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Neue Sachlichkeit (Kunst)

Mit Neuer Sachlichkeit bezeichnet man die Rückbesinnung auf die Welt des Sichtbaren. Sie begann unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg zugleich mit der …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern und historische Einordnung
  2. 2. Ausstellungen und zeitlicher Verlauf
  3. 3. Vielfalt, Themen und Bildsprache
  4. 4. Drei Hauptströmungen
  5. 5. Deutungen und Wirkung nach 1945

Kern und historische Einordnung

Die Neue Sachlichkeit war eine prägende Kunstrichtung der Zwischenkriegszeit und besonders der Weimarer Republik. Sie entstand unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg und bezeichnet eine Rückbesinnung auf die sichtbare, gegenständliche Welt. Statt subjektiver Verformung oder gegenstandsloser Gestaltung bevorzugten ihre Künstler klare Bildkonzepte, alltägliche Gegenstände und eine nüchterne, objektivierende Darstellungsweise. Zugleich wandten sich viele von ihnen sozialkritischen Themen zu.

Die Richtung entwickelte sich nach den Aufbrüchen und Zukunftsvorstellungen der Avantgarde aus einer allgemeinen Desillusionierung. Expressionismus, Kubismus und Dadaismus erschienen seit Mitte der 1920er Jahre vielen als subjektivistisch, gesellschaftsfern oder als „Manierismus des Gegenstandslosen“. Die Neue Sachlichkeit knüpfte dagegen wieder an Ordnungsprinzipien und Traditionen wie Anti-Idealismus, Realismus und Naturalismus an. Sie stand damit im Zusammenhang mit dem bereits während des Ersten Weltkriegs in Frankreich erhobenen „Ruf nach Ordnung“ („Retour à l’ordre“) und wurde außerdem von der italienischen Pittura metafisica beeinflusst.

Die Neue Sachlichkeit war nicht auf Deutschland begrenzt. Sie trat unter anderem auch in Österreich, der Schweiz und den Niederlanden auf. Zu ihren führenden Vertretern gehörten George Grosz, Otto Dix, Carl Grossberg, Alexander Kanoldt, Karl Hubbuch, Franz Radziwill, Christian Schad, Georg Scholz und Georg Schrimpf. Die unter einem gemeinsamen Begriff zusammengefassten Künstler bildeten jedoch keine einheitliche Schule.

Ausstellungen und zeitlicher Verlauf

Entscheidend für die öffentliche Wahrnehmung war die Ausstellung „Neue Sachlichkeit. Deutsche Malerei seit dem Expressionismus“, die Gustav Friedrich Hartlaub, Leiter der Kunsthalle Mannheim, 1925 organisierte. Die Wanderausstellung vereinte sehr unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten, darunter den eine Sonderrolle einnehmenden Max Beckmann. Hartlaub unterschied einen veristisch-gesellschaftskritischen und einen eher klassisch-konservativen Flügel. Beide deutete er als Reaktionen auf eine krisenhafte Gegenwart: Der eine neigte zur Kritik, der andere eher zur Flucht in Ordnung und Beständigkeit.

Ebenfalls 1925 erschien Franz Rohs Schrift „Nachexpressionismus. Magischer Realismus“. Der Ausdruck „Nachexpressionismus“ setzte sich nicht durch. Auch die Vorstellung, die Neue Sachlichkeit habe den Expressionismus einfach abgelöst, ist unzutreffend: Anerkannte Expressionisten wie Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Max Pechstein blieben einflussreich. Neue Sachlichkeit, gemäßigter Expressionismus und die Bauhaus-Avantgarde entwickelten sich vielmehr zeitgleich.

Die Neue Sachlichkeit verfügte nur über wenige unterstützende Strukturen und hatte daher eine vergleichsweise kurze öffentliche Resonanz. Die Mannheimer Schau blieb die einzige große deutsche Ausstellung dieser Zeit. Eine weitere bedeutende Präsentation fand 1929 im Stedelijk Museum Amsterdam statt. Es folgten Ausstellungen zur neuen Romantik beziehungsweise zur „Beschaulichen Sachlichkeit“ in den Jahren 1932 und 1933. Bereits um 1930 nahmen die Angriffe sowohl der nationalsozialistischen als auch der kommunistischen Partei auf die Richtung zu. Ihr üblicher zeitlicher Rahmen wird deshalb mit dem Bestehen der Weimarer Republik gleichgesetzt.

Vielfalt, Themen und Bildsprache

Die Neue Sachlichkeit war künstlerisch und organisatorisch sehr heterogen. Einige ihrer häufig um 1890 geborenen Vertreter hatten zunächst dem Expressionismus oder Dadaismus nahegestanden, andere waren akademisch ausgebildet, hatten eine handwerkliche Berufsausbildung oder arbeiteten als Autodidakten. Abgesehen von den hannoverschen Neusachlichen um Bernhard Dörries und den Kölner Progressiven um Heinrich Hoerle lassen sich keine festen Gruppen mit gemeinsamen Programmen nachweisen. Regionale Schwerpunkte bestanden im Südwesten Deutschlands, in München, im Rheinland, in Berlin und in Norddeutschland. Verbindungen entstanden vor allem durch regionale Traditionen, Lehrer-Schüler-Verhältnisse, persönliche Kontakte und gemeinsame Wirkungsorte.

Charakteristisch war die Wiederaufnahme der Gattungsmalerei, also traditioneller Bildarten. Besonders wichtig waren Porträts, Landschaften, Stadtansichten beziehungsweise Veduten, Stillleben und Aktdarstellungen. Überlieferte Bildtypen wie Fensterbilder und Atelierinterieurs wurden neu gedeutet, etwa um über die Stellung von Künstlern in der modernen Gesellschaft nachzudenken.

