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Renaissance

Die Spätrenaissance als Epoche der Kunstgeschichte wird auch als Manierismus bezeichnet und wurde Anfang des 17. Jahrhunderts in Italien durch den Barock …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und zeitliche Einordnung
  2. 2. Entstehung und gesellschaftliche Voraussetzungen
  3. 3. Menschenbild, Philosophie und Geschichtsdenken
  4. 4. Künste und Architektur
  5. 5. Dichtung, Musik und Körperkultur
  6. 6. Wissenschaft, Buchdruck und Wirkung

Kern und zeitliche Einordnung

Die Renaissance ist eine sich über drei Jahrhunderte erstreckende europäische Kulturepoche am Übergang vom Spätmittelalter zur Neuzeit. Ihr Kern besteht in der Wiederbelebung kultureller Leistungen der griechischen und römischen Antike. Antike Schriften, Formen und Ideen wurden zu Maßstäben für neue Werke und zu Leitbildern für Bildung, Politik, Kunst und Wissenschaft.

Als Kernzeit gelten in der Kunstgeschichte das 15. Jahrhundert (Quattrocento) und das 16. Jahrhundert (Cinquecento). Die Bewegung ging von den rivalisierenden norditalienischen Stadtrepubliken aus und verbreitete sich zeitlich versetzt und regional unterschiedlich nördlich der Alpen. Die Spätrenaissance wird in der Kunstgeschichte auch Manierismus genannt; in Italien wurde sie Anfang des 17. Jahrhunderts durch den Barock abgelöst. Im protestantischen Norden Europas wird der Renaissancebegriff teilweise von dem der Reformation überlagert.

Als Epochenbezeichnung setzte sich „Renaissance“ erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts durch. Jules Michelet verwendete den Titel Renaissance 1855 für den siebten Band seiner Histoire de France. Jacob Burckhardt prägte die moderne Forschung besonders mit Die Kultur der Renaissance in Italien von 1860. August Buck schlug als zeitliche Begrenzung die Zeit zwischen Petrarcas Geburt (1304) und Torquato Tassos Tod (1595) vor.

Der Begriff wurde 1550 von Giorgio Vasari als Rinascimento festgelegt. Vasari unterschied das glanzvolle Zeitalter der griechisch-römischen Antike, ein Zwischenzeitalter des Verfalls und das Zeitalter des Wiederauflebens der Künste und des antiken Geistes seit etwa 1250. Die heutige Epocheneinteilung bleibt problematisch, weil Entwicklungen je nach geographischem, sprachlichem und sozialem Raum unterschiedlich verliefen. Außerdem wertete die Antikenverehrung das vermeintlich „finstere Mittelalter“ ab, sodass mittelalterliche Werke nachträglich oft als Vorläufer der Renaissance interpretiert wurden.

Entstehung und gesellschaftliche Voraussetzungen

Ursprünglich war die Renaissance eine kulturelle Bewegung zur Wiedergewinnung antiker Zeugnisse für die Orientierung in der eigenen Gegenwart. Humanistische Gelehrte suchten Handschriften, Bauten, Inschriften und Skulpturen der klassischen griechisch-römischen Welt und studierten Latein, Griechisch und Hebräisch. Francesco Petrarca suchte antike Texte in Klosterbibliotheken Deutschlands und Frankreichs. Humanisten wie Coluccio Salutati, Leonardo Bruni, Poggio Bracciolini und Niccolò Niccoli sammelten, ordneten und verbreiteten Schriften. Daraus entstanden unter anderem die großen florentinischen Büchersammlungen von San Marco und der Medici. Die studia humanitatis sollten Grammatikschulen in Schulen wirklicher humaner und zugleich bürgerlicher Bildung verwandeln.

Voraussetzungen dafür waren auch die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse Norditaliens. Im 13. Jahrhundert zerfiel die Herrschaft des staufischen Kaisertums; in dem entstandenen Machtvakuum bildeten sich autonome Stadtherrschaften. Wirtschaftlich einflussreiche Bürger und wehrhafte Adlige schlossen sich zu einem Patriziat zusammen. Aus den Rivalitäten gingen Venedig, Florenz, Mailand, Neapel und Rom als machtvolle Pentarchie hervor. Nach dem Frieden von Lodi gelangten sie zu einem Gleichgewicht und regelten Konflikte zunehmend diplomatisch.

