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Expressionismus (Literatur)
Als Begriff wurde der Expressionismus 1911 von Kurt Hiller geprägt, der damit die Epoche von etwa 1905 bis etwa 1925 beschreibt, obwohl auch nach dem Zweiten …
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Kern und historischer Rahmen
Der literarische Expressionismus bezeichnet eine Epoche von etwa 1905 bis etwa 1925. Der Begriff wurde 1911 von Kurt Hiller geprägt. Gemeint ist eine „Ausdruckskunst“: Nicht äußere Eindrücke wie Lichtreize stehen im Mittelpunkt, sondern innerlich gesehene Wahrheiten, Erlebnisse, Gefühle und gesellschaftliche Spannungen. Als Epochenbegriff ist der Expressionismus umstritten, weil seine Texte stilistisch sehr unterschiedlich sind und einzelne Werke von Autoren wie Heinrich Mann, Franz Kafka oder Arnolt Bronnen nur teilweise dazugerechnet werden. Verbindend ist vor allem ein starkes „Wir-Gefühl“ in meist sozialkritischem Zusammenhang.
Die Epoche ist geprägt von antibürgerlichem und antinationalistischem Denken vieler Intellektueller in der wilhelminischen Zeit. Wichtige Themen sind politische Repression, Industrialisierung, Großstadtleben, Entfremdung, familiäres und gesellschaftliches Patriarchat, sexuelle Besessenheit und gesellschaftliche Machtmechanismen. Expressionistische Autoren wenden sich gegen eine als „Enthumanisierung“ empfundene moderne Welt: Menschen erscheinen bedroht durch Anonymität, Maschinen, Großunternehmer und eine Gesellschaft ohne Rücksicht und Moral.
Auch die politischen Folgen des Ersten Weltkriegs und der Vertrag von Versailles (1919) gehören zum Hintergrund. Die wirtschaftlichen Probleme und die politische Destabilisierung der Weimarer Republik verstärkten das Gefühl einer krisenhaften Gegenwart. Philosophische Einflüsse kamen unter anderem von Henri Bergson, der die Intuition als Zugang zum Wesentlichen betonte, von Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“, von Friedrich Nietzsches Idee des „Übermenschen“, von Ernst Blochs „Geist der Utopie“ und Edmund Husserls „Wesensschau“. Häufige Stichworte der Selbst- und Fremdbeschreibung sind Typisierung, Ablehnung von Psychologie und Kausalitätsdenken, Aufwertung elementarer Gefühle, Pathos und Aktion.
Frühexpressionismus
Der Frühexpressionismus bis 1914 entstand vor allem aus der Erfahrung einer jungen bürgerlich-gebildeten Generation, dass die überlieferten Ideale nicht mehr zur Wirklichkeit passten. Viele Autoren wollten sich von Konventionen befreien, als Verkünder einer neuen Zeit auftreten und gegen die „Väterwelt“ aufbegehren. Wichtige Zeitschriften und Orte der Veröffentlichung waren „Der Sturm“ von Herwarth Walden, „Der Brenner“ von Ludwig von Ficker und „Die Aktion“ von Franz Pfemfert.
Zentrale Erfahrungen waren Industrialisierung, Urbanisierung, neue Verkehrs- und Kommunikationstechnologien, Reizüberflutung, Kurzlebigkeit, Isolation und Entfremdung. Daraus entstanden Motive wie Aufbruch, Weltende, Großstadt, Krieg, Wirklichkeitsverlust, Zerfall, Wahnsinn und die „Ästhetik des Hässlichen“. Die Großstadt, besonders Berlin, erscheint als enger, hektischer und bedrohlicher Raum. In Gedichten werden Eindrücke oft in abgehackten Reihen wiedergegeben, weil das lyrische Ich die Wirklichkeit nicht mehr zu einem sinnvollen Ganzen ordnen kann.
Jakob van Hoddis beschreibt in „Weltende“ (1911) mit einer Abfolge von Bildern Dynamik und Zerrissenheit des Großstadtlebens. Georg Heym gilt mit apokalyptischen Texten wie „Der Gott der Stadt“ und „Der Krieg“ als typischer expressionistischer Dichter; auffällig ist bei ihm der Gegensatz zwischen strenger Form, etwa dem Sonett, und chaotischem Inhalt. August Stramm treibt den Bruch mit traditioneller Sprache besonders weit, indem seine Gedichte teilweise wie eine Folge einzelner Wörter wirken. Gottfried Benn provoziert in den „Morgue“-Gedichten durch Themen wie Krankheit, Hässlichkeit, Krebs, Tod und Zerfall und stellt damit bürgerliche Geschmacks- und Moralnormen infrage.
