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Allegorie

Unter Allegorese (allegorische Deutung) versteht man die Deutung von Allegorien jeder Art, so etwa spricht man von Buchstaben-, Edelstein-, Farb-, Kleider- und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Funktionsweise
  2. 2. Abgrenzung und typische Beispiele
  3. 3. Sprachliche Allegorie und Auslegung
  4. 4. Allegorese in Bibel und Judentum
  5. 5. Bildliche Allegorie: Entwicklung und Bedeutung

Begriff und Funktionsweise

Eine Allegorie ist eine Form indirekter Aussage: Eine Sache, Person oder ein Vorgang wird aufgrund von Ähnlichkeits- oder Verwandtschaftsbeziehungen als Zeichen für etwas anderes eingesetzt, etwa für einen abstrakten Begriff. In der Rhetorik zählt sie zu den Tropen, also Formen uneigentlichen Sprechens, und gilt als fortgesetzte Metapher, die über ein einzelnes Wort hinausgeht.

Besonders häufig erscheint sie als Personifikation: Eine Person stellt durch Attribute, Handlungen oder Reden einen abstrakten Begriff wie eine Tugend oder ein Laster dar. Eine Allegorie ist auf Deutung angelegt. Betrachtende oder Hörende müssen durch Assoziation, also die bewusste oder unbewusste Verknüpfung von Gedanken, vom dargestellten Zeichen zur gemeinten Bedeutung gelangen. Ohne Kenntnisse der geistigen oder historischen Zusammenhänge kann diese Bedeutung verborgen bleiben. Bei realistischen Allegorien kann die unmittelbar verständliche, lehrreiche oder unterhaltsame Ebene weitergehende allegorische Absichten verdecken.

Allegorese bedeutet allegorische Deutung. Sie kann sich auf unterschiedliche Zeichenarten beziehen, etwa Buchstaben, Edelsteine, Farben, Kleidung oder Blumen. In der Literaturwissenschaft ist sie die historische Auslegung eines Textes auf einen Sinn, der über den Wortlaut hinausgeht. In der mathematischen Kategorientheorie bezeichnet eine Allegorie nach Freyd und Sceodrov die Kategorie zweistelliger Relationen zwischen unterschiedlichen Mengen; sie unterscheidet sich damit von der Relationsalgebra homogener zweistelliger Relationen.

Abgrenzung und typische Beispiele

Allegorie und Symbol werden seit dem 18. Jahrhundert häufig unterschieden, doch die entsprechenden Abgrenzungen gelten als literatur- und zeichentheoretisch wenig konsistent und können antike, mittelalterliche und barocke Allegorien historisch verkürzen. Ein Symbol wird manchmal als Zeichen verstanden, das die dargestellte Sache auch wegen ihrer eigenen Besonderheit ausspricht und einen tieferen Sinn eher andeutet. Es soll eher intuitiv erfassbar sein und eine Einheit von Zeichen und Bedeutung bewahren.

Bei der Allegorie gilt diese Einheit als gebrochen: Das Zeichen steht in einem Spannungsverhältnis zu der Idee, auf die es verweist. Im Klassizismus wurde das Symbol deshalb oft als poetischer bewertet als die als verstandesbetont und nüchtern angesehene Allegorie. Walter Benjamin wertete die Allegorie in der Moderne auf: „Das Symbol ist die Identität von Besonderem und Allgemeinem, die Allegorie markiert ihre Differenz.“

Typische Beispiele sind der Tod als Gerippe, weil das Fleisch vergeht, und mit einer Sense, weil er alle trifft. Justitia steht als Frau für Gerechtigkeit; die verbundenen Augen bedeuten „ohne Ansehen der Person“, die Waage genaues Abwägen und das Schwert Urteilen. Nationalallegorien verkörpern Staaten, etwa Germania für das Deutsche Reich, Helvetia für die Schweiz, Marianne für Frankreich, Britannia für Großbritannien sowie Lady Liberty oder Uncle Sam für die USA. Allegorien werden nicht unmittelbar verstanden, sondern durch Abstraktion oder Konvention.

Sprachliche Allegorie und Auslegung

In der Literatur ist die Allegorie die Textform, während Allegorese die Interpretationsform ist. Allegorische Interpretation wurde bereits in der Antike verwendet, um die Epen Homers und die Theogonie Hesiods nicht nur wörtlich, sondern auf einen verborgenen Sinn hin zu lesen. So konnten als skandalös empfundene Göttergeschichten gerechtfertigt werden. In Rom wurde diese Deutungsweise übernommen; allegorische Figuren erfanden unter anderem Lukan mit Roma und Vergil mit Fama. Prudentius’ Psychomachia aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. schildert allegorisch den Kampf christlicher Tugenden mit heidnischen Lastern.

Im Mittelalter und Barock war die Allegorie in Literatur, Predigten, Reden und Grabinschriften besonders verbreitet. Genannt werden unter anderem der Rosenroman von Guillaume de Lorris und Jean de Meung, Petrarcas De remediis utriusque fortunae und Dantes Göttliche Komödie. Auch heute kommt sie im Christi-Leiden-Spiel und in der Passionsprozession vor. Der Klassizismus verwarf die in der christlichen Mystik begründete allegorische Kunstauffassung weitgehend; Symbolismus und Moderne führten sie in säkularisierter Form weiter. Ein sprachliches Beispiel ist Farm der Tiere von George Orwell.