Die Stadtherrschaften finanzierten Kriege und Verteidigung durch Steuern, Bankkredite und bezahlte Truppen unter Condottieri. Wohlhabende Kaufleute und Bankiers wurden zu Mäzenen, also finanziellen Förderern von Kunst und Bildung. Besonders die Medici in Florenz unterstützten Künstler und Gelehrte. Cosimo de’ Medici verband sein Vermögen und sein Klientelnetz mit informeller politischer Herrschaft und finanzierte unter anderem öffentliche Bauvorhaben wie San Lorenzo und San Marco.

Die Pestepidemie von 1347 bis 1352, der in Europa etwa ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer fiel und die Florenz 1348 schwer heimsuchte, erschütterte die gesellschaftliche und religiöse Ordnung. Ärzte und Priester waren überfordert, Kriminalität und Judenverfolgungen nahmen zu; zugleich verstärkten sich sowohl spirituelle Frömmigkeit als auch eine diesseitszugewandte Lebenshaltung. In Boccaccios Decamerone erzählen sich sieben Frauen und drei Männer während der Pest zehn Geschichten an hundert Tagen. Das Werk steht damit für den Versuch, durch Poesie und Erzählungen neuen Lebenswillen zu gewinnen.

Menschenbild, Philosophie und Geschichtsdenken

Im Zentrum des Renaissance-Humanismus stand der Mensch mit seiner Sprache und Geschichte. Bildung nach klassischen Vorbildern wurde zum europäischen Erziehungsideal und zum Statusmerkmal, häufig verbunden mit Griechischkenntnissen. Anders als in den christlichen Lehren des Mittelalters rückte die Renaissance die menschliche Persönlichkeit ins Zentrum. Als Ausdruck menschlicher Würde galten schöpferische Arbeit und kreative Tätigkeit in Kunst, Architektur, Dichtung, Philosophie, Handel und Politik.

Das Leitbild des uomo universale bezeichnet einen Menschen, der praktisches Können und theoretische Reflexion in vielen Tätigkeiten verbindet. Baldassare Castiglione beschrieb diesen Idealtypus 1528 in Il Libro del Cortegiano. Die Renaissance betonte die vita activa, also tätiges Leben, gegenüber klösterlicher Kontemplation und asketischem Müßiggang. Dabei gab es unterschiedliche Auffassungen: Pico della Mirandola sah den Menschen als offen veranlagt und zu Aufstieg oder Abstieg fähig; Niccolò Machiavelli ersetzte Idealbilder durch eine nüchterne Betrachtung der Wirklichkeit.

Die Philosophie bezog sich stark auf Platon, den Neuplatonismus und Aristoteles, trug aber zur Überwindung der Scholastik bei. Nicolaus Cusanus gilt als Gestalt der Epochenschwelle zwischen Mittelalter und Moderne. Giovanni Pico della Mirandola verband menschliche Freiheit mit der Aufgabe, sich durch eigene Einsicht und Bildung selbst zu gestalten. Erasmus von Rotterdam betonte, dass der Mensch erzogen und geformt werden müsse.

Die aristotelische Ethik blieb ein wichtiger Maßstab, wurde jedoch kritisiert und durch individualistische, stoische, epikureische oder averroistische Ansätze ergänzt. Petrarca bewertete vor allem die Handlungsabsicht; Machiavelli untersuchte dagegen die Zweck-Mittel-Relation. Für ihn konnten gute Ziele mit schlechten Mitteln und schlechte Ziele mit guten Taten verbunden sein.

Auch das Geschichtsdenken veränderte sich. Die eigene Epoche wurde bewusst früheren Zeiten gegenübergestellt. An die Stelle einer theologischen Heilsgeschichte und wundergestützter Erklärungen trat zunehmend eine ereignisgeschichtliche und rationale Betrachtung. Leonardo Bruni erklärte historische Vorgänge durch die Interessen und Orientierungen der handelnden Menschen. Neue Quellenmethoden, die Untersuchung von Motiven sowie von Ursachen und Folgen sollten der Geschichtsschreibung wissenschaftlichen Rang geben. Francesco Patrizi verband die historische Wahrheit mit dem Verhältnis von subjektivem Verstehen und tatsächlichem Geschehen.

Künste und Architektur

In den Künsten löste die Renaissance die mystisch-symbolische Formensprache des Mittelalters zunehmend durch weltliche, mathematisch-wissenschaftliche Klarheit ab. Antike Formen, menschliche Körper, individuelle Personen, Landschaften, alltägliche Handlungen und politische Ereignisse wurden zu wichtigen Gegenständen. Leonardo da Vincis Proportionsstudie des vitruvianischen Menschen setzt den menschlichen Körper in das Zentrum eines neuen Ordnungssystems.

