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Geschichtsbewusstsein
Das Bewusstsein von Geschichtlichkeit ermöglicht die Erkenntnis (vgl. Erkenntnistheorie), dass alles menschliche Erkennen vorläufig ist und im Laufe der …
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Begriff und Bedeutung
Geschichtsbewusstsein bezeichnet erstens das Bewusstsein, dass jede menschliche Existenz, Kultur, Institution und Erkenntnis geschichtlich entstanden und veränderlich ist. Daraus folgt die Einsicht, dass menschliches Erkennen vorläufig bleibt und im Lauf der Geschichte durch ein anderes Verständnis der Realität abgelöst werden kann. Zweitens bezeichnet es das Bewusstsein der Zeitlichkeit allen menschlichen Lebens.
Im Zentrum steht der individuelle Prozess, in dem Menschen Vergangenheit wahrnehmen und verarbeiten. Jörn Rüsen nennt dies „Sinnbildung über Zeiterfahrung“: Erfahrungen und Vorstellungen von der Vergangenheit werden auf Gegenwart und Zukunft bezogen. Das Geschichtsbild ist dagegen das mehr oder weniger ausgereifte Ergebnis dieses Prozesses. Ahistorizität bezeichnet das Fehlen eines Bewusstseins für die Vergangenheit.
Das Geschichtsbewusstsein eines Menschen wird durch sein Umfeld, seine Erfahrungen, Interessen, Wertungen und Wahrnehmungsgrenzen geprägt. Es unterscheidet sich von der gemeinschaftlichen oder gesellschaftlichen Erinnerung: Diese wird enger als Erinnerungskultur und weiter als Geschichtskultur gefasst. Seit den 1970er Jahren ist Geschichtsbewusstsein ein Zentralbegriff der bundesdeutschen Geschichtsdidaktik. Diese untersucht seine Entstehung und will im Unterricht sowie an außerschulischen Lernorten ein möglichst umfassendes, differenziertes und multiperspektivisches Geschichtsbewusstsein fördern. Der Begriff ist auch für Gedenkstätten, Museen sowie die Geschichts- und Kulturpolitik wichtig.
Historische Voraussetzungen und philosophisches Verständnis
Im 19. Jahrhundert wurde historisches Bewusstsein teilweise als Kennzeichen angeblich höherer Kulturfähigkeit betrachtet. Hegel sprach von „geschichtslosen“ Völkern ohne „historisches Bewusstsein“ und damit ohne welthistorische Bedeutung; dies bezog er beispielsweise auf damals staatlose slawische Völker. Marx und Engels folgten ihm teilweise. Auch die Völkerkunde bezeichnete afrikanische Gesellschaften als „Kulturen ohne Schrift und Geschichte“. Theologen schrieben dagegen dem Volk Israel oder bestimmten religiösen Gruppen aufgrund ihrer angenommenen Erwählung durch Gott ein besonderes Geschichtsbewusstsein zu.
Hans-Georg Gadamer entwickelte in den 1950er Jahren, besonders in „Wahrheit und Methode“ (1960), ein anderes Verständnis. Ausgehend vom hermeneutischen Zirkel und Martin Heideggers Analyse des zeitlichen menschlichen Daseins in „Sein und Zeit“ (1927) beschrieb er historisches Verstehen als kreis- oder spiralförmigen Prozess. „Vorurteile“ gelten dabei nicht bloß als Fehler, sondern als natürliche und notwendige Voraussetzungen des Verstehens, die überprüft und in reflektierte Urteile umgewandelt werden können.
Der Mensch steht nicht außerhalb der Überlieferung, sondern ist selbst ein Teil von ihr. Kritisches historisches Bewusstsein bedeutet deshalb, die eigene zeitliche und traditionelle Gebundenheit zu erkennen, statt Vergangenheit unreflektiert zu übernehmen. Geschichte wirkt als Wirkungsgeschichte stets in gegenwärtiges Denken hinein. Der zeitliche Abstand zwischen Interpret und Urheber kann dabei produktiv werden: Der eigene historische Horizont und der Horizont der Vergangenheit werden im bewussten Verstehen zu einem gemeinsamen Horizont verbunden.
Grundmodelle historischen Denkens
Karl-Ernst Jeismann versteht Geschichtsbewusstsein als das Verhältnis des Menschen zur Geschichte, das sich in konkreten Geschichtsvorstellungen zeigt. Vergangenheitswissen wird so interpretiert, dass es der Orientierung in der Gegenwart dient und Erwartungen an die Zukunft ermöglichen kann. Geschichtsbewusstsein soll selbstreflexiv sein: Menschen sollen ihre eigene historische Bedingtheit und mögliche Manipulation erkennen. Rekonstruierte Vergangenheit ist kein unverändertes Abbild dessen, was tatsächlich war.
