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Naturalismus (Literatur)

Der Naturalismus (von lateinisch naturalis ‚natürlich') ist eine Strömung in Literatur und Theater von etwa 1880 bis ins 20. Jahrhundert, die auf exakter …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Entstehung
  2. 2. Wirklichkeit als Gegenstand der Kunst
  3. 3. Sprache, Sekundenstil und Drama
  4. 4. Verhältnis zum Realismus und wichtige Beispiele
  5. 5. Bedeutung für die Moderne und Wirkung

Grundidee und Entstehung

Der Naturalismus ist eine Strömung der Literatur und des Theaters von etwa 1880 bis ins 20. Jahrhundert. Ihr Ziel ist es, Gesellschaft und Natur möglichst exakt zu beobachten und aktuelle Probleme der Zeit wirklichkeitsnah darzustellen. Entstanden ist sie vor dem Hintergrund der Industriellen Revolution, des Imperialismus und der Verstädterung. Gerade in den Städten wurden Armut und Elend konzentriert sichtbar.

Naturalistische Kunst will deshalb auch das Unterprivilegierte, Ungeschliffene, Hässliche und Verdrängte zeigen. Anders als ein früherer Naturalismus des 18. Jahrhunderts, der den unverbildeten Künstler betonte, setzt der Naturalismus des späten 19. Jahrhunderts den Künstler als fachkundigen Naturbeobachter voraus. Er orientiert sich an exakten, gleichsam naturwissenschaftlichen Methoden.

Wirklichkeit als Gegenstand der Kunst

Naturalismus versteht sich als literarische Revolution: Er bricht mit überlieferten Formen und will den poetischen Realismus überwinden. Er verzichtet sowohl auf dessen verklärende Tendenzen als auch auf eine deutende Einmischung des Dichters.

Als Ideal gilt die naturwissenschaftlich genaue Darstellung der empirischen Wirklichkeit, also der erfahrbaren und beobachtbaren Welt. Kunst soll Rationalität, Kausalität, Determinismus und Objektivität folgen. Determinismus bedeutet hier, dass Charakter und Schicksal eines Menschen als bestimmt durch seine historische Zeit, sein psychisches Erbgut und sein Milieu gesehen werden. Milieu bezeichnet das soziale Umfeld und die Lebensbedingungen. Bezugspunkte dafür sind Karl Marx, Auguste Comte, Hippolyte Taine und Charles Darwin.

Wichtige Themen sind soziale Not und gesellschaftliche Außenseiter. Häufig erscheinen Großstadtphänomene wie Anonymität, Entindividualisierung und Prostitution oder die moderne Technik. Diese soziale Thematik wird eher als soziales Mitgefühl denn als parteipolitischer Kampf gestaltet.

Sprache, Sekundenstil und Drama

Naturalistische Texte streben nach einer möglichst unmittelbaren Wiedergabe des Lebens. Besonders konsequent geschieht dies im Sekundenstil: Auch banale Details werden beinahe protokollarisch festgehalten. Natürliche Rede wird mit Stottern, Stammeln, Dialekt, Ausrufen, unvollständigen Sätzen, Atempausen und Nebengeräuschen nachgebildet. Satzbrüche, Satzfragmente und Pausen sind daher typische Stilmittel.

Die „phonographische Methode“ soll gesprochene Sprache möglichst genau aufnehmen. Sie verwendet Dialekt als geografische Ausdrucksweise, Soziolekt als schichtspezifische Ausdrucksweise, Psycholekt als situationsbedingte Ausdrucksweise und Idiolekt als individuelle Ausdrucksweise. Durch diese Sprache soll das Milieu stärker sichtbar werden als allein durch Raumbeschreibungen.

Im sozialen Drama stehen Figuren im Mittelpunkt, deren Handeln durch Milieu und Vererbung bedingt erscheint. Wenige handelnde Figuren werden durch ausführliche szenische Anmerkungen und Regieanweisungen geprägt. Zum Naturalismus im Theater gehören daher nicht nur der Text, sondern auch Schauspielweise sowie Bühnenausstattung und Beleuchtung.

Verhältnis zum Realismus und wichtige Beispiele

Der Naturalismus wird als Steigerung des Realismus verstanden. Im Realismus wird Negatives ästhetisch aufgehoben oder zugunsten einer höheren idealen Idee ausgeschlossen. Der Naturalismus bezieht gerade dieses Negative ein und stellt es detailliert dar. Während der bürgerliche Realismus ein anthropologisches Idealbild eines objektiv autonomen Menschen zeigt, sieht der Naturalismus jeden Menschen als seinem Milieu zugehörig. Menschliches Verhalten erscheint durch Wissenschaften erkennbar und berechenbar.

Arno Holz fasste das Programm in die Formel „Kunst = Natur − x“. Das x bezeichnet die künstlerischen Reproduktionsmittel und ihre Handhabung durch den Künstler. Es soll möglichst klein bleiben, damit die Differenz zwischen Kunst und Natur gering wird. Vollständig verschwinden kann x jedoch nicht; Kunst hat daher nur die „Tendenz, wieder [sic] die Natur zu sein“.

Émile Zola richtete den literarischen Naturalismus in Le roman expérimental (1880) an der experimentellen Medizin aus. Sein Romanzyklus Les Rougon-Macquart gilt als Hauptwerk. Als deutsche Beispiele werden Gerhart Hauptmanns Dramen Vor Sonnenaufgang (1889) und Die Weber, Originaltitel „De Waber“ (1892), sowie Arno Holz’ und Johannes Schlafs Die Familie Selicke (1890) genannt. Johannes Schlaf schrieb Meister Oelze (1892) im thüringischen Dialekt.

Bedeutung für die Moderne und Wirkung

In Deutschland prägte der Naturalismus den Begriff der Moderne. Der Germanist Eugen Wolff führte „die Moderne“ 1886 in einem Vortrag im Naturalisten-Club „Durch!“ als Gegenbegriff zu „die Antike“ ein. Ob der Naturalismus bereits den Beginn der literarischen Moderne bildet, bleibt offen: Er war wegweisend durch die Behandlung sozialer Probleme der Großstadt und durch die Abkehr von der Vorstellung eines autonomen Menschen. Zugleich vertraute er auf die materialistisch-positivistischen Wissenschaften und deren angebliche Objektivität.

Ab 1890 wurde diese Objektivität zunehmend infrage gestellt. Sigmund Freud entdeckte das Unbewusste, Albert Einstein verwies auf die Subjektivität von Zeit und Raum, und Hofmannsthal formulierte eine Sprachkrise. Daraus folgt die Einsicht, dass es keine objektiv realisierbare Wirklichkeit gebe, sondern nur Subjektivität in der Weltanschauung. Die vielen Ismen des frühen 20. Jahrhunderts können deshalb als Versuche gelten, individuelle Wahrnehmung auszudrücken.

Schon um 1890 verlor der Naturalismus Einfluss; nach der Aufhebung der Sozialistengesetze zersplitterte die naturalistische Literatenfront. Dennoch blieben genaue Darstellung und Umgangssprache zur Kennzeichnung sozialer Schichten bedeutsam. Alfred Döblin forderte 1913 in seinem Berliner Programm einen anderen Naturalismus im „Kinostil“: Die „entseelte Realität“ solle in „höchster Gedrängtheit und Präzision“ beschrieben werden. Damit stand er der Neuen Sachlichkeit näher als dem psychologisierenden Naturalismus.

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