Die Künstler gewannen gegenüber ihrer früheren Stellung als Handwerker deutlich an Ansehen. Durch die Verbindung von Architektur, Malerei und Skulptur sowie durch humanistische Bildung konnten sie den Gelehrten gleichrangig werden. Mäzene wie die Medici in Florenz, die Farnese in Rom und die Este in Ferrara verschafften Künstlern Aufträge und Freiräume. In Italien bestellten neben Kirchen zunehmend Laien, Zünfte und Bruderschaften Kunstwerke; Porträts wurden seit der Mitte des 15. Jahrhunderts wieder wichtiger.

In der Malerei blieb der größte Teil der Themen biblisch, doch wurden natürliche Verhältnisse und erlebte Wirklichkeit genauer dargestellt. Die Zentralperspektive ist ein Fluchtliniensystem, mit dem auf einer zweidimensionalen Fläche die Illusion eines dreidimensionalen Raumes konstruiert wird. Hinzu kamen Luft- und Farbperspektive. Filippo Brunelleschi lieferte mathematische Regeln für die Perspektivkonstruktion. Masaccios Fresko Die Heilige Dreifaltigkeit gilt als früher Meilenstein, weil es einen scheinbar tiefen Raum erzeugt und Stifterfiguren gleich groß wie Heilige zeigt. Die Hochrenaissance wird ungefähr von 1490 bis 1530 angesetzt und ist mit Leonardo da Vinci, Michelangelo und Raffael verbunden. Sie kennzeichneten großfigurige Einfachheit, wenige farbliche Hauptakzente, eine stärkere Nähe zum Betrachter sowie die Darstellung individueller innerer Zustände. In der Spätrenaissance beziehungsweise im Manierismus wurden klassische Regeln infrage gestellt, Körperhaltungen verdreht und harmonische Übersicht durch komplizierte Vielfalt ersetzt.

In der Skulptur wurden antike Körperauffassung, Nacktheit und anatomische Genauigkeit wieder wichtig. Der Wettbewerb für die Nordtür des Florentiner Baptisteriums um 1400 mit Lorenzo Ghiberti und Filippo Brunelleschi war richtungsweisend. Donatellos lebensgroßer, vollständig rundsichtiger Bronze-David in Kontrapost-Stellung löste die Skulptur stärker aus ihrer architektonischen Bindung. Michelangelos über vier Meter hoher David wurde zum Sinnbild republikanischer Politik und Identität. Giambologna prägte im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert die Figura serpentinata, eine spiralige Drehung von Figuren oder Figurengruppen.

In der Architektur verbanden sich mittelalterliche Kontinuitäten mit antiken Vorbildern. Leon Battista Alberti studierte Vitruv und gab mit De Re Aedificatoria der Architekturtheorie neue Bedeutung. Filippo Brunelleschi schuf unter anderem die Kuppel des Florentiner Doms Santa Maria del Fiore mit einer Spannweite von über 40 Metern. Die klassizistische Renaissance orientierte Grundrisse an Quadrat und Kreis und verwendete Säulen, Pilaster, Kapitelle und Dreiecksgiebel sowie dorische, ionische, korinthische und toskanische Säulen. In der analogischen Renaissance wurden antike und mittelalterliche Elemente freier und oft asymmetrisch variiert. Die Renaissance-Gotik oder Nachgotik verwendete weiterhin gotische Motive. In Europa bestanden diese Richtungen teilweise nebeneinander oder vermischten sich.

Dichtung, Musik und Körperkultur

Die Dichtung war für den Durchbruch der Renaissance besonders wichtig. Dante Alighieri gilt als Vorläufer und Francesco Petrarca als Vordenker des Renaissance-Humanismus; Petrarca prägte besonders die Sonettform. Giovanni Boccaccio verband in seinem Decamerone Literatur, Malerei und eine neue Selbstwahrnehmung der Renaissance. François Rabelais nutzte Satire und Parodie zur Kritik an scholastischer Spitzfindigkeit, leerer Buchstabengelehrtheit und monarchischer Lebensfeindlichkeit. Michel de Montaigne erforschte in seinen Essais die eigene Psyche, den Körper und die „condition humaine“ und wies den Anspruch auf absolute Wahrheit zurück. In Italien gewann die Commedia dell’arte an Bedeutung, in England blühte das Elisabethanische Theater mit William Shakespeare auf. Nach Michail Bachtin näherten sich Volks- und Hochkultur an: Volkssprachen, Dialekte, Karneval, Parodie und der menschliche Körper traten stärker in die große Literatur ein.

