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Neutestamentliche Bibelwissenschaft
Im 19. Jahrhundert wurden verschiedene Wege entwickelt, um den „garstigen Graben“ zwischen der Welt des Neuen Testaments und den modernen Lesern zu überwinden.
Inhalt5 Abschnitte
Gegenstand und theologische Einordnung
Die neutestamentliche Bibelwissenschaft ist der zweite Teil der christlichen Bibelwissenschaft. Sie untersucht die Schriften des Neuen Testaments mit wissenschaftlichen Methoden und gliedert sich in vier Teildisziplinen: Textkritik und Textgeschichte des Neuen Testaments, Einleitung in das Neue Testament, Geschichte des Urchristentums und Theologie des Neuen Testaments. Diese Fachgebiete entwickelten sich in dieser Reihenfolge im Verlauf des 18. Jahrhunderts.
Nach Hans Weder steht das Fach in einem Spannungsfeld: Es legt einerseits einen als heilig geltenden Text aus, andererseits bezieht es sich auf das „Ereignis“ des „Kommens Jesu Christi“. Bibelwissenschaft erschöpft sich daher nicht in der Anwendung fester Auslegungsregeln, wie sie etwa auch die rabbinische Hermeneutik kennt. Sie beurteilt die entstehende Auslegung zusätzlich im Licht des Christusereignisses und fragt nach ihrer Wahrheit und Geltung.
Dieses Problem wird im Neuen Testament selbst durch die Gegenüberstellung von „Geist und Buchstabe“ (2. Kor. 3 Lut) angedeutet. Der gesetzlich verstandene Buchstabe kann demnach töten; eine am Geist orientierte Auslegung entdeckt im Evangelium eine Kraft, die am Menschen wirkt.
Entstehung und Aufklärung
Die Anfänge der neutestamentlichen Wissenschaft werden meist im 18. Jahrhundert angesetzt. Hintergrund waren die Fragestellungen der Aufklärung und das erwachende Geschichtsbewusstsein. Besonders in der protestantischen Theologie wurde die historisch-kritische Bibelwissenschaft eingesetzt, um die traditionelle theologische Hermeneutik aufzubrechen. Für frühere Epochen kann deshalb nur eingeschränkt von Bibelwissenschaft im eigentlichen Sinn gesprochen werden; ihre Auslegung und Rezeptionsgeschichte bleiben jedoch wichtige Forschungsgegenstände.
Eine weiter gefasste Auffassung vertritt Hans Weder. Beginnt Wissenschaft erst mit dem methodischen Zweifel und der Zurückstellung der Autorität der Tradition, so entstand Bibelwissenschaft erst nach der Aufklärung. Erkennt man dagegen bereits einen methodisch reflektierten Umgang mit Texten als wissenschaftlich an, lassen sich Vorformen bis in das Urchristentum zurückverfolgen. Dazu gehört etwa, dass Paulus Zitate aus Florilegien für Schriftbeweise auswählte und alttestamentliche Texte typologisch oder allegorisch auslegte, beispielsweise in Gal 4,21–31 Lut.
Die spätantike Auslegung des Neuen Testaments verband drei Elemente: historisch-philologische Textwahrnehmung, die allegorische Methode und die Normierung durch die regula fidei, also die kirchliche Glaubensregel. Im Mittelalter wurden spätantike Kommentare vor allem kompiliert und in Katenen erschlossen. Die Aneignung erfolgte über die Lehre vom vierfachen Schriftsinn. Die Reformatoren wandten sich dagegen und forderten eine Konzentration auf den Literalsinn. Als Sachkriterium diente „was Christum treibet“. Der humanistische Ruf Ad fontes verstärkte zugleich das Interesse am griechischen „Urtext“ des Neuen Testaments. Das Konzil von Trient stellte dem reformatorischen Schriftprinzip Sola scriptura die Bedeutung der Tradition und des kirchlichen Lehramts gegenüber.
Die neuere Forschung betont stärker die Kontinuitäten zwischen mittelalterlicher Hermeneutik und Reformation. Als entscheidende Epochenscheide gilt daher eher die Aufklärung des 18. Jahrhunderts als die Reformation des 16. Jahrhunderts.
In der Aufklärung grenzte sich die neutestamentliche Bibelwissenschaft im evangelischen Raum doppelt ab: gegen die Verbalinspiration, die den biblischen Text als unmittelbar von Gott eingegeben und gegenüber anderen antiken Texten als Sonderfall verstand, sowie gegen eine Historisierung, die die Bibel zugunsten zeitlos gültiger Wahrheiten einer natürlichen Religion relativierte. Johann Salomo Semler forderte, den biblischen Text mit denselben Methoden wie zeitgenössische antike Texte zu untersuchen.