Bei Jeismann ist Geschichtsbewusstsein ein fortlaufender Kreislauf aus Bildung, Infragestellung und Umbildung von Vorstellungen. Vergangenes wird zunächst analysiert, dann deutend in seinen historischen Zusammenhang eingeordnet; daraus entsteht ein Sachurteil. Anschließend wird es mit Blick auf die Gegenwart bewertet; daraus entsteht ein Werturteil. Geschichtsbewusstsein verbindet Geschichtsverlangen, Geschichtsbild und historisches Verstehen. Auf einer reflektierten Stufe wird es zur „Geschichtsbewußtheit“, also zum Nachdenken über Entstehung und Bedeutung des eigenen Geschichtsbewusstseins.
Für Jörn Rüsen ist Geschichtsbewusstsein die „Basis allen historischen Lehrens und Lernens“. Es entsteht in einem spezifisch historischen Lernprozess. Besonders wichtig ist das historische Erzählen: Als kommunikative und narrative Sinnbildung verbindet es Zeiterfahrungen zu Vorstellungen von Verlauf und Kontinuität. Aus Erfahrungen der Vergangenheit entstehen Handlungsperspektiven für Gegenwart und Zukunft. Dadurch bildet sich historische Identität, die Menschen zeitliche Orientierung in ihrer Lebenswelt gibt. Historisches Lernen erweitert das Geschichtsbewusstsein und macht es selbstreflexiver; zugleich muss die Fähigkeit zu diesem Lernen selbst entwickelt werden.
Dimensionen, Stufen und Dynamik
Hans-Jürgen Pandel schlug 1987 sieben Dimensionen vor, um Geschichtsbewusstsein empirisch untersuchen und Unterricht planen zu können:
• Zeitbewusstsein: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterscheiden und die wahrgenommene Ereignisdichte einer Zeit erfassen, etwa 1933–45. • Wirklichkeitsbewusstsein: Reales von Fiktivem unterscheiden. • Historizitätsbewusstsein: erkennen, ob etwas als statisch oder als geschichtlich veränderlich verstanden wird. • Identitätsbewusstsein: die eigene Gruppenzugehörigkeit und die anderer berücksichtigen. • Politisches Bewusstsein: Herrschaftsstrukturen und Interessenlagen erkennen. • Ökonomisch-soziales Bewusstsein: soziale und wirtschaftliche Ungleichheit wahrnehmen. • Moralisches Bewusstsein: frühere Werte und Normen rekonstruieren, ohne jedes eigene Urteil aufzugeben.
Ergänzt wurde unter anderem das Perspektivitätsbewusstsein: Geschichte wird stets aus einer bestimmten Perspektive wahrgenommen, beispielsweise aus Sicht von Herrschenden oder Beherrschten, Armen oder Reichen, Einheimischen oder Fremden. Klaus Bergmann fügte als achte Dimension das Geschlechtsbewusstsein hinzu, also das Bewusstsein dafür, wie das Verhältnis der Geschlechter geregelt war. Kritiker halten das gesamte Dimensionsmodell für zu wenig komplex.
Bodo von Borries betont aufgrund empirischer Studien, dass Wissen und Vorstellungen über Geschichte individuell sehr verschieden sind. Die Beschäftigung mit Geschichte hängt von Bedürfnissen wie Bestätigung, Triebabfuhr, Kunstgenuss oder Aufklärung sowie von Biografie, Persönlichkeit, Identität, politischen Einstellungen und Zukunftserwartungen ab. Er unterscheidet vier Stufen: fehlende historische Kenntnisse und unkritische Abhängigkeit von der Vergangenheit; Kenntnis historischer Legenden ohne kritische Auseinandersetzung; historisches Wissen mit moralischer Urteilsfähigkeit; schließlich historische Einsicht, kritische Reflexion und verantwortungsbewusste Konsequenzen im Sinne aufarbeitender Vergangenheitsbewältigung.
Bernd Schönemann hebt 2000 die Dynamik hervor: Forschung kann immer nur eine Momentaufnahme erfassen, weil sich Geschichtsbewusstsein ständig verändert und neu ordnet. Er stellt dem individuellen Geschichtsbewusstsein die kollektive Geschichtskultur gegenüber. Geschichtsbewusstsein entsteht durch Internalisierung und Sozialisation, Geschichtskultur durch Externalisierung und besitzt größere zeitliche Dauerhaftigkeit.
