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Hanse
Eine Entwicklung von der „Kaufmannshanse“ zu einer „Städtehanse“ lässt sich spätestens Mitte des 14. Jahrhunderts mit erstmaligen nahezu „gesamthansischen …
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Wesen und Entwicklung
Die Hanse, auch Deutsche Hanse, war vom mittleren 12. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts ein Zusammenschluss hauptsächlich norddeutscher Kaufleute und später Städte. Ihr ursprüngliches Ziel war, gefährliche Überfahrten zu sichern und gemeinsame wirtschaftliche Interessen, besonders im Ausland, zu vertreten. Im Spätmittelalter war sie außerdem ein bedeutender politischer und kultureller Faktor.
Zunächst schlossen sich Kaufleute einer Region zu Fahrgemeinschaften zusammen: Sie reisten gemeinsam, suchten Schutz in der Gruppe und vertraten ihre Interessen an Handelsorten besser. Daraus entstand die Kaufmannshanse. Spätestens seit der Mitte des 14. Jahrhunderts entwickelte sich eine Städtehanse: Städte koordinierten ihr Vorgehen in Tagfahrten beziehungsweise Hansetagen. Die genaue Grenze zwischen beiden Formen ist umstritten.
Ein festes Gründungsdatum gibt es nicht. Als wichtige Daten gelten die Gründung Lübecks 1143, sein Wiederaufbau 1159, die Erwähnung eines deutschen Kaufmannsbundes in London 1157, das Soester Stadtrecht Lübecks 1160 und das Artlenburger Privileg von 1161. Lübeck wurde wegen seines Ostseezugangs und seiner Verbindung zum Hinterland zum zentralen Zugang norddeutscher Kaufleute zum Osthandel.
In ihrer größten Ausdehnung umfasste die Städtehanse beinahe 300 See- und Binnenstädte Nordeuropas. Etwa 72 Städte bildeten den Kern, weitere 130 waren locker assoziiert. Ihr Einflussgebiet reichte von Flandern bis Reval und umfasste den Ostseeraum bis zum Finnischen Meerbusen. Der Deutschordensstaat war das einzige nichtstädtische Mitglied. Weiß und Rot, die Farben der Hanse, erscheinen noch heute in zahlreichen Stadtwappen.
Aufstieg zur Städtehanse und Machtstellung
Sicherere Handelswege, wachsende Städte und neue Kreditformen veränderten den Handel. Kaufleute mussten nicht mehr selbst reisen, sondern konnten Vertreter einsetzen und mehrere Geschäfte von einem Ort aus organisieren. Schuldscheine, Wechsel und andere Kreditformen erweiterten den Handel über bloßen Tausch hinaus. Tiefere Häfen wurden für große, bauchige Koggen wichtig; dadurch gewannen Städte als Handelsorte zusätzlich an Bedeutung.
Mit dem Ende der staufischen Herrschaft im Interregnum verlor der kaiserliche Schutz für Kaufleute an Wirkung. Städte übernahmen deshalb zunehmend den Schutz ihrer Händler, sicherten Handelswege und überwachten Privilegien. Regionale Bündnisse entstanden: Lübeck und Hamburg stellten ihre Zusammenarbeit 1241 vertraglich auf eine Grundlage und verpflichteten sich zum Kampf gegen Straßenraub. Der 1259 gegründete Wendische Städtebund baute auf dieser Zusammenarbeit auf.
Die Hanse hatte keine Verfassung, Mitgliederlisten, dauerhafte eigene Finanzverwaltung oder Beamte. Der erste nahezu gesamthansische Hansetag trat 1356 wegen der Lage in Flandern zusammen; er war keine offizielle Gründung. Der Boykott gegen Flandern von 1358 zeigt, dass die Städte gemeinsame Wirtschaftssanktionen einsetzen konnten.
Zwischen etwa 1350 und 1400 war die Hanse eine nordeuropäische Großmacht. Im Konflikt mit Dänemark schlossen sich Städte in der Kölner Konföderation mit Schweden und Norwegen zusammen. Nach dem Sieg im Zweiten Waldemarkrieg erhielt die Hanse im Frieden von Stralsund 1370 eine außergewöhnliche Machtstellung; sogar die dänische Königswahl sollte von ihrer Zustimmung abhängen. Gegen die Vitalienbrüder war sie ebenfalls erfolgreich; ihr Anführer Gödeke Michels wurde 1401 oder 1402 in Hamburg enthauptet.