Die Textkritik arbeitete daran, den Textus receptus der Reformationszeit durch bessere Urtextausgaben zu ersetzen. Bedeutende Beiträge leisteten John Mill, Richard Bentley, Johann Albrecht Bengel, Johann Jakob Wettstein und Johann Jakob Griesbach. Richard Simons 1689 veröffentlichtes Werk Histoire critique du texte du Nouveau Testament gilt als grundlegend für die historisch-kritische Methode, wurde jedoch kirchlich zensiert und blieb deshalb weitgehend ohne Wirkung.
Hermann Samuel Reimarus zeigte, dass die Widersprüche zwischen den Ostererzählungen der Evangelien nicht harmonisierbar sind. Damit wurde die Frage nach dem historischen Jesus aufgeworfen. Seit dem 18. Jahrhundert entwickelten sich die wissenschaftliche Untersuchung des Alten und des Neuen Testaments zunächst getrennt.
Nach Marius Reiser gelten seit dem Paradigmenwechsel der Aufklärung drei wichtige Grundsätze: Jede Einzelschrift ist für sich zu betrachten; Bibelstellen dürfen nur bei historischer oder sachlicher Beziehung gegenseitig zur Erklärung herangezogen werden; der Exeget verwendet Vernunft und wissenschaftliche Methoden, während die Regula fidei der eigenen Kirche für die Auslegung nicht maßgeblich ist. Erste Zentren der historisch-kritischen Bibelwissenschaft waren die Universitäten Halle und Göttingen, später auch Tübingen.
Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert suchten verschiedene Ansätze nach Wegen, den „garstigen Graben“ zwischen der Welt des Neuen Testaments und modernen Lesern zu überbrücken. Im Anschluss an Friedrich Schleiermacher und Wilhelm Dilthey wurde das „einfühlende Verstehen“ empfohlen. Die kerygmatische Theologie von Franz Overbeck und Martin Kähler erklärte historische Zeitumstände für bedeutungslos, während positive Theologen wie Theodor Zahn die historisch-kritische Methode kritisierten. Zahn arbeitete historisch-philologisch, aber nicht historisch-kritisch, und sah den persönlichen Glauben des Exegeten als Voraussetzung an.
Das 19. Jahrhundert war die Blütezeit der Leben-Jesu-Forschung. Zweifel von David Friedrich Strauß an der historischen Zuverlässigkeit der Evangelien förderten die Quellenkritik. Daraus entwickelte sich die Zweiquellentheorie, die breite Anerkennung fand, weil sie die meisten Textphänomene einfach und überzeugend erklären konnte. Um 1900 gewann die Religionsgeschichtliche Schule an Bedeutung. Sie forderte, das Urchristentum und das zeitgenössische Judentum vor dem Hintergrund des Hellenismus zu verstehen.
Die römisch-katholische Exegese war durch Vorgaben des kirchlichen Lehramts stärker eingeschränkt. Das Erste Vatikanische Konzil begrenzte den Spielraum katholischer Exegeten weiter. Die 1902 gegründete Päpstliche Bibelkommission entschied Fragen der neutestamentlichen Bibelwissenschaft autoritativ; da ihre Responsa nie formell für ungültig erklärt wurden, wirkte ihre hemmende Wirkung lange fort.
Karl Barths Römerbriefkommentar markierte eine Zäsur. Barth lehnte die Hermeneutik der Liberalen Theologie, wie sie etwa Adolf Jülicher vertrat, ab. An die Stelle einer vermeintlich objektiven Beschreibung sollte die Auseinandersetzung mit der „Sache des Textes“ treten. Die historisch-kritische Exegese akzeptierte Barth als Vorbereitung, ließ sie aber anschließend in einer dogmatisch interessierten „zweiten Naivität“ hinter sich. Für ihn standen Altes und Neues Testament auf gleicher Ebene; die Mitte der Schrift war Christus.
Rudolf Bultmann verband in seiner Theologie des Neuen Testaments historisch-kritische Fragestellungen mit einer existentialen Interpretation. Dieser Entwurf wurde in den 1950er Jahren intensiv aufgenommen. Durch Form- und Traditionskritik, besonders durch Ernst Käsemann, gewann die Frage nach dem historischen Jesus erneut an Bedeutung; diese Phase wird als second quest bezeichnet. Die Formkritik interessiert sich vor allem für überlieferte Jesus-Logien, während die Evangelisten eher als Kompilatoren erscheinen. Die Redaktionskritik betrachtet sie dagegen als profilierte Autoren. Sie begann mit Willi Marxsens Studie Der Evangelist Markus von 1956 und blieb überwiegend auf die Evangelien beschränkt.
In den 1960er Jahren geriet das Fach in eine Krise, die mit seinem Bedeutungsverlust für die Theologie insgesamt zusammenhing. Im akademischen Raum wurden die Methoden weiter ausdifferenziert, unter anderem durch Linguistik, Strukturalismus, Narratologie und Rhetorik. Für die Untersuchung der Umwelt des Neuen Testaments kamen weiterentwickelte humanwissenschaftliche Methoden hinzu, etwa Soziologie, Psychologie, Kultursoziologie und historische Anthropologie. Nach Weder ist noch nicht geklärt, welchen Beitrag säkulare Methoden zum Verständnis religiöser Texte leisten können. Als Gegenposition entstand eine fundamentalistische Hermeneutik, die wissenschaftliche Methoden ablehnt.