Gesellschaft, Kultur und Kompetenzen
In der DDR wurde sozialistisches Geschichtsbewusstsein als Teil des gesellschaftlichen und individuellen Bewusstseins verstanden, in dem Kenntnisse und Erfahrungen zur gesellschaftlichen Entwicklung sowie daraus gezogene Lehren für die Gegenwart erscheinen. Sein Kern sollte ein marxistisch-leninistisches Geschichtsbild sein, das neben konkreten Ereignissen vor allem einen als gesetzmäßig verstandenen Gesamtverlauf von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vermittelt. Weil dieses Bewusstsein sozialistische Überzeugungen und die bestehenden Machtverhältnisse stützen sollte, wurde es früh empirisch untersucht: erste Arbeiten entstanden ab 1953, systematische Studien des Instituts für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED ab 1967 und Untersuchungen des Zentralinstituts für Jugendforschung ab 1987. Die ideologische Bindung lässt an der Objektivität zweifeln; die empirische Erfassung historischer Vorstellungen war jedoch wissenschaftlich innovativ. Unterschieden wurden sozialistisches Staatsbewusstsein, Nationsbewusstsein, Gesellschafts-/Klassenbewusstsein, Heimatbewusstsein und Geschichtsbewusstsein, um Messung und Beeinflussung zu erleichtern.
Bodo von Borries und Johannes Meyer-Hamme verbanden 2008 Geschichtsbewusstsein mit Kompetenzmodellen und unterschieden drei gesellschaftliche Dimensionen. Geschichtskultur als gesellschaftliche Praxis bedeutet, dass historisches Denken und Erzählen in Geschichts- und Erinnerungskulturen eingebettet ist. Historische Identität als Ziel bezeichnet die Sinn- und Identitätsangebote, die jede historische Erzählung für Gegenwart und Zukunft macht. Kompetenzen historischen Denkens als Kapazität umfassen historische Fragen, die Re-Konstruktion eigener und De-Konstruktion fremder Erzählungen, gegenwärtige und zukünftige Orientierung sowie die dabei verwendeten Kategorien und Konzepte. Eine historische Erzählung ist somit zugleich von ihrer Kultur, der Identität des Erzählers und dessen Fähigkeiten und Bereitschaften zum historischen Denken geprägt.
Weitere Ansätze und räumlich-zeitliche Grenzen
Carlos Kölbl definiert Geschichtsbewusstsein als „symbolisch vermittelte Fähigkeit und Praxis“, erinnerte Vergangenheiten, gegenwärtige Deutungen und zukünftige Erwartungen zu komplexen zeitlichen Strukturen zu verbinden und das eigene Erleben und Handeln darin einzuordnen. Diese Zeitkonstruktion unterscheidet sich etwa von Chroniken, autobiografischer Selbstbeschreibung oder gemessener Uhrzeit. Ähnlich beschreibt Theodor Schieder Geschichtsbewusstsein als dauerhaftes Wissen, dass Menschen und ihre Einrichtungen in der Zeit bestehen, eine Herkunft und Zukunft haben und weder unveränderlich noch voraussetzungslos sind.
Andreas Heuer fordert angesichts der Globalisierung ein globales Geschichtsbewusstsein. Der Nationalstaat reiche nicht mehr als Rahmen für zukunftsbezogenes historisches Lernen. Ein solches Bewusstsein solle einseitig westlich geprägtes Denken überwinden und die multipolare Welt berücksichtigen. An die Stelle einer einzigen, aus dem westlichen Kontext entstandenen Weltgeschichte sollen „Weltgeschichten“ treten: viele Geschichten, deren Vielfalt wahrgenommen und verstanden werden kann.
Geschichtsbewusstsein ist außerdem durch einen Raum-Zeit-Horizont begrenzt: Nur räumlich und zeitlich Bekanntes kann in es eingehen. Dieser Horizont war wegen guter Nachrichtensysteme für Herrscher im Altertum teilweise weiter als im europäischen Mittelalter; bis zur Neuzeit war er laut Artikel nie größer als während der Blütezeit des Mongolenreichs. Neuzeitliche Nachrichtentechniken erweiterten ihn zunächst für Herrschende und später für die gesamte Bevölkerung. Als Beispiel nennt der Artikel den Angriff auf das World Trade Center, von dem mancher russische Arbeiter in Sibirien früher erfuhr als der Präsident der USA. Trotz des heutigen Bewusstseins weltweiter Gleichzeitigkeit darf nicht rückwirkend angenommen werden, frühere Menschen hätten ebenfalls in einem zusammenhängenden globalen Geschichtsraum gelebt.
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