Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Sinai (Bibel)
Der biblische Sinaiberg ist jener Berg, an dem laut biblischer Überlieferung das gesamte Volk Israel Zeuge der Offenbarung Gottes wurde und Moses von Gott …
Inhalt5 Abschnitte
Biblischer Sinaiberg
Der biblische Sinaiberg ist nach der Bibel der Ort, an dem das gesamte Volk Israel die Offenbarung Gottes erlebte und Mose die Zehn Gebote von Gott erhielt. Seine genaue Lage ist nicht geklärt. Häufig wird er mit dem heutigen Berg Sinai auf der Sinai-Halbinsel gleichgesetzt, doch die Überlieferung und moderne Forschung nennen verschiedene mögliche Orte. Auch die Beziehung zum Horeb ist nicht eindeutig: Im Pentateuch, besonders im Deuteronomium, ist Horeb ebenfalls Ort von Gottesoffenbarung und Gesetzgebung.
Sinai und Horeb
Horeb heißt auf Hebräisch חֹרֶב, ḥōræḇ. Im Pentateuch wird er nur einmal ausdrücklich als „Berg Horeb“ bezeichnet (Ex 33,6). Da ḥōræḇ sonst „Einöde“ bedeutet, könnte ein allgemeines Wort später als Ortsname verstanden worden sein. Die Autoren der Septuaginta behandelten Horeb jedoch als Ortsnamen und übertrugen ihn nicht, sondern schrieben ihn als altgriechisch Χωρηβ, Chōrēb.
Im Debora-Lied steht die Formulierung hebräisch זֶה סִינַי, zæh sīnay (Ri 5,5; als Zitat auch Ps 68,9). Üblicherweise würde sie „das ist der Sinai“ bedeuten und als gelehrte Glosse beurteilt. Im in Ugarit bezeugten Protokanaanäischen wäre auch „der vom Sinai“ als Genitivkonstruktion möglich. Wolfgang Oswald hält diese zweite Deutung aber für philologisch unwahrscheinlich, weil sie selbst bei einer frühen Niederschrift des Debora-Liedes im 10./9. Jahrhundert v. Chr. bereits archaisch gewesen wäre.
Bedeutung im Judentum
In der jüdischen Überlieferung empfing Mose auf dem Sinai sowohl die schriftliche als auch die mündliche Lehre, die Tora. Der Berg steht damit für die Offenbarung Gottes vor dem ganzen Volk Israel. Abraham Joshua Heschel betont die Besonderheit dieses Ereignisses: Nicht nur einzelne Menschen, sondern ein ganzes Volk sei Zeuge der Stimme Gottes geworden.
Nach einer rabbinischen Legende bot Gott die Tora zunächst jedem Stamm und jeder Nation an, bevor Israel sie annahm. Für Heschel gehören Gabe und Annahme zusammen: Gott offenbarte am Sinai sein Wort, Israel antwortete darauf und gelobte sich Gott an. Die genaue Lage des biblischen Sinaiberges wurde im Judentum nicht überliefert. Auch ist keine Kultstätte nahe dem Ort der Offenbarung belegt, wie sie bei anderen in der Tora genannten Heiligtümern Israels vorkommt.
Antike Traditionen und Pilgerorte
Die älteste, bis ins hellenistische Judentum zurückreichende Lokalisierung verortete den Sinai östlich des Golfs von Akaba, im heutigen Saudi-Arabien. Der in ptolemäischem Alexandria schreibende jüdische Historiker Demetrios nannte den Berg nicht direkt, doch seine Beschreibung von Moses Aufenthalt in Midian weist in diese Richtung. Pompeius Trogus und Flavius Josephus verorteten Midian ebenfalls dort; Josephus bezeichnete den Sinai als höchsten Berg der Gegend, blieb aber bei der genauen Lage unbestimmt. Auch Gal 4,25 setzt diese Lokalisierung voraus.
Nachdem das Gebiet für das Römische Reich verloren gegangen war, verlagerte sich die christliche Tradition in den Süden der Sinai-Halbinsel, westlich des Golfs von Akaba. Christliche Pilgertraditionen sind dort seit dem 4. Jahrhundert belegt, zuerst bei Evagrius Ponticus und Nilus. Egeria folgte einer bereits bestehenden Route durch Wadi Mukattab, Wadi Feran und Wadi Sulaf. Im Wadi ar-Raha wurden ihr die „Lustgräber“ aus Num 11,31–35, wahrscheinlich Nawamis bei Naqb al-Hawa, sowie Ruinen als Lager der Israeliten gezeigt.
Ziel war der Ǧabal Mūsā, der „Moseberg“. Egeria übernachtete in Der al-Arbaʿin im Wadi al-Laǧa, bestieg den Berg frühmorgens und besuchte auf seinem Gipfel eine Kirche sowie eine Mose zugeschriebene Höhle. Anschließend bestieg sie wahrscheinlich den Ǧabal Safsāfa, der als Horeb und als Ort von Elijas Höhle nach 1 Kön 19,9 galt; auch dort stand eine Kirche. Am Abend erreichte sie den Vorgängerbau des Katharinenklosters und sah den Dornbusch aus Ex 3 neben einer Kirche in einem Garten mit reichlich Wasser.
Moderne Lokalisierungsversuche
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts diskutierten europäische Gelehrte, welcher Gipfel der Sinai-Halbinsel der biblische Berg der Gesetzgebung sei. Der Ordnance Survey des britischen Palestine Exploration Fund kartierte die Halbinsel 1868–1869 unter Charles William Wilson und entschied sich für den Moseberg. Dabei verbanden sich theologische und geopolitische Interessen.
Ludwig Schneller hielt 1910 den Berg Serbal für passender. Als Gründe nannte er die im Pentateuch beschriebene Reiseroute, die damals mögliche Reisegeschwindigkeit, die nahe Oase Pharan und zahlreiche Felsinschriften. Diese könnten darauf hinweisen, dass christliche Pilger den Serbal in den ersten Jahrhunderten als Sinai ansahen.
Alois Musil beschrieb als Erster den Vulkan Hala-'l Badr und identifizierte ihn zunächst mit dem Sinai; bei der Veröffentlichung seiner Forschungsreise 1926 vertrat er dies nicht mehr. William John Phythian-Adams vertrat die Lokalisierung 1930. Als wichtig galt Dtn 1,2: Der Horeb liege elf Tagesreisen von Kadesch-Barnea entfernt. Für Reisen im nördlichen Hedschas wurden 45–55 km täglich geschätzt, was zum Gebiet des Hala-'l Badr führt. Für ihn sprachen außerdem seine isolierte Lage in einer relativ fruchtbaren Ebene, seine Form als schwarzer Vulkankegel auf grauem Tafelberg sowie seine Tabuisierung oder Kultorttradition bei der lokalen Bevölkerung.
Weitere vorgeschlagene Berge sind Dschebel el-Lauz und Dschabal al-Makla. Wie plausibel solche Vorschläge sind, hängt davon ab, wie das Exodus-Geschehen, die vierzigjährige Wüstenwanderung und Elias Marsch zum Horeb gedeutet werden. Nach 1 Kön 19,8 Lut ging Elija von Jesreel aus 40 Tage und Nächte bis zum Horeb und kam dort völlig erschöpft an.