Seit dem späten 20. Jahrhundert werden neutestamentliche Texte teilweise ausdrücklich aus bestimmten Perspektiven gelesen, etwa aus der Perspektive von Frauen aus dem globalen Süden. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird das Fach zunehmend ökumenisch betrieben. Dies zeigt sich unter anderem an den Kommentarreihen ÖTKNT und EKK. Für die römisch-katholische Forschung eröffnete die Enzyklika Divino afflante Spiritu von 1943 neue Möglichkeiten; insbesondere Form- und Gattungskritik wurden als wertvoll für die Verkündigung anerkannt.
Die wichtigsten Teildisziplinen
Die Textkritik und Textgeschichte des Neuen Testaments schaffen eine möglichst gesicherte Textgrundlage. Sie stehen deshalb in enger Verbindung mit der gesamten Entwicklung der neutestamentlichen Wissenschaft.
Die Einleitung in das Neue Testament entstand Mitte des 18. Jahrhunderts, um die Entstehungsgeschichte der neutestamentlichen Schriften zu untersuchen. „Einleitung“ ist dabei ein Fachbegriff; tatsächlich handelt es sich um eine biblische Literaturgeschichte. Richard Simon erkannte, dass die Evangelienüberschriften und das Comma Johanneum sekundär waren, und stellte die Frage, ob Paulus Verfasser des Hebräerbriefs sei. Johann David Michaelis legte 1750 mit seiner Einleitung in die Göttlichen Schriften des neuen Bundes die erste systematische Darstellung vor. Johann Salomo Semler zeigte 1771, dass der Kanon historisch entstanden war, und forderte deshalb die Freiheit, aus den urchristlichen Schriften eine eigene Auswahl zu treffen.
Die Geschichte des Urchristentums wurde als selbstständige Disziplin notwendig, weil Annahmen über die Geschichte des frühen Christentums zum Verständnis der Entstehung neutestamentlicher Schriften gebraucht wurden. Zunächst dominierten Entwürfe eines Lebens Jesu. Ferdinand Christian Baur entwickelte den ersten Gesamtentwurf der Geschichte des Urchristentums. Carl Heinrich Weizsäcker bezog die Zweiquellentheorie ein und erklärte den Konflikt zwischen Paulus und dem Judenchristentum durch die beim Apostelkonzil getroffene Vereinbarung über das paulinische Missionsgebiet.
Die Theologie des Neuen Testaments ist die jüngste der vier Disziplinen und entstand im späten 18. Jahrhundert. Johann Philipp Gabler bestimmte ihr Programm 1787 in der Antrittsvorlesung De justo discrimine theologiae biblicae et dogmaticae. Georg Lorenz Bauer behandelte Anfang des 19. Jahrhunderts erstmals die Theologie des Neuen Testaments getrennt von der des Alten Testaments.
Seit 1950 wurden im deutschen Sprachraum an theologischen Fakultäten Lehrstühle für Neues Testament und Antikes Judentum oder vergleichbare Fächer eingerichtet. Ihre Inhaber verfügen über eine Doppelqualifikation als Neutestamentler und Judaist. In der Judaistik liegt der Schwerpunkt meist auf Flavius Josephus und den Schriftrollen vom Toten Meer, seltener auf rabbinischer Literatur. Die Verbindung von frühem Christentum und zeitgenössischem Judentum soll die ältere Praxis ersetzen, jüdische Texte lediglich als Sammlung von „Parallelen“ zum Neuen Testament zu verwenden.
Praxis an deutschen Hochschulen
Neutestamentler arbeiten im deutschen Sprachraum überwiegend an evangelischen und katholischen theologischen Fakultäten. Üblicherweise besitzt jede Theologische Fakultät mindestens einen Lehrstuhl für Neues Testament. An katholischen Fakultäten unterrichteten traditionell Gelehrte mit Priesterweihe. Erst 1973 wurde Norbert Brox als „Laie“ Professor in Regensburg. Eine Professur ohne Habilitation blieb die Ausnahme; Werner Georg Kümmel wurde beispielsweise 1932 mit knapp 27 Jahren außerordentlicher Professor an der Universität Zürich.
Innerhalb der Kirchen können je nach Konfession verbindliche Lehrmeinungen gelten, an die Theologen gebunden sind. 1952 sprach die Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche Rudolf Bultmann das Recht ab, lutherischer Theologe zu sein; diese Entscheidung wurde 1973 zurückgenommen. Im katholischen Bereich war die Einengung durch kirchliche Vorgaben besonders bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil deutlich größer. Die ursprünglich eher konservative Einleitung von Alfred Wikenhauser wurde in der von Josef Schmid überarbeiteten 6. Auflage von 1973 stärker an den historisch-kritischen Trend angenähert.