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Natürliche Religion
Natürliche Religion oder Vernunftreligion ist ein Begriff der Religionsphilosophie der Aufklärung. Er bezeichnet eine religiöse Weltanschauung, …
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Grundidee
Natürliche Religion oder Vernunftreligion ist ein Begriff der Religionsphilosophie der Aufklärung. Gemeint ist eine religiöse Weltanschauung, die nicht von den besonderen Lehren, Riten oder Überlieferungen einzelner geschichtlicher Religionen abhängt. Sie soll aus der Vernunft erkennbar sein und wurde oft als ursprünglicher Kern von Religion verstanden, zu dem spätere geschichtliche Religionen zusätzliche Elemente hinzugefügt hätten.
Der Begriff wird häufig als Gegenbegriff zu Offenbarungsreligion verwendet. Eine Offenbarungsreligion beruft sich auf göttliche Offenbarung, also auf besondere Mitteilungen Gottes in Geschichte, Schrift oder Tradition. Weitere Gegenbegriffe sind „geschichtliche Religion“ und „positive Religion“; „positiv“ bedeutet hier: geschichtlich gegeben oder vorgefunden.
Wichtige Abgrenzungen
„Natürliche Religion“ und „Natürliche Theologie“ werden nicht immer gleich verwendet. Einige Denker benutzen beide Begriffe synonym. Andere verstehen „Natürliche Religion“ als den weiteren Begriff, der auch die Natürliche Theologie umfasst. Viele Theologen und Religionswissenschaftler unterscheiden jedoch: Natürliche Religion bezeichnet eher eine Lebensform, Natürliche Theologie dagegen eine philosophisch-theologische Theorie darüber, was der Mensch mit Vernunft über Gott erkennen kann.
Davon zu unterscheiden ist „Naturreligion“. Dieser Ausdruck wurde für Religionen schriftloser Völker benutzt, gilt in der Fachwelt aber als veraltet. Er wird als problematisch empfunden, weil er ähnlich wie „primitive Religionen“ wertend klingen kann und religiöse Formen ungenau einordnet.
Vertreter und Lehren
Die ersten Vertreter der natürlichen Religion im engeren Sinn finden sich im englischen Deismus des 17. Jahrhunderts. Der Deismus nimmt meist an, dass Gott durch Vernunft erkannt werden kann, ohne dass eine besondere Offenbarung für Religion notwendig ist. In der klassischen thomistischen Schultheologie gab es zwei Stufen religiöser Wahrheitserkenntnis: natürliche Erkenntnis und göttliche Offenbarung. Im Deismus wurde die zweite Stufe für Religion nicht mehr als notwendig angesehen.
Herbert von Cherbury gilt als erster prominenter Vertreter. In De religione gentilium errorumque apud eos causis von 1663 formulierte er fünf rational einsichtige Grundsätze: die Annahme der Existenz eines höheren Wesens, die Pflicht, dieses Wesen zu verehren, die Gleichsetzung der Verehrung mit moralischem Handeln, die Forderung, Sünden zu bereuen und zu büßen, und den Glauben an göttliche Belohnung und Bestrafung. Für Herbert bilden diese Grundsätze den unverderbten Kern aller Religionen, der aber oft durch Einbildungskraft oder Priesterbetrug erweitert oder verfälscht worden sei.
Leibniz trug in seiner Theodizee von 1710 zur Rechtfertigung der natürlichen Religion bei. Matthew Tindal entwickelte 1730 in Christianity as old as the Creation ein besonders einflussreiches System. Für ihn musste Gott den Menschen von Anfang an die Vernunft gegeben haben, damit sie Religion erkennen konnten; sonst wäre Gottes Gültigkeit eingeschränkt. Tindals natürliche Religion besteht vor allem im Glauben an Gottes Existenz und seine autonome Glücklichkeit. Weil der Mensch Gottes Glück nicht vermehren könne, müsse er das Glück der Menschheit fördern. Tindal verband natürliche Religion daher mit stoischer Ethik. Er hielt überlieferte Offenbarungen, besonders auch die aus seiner Sicht inkonsistente Bibel, für unzuverlässig, meinte aber zugleich, das Christentum sei inhaltlich mit der natürlichen Religion identisch. Die Bibel sei deshalb eine Wiederveröffentlichung der natürlichen Religion.
