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Im Westen nichts Neues
Im Westen nichts Neues ist ein 1928 verfasster Roman von Erich Maria Remarque, der die Schrecken des Ersten Weltkriegs aus der Sicht eines jungen Soldaten …
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Werk, Bedeutung und Einordnung
„Im Westen nichts Neues“ ist ein 1928 verfasster Roman von Erich Maria Remarque über die Schrecken des Ersten Weltkriegs aus der Sicht des jungen deutschen Soldaten Paul Bäumer. Das Werk gilt als Klassiker der Weltliteratur und wird überwiegend der Neuen Sachlichkeit zugeordnet. Obwohl Remarque es als unpolitisch bezeichnete und das Vorwort weder „Anklage“ noch „Bekenntnis“ sein will, wurde es vor allem als Antikriegsroman bekannt.
Die Einordnung als Antikriegsroman ist nicht völlig eindeutig: Der Roman zeigt Krieg, Leiden und Feindbilder als zerstörerisch, untersucht die politischen Kriegsursachen aber kaum. Die Soldaten ziehen aus ihrer Kriegsmüdigkeit keine praktischen Konsequenzen und denken nicht ernsthaft an Rebellion. Ein deutliches Zeichen der Kriegsgegnerschaft ist jedoch Pauls Begegnung mit dem französischen Soldaten Gérard Duval: Paul erkennt im Gegner einen einzelnen Menschen mit Familie und empfindet nach dessen Tötung schwere Schuld.
Der Text ist eindeutig fiktional und keine Autobiografie oder Dokumentation, auch wenn der Verlag ihn zunächst als authentischen Augenzeugenbericht vermarktete. Paul organisiert als Ich-Erzähler den größten Teil der Handlung. Am Ende berichtet jedoch eine anonyme Erzählinstanz von seinem Tod. Das überwiegend verwendete Präsens lässt die Ereignisse unmittelbar gegenwärtig erscheinen.
Handlung und zentrale Figuren
Paul Bäumer meldet sich mit 18 Jahren gemeinsam mit seinen Klassenkameraden freiwillig zum Kriegsdienst. Ihr Lehrer Kantorek hat sie mit patriotischen Reden dazu bewegt. In der Grundausbildung tyrannisiert sie Unteroffizier Himmelstoß und nutzt seine geringe militärische Macht aus. An der Westfront führt der erfahrene, etwa 40-jährige Stanislaus Katczinsky, genannt Kat, die jungen Soldaten praktisch an. Er lehrt Paul, Geschosse am Klang zu erkennen, Nahrung zu beschaffen und auf dem Schlachtfeld zu überleben.
Schon zu Beginn kehren von 150 Soldaten nur 80 von der Front zurück. Pauls schwer verwundetem Freund Franz Kemmerich wird ein Bein amputiert; kurz darauf stirbt er. Später erlebt die Kompanie Artilleriebeschuss, Giftgas, Hunger, Ratten, Nahkämpfe und die massenhaften Verluste eines dreitägigen Stellungskriegs. Nach mehreren Wochen kehren nur 32 von 150 Mann zurück. Die Soldaten verrohen und nehmen ihre Gegner im Kampf kaum noch als Menschen wahr.
Während eines Heimaturlaubs erkennt Paul, dass ihn der Krieg dauerhaft verändert hat. Die Zivilisten begegnen ihm mit realitätsfernem Patriotismus, und selbst seiner Familie kann er seine Erfahrungen nicht mitteilen. Daher fühlt er sich seinen Kameraden an der Front näher. In einem Gefangenenlager sieht er, dass die russischen Gefangenen einfache, leidende Menschen wie er selbst sind, und teilt Essen und Zigaretten mit ihnen.
Bei einem Patrouillengang ersticht Paul im Bombentrichter den französischen Drucker Gérard Duval aus Todesangst. Er muss einen ganzen Tag neben dem Sterbenden und Toten verbringen. Seine Schuldgefühle führen ihm besonders deutlich vor Augen, dass der vermeintliche Feind ein konkreter Mensch ist.
Paul und Albert Kropp werden später verwundet; Albert verliert ein Bein, während Paul nach dem Lazarett an die Front zurückkehrt. Dort sterben nach und nach fast alle Freunde, darunter Haie Westhus, Müller, Leer, Kompanieführer Bertinck und schließlich Kat, den Paul vergeblich zu retten versucht. Detering desertiert, wird gefasst und vermutlich erschossen. Im Oktober 1918, kurz vor Kriegsende, fällt auch Paul. Der Tag ist so ruhig, dass der Heeresbericht nur meldet, im Westen sei nichts Neues zu berichten.
Zentrale Themen
Der Roman schildert den modernen Stellungskrieg mit Artillerie, Maschinengewehren und chemischen Waffen weitgehend realistisch. Schützengräben, Leichenfelder, Lazarette, Hunger, Durst und die dauernde Todesangst zerstören Körper und Psyche. Manche Soldaten erleiden „Front-Anfälle“, die heute mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung in Verbindung gebracht werden. Paul vermutet, dass selbst Überlebende nicht mehr in ein normales ziviles Leben zurückfinden können.