Organisation und Beschlussfassung
Lübeck galt seit 1294 als caput et principium omnium, also als „Haupt und Ursprung aller“, und war die hovestad der Hanse. Daraus folgten jedoch keine besonderen formellen Rechte gegenüber anderen Städten. Lübeck lud meist zu Hansetagen ein und konnte seine hervorgehobene Stellung häufig nutzen, um Druck auf kleinere Städte auszuüben.
Die Hanse war zunächst in drei Drittel, seit 1554 in vier Viertel gegliedert. Die Drittel werden erstmals 1347 in den Statuten des Brügger Kontors genannt. Vororte führten die Gruppen. Anfangs waren dies Lübeck, Dortmund und Visby; später löste Köln Dortmund ab, und Visby und Riga wechselten sich in der Führung des gotländisch-livländischen Drittels ab. Seit 1554 führte Lübeck das wendische Quartier, Braunschweig und Magdeburg das sächsische, Danzig das preußisch-livländische und Köln das Kölner Quartier.
Der Hansetag war das höchste Leitungs- und Beschlussgremium. Er fand je nach Bedarf statt, gewöhnlich in Lübeck; der erste war 1356, der letzte 1669. Beraten wurden unter anderem Verträge, Handelsprivilegien, Sanktionen, Diplomatie, Krieg und Frieden, finanzielle und militärische Maßnahmen sowie Aufnahme oder Ausschluss von Städten.
Beschlüsse entstanden nicht durch Mehrheitsentscheidung, sondern nach dem Konsensprinzip: Es wurde verhandelt, bis Einigkeit erreicht war; Enthaltungen galten als Zustimmung. Die Ratssendeboten konnten aber gewöhnlich nicht endgültig für ihre Stadt entscheiden. Der jeweilige Rat musste das Ergebnis erst annehmen. Deshalb wurden Beschlüsse oft nicht von allen Städten umgesetzt, sondern nur dann mitgetragen, wenn sie den eigenen Interessen entsprachen. 1669 kamen in Lübeck nur noch neun Delegierte zusammen und fassten keinen Beschluss; die Hanse wurde nie formell aufgelöst, sondern endete „sanft“.
Handel, Verkehrswege und Kontore
Die Hanse verband Land- und Seeverkehr und erreichte dadurch zusammen mit Handelsprivilegien eine monopolartige Vorherrschaft in Nord- und Ostsee. Zu ihren wichtigsten Handelsgütern gehörten Wachs aus Russland, Stockfisch aus Norwegen, Hering aus Schonen, Salz aus Lüneburg, Getreide aus Preußen und Livland sowie Bier, besonders aus Hamburg und Wismar.
Ein typisches Beispiel war der bis 1467 vor allem von Lübecker Kaufleuten betriebene Dreieckshandel in der Nordsee: Bier, Getreide, Wein und Tuche gingen nach Bergen. Von dort kamen Stockfisch und Holz nach England. Aus England wurde Wolle nach Flandern gebracht; dort gekauftes Tuch wurde auch in Lübeck verkauft.
Wichtige Wege waren die rheinische Verbindung über Rhein und Weser nach London, die Ost-West-Linie von London und Brügge durch Nord- und Ostsee bis Nowgorod sowie der Weg von Magdeburg über Lüneburg, Bremen oder Lübeck nach Bergen. Hamburg war besonders auf Nordsee und Westeuropa ausgerichtet, Lübeck auf Skandinavien und den Ostseeraum bis Nowgorod. Salz aus Lüneburg wurde über Land und den Stecknitz-Kanal transportiert und im Ostseeraum zur Fischkonservierung gebraucht.
Die Handelsschiffe fuhren meist in Fahrtgemeinschaften von zwei oder drei Schiffen. Das Seerecht regelte Befrachtung, Bemannung, das Leben an Bord und Seenotfälle. Seit 1477 mussten größere Hanseschiffe jeweils 20 Bewaffnete an Bord haben. Die Kogge wurde zum Symbol der Hanse; im ausgehenden 14. Jahrhundert wurde sie zunehmend durch Holk und danach Kraweel ersetzt.