Immanuel Kant vertrat in Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft ebenfalls eine Form der Vernunftreligion. Er betrachtete Religion nach ihrem moralischen Nutzen. Natürliche Religion erkennt nur solche religiösen Sätze an, die rational erschlossen wurden. Ihr gegenüber stehen geoffenbarte Religion und statutarischer Glaube. „Statutarisch“ meint Regeln oder Glaubenssätze, die nicht rational einsichtig sind, aber als verbindlich gelten. Kant kritisierte deren Befolgung als „Afterdienst“, wenn sie zum Selbstzweck werde. Die „wahre alleinige Religion“ enthalte für ihn nichts als Gesetze. Das ursprüngliche Christentum sei insofern natürlich, als es vernünftig einsichtige Gesetze zum Prinzip erhebe.
Spätere Deutungen
Spätere Religionsphilosophen der Aufklärung verstanden natürliche Religion teilweise als eine Art Meta-Religion. Damit ist keine einzelne geschichtliche Religion gemeint, sondern eine nachträgliche Abstraktion aus vorhandenen Religionen. Eine solche natürliche Religion konnte dann als Maßstab dienen, an dem historische Religionen gemessen wurden.
Kritik
David Hume sah ein Grundproblem in der Begründung des Glaubens an die Existenz Gottes. Gottesbeweise a posteriori, also aus Erfahrung, wie der teleologische Gottesbeweis, hängen für ihn von einer willkürlichen Deutung der Welt ab. Gottesbeweise a priori, also unabhängig von Erfahrung, wie das kosmologische Argument, überzeugten ihn ebenfalls nicht. Außerdem könnten sie höchstens ein höheres Wesen überhaupt begründen, aber nicht Eigenschaften wie Güte oder Allwissenheit. Wenn Gottes Existenz nur durch menschliche Intuition gerechtfertigt werde, verschärfe sich nach Hume das Theodizeeproblem, also die Frage, wie Übel in der Welt mit einem guten Gott vereinbar sind.
Friedrich Schleiermacher kritisierte 1799 in Über die Religion die natürliche Religion scharf. Für ihn ist Religion nicht Denken oder Handeln, sondern „Anschauung und Gefühl“. Weil Gefühle individuell sind, müsse Religion auch individuelle Formen annehmen können. Positive Religionen hätten ein Prinzip der Individualisierung. Natürliche Religion sei dagegen zu allgemein und abgeschliffen; sie lasse wenig vom eigentlichen Charakter der Religion erkennen und biete keinen Ansatzpunkt für individuelle Entwicklung.
Die evangelische Theologie des späteren 19. und 20. Jahrhunderts kritisierte den Begriff ebenfalls, besonders Karl Barth. Für Barth ist Gotteserkenntnis ausschließlich aus der unverdienbaren Gnade Gottes möglich. Die katholische Tradition ließ dagegen meist eine Gotteserkenntnis aus natürlicher menschlicher Vernunft zu und verkündete diese Lehre auf dem Ersten Vatikanischen Konzil als Dogma. Auch dort führt eine philosophische Gotteserkenntnis aus reiner Vernunft aber noch nicht zu einer gelebten Religion; daher bleibt die Unterscheidung zwischen Natürlicher Theologie und natürlicher Religion wichtig.
Nachkriegstheologen beider christlichen Konfessionen, etwa Wolfhart Pannenberg, Karl Rahner und Bernard Lonergan, ersetzten die neuthomistische Konzeption natürlicher Theologie teilweise durch eine anthropologische Grundlagenreflexion. Im Mittelpunkt standen nicht mehr klassische Gottesbeweise oder äußere Beweisgründe wie Wunder und Autorität von Offenbarungszeugen, sondern die grundlegende menschliche Fähigkeit zur Gotteserkenntnis und eine Offenheit für Transzendenz. Diese Theologen hielten dennoch keine eigenständige natürliche Religion unabhängig von geschichtlichen Religionen für möglich.