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Reichsstadt Nürnberg

Die Reichsstadt Nürnberg war ein Territorium des Heiligen Römischen Reiches, dessen Eigenständigkeit sich während des 13. bis 15. Jahrhunderts in mehreren …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Entstehung
  2. 2. Gebiet, Kriege und Reformation
  3. 3. Dreißigjähriger Krieg, Niedergang und Ende
  4. 4. Herrschaft, Gesellschaft und Bevölkerung
  5. 5. Wirtschaft, Handel und Kultur
  6. 6. Landgebiet und politische Stellung

Überblick und Entstehung

Die Reichsstadt Nürnberg war ein selbstständiges Territorium des Heiligen Römischen Reiches mit Nürnberg als Hauptstadt. Sie wurde von einem städtischen Rat beziehungsweise Magistrat regiert, gehörte zum Fränkischen Reichskreis und war im Reichstag Mitglied der Schwäbischen Städtebank. Ihre Eigenständigkeit entstand schrittweise: 1219 erhielt Nürnberg die Reichsfreiheit, 1320 die Hochgerichtsbarkeit und 1427 die Nürnberger Burggrafenburg. Das Territorium bestand bis 1806, umfasste zuletzt rund 1.200 km² und fiel dann an das Königreich Bayern.

Ausgangspunkt der Stadtentwicklung war die Nürnberger Burg, die vermutlich um 1040 auf Veranlassung König Heinrichs III. als Reichsburg errichtet wurde. Nürnberg wurde 1050 erstmals urkundlich erwähnt und erhielt bereits 1062 das Marktrecht. Um 1105 wurden die Grafen von Raabs als Burggrafen eingesetzt; um 1191 übernahmen die Zollern, später Hohenzollern genannt, dieses Amt. Aus dem Gegensatz zwischen Stadt und Burggrafen beziehungsweise deren Nachfolgern Brandenburg-Ansbach und Brandenburg-Bayreuth entstand eine lang anhaltende politische Rivalität. Friedrich I. ließ Nürnberg zu einer häufig besuchten Pfalz ausbauen. 1200 erhielt der Ort das Stadtrecht. Seine Lage an wichtigen Nord-Süd- und Ost-West-Handelswegen, darunter der Goldenen Straße nach Prag, begünstigte den Aufstieg zur Fernhandelsstadt.

Der Freiheitsbrief Friedrichs II. von 1219 stellte die Stadt unter königlichen Schutz. Ein königlicher Schultheiß verwaltete die städtischen Angelegenheiten. 1256 trat Nürnberg dem Rheinischen Städtebund bei. Die 1320 verliehene Hochgerichtsbarkeit, also das Recht zur Aburteilung schwerer Straftaten, vollendete die Entwicklung zu einem selbstständigen Reichsterritorium. Gefährdet wurde die Unabhängigkeit durch die wiederholte Verpfändung des Schultheißenamtes an die Burggrafen; 1385 konnte der Rat das Amt endgültig auslösen und seine Befugnisse einschränken.

1348 stürzte ein vor allem von Handwerkern getragener Aufstand den patrizischen Rat. Karl IV. setzte ihn am 2. Oktober 1349 wieder ein und verbot Zünfte und neue Bündnisse. Im selben Jahr wurde unter Beteiligung des Rates und mit vorheriger Billigung Karls IV. das jüdische Ghetto bei einem Pogrom zerstört. Die Goldene Bulle von 1356 bestimmte Nürnberg zum Ort des ersten Hof- und Reichstags jedes neu gewählten römisch-deutschen Königs. 1424 übergab König Sigismund der Stadt die Reichsinsignien zur dauerhaften Aufbewahrung. Mit dem Kauf der zerstörten Burggrafenburg und weiterer Rechte im Jahr 1427 festigte Nürnberg seine Selbstständigkeit endgültig.

Gebiet, Kriege und Reformation

Den größten Gebietszuwachs brachte der Landshuter Erbfolgekrieg. Nürnberg verbündete sich im Februar 1504 mit Herzog Albrecht von Bayern-München und besetzte unter anderem Lauf, Hersbruck, Altdorf und Velden. Obwohl der Krieg 1505 mit dem Kölner Frieden endete, dauerten die Kämpfe mit der Kurpfalz bis 1520 an. Ein Vertrag vom Dezember 1520 bestätigte der Reichsstadt den größten Teil ihrer Eroberungen; 1521 erhielt die Kurpfalz nur das Amt Heimburg zurück. Als Mitglied des Schwäbischen Bundes beteiligte sich Nürnberg außerdem am Kampf gegen das Raubrittertum, der 1523 in den Fränkischen Krieg mündete.

