Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Literatur der Weimarer Republik
Die Literatur der Weimarer Republik umfasst die während der Weimarer Republik entstandene und die zu dieser Zeit vom lesenden Publikum bevorzugte Literatur.
Inhalt6 Abschnitte
Grundzüge der Epoche
Die Literatur der Weimarer Republik umfasst die Werke, die während der Weimarer Republik entstanden, sowie die Literatur, die das damalige Publikum besonders las. Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie die politischen, sozialen und kulturellen Spannungen der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, nach der Novemberrevolution und vor dem Ende der Republik literarisch sichtbar macht.
Die frühen 1920er Jahre standen noch stark unter dem Einfluss des Expressionismus, also einer Kunstrichtung, die innere Erschütterung, Krise und Aufbruch oft in zugespitzten Bildern und Formen ausdrückte. Mitte und Ende der 1920er Jahre gewann die Neue Sachlichkeit an Bedeutung. Damit ist eine Literatur gemeint, die nüchterner, realistischer und stärker auf die tatsächlichen gesellschaftlichen Zustände blickte. Trotzdem lässt sich die Epoche nicht auf einen einzigen Stilbegriff reduzieren. Sie war durch eine große Vielfalt an Themen, Formen und politischen Haltungen geprägt.
Zwischen den vielen Schriftstellern, Lyrikern und Dramatikern gab es nur wenig Zusammenhalt. Auch zwischen links- und rechtsorientierten Autoren fand kaum Austausch statt. Literarische Zeitschriften vertraten meist die Position kleiner Gruppen oder politischer Parteien. Viele Autoren engagierten sich politisch; der Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller verstand sich ausdrücklich als Propagandist der Politik der KPD. Andere, besonders der Neuen Sachlichkeit nahestehende Autoren, wollten die Gegenwart möglichst unvoreingenommen und realistisch darstellen. Wichtige Themen waren das Verhältnis von Individuum und Masse, die Großstadt, neue Formen der Arbeit, Arbeitslosigkeit, Verelendung und Alltagskultur.
Tradition und Wiederentdeckung
Dichtung und Drama spielten im literarischen Leben der Weimarer Republik eine wichtige Rolle. Die Klassiker Goethe und Schiller wurden weiterhin häufig zitiert. Daneben erfuhren ältere Autoren wie Hölderlin, Heinrich von Kleist und Georg Büchner neue Aufmerksamkeit, weil ihre Werke zu den Erfahrungen der Gegenwart in Beziehung gesetzt werden konnten.
Hölderlins Hyperion wurde vor dem Hintergrund von Krieg, Novemberrevolution und Versailler Vertrag gelesen. Besonders die Klage über die Zerrissenheit der Deutschen wurde als passend zur Lage der Zeit empfunden. Heinrich von Kleist wurde intensiv erforscht und verehrt; 1920 entstand die Kleist-Gesellschaft, der unter anderem Gerhart Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, Ernst Cassirer und Max Liebermann angehörten. Der Kleist-Preis war die bedeutendste literarische Auszeichnung der Weimarer Republik.
Für Republikaner und Linke war Georg Büchner besonders wichtig. Sein Mitgefühl für die Armen, sein Abscheu vor Autoritäten und seine realistische, drastische Gesellschaftsdarstellung machten ihn für Demokraten, Sozialisten und Kommunisten zu einer wichtigen Orientierungsfigur. Alban Bergs Oper Wozzeck, nach Büchners Woyzeck, wurde 1925 in Berlin uraufgeführt und trug stark zur Popularisierung Büchners bei.
Unter den zeitgenössischen Lyrikern ragten Stefan George und Rainer Maria Rilke hervor. George schuf mit dem George-Kreis eine elitäre Anhängerschaft und vertrat ein aristokratisches Kulturideal. Rilke hatte dagegen eine sehr breite Leserschaft und war besonders in Gruppen der Jugendbewegung beliebt. Seine Gedichte konnten als reine Bild- und Sprachkunst gelesen werden, aber auch als Dichtung über Entfremdung, Liebe, Leid, Leben und Tod.
Drama und Theater
Das Theater der Weimarer Republik war stark von politischen, sozialen und ästhetischen Konflikten geprägt. Gerhart Hauptmann blieb eine wichtige Figur, auch wenn seine Hauptwerke wie Vor Sonnenaufgang von 1889 und Die Weber von 1894 bereits älter waren. Nach dem Ersten Weltkrieg begrüßte er 1919 die Republik als „das wichtigste Ereignis in tausend Jahren deutscher Geschichte“. 1932 wurde sein Stück Vor Sonnenuntergang von der Kritik gelobt, aber wegen der Folgen der Weltwirtschaftskrise schon vor deutlich kleinerem Publikum gespielt.
