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Spiritualität

„Plastikwörter“ seien, so Poensgen, dadurch gekennzeichnet, dass „sich die Konnotationen bei weitem gegenüber der Denotation durchsetzen“.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernbegriff und Abgrenzung
  2. 2. Entwicklung und heutige Formen
  3. 3. Spiritualität in Religionen
  4. 4. Gebundene, freie und säkulare Deutungen
  5. 5. Ausdrucksformen im Leben

Kernbegriff und Abgrenzung

Spiritualität ist die Suche, Hinwendung, unmittelbare Anschauung oder das subjektive Erleben einer sinnlich nicht fassbaren und rational nicht erklärbaren transzendenten Wirklichkeit, die der materiellen Welt zugrunde liegt. Sie kann mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, mit der Erfahrung von Ganzheit und Verbundenheit, mit der „letzten Wahrheit“ oder höchsten Wirklichkeit sowie mit dem Heiligen, Unerklärlichen oder ethisch Wertvollen verbunden sein.

Wichtig ist: Spiritualität meint nicht vor allem logisches Denken oder sprachlich vermittelbare Einsichten, sondern intensive, persönliche psychische Zustände und Erfahrungen. Diese sollen sich auf Lebensführung und ethische Vorstellungen auswirken. Eine religiöse Überzeugung gilt im Artikel als Voraussetzung, muss aber nicht an eine bestimmte Religion gebunden sein.

Eine allgemein anerkannte Definition gibt es nicht. Die Bedeutung hängt vom persönlichen und weltanschaulichen Glauben ab, zum Beispiel davon, ob Gott, Geistwesen, numinose Kräfte oder natürliche Kräfte eine Rolle spielen. Spiritualität wird von Frömmigkeit und Religiosität unterschieden: Frömmigkeit ist eher kirchlich und an Lehren und Rituale gebunden; Religiosität kann ehrfürchtigen Glauben oder die Hinwendung zu einer bestimmten Religion meinen. In den Wissenschaften wird Spiritualität meist weiter verstanden, also religions- und konfessionsübergreifend.

Entwicklung und heutige Formen

Der Begriff „Spiritualität“ wurde früher stark katholisch verstanden. Im deutschen Sprachraum war er bis etwa 1950 kaum gebräuchlich und fand erst in den 1960er Jahren breitere öffentliche Beachtung. Dabei wurde er aus freireligiösen und angelsächsischen Zusammenhängen übernommen und zunehmend als persönliche Beziehung zu „Gott“ oder gottähnlichem Transzendenten verstanden. Gleichzeitig entstand eine Abgrenzung zu „Religion“: Spiritualität galt vielen als frei, individuell und erfahrungsbezogen, Religion dagegen als dogmatisch, institutionell und überholt.

Heute kann Spiritualität aus einer bestimmten Religion stammen, Elemente mehrerer Religionen verbinden oder in freieren Formen auftreten. Seit dem 20. Jahrhundert verbreiteten sich besonders im Westen moderne Formen, die Traditionen mischen oder neue Elemente schaffen. Häufig sind Achtsamkeit, Gegenwärtigkeit und die Kritik an einer starken Identifikation mit dem Ego wichtig. Daraus ergibt sich die Einteilung in „nicht religiös, nicht spirituell“, „religiös, nicht spirituell“, „nicht religiös, spirituell“ und „religiös, spirituell“.

Strittig ist, ob Spiritualität in modernen Gesellschaften etablierte Religionen ersetzt. Detlef Pollack beschreibt eine zunehmende Säkularisierung in Deutschland, sieht aber keine ausreichenden empirischen Belege für einen Transfer zu individualisierter Spiritualität. Ergebnisse der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland deuten im Gegenteil darauf hin, dass viele Menschen, die sich spirituell nennen, innerhalb der Kirche zu finden sind.

Spiritualität in Religionen

Religionen und Konfessionen haben eigene spirituelle Strömungen hervorgebracht. Sie unterscheiden sich auch dadurch, wie sie die höchste Wirklichkeit benennen: etwa Gott, Allah, JHWH, Tao, Brahman, Shunyata, Großer Geist oder das Eine. Schwierig ist, ab wann eine selbstbestimmte Spiritualität nicht mehr zur Herkunftsreligion passt. Ulrich Winkler betont, dass multiple Religionszugehörigkeit den Religionen widersprechen könne, weil diese eine ernsthafte Zustimmung zu ihrer Lehre verlangen.

Im Christentum steht bei christlicher Spiritualität die persönliche Beziehung zu Jesus Christus im Mittelpunkt. Sie ist biblisch rückgebunden und kann Askese und Mystik einschließen. Wichtige Praktiken sind Kontemplation, Bibellesen, Gebet, Nächstenliebe, Exerzitien, Wallfahrt und Kirchenmusik. Vervollkommnung gilt nicht nur als Ergebnis von Techniken, sondern besonders als Gnade.

Im Buddhismus ist das spirituelle Ziel die Erleuchtung, Bodhi. Der Hauptweg umfasst die vier edlen Wahrheiten und den achtfachen Pfad. Meditation ist zentral; im Westen sind besonders Vipassana und Zazen bekannt. Beide betonen nicht wertendes und absichtsloses Gewahrsein im Hier und Jetzt.

Im Hinduismus gibt es viele Richtungen mit unterschiedlichen Lehren, Gottesvorstellungen und Erlösungsvorstellungen. Viele Gläubige nehmen Samsara, den Kreislauf von Leben und Tod, und Reinkarnation an. Spirituelle Praxis umfasst Rituale, Gottesverehrung und das Streben nach Moksha, individueller Befreiung. Wichtig ist auch die persönliche Wissensvermittlung durch einen spirituellen Lehrer, den Guru.