Zugleich erhielten Motive Eingang in die Kunst, die zuvor kaum als kunstwürdig galten. Dazu gehörten Litfaßsäulen, Reklameschilder, Glühbirnen, Grammophone, Radiogeräte und Fabrikarchitektur. Solche Gegenstände zeigten, wie Technik, Werbung und Industrie den modernen Alltag prägten. Die Werke verbinden häufig scheinbare Gegensätze: unmittelbare Zeitnähe und Weltferne, Traditionsbewusstsein und Modernität, Melancholie und Fortschrittsglauben.

Drei Hauptströmungen

Die Neue Sachlichkeit wird meist in drei Strömungen gegliedert:

• Der Verismus war eine politisch und gesellschaftskritisch ausgerichtete Form. Viele Veristen setzten sich kritisch mit der Gesellschaft der Weimarer Republik auseinander und solidarisierten sich mit sozialistischen oder kommunistischen Zielen. Ihre Darstellungen waren häufig provozierend und wurden bis ins Groteske gesteigert, während sie zugleich altmeisterliche Maltechniken verwendeten. Besonders bekannt sind entsprechende Werke von Otto Dix, George Grosz, Christian Schad, Karl Hubbuch und Rudolf Schlichter. Kunsthistoriker weisen jedoch auch darauf hin, dass sich einzelne Künstler später in Richtung Nationalsozialismus entwickelten.

• Der Klassizismus griff traditionelle Techniken und Malweisen auf und war politisch weniger interessiert. Er stand formal unter dem Einfluss der postfuturistischen Künstlergruppe um die italienische Zeitschrift „Valori Plastici“, zu der auch Giorgio de Chirico gehörte. Vertreter wie Georg Schrimpf, Rudolf Dischinger und Alexander Kanoldt arbeiteten in einem akademisch geprägten Stil und gelten als „Idylliker der Weimarer Republik“.

• Den Begriff Magischer Realismus führte Franz Roh ein. Zunächst konkurrierte er mit „Neue Sachlichkeit“ als Bezeichnung der gesamten Erscheinung; heute benennt er meist eine dritte Strömung. Sie verbindet eine wirklichkeitsnahe Darstellung mit einer fremdartigen oder rätselhaften Wirkung und kann als Brücke zum Surrealismus verstanden werden. Als bekanntester Vertreter gilt Franz Radziwill; weitere Vertreter sind Richard Oelze, Carl Grossberg und Herbert Böttger.

Ähnliche realistische Strömungen bestanden in den USA. Als ihre bekanntesten Vertreter nennt der Artikel Edward Hopper und Grant Wood, dessen Gemälde „American Gothic“ 1930 entstand.

Deutungen und Wirkung nach 1945

Die betont dinghafte, statische und nüchterne Bildsprache wurde unterschiedlich gedeutet. Einer verbreiteten Interpretation zufolge spiegelte sie die gesellschaftliche Stabilisierung der Mitte der 1920er Jahre sowie die Werte von Technik, Management und Ingenieurwesen. Gefühle galten demnach als unsachlich, weshalb die Gestaltung möglichst stark reduziert wurde. In Verbindung mit Max Webers Thema der Rationalisierung kann die Neue Sachlichkeit als Ausdruck der Effektivierung und Stabilisierung kapitalistischer Massenproduktion verstanden werden. Diese Entwicklung verdränge besitzbürgerliche Vorstellungen von Individualität und Gemütlichkeit und führe zu unpersönlicheren Ausdrucksformen.

Der französische Kulturhistoriker Jean Clair widersprach dieser gängigen Deutung und verstand die Neue Sachlichkeit vor allem als Ausdruck der Melancholie der Zwischenkriegszeit. Beate Reese belegte und erweiterte seine Verbindung der Richtung mit der Tradition des Saturnischen, Albrecht Dürers Melancholie-Thema und dessen Meisterstich „Melencolia I“. Dieser Ansatz wurde jedoch nur wenig aufgenommen. Die Bedeutung der Richtung zwischen gesellschaftlicher Stabilität, technischer Rationalität und Melancholie bleibt daher eine Frage unterschiedlicher kunsthistorischer Interpretationen.

Versuche einzelner Künstler, die Neue Sachlichkeit nach dem Ende des Nationalsozialismus fortzuführen oder verlorene frühere Bilder neu zu malen, blieben zunächst erfolglos. Erst mit Pop Art und neuem Realismus wurde sie in den 1960er Jahren wiederentdeckt. Die erste deutsche Ausstellung nach 1945 fand 1961 im Berliner Haus am Waldsee statt; 1969 erschien Wieland Schmieds Standardwerk „Neue Sachlichkeit und Magischer Realismus in Deutschland 1918–1933“. Die Kunsthalle Mannheim arbeitete seit den 1960er Jahren ihre besondere Rolle durch Ausstellungen, Sammlungstätigkeit und spätere Forschungen auf.

Heute gehört die Neue Sachlichkeit weltweit zum festen Ausstellungsbetrieb. Zum 100-jährigen Jubiläum der Mannheimer Ausstellung fanden 2025 im deutschsprachigen Raum und in den USA zahlreiche Ausstellungen statt. Anders als die historische Schau berücksichtigten sie auch weibliche Vertreterinnen. Die Chemnitzer Ausstellung „European Realities“ ordnete die Neue Sachlichkeit außerdem als Teil eines europäischen Realismus ein und stellte deutschsprachige Positionen Werken aus Nord-, Mittel-, Südost-, Süd- und Westeuropa gegenüber.

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