1524 bekannte sich die Nürnberger Bürgerschaft offen zur Reformation. Nach dem Nürnberger Religionsgespräch führte der Rat 1525 im gesamten reichsstädtischen Territorium die lutherische Konfession ein. Die Umgestaltung erfolgte schrittweise und sollte Unruhen sowie einen Bruch mit dem Kaiser vermeiden. Der Nürnberger Religionsfriede vom 23. Juli 1532 entspannte zeitweise den Konflikt zwischen Kaiser Karl V. und den protestantischen Reichsständen. Die gemeinsame brandenburgisch-nürnbergische Kirchenordnung von 1533 gab der Reformation in Nürnberg sowie in Brandenburg-Ansbach und Brandenburg-Kulmbach einen institutionellen Rahmen. Im Schmalkaldischen Krieg blieb Nürnberg neutral, musste nach der protestantischen Niederlage von 1547 aber Teile des Augsburger Interims einführen.

Im Zweiten Markgrafenkrieg von 1552 bis 1554 wollte Markgraf Albrecht Alcibiades Nürnbergs wirtschaftliche Stellung zerstören und durch die Säkularisation der Bistümer Bamberg und Würzburg ein zollerisches Herzogtum Franken schaffen. Seine Raubzüge verwüsteten besonders das Nürnberger Landgebiet. Die Schäden wurden auf 1.833.315 Gulden geschätzt; für angeworbene Truppen zahlte die Stadt 3.267.394 Gulden. Ihre Schulden stiegen auf 4,5 Millionen Gulden, wodurch ihre Finanzkraft dauerhaft geschwächt wurde.

Dreißigjähriger Krieg, Niedergang und Ende

Nürnberg trat 1609 der Protestantischen Union bei, versuchte nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges 1618 jedoch neutral und zugleich kaisertreu zu bleiben. Als Gustav Adolf 1632 mit der schwedischen Armee vor Nürnberg erschien, öffnete die Stadt widerstrebend ihre Tore. Kaiserliche Truppen unter Wallenstein belagerten sie mehrere Monate, zogen aber nach der Schlacht an der Alten Veste im September 1632 ab. Einquartierungen, Kontributionen und Verwüstungen ließen die Schulden von 1,8 Millionen Gulden im Jahr 1618 auf 7,5 Millionen steigen. Zwischen 1632 und 1635 starben in Nürnberg allein 25.000 Menschen durch Krieg und Seuchen. Bevölkerungsverlust, zerstörtes Umland und gelähmter Handel führten zu einem dauerhaften wirtschaftlichen und finanziellen Strukturbruch. 1635 schloss sich Nürnberg dem Prager Frieden an. Beim Nürnberger Exekutionstag von 1649/50 wurde der Vollzug der westfälischen Friedensbestimmungen beraten und beschlossen.

Nach dem Krieg belasteten Schulden und die durch koloniale Expansion verursachte Verlagerung der Handelswege die Stadt. Der patrizische Rat bewältigte die Krise nicht. Seit 1672 brachten Kriege gegen Frankreich und die Türken weitere Kosten, weil Nürnberg Truppen für das stehende Heer des Fränkischen Reichskreises stellen musste. Kaufleute klagten 1730 bis 1754 erfolglos gegen den Rat; 1786 begann ein neuer Konflikt. Der Haupt- und Grundvertrag von 1794 gab dem Genanntenkolleg die Funktion eines reichsstädtischen Parlaments und Mitspracherechte, besonders in Finanzfragen.

Ab 1790 beanspruchte Pfalz-Bayern die im Landshuter Erbfolgekrieg gewonnenen Gebiete. 1796 besetzten preußische Truppen weitere Landesteile und trennten die Stadt von ihrem restlichen Territorium. Gleichzeitig besetzten französische Revolutionstruppen Nürnberg und verlangten hohe Kontributionen. Am 2. September 1796 unterstellte sich die Stadt vertraglich Preußen; die Berliner Regierung verweigerte jedoch wegen möglicher Spannungen mit Österreich und Russland sowie der hohen Nürnberger Schulden die Bestätigung. Der Reichsdeputationshauptschluss verschonte Nürnberg 1803 noch. Artikel 17 der am 12. Juli 1806 geschlossenen Rheinbundakte übergab die Stadt an Bayern. Mit der Übergabe durch das französische Heer und dem Ende des reichsstädtischen Steuersystems am 15. September 1806 endete die Reichsstadt.