In der Musik entwickelte sich durch Vereinfachung älterer Notationssysteme und durch den Buchdruck die moderne Notenschreibung weiter. Zunächst war die franko-flämische Musik bestimmend, ab der Mitte des 16. Jahrhunderts kamen wichtige Impulse aus Italien, besonders von der Florentiner Camerata, der Römischen Schule und der Venezianischen Schule. Renaissance-Musik wurde zunehmend als Werk nicht mehr anonymer Komponisten verstanden und diente neben dem Gotteslob auch der geselligen Unterhaltung. Die Kirchenmusik entwickelte eine reiche Polyphonie, also Mehrstimmigkeit; im weltlichen Bereich wurden Volksliedmelodien häufig homophon, also mit einer führenden Stimme und begleitenden Stimmen, behandelt. Instrumente wurden in Familien gebaut, und Vokal- und Instrumentalpartien wurden austauschbarer. Terzen und Sexten galten nun als konsonant.

Ein Ziel der Hochrenaissance war die harmonische Verbindung von polyphoner und akkordischer Struktur sowie von Mehrstimmigkeit und Textverständlichkeit. Um 1600 entstand aus Florentiner Kreisen die Oper. Jacopo Peris Euridice wurde 1600 uraufgeführt und gilt heute als erste erhalten gebliebene Oper. Claudio Monteverdi setzte in seiner seconda prattica die Worte stärker bestimmend über die Musik ein.

Leibesübungen wurden, ähnlich wie in der Antike, für Gesundheit, Kriegshandwerk, Selbstverteidigung und Wettkampf betrieben. Regelwerke wurden ausformuliert, und Naturwissenschaften sowie Mathematik, besonders Geometrie, auf den Sport angewandt. Das veränderte Körperverständnis zeigte sich auch im Tanz und in weiteren Körperpraktiken.

Wissenschaft, Buchdruck und Wirkung

Die Renaissance förderte eine Verbindung von Gelehrten, Künstlern, Architekten und technisch versierten Handwerkern. Der Buchdruck mit beweglichen Lettern, um 1450 von Johannes Gutenberg entwickelt, gilt als bedeutendste technische Errungenschaft der Renaissance. Bereits 1500 gab es 30.000 bis 35.000 verschiedene Buchausgaben. Buchdruckereien entstanden 1460 in Straßburg, 1464 in Köln, 1467 in Basel und 1470 in Nürnberg.

Die Wissensvermehrung ging nur teilweise von Universitäten aus. Ende des 15. Jahrhunderts gab es etwa 75 europäische Universitäten, davon annähernd 20 in Italien. Von geschätzt zwölf- bis fünfzehntausend europäischen Studenten erreichte nur ungefähr ein Viertel einen akademischen Abschluss. Universitäten archivierten und systematisierten vor allem Wissen; methodische Neuerungen und neue wissenschaftliche Paradigmen entstanden häufig außerhalb der Hochschulen. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde das systematische Experiment verbreiteter. William Gilbert untersuchte Magnetismus und Elektrizität experimentell; Francis Bacon bezeichnete im Novum organum scientiarum das „experimentum“ als Mittel, durch das die Natur mehr preisgibt als durch bloße Beobachtung.

In der Astronomie führte Nikolaus Kopernikus das heliozentrische Weltbild, in dem die Sonne statt der Erde im Zentrum steht, als Hypothese weiter. Er berief sich dabei auf antike griechische Vorläufer. Johannes Kepler ermittelte die Regelmäßigkeiten der Planetenbewegungen und erkannte, dass die Marsbahn elliptisch ist. Die Platon-Renaissance förderte die Vorstellung, das Universum sei nach Maß und Zahl geordnet. Galileo Galilei verband Mathematik, Beobachtung und praktische Anwendung; er optimierte das Fernrohr und gelangte durch astronomische Beobachtungen zu heliozentrischen Schlussfolgerungen.

Die moderne Renaissance-Forschung begann besonders mit Burckhardts Deutung der Epoche als „Wiege der Moderne“. Im 19. Jahrhundert entstand eine Renaissance-Begeisterung, die um 1900 im Renaissancismus und in Friedrich Nietzsches Rezeption Burckhardts gipfelte. Spätere Deutungen betonen jedoch, dass die Renaissance kein einheitlicher Siegeszug allein italienischer Ideen war. Peter Burke versteht sie als gesamteuropäischen kulturellen Austausch, in dem antike, italienische, spanische, türkische und niederländische Formen assimiliert und verändert wurden. Er kritisiert eine westliche „große Erzählung“ und weist auf die unzureichend berücksichtigten Beiträge von Juden und Arabern hin. Bernd Roeck hebt dagegen die große disziplinäre Spannweite, den kritischen Dialog und die vielen Möglichkeiten für wissenschaftliche und politische Neuerungen hervor.

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