Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Neue Sachlichkeit (Literatur)
Die Neue Sachlichkeit ist eine Richtung der Literatur der Weimarer Republik. In den ihr zugerechneten Werken ist die zwischen den Weltkriegen hervortretende …
Inhalt5 Abschnitte
Einordnung, Ziel und zeitlicher Rahmen
Die Neue Sachlichkeit ist eine literarische Richtung der Weimarer Republik (1919–1933). Sie reagierte auf den Expressionismus und dessen pathetische, visionäre Vorstellungen mit einer illusionslosen, nüchternen Darstellung der Wirklichkeit. Im Mittelpunkt standen Gesellschaft, Alltag, Erotik, Technik sowie politische und wirtschaftliche Krisen. Die Richtung ist mit dem späten Naturalismus verwandt, unterscheidet sich von ihm aber durch ein ernüchtertes politisch-soziales Bewusstsein und den Verzicht auf einen scheinbar naturwissenschaftlichen Anspruch auf Objektivität. Ähnliche Strömungen bestanden in den 1920er und 1930er Jahren auch in anderen europäischen Ländern und in den USA.
Die Schriftsteller wollten die Realität genau und ohne Übertreibung wiedergeben. Ihre Texte sollten Alltagssorgen und gesellschaftliche Missstände sichtbar machen, die Menschen zum Nachdenken anregen und zur Veränderung der Gesellschaft beitragen. Zugleich sollte eine verständliche, massenwirksame Literatur breite Bevölkerungsschichten am kulturellen Leben beteiligen und für die Demokratie gewinnen. Viele Autoren waren demokratisch, links-liberal oder sozialistisch orientiert.
Die Dominanz der Neuen Sachlichkeit als Epochenstil kann mit der Mannheimer Kunstausstellung „Neue Sachlichkeit“ von 1925 verbunden werden; 1926 wurde die Bezeichnung von der niederländischen Kunstzeitschrift De Stijl auf die Literatur übertragen. Ihr Niedergang begann mit der Weltwirtschaftskrise 1929. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wurden demokratiefreundliche Bücher neusachlicher Autoren verbrannt. Manche Schriftsteller wurden verhaftet, wenn ihnen nicht rechtzeitig die Flucht ins Exil gelang.
Darstellung, Themen und Menschenbild
Grundlage der neusachlichen Literatur ist die genaue Beobachtung der äußeren Wirklichkeit. Das Leben wird anhand von Fakten dargestellt; wichtiger als dichterisches Pathos ist das Beobachtete. Häufig orientieren sich die Texte an der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Wirklichkeit der Weimarer Republik. Zu den zentralen Themen gehören Armut, Arbeitslosigkeit, Inflation, die Weltwirtschaftskrise, die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs, die moderne Großstadt, politische Radikalisierung, technische Fortschritte und die Maschinenwelt. Technik kann dabei zugleich faszinieren und neue soziale, wirtschaftliche oder persönliche Probleme verursachen.
Die Werke üben häufig Gesellschaftskritik. Ihre Figuren müssen sich in einer schnell veränderten Massen- und Mediengesellschaft behaupten; manche kommen mit den Umbrüchen zurecht, andere scheitern an ihnen. Auch historische Stoffe werden auf moderne Menschen übertragen, etwa in Joseph Roths „Hiob. Roman eines einfachen Mannes“, der sich auf die biblische Gestalt Hiob bezieht.
Typische Hauptfiguren sind Ingenieure, Arbeiter, Sekretärinnen, Angestellte oder Arbeitslose. Es handelt sich meist um einfache Menschen der modernen Massengesellschaft. Sie werden vor allem über ihre berufliche und gesellschaftliche Stellung beschrieben. Gefühle sind vorhanden, werden jedoch kaum offen gezeigt. Dadurch erscheinen die Figuren sachlich und zurückgenommen.
Die behauptete Sachlichkeit blieb umstritten. Befürworter betonten, dass die unmittelbar beobachtete Härte der Realität eine starke kritische Wirkung entfalten könne. Kritiker wandten ein, dass bloße Beobachtung ohne gedankliche Einordnung keine wirkliche Erkenntnis ermögliche; außerdem wurde der Richtung teilweise eine bestätigende statt kritische Haltung gegenüber den bestehenden Verhältnissen vorgeworfen.
Sprachliche und formale Verfahren
Die Handlung wird meist kühl und distanziert beobachtet. Die Autoren verwenden eine einfache, nüchterne Alltagssprache, um Menschen mit unterschiedlicher Bildung zu erreichen. Angestrebt wird ein Minimum an Sprache bei einem Maximum an Bedeutung: Die Form tritt hinter die Aussage zurück.
Viele Texte sind wie dokumentarisch genaue Reportagen gestaltet und streben nach Objektivität. Ein wichtiges Verfahren ist die Montage. Dabei werden verschiedene Textsorten und Materialien miteinander verbunden, beispielsweise Erzähltext, Zeitungsartikel und Lieder. Dieses Verfahren schlägt eine Brücke zum Film und vermittelt den Eindruck, dass unterschiedliche Ausschnitte der modernen Wirklichkeit unmittelbar nebeneinanderstehen.
Die Reportageliteratur verwirklicht diese Prinzipien besonders deutlich. Sie berichtet unmittelbar aus einer Situation, bleibt dabei aber distanziert und schildert Fakten in journalistischem Stil. Sie besitzt einen hohen Wahrheitsanspruch, soll leicht verständlich sein und das tatsächliche Geschehen zugleich spannend erzählen. Ein Beispiel ist Egon Erwin Kischs Sammlung „Der Rasende Reporter“: Kisch beschreibt ungewöhnliche Orte in Europa knapp, sorgfältig und teilweise mit trockenem Humor.