Als rhetorischer Tropus verlangt die Allegorie ebenfalls den Gedankensprung vom Gesagten zum Gemeinten. Sie ist mit Vergleich (similitudo), Gegensatz (contrarium), Metapher, Beispiel (exemplum), Rätsel (Aenigma), Sprichwort (proverbium), Ironie und Euphemismus verwandt. Sie kann in Lob- und Preisreden, zur Argumentation, Belehrung, Satire oder für Witze eingesetzt werden. Cicero nennt als Zwecke Verdeutlichung oder Verbergen eines Redegegenstands, Kürze und Unterhaltung; Quintilian entwickelte in De institutione oratoria eine bis ins Mittelalter maßgebende Theorie.

Allegorese in Bibel und Judentum

Die Bibelallegorese ist eine Interpretationsform für heilige Schriften: im Christentum für die christliche Bibel, im Judentum vor allem für Tora, Hebräische Bibel, Talmud, Responsen und rabbinische Literatur. Sie soll über den Wortlaut hinausgehende Bedeutung erschließen.

In der christlichen Tradition besitzt ein Bibeltext einen wörtlichen Sinn (sensus litteralis), der historisch wahr oder fiktional, etwa als Parabel, sein kann. Daneben kann er typologisch auf historisch Nachzeitiges, tropologisch auf moralische Fragen und anagogisch auf eschatologische Dinge ausgelegt werden. Paulus deutet Hagar allegorisch auf den Alten und Sarah auf den Neuen Bund: „Das hat einen bildlichen Sinn: Dies sind nämlich die zwei Bündnisse“. (Gal 4,21–31 SLT) Origenes bezog das Hohelied auf die Liebe zwischen Christus und der Seele des Gläubigen. Augustinus verlangte für die Auslegung Kenntnisse unter anderem in Grammatik, Rhetorik, Linguistik, Natur, Zahlen und Musik. Luther schätzte allegorische Bibeldeutungen zwar nicht, verwendete aber selbst Allegorien in Tischreden und Predigten.

Im Judentum unterscheidet die Pardes-Klassifikation vier Ansätze der Exegese des Tanach; PaRDeS ist ein Akronym für die klassische jüdische Textinterpretation beim Studium der Tora. Dadurch können Bibelstellen wiederholt nicht wortwörtlich gelesen werden. Bei 3. Buch Mose 20,10 EU, das für Ehebruch die Todesstrafe fordert, wird im liberalen Judentum Ehebruch etwa als Abwendung von Gott als Quelle allen Lebens allegorisch verstanden. Unter Drasch sind persönliche Ansichten über die Ehe möglich, Sod kann eine mystische Verbundenheit von Mensch und Gott bezeichnen. Philo von Alexandrien verwendete allegorische Toraauslegung bereits in der Antike.

Bildliche Allegorie: Entwicklung und Bedeutung

Bildliche Allegorie macht abstrakte Sachverhalte durch Bilder anschaulich und hilft dadurch, Bildkonventionen zu erkennen und zu deuten. In der griechischen Antike erschienen Allegorien etwa auf Reliefs, Tempelgiebeln, Friesen und Vasen. In hellenistischer und römischer Zeit ersetzten sie häufiger Gottheiten und bezogen sich auch auf staatliche und politische Verhältnisse. In der römischen Kunst personifizierten Gemmen, Münzen, Sarkophage und Triumphbögen etwa Glück, Frieden, Eintracht, Jahreszeiten, Geld, Städte oder Staatswesen. Das Kairos-Relief des Lysipp zeigt die günstige Gelegenheit; erhalten ist nur eine römische Kopie.

Im Mittelalter wurden antike Bildformeln christlich umgedeutet. Häufig sind die vier Kardinaltugenden, die Sieben Todsünden, die Sieben Freien Künste, Frau Welt, Ecclesia und Synagoge sowie Zahlenallegorien. Die typologische Deutung verband Ereignisse des Alten Testaments als Typus mit solchen des Neuen Testaments als Antitypus. Dabei wurden wörtlicher Sinn (sensus litteralis) und geistiger Sinn (sensus spiritualis) unterschieden; zu diesem gehören der allegorische, moralische und eschatologische Sinn.

Renaissance und Barock entwickelten die Bildallegorie weiter. Humanistische Gelehrte sahen im Neuplatonismus alle Erscheinungen als Abbilder göttlicher Schönheit. Wichtige Vorlagen wurden Francesco Colonnas Hypnerotomachia Poliphili von 1499, Andrea Alciatos Emblematum liber von 1531 und Cesare Ripas Iconologia von 1593. Herkules konnte nun den tugendhaften Menschen oder den vollkommenen Herrscher verkörpern. In Gegenreformation, katholischen Kirchen sowie barocken Schloss- und Parkanlagen erlebte die allegorische Malerei eine Blüte.

Seit der Französischen Revolution verkörpern Allegorien auch politische Ideen wie Freiheit und Volkssouveränität. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden, beeinflusst von den in London ausgestellten Elgin Marbles, oft weibliche skulpturale Allegorien an öffentlichen Gebäuden als Schmuck- oder Stützfiguren eingesetzt. Im 20. Jahrhundert behandelten Werke wie Lovis Corinths Der rote Christus (1922), Max Beckmanns Abfahrt (1933–35) und Pablo Picassos Guernica (1937) politische und gesellschaftliche Probleme sowie Kriegsopfer. Moderne Allegorien gelten nicht mehr nur als eindeutig lösbare Bilderrätsel: Sie fordern unterschiedliche Deutungen und verweisen als Ausschnitt auf komplexe Sinnzusammenhänge.

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