Krieg, Politik und Ende der Epoche
Der Erste Weltkrieg veränderte den Expressionismus grundlegend. Vor 1914 erschien Krieg in der Lyrik oft als Motiv der Überwindung des Alten und des Aufbruchs zu Neuem, etwa in Georg Heyms „Der Krieg“ oder Ernst Stadlers „Der Aufbruch“. Zu Kriegsbeginn gab es bei vielen Expressionisten eine anfängliche Euphorie, weil sie hofften, die als krank, banal und erstarrt empfundene Welt werde nun enden. Angesichts des technisch geführten Massenkriegs wurde diese Haltung jedoch bald von Ernüchterung, Grauen und Schrecken abgelöst, etwa in Georg Trakls „Grodek“. Viele expressionistische Autoren starben im Ersten Weltkrieg.
Nach den Fronterfahrungen und der Not der Nachkriegszeit trat ein zunehmender Pazifismus in den Vordergrund. Statt düsterer Visionen standen nun häufiger linksradikale politische Modelle einer neuen Gesellschaft und vage Erlösungsutopien im Mittelpunkt. In der Dramatik sind Ernst Toller und Ernst Barlach wichtige Vertreter politisch motivierter Texte. Zeitschriften wie „Der Sturm“, „Der Brenner“, „Die Aktion“, „Das neue Pathos“ und „Die Brücke“ verbreiteten Programme der Bewegung; Kurt Hillers „Ziel“-Jahrbücher standen für revolutionär-marxistischen Aktivismus.
Viele Expressionisten fühlten sich vom Sozialismus angezogen und verurteilten den aufkommenden Nationalismus. Gleichzeitig war die politische Zuordnung nicht einheitlich: Einige, etwa Nolde, waren NSDAP-Mitglied, und Maximilian Rosenberg empfahl den Expressionismus als „Deutsche Kunst“. Mit der Bücherverbrennung 1933 begann in Deutschland eine Behinderung, ab 1937 eine Verfolgung expressionistischer Künstler. Ob der Nationalsozialismus das Ende der Epoche herbeiführte oder beschleunigte, bleibt laut Artikel spekulativ, weil nach 1925 nur noch wenige bedeutende expressionistisch geprägte Werke erschienen und sich die gesellschaftlichen Bedingungen stark verändert hatten. Nachwirkungen werden eher im Surrealismus und bei jüngeren Autoren wie Friedrich Dürrenmatt gesehen.
Lyrik
Die Lyrik gilt als die wichtigste Gattung des Expressionismus, weil sich in ihr die Gedanken der „Epoche des Ausdrucks“ besonders unmittelbar ausdrücken ließen. Sie sollte starke, oft anklagende Gefühle mitteilen. Dabei ging es weniger um private Probleme einzelner Dichter als um die Beziehungen aller Menschen untereinander. Häufig appellierten die Texte an Humanität, Menschenliebe und Frieden; Krieg, Völkerhass und Tod wurden besonders für kriegsteilnehmende Dichter zu Horrorvisionen und Angriffspunkten.
Typisch ist der Reihungsstil, auch Parataxe genannt: kurze Hauptsätze werden aneinandergereiht, ohne klaren syntaktischen oder logischen Zusammenhang. Dadurch erscheint die Wirklichkeit zerbrochen und unübersichtlich. Weitere Merkmale sind starke Metaphorik, Chiffren, Konnotationen, Neologismen, Wortfetzen, Telegrammstil, Sprachverknappung, Worthäufung, Ironie, Substantivierungen und die Dynamisierung der Sprache durch viele Verben der Bewegung.
Expressionistische Lyrik bricht oft mit gewohnter Syntax und Grammatik. Menschen können zu Objekten werden, Gegenstände oder Naturgewalten zu handelnden Subjekten; das nennt man Depersonalisierung beziehungsweise Anthropomorphisierung. Häufig sind Tabuthemen wie Hässlichkeit, Chirurgie, Krebs, Hinrichtung und Wahnsinn. Zugleich werden traditionelle Formen wie das Sonett weiterverwendet, etwa bei Georg Heym, wodurch ein starker Gegensatz zwischen geordneter Form und chaotischem Inhalt entsteht. Wichtige Beispiele im Artikel sind Gedichte von Alfred Lichtenstein, August Stramm, Gottfried Benn, Georg Heym, Georg Trakl, Ernst Stadler und Franz Werfel.
