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Verbalinspiration

Verbalinspiration bezeichnet eine Ausformung der Inspirationslehre, nach der die Bibel bis in den Wortlaut hinein von Gott inspiriert sei.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee der Verbalinspiration
  2. 2. Entstehung und Verbreitung
  3. 3. Voraussetzungen und theologische Deutungen
  4. 4. Abgrenzung von anderen Inspirationslehren
  5. 5. Katholische Sicht

Grundidee der Verbalinspiration

Verbalinspiration bezeichnet eine Form der christlichen Inspirationslehre. Sie besagt, dass die Bibel nicht nur ihrem Inhalt nach, sondern bis in den genauen Wortlaut hinein von Gott inspiriert sei. Damit ist traditionell der Glaube verbunden, dass die Bibel unfehlbar und widerspruchsfrei ist.

Der Kern dieser Auffassung lautet: Die Heilige Schrift gilt als verbum Dei, also als Wort Gottes. Gott wird dabei als eigentlicher Urheber der Bibel verstanden. Die menschlichen Verfasser bleiben beteiligt, aber ihr Schreiben wird auf das Wirken des Heiligen Geistes zurückgeführt. In älteren Ausformungen wurde dies so beschrieben, dass der Heilige Geist den biblischen Autoren nicht nur die Sachverhalte eingab, sondern auch die Worte selbst.

Entstehung und Verbreitung

Die Lehre der Verbalinspiration wurde im 17. Jahrhundert in der lutherischen Orthodoxie entwickelt. Sie diente dazu, das protestantische Schriftprinzip sola scriptura abzusichern. Dieses Prinzip bedeutet, dass allein die Bibel höchste Autorität für Glauben und Lehre haben soll. Die lutherische Orthodoxie grenzte sich damit gegen die katholische Theologie ab, nach der neben der Bibel auch kirchliche Überlieferungen für Gläubige autoritativ sind.

In dieser älteren Lehre wurden zwei Begriffe unterschieden: suggestio rerum bedeutet, dass Gott die Sachverhalte oder Inhalte eingibt; suggestio verborum bedeutet, dass Gott auch den genauen Wortlaut eingibt. In dieser Sicht bedient sich Gott der biblischen Verfasser als schreibender Instrumente.

Ein ähnliches Verständnis findet sich dem Sinn nach schon bei Augustinus. Später drang die Vorstellung im Rahmen der Neuscholastik auch in die katholische Theologie ein. Heute wird sie im Wesentlichen von Teilen der evangelikalen Bewegung vertreten, außerdem mit Einschränkungen von den Zeugen Jehovas und anderen christlichen Religionsgemeinschaften. Ein bekanntes Dokument zu dieser Auffassung ist die Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Schrift.

Voraussetzungen und theologische Deutungen

Der Religionshistoriker Einar Thomassen weist darauf hin, dass die Vorstellung einer Verbalinspiration der ganzen Bibel voraussetzt, dass der biblische Kanon bereits feststand. Kanonisierung meint den Prozess, in dem entschieden wurde, welche Schriften zur Bibel gehören sollten und welche nicht. Dieser Prozess dauerte bis ins fünfte Jahrhundert. Nach Thomassen waren dabei vor allem die Autorschaft eines Apostels, dogmatische Korrektheit und die weite Verbreitung der Texte in christlichen Gemeinden wichtig. In der Alten Kirche habe man auch andere Texte für inspiriert gehalten. Die Vorstellung, göttliche Inspiration sei ausschließlich eine Eigenschaft biblischer Texte, sei nach Thomassen erst nachträglich entstanden, als die Bibel bereits ihre besondere Stellung in der Kirche hatte.

Gerhard Maier betont dagegen, dass Verbalinspiration nicht am Begriff eines Diktats hängen müsse. Sie beziehe sich auf den Urtext, also auf die ursprüngliche Textgestalt. Nach Maier stehen historische Forschung und Verbalinspiration nicht notwendig im Gegensatz. Er sieht in ihr eine logisch geschlossene Auffassung, die das Absolute der Offenbarung betont und Gewissheit über den gottgegebenen Inhalt der Schrift geben soll.

