wurde, endete die exklusive Ratsherrschaft des Nürnberger Patriziats. 1813 wurden die bis dahin ratsfähigen Patrizierfamilien in den bayerischen Adel aufgenommen; die nach dem Tanzstatut von 1521 „alten“ ratsfähigen Familien wurden in die Freiherrenklasse immatrikuliert.

Europäische und neuere Formen

Auch außerhalb Deutschlands gab es städtische Oberschichten, die patrizische Herrschaftsformen ausbildeten. In Venedig übernahm das Patriziat schon im Hochmittelalter die Macht; Ähnliches geschah in Genua. Seit dem Spätmittelalter entwickelten sich auch in Florenz und anderen oberitalienischen Handelsrepubliken herrschende Patriziate. Solche Stadtherrschaften werden als Städtearistokratien an der Spitze aristokratischer Republiken beschrieben.

In der Republik der Vereinigten Niederlande waren die Hafenstädte von Anfang an politisch wichtig, besonders Amsterdam, das von patrizischen Regenten beherrscht wurde. In der Alten Eidgenossenschaft führten wohlhabende Stadtkantone politisch; sie wurden vom Patriziat beherrscht, bis die „Gnädigen Herren“ durch die Helvetische Republik und endgültig durch die liberalen Revolutionen in den 1830er und 1840er Jahren entmachtet wurden. In den Städten behielten sie jedoch teils weiterhin politischen und wirtschaftlichen Einfluss.

In England dominierte im Spätmittelalter eher die Gentry, eine Führungsschicht ländlicher Grundbesitzer, das House of Commons; in den Städten gaben oft Großhändler den Ton an. In Frankreich wurde der Aufstieg des Bürgertums durch Hugenottenkriege und Emigrationen gebremst. In Städten wie Lyon oder Bordeaux erinnern Hôtels Particuliers an patrizische Großhändler und Bankiers der Renaissancezeit. In der Französischen Revolution von 1789 übernahmen Bourgeoisie und Kleinbürgertum die Macht; unter dem „Bürgerkönig“ gelangte die Bourgeoisie endgültig an zentrale politische Machtpositionen.

Seit dem 17. Jahrhundert entstanden besonders in Reichs- und Hansestädten neue bürgerliche Oberschichten aus führenden Kaufmannsfamilien. Sie unterschieden sich vom älteren Patriziat, weil sie weniger stark nach Adelstiteln und Grundherrschaften strebten. Stattdessen betonten sie bürgerliche Werte wie Leistung, kaufmännischen Erfolg und Zurückhaltung bei der Zurschaustellung von Reichtum. Solche Gruppen, etwa die Hanseaten oder andere Großbürger, wurden gelegentlich „Bürgeradel“ genannt und verstanden sich teilweise selbst als Patrizier. Ähnliche elitäre Gruppen entstanden auch unter Staatsbeamten, etwa die „Hübschen Familien“ in Kurhannover. Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts wurden diese alten bürgerlichen Führungsschichten durch Revolutionen und Industrialisierung häufig von neuen Eliten abgelöst: einem neureichen Wirtschaftsbürgertum, der Bourgeoisie, und einem kultivierten Bildungsbürgertum.

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