Zentrale literarische Formen
Die Neue Sachlichkeit umfasst alle literarischen Gattungen. Besonders verbreitet waren Gebrauchslyrik, Zeitroman, Reportageliteratur, episches Theater und kritisches Volkstheater.
Gebrauchslyrik bezeichnet Gedichte, die für einen bestimmten Zweck geschrieben werden und unmittelbar auf Menschen wirken sollen. Bertolt Brecht prägte den Begriff 1927. Die Gedichte greifen aktuelle Probleme auf, machen auf Missstände aufmerksam und besitzen damit einen konkreten Gebrauchswert. Ihre Sprache ist einfach und einprägsam. Kurt Tucholskys Gedicht „Angestellte“ von 1926 behandelt lange Arbeitszeiten, die Angst vor Entlassung, die Hilflosigkeit gegenüber einem höhnischen Chef und die fehlende gewerkschaftliche Einigung.
Ein Zeitroman vermittelt umfassende Informationen über die Zeit, in der seine Handlung spielt. Er zeigt besonders schwierige Lebensbedingungen des Einzelnen und der Gesellschaft und übt häufig Zeitkritik. In Erich Maria Remarques Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ von 1929 meldet sich Paul Bäumer im patriotischen Taumel freiwillig zum Ersten Weltkrieg. Im Schützengraben verliert er seine Illusionen, erkennt die Sinnlosigkeit des Krieges und stirbt am Ende. Erich Kästners „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“ von 1931 begleitet dagegen den arbeitslosen Germanisten Jakob Fabian durch Berlin. Die Großstadtsatire betrachtet den Niedergang der Weimarer Republik und kritisiert dessen soziale, politische und wirtschaftliche Verhältnisse.
Paula Schliers „Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit“ von 1926 schildert aus der Ich-Perspektive Stationen als Kriegskrankenschwester, Stenotypistin und Journalistin. Das Werk behandelt Kriegsverletzungen, Hyperinflation, politische Radikalisierung, wirtschaftliche Machenschaften, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und sexuellen Missbrauch an Kindern. Ein Kapitel berichtet kritisch über Schliers Arbeit beim nationalsozialistischen „Völkischen Beobachter“ und den Hitler-Putsch von 1923.
Das epische Theater, besonders von Bertolt Brecht geprägt, soll die Zuschauer nicht nur mitfühlen lassen, sondern sie zum Nachdenken und zur politischen Urteilsbildung aktivieren. Lieder, Kommentare und Textprojektionen unterbrechen die Handlung und schaffen Abstand. Die Schauspieler zeigen und bewerten das Geschehen zugleich; die Zuschauer sollen die aufgeworfenen Fragen selbst beantworten. In Brechts „Dreigroschenoper“ werden bürgerliche Geschäfte und kriminelle Machenschaften bewusst ineinander gespiegelt.
Das kritische Volkstheater behandelt Arbeiter, Angestellte, Handwerker und Kleinbürger sowie die politischen und wirtschaftlichen Probleme ihrer Zeit. Ödön von Horváths 1931 uraufgeführtes Stück „Geschichten aus dem Wiener Wald“ zeigt am Schicksal Mariannes wirtschaftliche Not, gesellschaftliche Abhängigkeit und die schwierige Lage einer Frau, die arbeiten und ihr Kind weggeben muss, um zu überleben.
Literaturgeschichtliche Wirkung und verwandte Strömung
Die rasanten technischen, politischen und sozialen Veränderungen der Weimarer Republik ließen traditionelle Themen für viele Schriftsteller unzureichend erscheinen. Sie griffen neue Trends und moderne Lebensformen auf. Literatur wurde zunehmend als Ware betrachtet und musste massenwirksam vermarktet werden. Diese Entwicklung veränderte den Literaturbetrieb dauerhaft. Die Neue Sachlichkeit modernisierte die deutsche Literatur besonders durch die Einbeziehung neuer Formen wie der Reportage und trug nach Darstellung des Artikels zur Grundlage der heutigen deutschen Kulturszene bei.
In den USA entstand in den 1920er Jahren eine ähnliche sozialdiagnostische Literatur. „Sozialdiagnostisch“ bedeutet hier, dass Romane gesellschaftliche Zustände genau untersuchen und beschreiben. Sinclair Lewis stellte in „Main Street“ von 1920 und Upton Sinclair Veränderungen der US-Gesellschaft mit nahezu ethnologischer Gründlichkeit dar. Carl Van Vechtens „Nigger Heaven“ von 1926 behandelt das Leben von Afroamerikanern und die Segregation in Harlem. Diese Werke verbinden genaue soziale Beobachtung mit scharfer Sozialkritik und Satire, ohne zur Ernsthaftigkeit des Naturalismus zurückzukehren. Die Romane John Steinbecks stehen zwischen dieser sozialdokumentarischen Richtung und dem sozialistischen Realismus.
Lernvideos zu Neue Sachlichkeit (Literatur)
4:57
Neue Sachlichkeit einfach erklärt - Literaturepoche (1918-1933) - Themen, Motive, Sprache erklärt!
EinfachSchule · 31.594 Aufrufe
7:11
Neue Sachlichkeit / Literatur der Weimarer Republik - Literaturepoche einfach erklärt - Merkmale
Die Merkhilfe · 126.196 Aufrufe
10:04
Epoche der Neuen Sachlichkeit / Weimarer Republik | DiB
Deutsch in Bildern · 48.028 Aufrufe
28:17
Deutsch: Neue Sachlichkeit - kein alter Hut - Einfach unterrichten
Friedrich Verlag GmbH · 21 Aufrufe