Im Islam besteht Spiritualität darin, im Rahmen der heiligen Schriften eine geistige Brücke zwischen Mensch, Welt und Gott herzustellen. Säkulare Gedankensysteme, die von Gott absehen, gelten dort nicht als spirituell. Die fünf Säulen sind Schahāda, Salāt, Zakāt, Saum und Haddsch. In der Bahá'í-Religion zeigt sich Spiritualität in Beziehung zu Gott, Einheit der Menschheit, Gebet, Meditation, Schriftstudium und Dienst an anderen. In pazifischen Religionen zeigt Hoʻoponopono eine psycho-spirituelle Praxis zur Befreiung von unerwünschten zwischenmenschlichen Umständen.

Gebundene, freie und säkulare Deutungen

Eine gebundene Spiritualität ist eng mit Dogmatik, also der Lehre einer Religion, verbunden. Hans Urs von Balthasar formulierte 1960: „Spiritualität [ist] die subjektive Seite der Dogmatik“. Gemeint ist, dass religiöse Lehre durch spirituelle Praxis im Alltag wirksam werden soll. Ulrich Winkler beschreibt Dogmatik als „Knochengerüst“ und Spiritualität als „Fleisch“: Beides soll nicht voneinander getrennt werden.

Freie Spiritualität löst sich stärker von bestehenden Religionen. Die Freimaurer-Loge St. Johann am Rhein grenzt Spiritualität von Glaube und Religion ab und versteht sie als geistige Ebene jenseits von Materiellem und Dogmatischem. Karl Baier beschreibt außerdem eine angelsächsisch-neureligiöse Strömung, die im 19. Jahrhundert einsetzte und durch Helena Blavatsky sowie die Theosophische Gesellschaft mitgeprägt wurde.

Im 21. Jahrhundert wird Spiritualität nicht mehr zwingend an Transzendenz oder eine Konfession gebunden, auch wenn beides möglich bleibt. Rudolf Sponsel definiert Spiritualität als Beschäftigung mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt, der Menschen und der eigenen Existenz. Arndt Büssing beschreibt sie als nach Sinn und Bedeutung suchende Lebenseinstellung, bei der der Mensch sich seines „göttlichen“ Ursprungs bewusst ist, Verbundenheit mit anderen, der Natur oder dem Göttlichen spürt und daraus Lebensführung und Ethik gestaltet.

Es gibt auch humanistische oder säkularisierte Spiritualität ohne Gottesbezug. André Comte-Sponville spricht von „Spiritualität ohne Gott“; Werte wie Gerechtigkeit, Mitgefühl, Liebe, Demokratie und Menschenrechte könnten Gläubige, Agnostiker und Atheisten verbinden. Thomas Metzinger versteht säkularisierte Spiritualität als epistemische und ethische Haltung der „intellektuellen Redlichkeit“, also Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst, um Irrtum und Selbsttäuschung zu vermeiden.

Ausdrucksformen im Leben

Spiritualität zeigt sich laut Meyers Taschenlexikon als geistig-geistliche Orientierung und Lebenspraxis eines Menschen, die durch Glauben begründet und durch Lebensbedingungen ausgeformt ist. Arndt Büssing unterscheidet mindestens sieben Ausdrucksbereiche: Gebet, Gottvertrauen und Geborgenheit; Erkenntnis, Weisheit und Einsicht; Transzendenz-Überzeugung; Mitgefühl, Großzügigkeit und Toleranz; bewusster Umgang mit anderen, sich selbst und der Umwelt; Ehrfurcht und Dankbarkeit; Gleichmut und Meditation.

Rudolf Sponsel nennt viele alltägliche Formen: Rituale beim Aufstehen, Innehalten, Meditation, achtsames Spazierengehen, Hausarbeit, Dankgebet vor dem Essen, Musik hören, bewusstes Atmen, volle Hingabe an eine Tätigkeit oder innere Dialoge mit Natur, Schicksal, Kosmos oder Mutter Erde. Entscheidend ist Achtsamkeit, Zuwendung, Hingabe oder Bewusstheit. Rituale können helfen, können aber auch mechanisch und leer werden.

Einfaches Leben kann spirituell verstanden werden, etwa in Klöstern, Retreats oder Sesshins. Dabei geht es um Verzicht auf materielle Anhäufung, Konsumkritik und eine als höher empfundene Lebensqualität. Atmen gilt in mehreren Religionen als heiliger Lebensvollzug; bewusstes Ein- und Ausatmen kann Gebet, Meditation und Verantwortung symbolisieren. Auch Singen verbindet Atem und spirituelle Erfahrung.

Tanzen kann eine spirituelle Praxis sein, etwa als Trancetanz, sakraler Tanz, Kirchentanz oder Derwisch-Tanz. Pilgern wird als „Spiritualität des Unterwegsseins“ beschrieben, bei der Menschen Antworten auf Lebensfragen suchen und ihr Leben als Weg deuten. Nahtoderfahrungen können Ausgangspunkt gelebter Spiritualität sein; Studien nennen für USA, Australien und Deutschland 4 bis 15 Prozent der Menschen mit Nahtoderfahrung. Auch psychotrope Substanzen wie Psilocybin und andere Entheogene können spirituelle Erfahrungen auslösen, besonders in indigenen Traditionen und in Verbindung mit weiteren Praktiken.

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