Epik und Dramatik
Die expressionistische Epik, also erzählende Literatur, ist oft drastisch und experimentell. Sie knüpft an Fjodor Michailowitsch Dostojewskis Realismus, an den Naturalismus und an gesellschaftskritische Vorläufer wie Frank Wedekind und Oskar Panizza an. Wichtige Merkmale sind Perspektivwechsel zwischen Innen und Außen, Depersonalisation, enumerativer Stil, assoziative Schreibweise, Ablehnung psychologischer Kausalerklärungen, verdichtete Syntax, Auslassungen und das Vermeiden eindeutig zuordenbarer Figurensprache. Diese Mittel können für Leser realistischer Literatur eine deutliche Barriere bilden.
Wichtige Erzählwerke erschienen vielfach vor oder um den Ersten Weltkrieg, oft in der Nähe der Groteske. Genannt werden unter anderem Alfred Döblins „Ermordung einer Butterblume“ (verfasst 1905, veröffentlicht 1910), Gottfried Benns „Gehirne“ (1916), Georg Heyms „Der Dieb“ (1913), Leonhard Franks Roman „Die Räuberbande“ (1914), Döblins „Die drei Sprünge des Wang-lun“ (1915), Maria Lazars Debütroman „Die Vergiftung“ und Döblins zweibändiger historischer Roman „Wallenstein“ (1920). Neben dem epischen Roman entwickelte sich der essayistische Roman, auch Denkroman oder Mosaikroman genannt.
Das expressionistische Drama diente dazu, Ideen der Wandlung besonders wirkungsvoll zu zeigen. Neben der Lyrik hatte es deshalb eine wichtige Rolle. Häufig steht die Geburt eines neuen, gewandelten Menschen im Mittelpunkt, etwa in Ernst Tollers „Die Wandlung“. Die Form folgt oft dem Stationendrama, also einer Folge einzelner Stationen oder Szenen. Musik, Tanz, Pantomime, Bühnenbild und Lichteffekte unterstützen die Wirkung. Figuren werden meist typisiert statt individuell gestaltet und heißen zum Beispiel „Mann“, „Frau“ oder „Tochter“. Oft steht ein junger Mensch im Zentrum, der mit Schicksalsgewalten, der engen Gesellschaft oder dem eigenen Vater kämpft.
Autoren und Veröffentlichung
Der Expressionismus wurde stark durch Zeitschriften, Anthologien und Reihen geprägt. Sie ermöglichten die Veröffentlichung vieler zunächst unbekannter Autoren. Bedeutende Reihen waren Alfred Richard Meyers „Lyrische Flugblätter“ (1908–1918), Kurt Wolffs „Der Jüngste Tag“ (1913–1921), Franz Pfemferts „Der rote Hahn“ (1917–1925) und Paul Steegemanns „Silbergäule“ (1919–1922). Darin erschienen Frühwerke später bedeutender Autoren wie Gottfried Benn, Franz Kafka und Else Lasker-Schüler.
Zu den wichtigen Dramatikern zählen Ernst Toller, Ferdinand Bruckner, Georg Kaiser, Walter Hasenclever und Ernst Barlach; der Artikel nennt außerdem unter anderem August Strindberg und Eugene O’Neill. Bedeutende Lyriker sind Gottfried Benn, Georg Heym, Jakob van Hoddis, Else Lasker-Schüler, Ernst Stadler, August Stramm, Georg Trakl, Franz Werfel, Alfred Wolfenstein und viele weitere. Als Erzähler und Essayisten werden unter anderem Alfred Döblin, Kasimir Edschmid, Carl Einstein, Leonhard Frank, Kurt Hiller, Franz Jung, Maria Lazar, Mela Hartwig und Fritz von Unruh genannt.
Einige Autoren standen zunächst unter expressionistischem Einfluss, wandten sich später aber anderen Richtungen zu oder sind nicht eindeutig zuzuordnen. Dazu gehören Franz Kafka, Bertolt Brecht, Hans Fallada, Oskar Maria Graf, Wolfgang Borchert, Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch. Diese Zuordnungen zeigen, dass der Expressionismus keine einheitliche Schule mit festen Grenzen war, sondern eine vielgestaltige Bewegung mit starken Überschneidungen zu anderen literarischen Strömungen.
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