Die vier wichtigsten Kontore lagen im Ausland: der Peterhof in Nowgorod, die Tyske Bryggen in Bergen, der Stalhof in London und das Kontor in Brügge. Gewählte Oldermänner und Beisitzer schützten dort kaufmännische Interessen, kontrollierten aber auch die Einhaltung der Regeln durch die Kaufleute. Kontore besaßen Statuten, Kasse und Siegel, waren jedoch keine eigenständigen Hansemitglieder.
Krisen und Niedergang
Seit etwa 1400 verlor die Hanse an Bedeutung. Wesentliche Ursachen waren die Festigung territorialer Staaten, die Verlagerung von Handelswegen auf Landwege und in den Atlantikhandel, Konkurrenz im Handel und in der Produktion sowie innere Interessengegensätze. Das Handelsvolumen in Nord- und Ostsee sank vermutlich nicht unbedingt, doch die Hanse verlor ihre frühere Monopolstellung und die Gewinnmargen vieler Kaufleute gingen zurück.
Stärkere Staaten wie England, das Großfürstentum Moskau, Spanien und die skandinavischen Reiche konnten Privilegien zunehmend selbst bestimmen. Der bessere Schutz von Landwegen förderte etwa den russischen Pelzhandel über Leipzig. Die Schließung des Kontors in Nowgorod 1494, nachdem Iwan III. den Peterhof zerstören ließ, gilt als Wendepunkt des endgültigen Niedergangs.
Neue dreimastige Kraweele mit besserer Takelung und mittschiffs angebrachtem Steuer sowie der Kompass ermöglichten schnellere direkte Routen. Zwischenstationen der Hanse verloren an Nutzen: Visby wurde früh überflüssig, und englische Kaufleute umgingen ab Ende des 15. Jahrhunderts Bergen, indem sie Stockfisch auf Island kauften. Auch Hamburg und Danzig unterliefen teilweise hansische Handelsregeln.
In der Produktion entstand Konkurrenz beim Hering, Salz und Tuch. Der Rückgang der Heringsschwärme in der Ostsee schwächte die Schonischen Messen; englische, flämische und holländische Heringsproduktion gewann an Gewicht. Die englische Tuchproduktion schadete dem hansischen Tuchhandel. Technisch verloren hansische Städte ihren Vorsprung im Schiffbau an die Holländer. Im kaufmännischen Bereich setzte sich die doppelte Buchführung im Hanseraum später durch als in Oberitalien und Süddeutschland, obwohl sie in Lübeck seit 1340 belegt ist.
1556 bestellte die Hanse Heinrich Sudermann aus Köln erstmals zum Syndikus, also zu einem eigenen Sprecher und Repräsentanten. Die Gegensätze zwischen großen See- und ärmeren Binnenstädten blieben jedoch bestehen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg war die Hanse praktisch zerfallen; zuletzt handelten vor allem Hamburg, Bremen und Lübeck noch eng zusammen.
Nachwirkungen und Erinnerung
Die Bezeichnung „Hansestadt“ nahmen Lübeck, Hamburg und Bremen erst im 19. Jahrhundert in ihren Staatstitel auf, also lange nach dem Ende der Hanse. Nach der Wiedervereinigung ergänzten auch Rostock, Wismar, Stralsund und Greifswald ihren Namen entsprechend. Die Erinnerung lebt außerdem in Orts- und Firmennamen wie Hansaplatz, Hansastraße oder Hansaport fort.
1980 wurde in Zwolle der Städtebund „Die Hanse“ als Lebens- und Kulturgemeinschaft gegründet. Mit fast 200 Mitgliedsstädten und -gemeinden verfolgt er europäische Zusammenarbeit und Tourismusförderung; jährlich findet ein Internationaler Hansetag der Neuzeit statt. 2015 eröffnete in Lübeck das Europäische Hansemuseum. In Bergen befinden sich auf Bryggen das Hanseatische Museum und die Schötstuben.
Am 18. Mai 2023 nahm die UNESCO 17 Dokumente zur Geschichte der Hanse in das Weltdokumentenerbe auf. Es handelt sich um Zollbücher, Sitzungsprotokolle, Privilegien und Urkunden aus den Jahren 1192 bis 1547 aus sechs europäischen Staaten. Die mittelniederdeutsche Sprache der Hanse war im mittelalterlichen Nordeuropa eine Lingua franca und beeinflusste die Entwicklung der skandinavischen Sprachen deutlich.
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