James I. Packer ordnet Inspiration der Lehre von Gottes Offenbarung unter. Die Bibel verbinde die Ereignisse, durch die Gott sich in der Vergangenheit offenbart habe, mit der Erkenntnis Gottes in der Gegenwart. Howard Marshall beschreibt die Theorie Benjamin Warfields und seiner Nachfolger als Vermittlungsversuch: Gott habe nicht einfach diktiert, aber das Wirken des Geistes habe dazu geführt, dass die biblischen Verfasser in Freiheit genau das schrieben, was Gott wollte. René Pache vertritt, der Heilige Geist habe die Verfasser beim Niederschreiben der Urtexte bis in die Wahl der Ausdrucksweisen geführt, ohne ihre Persönlichkeit auszuschalten.

Abgrenzung von anderen Inspirationslehren

Die Verbalinspiration wird im Artikel von anderen Inspirationsauffassungen unterschieden. Personalinspiration bedeutet zunächst, dass nicht die Schrift selbst, sondern die Autoren der Texte inspiriert waren. In der Romantik wurde dieser Begriff bei Johann Gottfried Herder und Friedrich Schleiermacher geprägt. Dort meinte Inspiration jedoch nicht unbedingt Gottes Einwirken auf den Menschengeist, sondern eher die Selbstwirksamkeit eines vergöttlichten Menschengeistes.

Realinspiration meint, dass nicht die ganze Schrift, sondern bestimmte Inhalte oder Ideen der Schrift inspiriert sind. Dabei geht es meist um überzeitliche religiöse oder ethische Ideen, während der historische Anspruch der Texte weniger berücksichtigt wird.

Demgegenüber betont Verbalinspiration, dass die Heilige Schrift selbst inspiriert ist. Sie meint nach dieser Abgrenzung nicht zwingend ein mechanisches Diktat, bei dem die menschlichen Autoren willenlose Werkzeuge wären. Vielmehr wird die ganze Schrift auf das Wirken des Geistes zurückgeführt. Gerhard Maier prägte dafür auch den Begriff Ganzinspiration.

Eugen Biser verweist zusätzlich auf das Poetische der biblischen Sprache. Er spricht von „Sprachekstasen“, in denen „die Sprache […] sich selbst sagt“. Martin A. Hainz schlägt dafür den Begriff intentio scripturae vor und verbindet damit den Gedanken, dass Inspiration als dauerhaft notwendig und gegeben verstanden werden könne.

Katholische Sicht

Die katholische Auffassung grenzt sich von einer strengen Verbalinspiration ab. Im Katholischen Erwachsenenkatechismus heißt es, das Wort Gottes falle nicht einfach vom Himmel herab, sondern erreiche Menschen durch menschliches Wort. Dass Gott Urheber der Heiligen Schrift ist, schließe deshalb nicht aus, sondern notwendig ein, dass die einzelnen Bücher Menschen als Verfasser haben.

Diese Verfasser hätten das Wort Gottes in der Sprache ihrer Zeit, unter den Bedingungen ihrer Zeit und Kultur und mit den damals üblichen literarischen Gattungen ausgedrückt. Für die richtige Auslegung der Bibel müsse man deshalb auf die Aussageabsicht der biblischen Verfasser achten. Man solle verstehen, was Gott durch sie mitteilen wollte, und dabei die damaligen Denk-, Sprach- und Erzählformen berücksichtigen.

Nach katholischem Verständnis ist das Verstehen der Heiligen Schrift nur möglich, wenn sie aus dem Leben, dem Geist und dem Glauben der Kirche heraus interpretiert wird, in dem sie entstanden ist. Deshalb kommt der katholischen Kirche eine zentrale Rolle zu. Niemand könne die Schrift völlig allein deuten, sondern sei auch auf die Tradition der Kirche angewiesen. Die katholische Kirche bezieht dabei auch Erkenntnisse der historisch-kritischen Methode ein. Eine rein buchstäbliche Auslegung der Bibel wird als Fundamentalismus abgelehnt.

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