Eine jüngere Dramatiker-Generation griff häufig den Vater-Sohn-Konflikt auf. Er stand für den Angriff der Jugend auf die alte Welt und ihre politischen, sozialen und künstlerischen Konventionen. In den neuen Dramen traten Fremde, Leidende, Selbstmörder und Prostituierte als Figuren hervor. Politische Dramen von Walter Hasenclever oder Leonhard Frank kreisten um die Hoffnung auf eine neue Menschlichkeit nach Krieg und Leiden. Ludwig Rubiner entwarf in Die Gewaltlosen (1919) die Idee einer gewaltlosen Revolution. Ernst Toller vertrat in Masse Mensch (1921) und Hinkemann pazifistische und gewaltlose Ideen. Georg Kaiser und Fritz von Unruh gestalteten Visionen eines neuen Menschen, der Krieg, unmenschliche Technik und alte Gewaltverhältnisse überwindet.
Bertolt Brecht wurde zu einer der wichtigsten Neuentdeckungen. 1922 wurde Trommeln in der Nacht uraufgeführt, im selben Jahr erhielt er den Kleist-Preis. Mit der Dreigroschenoper erreichte er 1928 seinen größten Publikumserfolg. In Die Maßnahme (1930) behandelte er das Innenleben kommunistischer Gruppen und Parteiorganisationen. Brecht nutzte neben traditionellen Mitteln wie Chor, Erzähler und Kontrasten auch Filmprojektionen und Zeitungsschlagzeilen, ähnlich wie Erwin Piscator im proletarischen Theater.
Carl Zuckmayer wurde 1925 mit der Komödie Der fröhliche Weinberg ein volkstümlicher Dramatiker. Das Stück lief in Berlin fast drei Jahre, wurde aber von manchen Kritikern als zu leichte Unterhaltung abgewertet. 1931 folgte mit Der Hauptmann von Köpenick ein noch nachhaltigerer Erfolg, der Slapstickkomödie und strenge Tragödie verband.
Roman, Reportage und Gegenwart
Der Roman wurde in den 1920er Jahren zu einer besonders gefragten Literaturgattung. Während er im Expressionismus weniger im Zentrum gestanden hatte, gewann er nun neue Bedeutung. Ab Mitte der 1920er Jahre trat der Zeitroman stärker hervor: ein Roman, der gesellschaftliche Entwicklungen der Gegenwart realistisch beschreibt und deutet. Dazu gehörten das Großstadtleben, die Lage der neuen Angestellten, Arbeitslosigkeit und Verelendung während der Wirtschaftskrise.
Ein wichtiges literarisches Ereignis war 1924 Thomas Manns Der Zauberberg. Der Roman spielt in der Abgeschiedenheit einer Davoser Lungenklinik und zeigt bürgerliche Lebensformen und Denkweisen in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist ein zentrales Thema. Hermann Hesse veröffentlichte in der Weimarer Zeit unter anderem Demian (1919), Siddhartha. Eine indische Dichtung, Der Steppenwolf, Narziß und Goldmund sowie Die Morgenlandfahrt. Seine Bücher wurden als „Biographie der Seele“ verstanden und spiegelten die Auflösung der alten europäischen Sicherheit.
Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz von 1929 gilt als herausragender Großstadtroman. Im Mittelpunkt steht Franz Biberkopf, ein einfacher Lohnarbeiter, der nach vierjähriger Haft aus dem Gefängnis entlassen wird und im Berliner Großstadtdschungel Orientierung sucht, aber scheitert. Der Roman macht Rhythmus, Unruhe und Widersprüche der Metropole literarisch erfahrbar.
Der Erste Weltkrieg wurde aus sehr unterschiedlichen Perspektiven verarbeitet. Ernst Jünger schilderte in In Stahlgewittern (1920) und Der Kampf als inneres Erlebnis (1922) den Krieg als erregendes Abenteuer. Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues (1929) wurde dagegen ein großer Antikriegs-Bestseller und zeigte die Schrecken von Trommelfeuer, Granatbeschuss und Stellungskrieg. Auch Ludwig Renns Krieg (1928) zählt zur wichtigen Antikriegsliteratur.
Die Weltwirtschaftskrise prägte Romane der späten Republik. Erich Kästners Fabian (1931) zeigt einen Protagonisten, der auf dem Höhepunkt der Krise mit Galgenhumor lebt und am Ende bei dem Versuch ertrinkt, ein Kind zu retten. Hans Falladas Kleiner Mann – was nun? (1932) schildert den Abstieg eines Angestellten in einer Zeit von Lohnkürzungen, Leistungsdruck und Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig wurde die Reportage wichtig: Egon Erwin Kisch verkörperte mit Der rasende Reporter (1925) den neusachlichen Autor. Reportageelemente gelangten auch in Romane, etwa bei Ernst Ottwalt und Willi Bredel.
Populäre Literatur und weitere Werke
Neben den heute oft besonders bekannten Werken gab es eine breite populäre Lesekultur. In großen Teilen der Bevölkerung wurden Autoren wie Karl May, Hermann Löns, Hans Carossa, Ernst Wiechert, Rudolf G. Binding und Hedwig Courths-Mahler gelesen. Zu den meistgelesenen Büchern zählten Ina Seidels Wunschkind, Hermann Stehrs Heiligenhof und Emil Strauß’ Schleier. Walter Laqueur bezeichnete Gerhart Hauptmann, Nobelpreisträger von 1912, und Thomas Mann, Nobelpreisträger von 1929, als „Klassiker der Republik“.