Herrschaft, Gesellschaft und Bevölkerung

Seit etwa 1400 bestand der Rat aus einem Inneren oder Kleinen Rat mit 42 Mitgliedern und einem Äußeren oder Größeren Rat mit 200 bis 300 Genannten. Die wirkliche Regierung bildete ein siebenköpfiger Ausschuss des Inneren Rates, das Septemvirat, an dessen Spitze drei Oberste Hauptleute standen. Seit 1370 gehörten dem Kleinen Rat 34 Patrizier und acht „Ratsfreunde vom Handwerk“ an. Die Handwerkervertreter besaßen jedoch kaum politische Macht. Je 13 Ältere und Jüngere Bürgermeister regierten seit 1392 paarweise jeweils vier Wochen. Der Erste Losunger war ab 1402 das höchste Verwaltungsamt und als Stadtkämmerer für die Finanzen zuständig. Ratskanzlei, Losungamt und Bauamt entwickelten sich zu wichtigen Behörden; ab dem 16. Jahrhundert entstanden weitere Ämter für besondere Aufgaben und das Landgebiet.

Nach der Reformation verwaltete das Stadtalmosenamt die Armenfürsorge und das eingezogene kirchliche Vermögen innerhalb der Mauern. Das 1524 abgegrenzte Landesalmosenamt betreute die Armenfürsorge und Besitzungen außerhalb der Stadt. Ende des 18. Jahrhunderts verwaltete es 449 Höfe, 581 Güter und 372 Grundstücke in über 500 Ortschaften.

Nürnbergs Gesellschaft war in fünf Stände gegliedert. Oben standen die ratsfähigen patrizischen Geschlechter, danach Großkaufleute und bedeutende Juristenfamilien. Es folgten weitere Kaufleute, die im Größeren Rat vertretenen Kleinhändler und Handwerksmeister sowie alle übrigen Bürger. Von etwa 50.000 Einwohnern im 16. Jahrhundert gehörten nur rund 400 bis 450 Menschen zu den ersten vier Ständen. Obwohl Handwerker seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts ungefähr die Hälfte der Bevölkerung bildeten, blieben sie politisch weitgehend machtlos; Zünfte waren verboten. Erst 1794 erhielt der auf 250 Personen begrenzte Größere Rat stärkere Rechte, darunter die Zustimmung zu Steuern und die Anhörung bei Staatsverträgen, Vermögensverkäufen und Kreditaufnahmen.

Exakte Einwohnerzahlen fehlen teilweise. Für 1425/30 wurden 22.800 Einwohner errechnet, für 1497 mindestens 28.000 Menschen innerhalb der Mauern und mindestens 54.000 im damaligen Landgebiet. Um 1525 werden 30.000 bis 40.000, in den 1560er Jahren 40.000 bis 50.000 Einwohner geschätzt. 1627 zählte der Rat 39.128 Einwohner; Nürnberg war damit nach Köln die bevölkerungsreichste Stadt des Reiches. 1806 lebten noch 25.126 Menschen in der Stadt.

Wirtschaft, Handel und Kultur

Nürnbergs Wirtschaft war wegen des kleinen örtlichen Absatzmarktes stark auf Export und Fernhandel ausgerichtet. Besonders wichtig war das Metallgewerbe. Eisenerz kam unter anderem aus der Gegend um Amberg, der Fränkischen Alb, dem Fichtelgebirge und Böhmen; benötigtes Rohmetall war vom Einfuhrzoll befreit. Bereits um 1400 bestanden mehr als 40 spezialisierte Gewerbe, darunter Waffen-, Harnisch-, Klingen- und Haubenschmiede. Der mechanische Drahtzug war eine bedeutende Nürnberger Erfindung des 14. Jahrhunderts. Endlosdrähte dienten unter anderem als Vorprodukte der Waffenherstellung; das Verfahren wurde lange geheim gehalten. Wichtig waren außerdem Geschützguss, Goldschmiedekunst, Zinngießerei, Uhrmacherei und die Herstellung von Zeichengeräten. Peter Henlein wurde für eine der ersten tragbaren Uhren bekannt.

Im 15. und 16. Jahrhundert erreichten Wirtschaft und Erfindungsreichtum einen Höhepunkt. Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts behinderten strenge Vorschriften des Rates, darunter Auswanderungsverbote, Modernisierungen. Dennoch arbeiteten 1800 noch 1.581 exportorientierte Werkstätten. 1803 wurden 276.668 Zentner Waren ausgeführt, darunter Instrumente, Drahtwaren, Metallfolien, Spiegel, Spielzeug, Bleistifte, Papier, Messer, Nadeln und Nägel.