Damit behandelt das Werk die „verlorene Generation“: junge Menschen, die direkt von der Schulbank in den Krieg geschickt wurden und noch keine feste Bindung an Beruf, Familie oder gesellschaftliche Aufgaben entwickeln konnten. Die Autoritäten, besonders Kantorek, erweisen sich als ungeeignete Führer. Paul fasst die Lage seiner Generation so zusammen: „Wir waren noch nicht eingewurzelt. Der Krieg hat uns weggeschwemmt.“
Ein weiteres Motiv ist die Sprachlosigkeit. Paul kann seine Erfahrungen nicht angemessen erzählen, weil er fürchtet, sie würden durch das Aussprechen überwältigend. Gespräche über die Ursachen des Kriegs brechen ab, weil Reden nach Ansicht der Soldaten nichts verändert. Dadurch wächst die Trennung zwischen Front und Heimat.
Kameradschaft erscheint in der Druckfassung als „das Beste“, was der Krieg hervorbringe. Besonders Kat gibt Paul Halt, und seine Freunde helfen ihm nach dem Erlebnis mit Gérard Duval. Diese Darstellung bleibt jedoch ambivalent: In einer früheren Typoskriptfassung ließen die Kameraden Paul mit seiner Schuld allein. Zudem erweist sich die Frontkameradschaft in Remarques Fortsetzung „Der Weg zurück“ von 1930/31 als untauglich für das zivile Nachkriegsleben.
Weitere Orientierung bieten Paul die Erde, der Zufall und eine unbestimmte Hoffnung auf das Leben. Religion spielt kaum eine Rolle. Seine Hoffnung auf Frieden oder Revolution erfüllt sich für ihn nicht rechtzeitig. Die Handlung folgt daher einer tragischen Logik: Rettungsmöglichkeiten verschwinden, Zukunftspläne bleiben unbestimmt, und Paul stirbt unmittelbar vor dem erwarteten Waffenstillstand.
Erzählweise und Sprache
Der Roman besteht aus einzelnen Episoden und szenisch gestalteten Gesprächen. Personen werden knapp und präzise charakterisiert. Der Wechsel zwischen „ich“ und „wir“ verbindet Pauls persönliche Wahrnehmung mit den Erfahrungen der Soldatengruppe.
Kennzeichnend für die Neue Sachlichkeit sind die nüchterne, realitätsbezogene und faktenorientierte Darstellung, der Verzicht auf Pathos und Dekoration sowie die Konzentration auf konkrete Situationen. Selbst grausame Ereignisse werden häufig ruhig und bilanzierend erzählt. Kurze Reihungen verdichten den Krieg auf wiederkehrende Formen von Leiden und Tod.
Daneben enthält der Roman expressionistische, pathetische und personifizierende Bilder, etwa wenn Paul die „Mutter Erde“ direkt anspricht. Satirische und komische Szenen unterbrechen das Grauen, besonders Erinnerungen an die Kaserne und die Darstellung militärischer Autoritäten. Einige romantisierende Passagen, etwa über den Sommer 1918, werden als Kitsch bewertet; ob sie gezielt konservative Leser ansprechen oder eine tröstende Gegenwelt schaffen sollten, bleibt ungeklärt.
Entstehung, Veröffentlichung und Wirkung
Remarque war ab dem 12. Juni 1917 als Kriegsfreiwilliger an der Westfront in Flandern eingesetzt. Am 31. Juli 1917 wurde er an Hals, rechtem Arm und linkem Bein schwer verwundet und verbrachte den übrigen Krieg in einem Lazarett. Da seine eigene Fronterfahrung nur etwa einen Monat umfasste, verwendete er vor allem Berichte anderer Soldaten. Wichtige Quellen waren die Aufzeichnungen seines Klassenkameraden Georg Middendorf und Erzählungen von August Perk. Reale Personen und Erlebnisse wurden verändert und zu einer fiktionalen, besonders hoffnungslosen Handlung verdichtet.
Einen ersten Text unter dem späteren Titel begann Remarque im Sommer 1927. Die ursprüngliche Typoskriptfassung war politischer, pazifistischer und stärker auf Pauls Gedanken konzentriert. Nachdem der S. Fischer Verlag abgelehnt hatte, ließ Remarque den Text für den Ullstein-Konzern entschärfen. Der Vorabdruck begann am 10. November 1928 in der „Vossischen Zeitung“, die Buchausgabe erschien am 29. Januar 1929 im Propyläen Verlag. Nach Verlagsangaben wurden innerhalb von elf Wochen 450.000 Exemplare erreicht. Noch 1929 erschien das Buch in 26 Sprachen; bis 2007 lagen Ausgaben in über 50 Sprachen und geschätzte weltweite Verkäufe von mehr als 20 Millionen Exemplaren vor.
Nationalisten, Nationalsozialisten, Kommunisten und manche Pazifisten griffen das Werk aus unterschiedlichen Gründen an. Am 9. Juli 1931 wurde es aus den preußischen Schulbüchereien entfernt. Die Nationalsozialisten bestritten Remarques Kriegsteilnahme und verbrannten 1933 zahlreiche Exemplare.
Der Roman wurde dreimal verfilmt: Lewis Milestones US-Film von 1930 gewann Oscars für den besten Film und die beste Regie; nationalsozialistische Störaktionen führten in Deutschland zeitweise zum Verbot. Delbert Manns Fernsehfilm von 1979 erhielt 1980 einen Golden Globe. Edward Bergers erste deutsche Verfilmung von 2022 wurde bei den Oscars 2023 viermal und bei den BAFTAs siebenmal ausgezeichnet. Außerdem entstanden Theaterfassungen, Comics, eine Graphic Novel und musikalische Bearbeitungen. Die Fortsetzung „Der Weg zurück“ schildert 1930/31 die schwierige Rückkehr der Überlebenden ins Zivilleben; von den wichtigeren Soldaten des ersten Romans lebt dort nur noch Tjaden.