Eine eigene Rolle spielte Trivialliteratur. Damit ist hier massenhaft verbreitete Unterhaltungsliteratur gemeint, die oft als literarisch minderwertig galt. In der Weimarer Zeit blühte außerdem eine neue Erwachsenenliteratur auf, die Themen wie Sexualität, Homosexualität, Fetischismus, Masochismus, Mädchenhandel oder exotische Sexualfantasien behandelte. Sie reichte von wissenschaftlicher oder pseudowissenschaftlicher Ratgeberliteratur über Nacktdarbietungen bis hin zu Pornographie.
Berlin wurde in solchen Texten häufig als Schauplatz moderner Vergnügungs- und Sexualkultur dargestellt. Ruth Margarete Roellig veröffentlichte 1928 den Führer Berlins lesbische Frauen, der vierzehn Treffpunkte lesbischer Kreise beschrieb. 1930 schrieb sie für Das lasterhafte Weib über Lesbentum und Transvestitismus. In Ich klage an thematisierte sie Zwangsehe und Unterdrückung. Konrad Haemmerling, auch Curt Moreck, veröffentlichte halb-aufklärerische Werke zur Sittengeschichte, darunter 1931 einen Führer durch das „lasterhafte“ Berlin.
Weitere bekannte Autoren und Werke der Zeit waren unter anderem Hermann Brochs Die Schlafwandler (1930–1932), Lion Feuchtwangers Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz (1930), Martin Heideggers Sein und Zeit (1927), Ödön von Horváths Kasimir und Karoline (1932), Franz Kafkas Das Schloß (1926), Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen (1932), Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften (1931/1932), Joseph Roths Radetzkymarsch (1932), Kurt Schwitters’ Anna Blume (1919) und Kurt Tucholskys Deutschland, Deutschland über alles (1929).
Autoren, Markt und Zensur
Bücher wurden in der Weimarer Republik immer stärker zur Massenware. Viele Schriftsteller fühlten sich dem Markt ausgeliefert, deshalb gewannen Schriftstellerverbände an Bedeutung. Sie vertraten politische Positionen, aber auch wirtschaftliche Interessen der Autoren. Der wichtigste Verband war der Schutzverband Deutscher Schriftsteller (SDS). Er war schon 1909 gegründet worden, erhielt aber nun eine feste Bedeutung. Die preußische Akademie der Künste bekam eine Sektion für Dichtkunst, was Heinrich Mann begrüßte, weil er darin eine staatliche Aufwertung der Schriftsteller sah. Politisch ausgerichtet war unter anderem der Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, der der KPD nahestand.
Die Weimarer Verfassung garantierte in Artikel 118 die Freiheit von Wort und Schrift. Gleichzeitig wurde diese Freiheit wieder eingeschränkt. Nach dem Mord an Walther Rathenau wurde 1922 das Republikschutzgesetz erlassen. In der Praxis wurde es laut Artikel vor allem gegen linke Autoren angewandt, nicht gegen rechte Autoren, die etwa in Freikorpsromanen Gewalt verherrlichten.
1925 wurde ein Roman von Johannes R. Becher beschlagnahmt; Becher wurde wegen Hochverrats angeklagt. Grundlage waren nicht Taten, sondern seine Veröffentlichungen. Nach öffentlichen Protesten wurde das Verfahren eingestellt. 1926 folgte das Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften. Thomas Mann vermutete darin von Anfang an eine politische Stoßrichtung. Es wurde unter anderem gegen Filme wie Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt? und Panzerkreuzer Potemkin angewandt; auch Brechts Die Mutter und Die Heilige Johanna der Schlachthöfe wurden mit Aufführungsverboten belegt.
1930 wurde das Republikschutzgesetz erneuert, 1931 trat eine Pressenotverordnung in Kraft. Sie ermöglichte die Beschlagnahmung von Schriften und das Verbot von Zeitungen über mehrere Monate. Willi Bredel wurde wegen literarischem Hoch- und Landesverrat zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt. Carl von Ossietzky wurde als Hochverräter angeklagt, weil er über heimliche Aufrüstung im Luftwaffenbereich geschrieben hatte. 1932 spaltete sich der Schutzverband Deutscher Schriftsteller über die Frage, ob er ein politisches Mandat habe. Bereits 1932 drohte der Völkische Beobachter mit Bücherverboten.
Lernvideos zu Literatur der Weimarer Republik
10:04
Epoche der Neuen Sachlichkeit / Weimarer Republik | DiB
Deutsch in Bildern · 48.028 Aufrufe
7:11
Neue Sachlichkeit / Literatur der Weimarer Republik - Literaturepoche einfach erklärt - Merkmale
Die Merkhilfe · 126.196 Aufrufe
4:57
Neue Sachlichkeit einfach erklärt - Literaturepoche (1918-1933) - Themen, Motive, Sprache erklärt!
EinfachSchule · 31.594 Aufrufe