Der Fernhandel beruhte auf Zollbefreiungen und vertraglichen Vergünstigungen. Im 16. Jahrhundert verband die Nürnberger Börse Italien mit anderen europäischen Wirtschaftszentren. Über Venedig und die dortigen Faktoreien im Fondaco dei Tedeschi handelte man mit der Levante. 1560/66 gründeten Kaufleute den Handelsvorstand; 1621 entstand der Banco Publico als Wechsel- und Girobank für den überregionalen Zahlungsverkehr. Nach dem Dreißigjährigen Krieg sank die Bevölkerung von etwa 40.000 auf ungefähr 25.000 und die Zahl der Handwerksbetriebe von 3.700 vor 1618 auf 2.401 im Jahr 1797. Trotzdem blieb Nürnberg mit etwa 100 Handelshäusern international verbunden und war um 1800 Süddeutschlands wichtigster Umschlagplatz für Kolonialwaren wie Tabak, Kaffee, Tee, Schokolade, Zucker und Gewürze.

Die kulturelle Blüte des 15. und 16. Jahrhunderts verband sich besonders mit Albrecht Dürer, Michael Wolgemut, Adam Kraft, Veit Stoß und Peter Vischer dem Älteren. Auch Wissenschaft, Musik und Literatur waren bedeutend. Die 1575 in Altdorf gegründete Akademie wurde 1622/23 zur Universität erhoben. Im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert folgte eine Spätblüte unter anderem in Goldschmiedekunst, Elfenbeinschnitzerei, Glasschnitt, Buchillustration, Literatur und Musik. Nach dem Dreißigjährigen Krieg zeigten patrizische Gartenanlagen und der barocke Neubau der Egidienkirche die fortbestehende kulturelle Bedeutung.

Landgebiet und politische Stellung

Nürnberg gehörte zu den führenden Mitgliedern des Fränkischen Reichskreises und war dessen ausschreibende Stadt, also an der Einberufung und Organisation der Kreisversammlungen beteiligt. Als weltlicher Reichsstand saß es im Reichstag in der Schwäbischen Bank des Reichsstädtekollegiums. Die Stadt war Tagungs- und Kongressort, Sitz des ersten Reichsregiments und stellte einen erheblichen Anteil der Truppen des Fränkischen Reichskreises.

Das Landgebiet wuchs zunächst durch Erwerbungen einzelner Bürger, später durch Käufe des Rates. 1427 erwarb Nürnberg mit der Burggrafenburg die Sebalder und Lorenzer Reichswälder. Nach den Eroberungen von 1504/05 besaß die Stadt rund 1.200 km² und damit das größte Territorium einer Reichsstadt auf dem Boden des heutigen Deutschlands.

Die „Alte Landschaft“ umfasste vor allem Gostenhof, Wöhrd, das Knoblauchsland sowie die beiden Reichswälder. Die Wälder lieferten Bauholz und Holzkohle für Erzverhüttung, Metallverarbeitung und Papierherstellung; hinzu kamen Steinbrüche. Besitz- und Gerichtsrechte waren stark zersplittert und führten besonders mit den Markgrafen von Ansbach und Bayreuth zu dauernden Konflikten. 1497 lebten dort einschließlich des Streubesitzes in 780 Orten etwa 28.000 reichsstädtische Untertanen in 5.780 Haushalten.

Die im Landshuter Erbfolgekrieg erworbene „Neue Landschaft“ wurde durch Pflegämter verwaltet, unter anderem Altdorf, Betzenstein, Engelthal, Hersbruck, Lauf, Reicheneck und Velden. Anders als in der Alten Landschaft waren diese Gebiete ausgemarkt; Nürnberg übte dort weitgehend unbestritten Justiz-, Finanz- und Verwaltungshoheit aus. Seit 1513 unterstanden die Pflegämter dem Landpflegamt als zentraler Mittelbehörde. Daneben verwalteten die Waldämter Laurenzi und Sebaldi die Reichswälder.

Das 1406 erworbene Pflegamt Lichtenau mit seiner Festung war die größte Exklave, also ein vom Hauptgebiet getrenntes Territorium. Zu den Enklaven, fremden Gebieten innerhalb des Nürnberger Herrschaftsraums, gehörten die kurfürstlich-bayerische Festung Rothenberg, die brandenburgisch-ansbachische Vogtei Schönberg und Hohenstadt mit Kleinviehberg. Besonders Schönberg diente der markgräflichen beziehungsweise später preußischen Seite als Grundlage für weitergehende Hoheitsansprüche.

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