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1920er
Das Jahrzehnt wird auch, vor allem für die Jahre ab 1924, als „Goldene Zwanziger“ bezeichnet. Das Jahrzehnt war von einer gesellschaftlichen wie politischen …
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Überblick und politische Umbrüche
Die 1920er-Jahre dauerten vom 1. Januar 1920 bis zum 31. Dezember 1929. Sie waren nach dem Ersten Weltkrieg eine gesellschaftliche und politische Zeitenwende. Friedensverträge, besonders der Versailler Vertrag, veränderten Grenzen und schufen neue Staaten auf Kosten der ehemaligen Mittelmächte. In Europa entstanden außerdem neue Republiken, etwa die Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches.
In Deutschland war die frühe Weimarer Republik durch Hungersnot, Arbeitslosigkeit, Kriegsversehrte und politische Gewalt geprägt. Zu den ermordeten führenden Politikern gehörten Matthias Erzberger und Walther Rathenau. Die instabile Lage zeigte sich in Ereignissen wie dem Kapp-Putsch, dem Ruhraufstand, den Märzkämpfen in Mitteldeutschland, dem Hitler-Ludendorff-Putsch, der Ruhrbesetzung und dem Hamburger Aufstand. Links- und rechtsextreme Strömungen gewannen an Bedeutung.
International prägten der Aufstieg des Faschismus unter Benito Mussolini nach dem Marsch auf Rom, die Ausbreitung des Kommunismus und die Gründung der Sowjetunion im Dezember 1922 nach dem Sieg der Bolschewiki im Russischen Bürgerkrieg das Jahrzehnt. Mustafa Kemal Atatürk formte die Türkei. Der Völkerbund entstand als Vorläufer der UNO. Die Genfer Konvention verbot den Handel mit chemischen und biologischen Waffen sowie ihren Einsatz im Krieg.
Wirtschaft zwischen Inflation und Krise
Die deutsche Hyperinflation von 1914 bis 1923 war eine besonders radikale Geldentwertung. 1923 wurde zur Bekämpfung die Rentenmark eingeführt. Danach folgte ein wirtschaftlicher Aufschwung, der bis zum Ende des Jahrzehnts andauerte; diese Phase wird besonders ab 1924 als „Goldene Zwanziger“ bezeichnet.
Der Aufschwung endete mit den Kursverlusten an der New Yorker Börse am 25. Oktober 1929, dem schwarzen Freitag beziehungsweise Black Thursday. Daraus entwickelte sich die Weltwirtschaftskrise. Auch an der Berliner Börse gab es am 13. Mai 1927 einen Schwarzen Freitag.
Wichtige wirtschaftliche Entwicklungen waren die österreichische Währungsreform von 1924, bei der der Schilling die Krone ersetzte, sowie das deutsche Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung von 1927. Es ersetzte die bisherige provisorische Erwerbslosenfürsorge und begründete einen Rechtsanspruch auf Arbeitslosengeld. Mehrere Unternehmen entstanden oder veränderten sich: IBM erhielt 1924 seinen Namen, 1926 fusionierten Benz & Cie. und Daimler-Motoren-Gesellschaft zur Daimler-Benz AG, und 1926 wurde die Deutsche Lufthansa gegründet.
Wissenschaft, Technik und Medizin
In Wissenschaft und Technik gab es bedeutende Neuerungen. Der Rumpler-Tropfenwagen wurde 1921 als erstes aerodynamisch konstruiertes Auto präsentiert; MAN stellte 1924 einen Lkw als erstes Straßenfahrzeug mit Dieselmotor vor. Robert Goddard startete 1926 in den USA die erste Flüssigkeitsrakete. Erik Rotheim erfand im selben Jahr die Sprühdose.
Die Astronomie veränderte das Bild des Universums: Die Shapley-Curtis-Debatte führte zu einem neuen Verständnis von Galaxien und der Größe des Universums. Edwin Hubble bewies anhand des Andromedanebels die Existenz von Himmelskörpern außerhalb der Milchstraße. Georges Lemaître stellte eine These über den Beginn des Universums vor, die später Urknall genannt wurde.
Die Quantenmechanik machte große Fortschritte. Dazu gehörten die Wellengleichung und Schrödingergleichung, Werner Heisenbergs Unschärferelation sowie die Kopenhagener Deutung. Hans Geiger und Walther Müller entwickelten das Geiger-Müller-Zählrohr zum Nachweis ionisierender Strahlung. In der Medizin werden die Entdeckung des Insulins durch Charles Best und Frederick Banting mit der ersten Behandlung eines Menschen mit Diabetes mellitus sowie Alexander Flemings Entdeckung des Penicillins genannt.
Massenmedien, Film und Kultur
Radio wurde zunehmend eingeführt und entwickelte sich zu einem neuen Massenmedium. In Deutschland begann 1922 der Wirtschaftsrundspruchdienst als erster regelmäßiger Sender. Der offizielle deutsche Rundfunkstart erfolgte am 29. Oktober 1923: Die „Radiostunde“, später „Funk-Stunde Berlin“, sendete von 20 bis 21 Uhr aus dem Vox-Haus. Wilhelm Kollhoff meldete 1923 als erster Rundfunkteilnehmer in Deutschland sein Radio an und zahlte wegen der Inflationszeit 350 Milliarden Mark für die Genehmigung. 1925 entstand die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft als Dachorganisation regionaler Gesellschaften.
Auch Fernsehen und Tonaufzeichnung wurden erprobt. John Logie Baird führte 1926 mechanisches Fernsehen vor; 1927 demonstrierte Philo Farnsworth die rein elektronische Bildübertragung. Die Deutsche Reichspost testete 1928 Bildfunk und begann am 8. Mai 1929 um 23:10 Uhr eine 80-minütige Test-Fernsehsendung ohne Ton.
Im Film setzte sich der Tonfilm durch. Warner Brothers produzierten Don Juan (1926) als ersten Spielfilm mit Soundtrack, Der Jazzsänger (1927) als ersten halbvertonten und Lights of New York (1928) als ersten vollvertonten Spielfilm. Der Jazzsänger gilt außerdem als erster kommerzieller Tonfilm und sorgte mit seinem Erfolg für den Durchbruch. Zu wichtigen Filmen gehörten Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (1922), Goldrausch (1925), Panzerkreuzer Potemkin (1925) und Metropolis (1927). 1929 wurde in Berlin Die Nacht gehört uns als erster in Deutschland gedrehter Tonfilm uraufgeführt.
Kulturell standen unter anderem Bauhaus, Neue Sachlichkeit, Surrealismus, Art déco und Dadaismus für neue Formen. In Musik und Theater werden Zwölftontechnik, Neoklassizismus, Chicago-Jazz, Swing und Schlager genannt. 1924 wurde George Gershwins Rhapsody in Blue uraufgeführt, 1928 die Dreigroschenoper von Kurt Weill und Bertolt Brecht. In der Literatur erschienen unter anderem James Joyces Ulysses, Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues, Thomas Manns Der Zauberberg und F. Scott Fitzgeralds Der große Gatsby.
Gesellschaft, Sport und internationale Entwicklungen
In den Vereinigten Staaten wurden 1920 Frauenwahlrecht und Prohibition eingeführt. Die Prohibition von 1919 bis 1933 förderte Alkoholschmuggel durch Mafia-Syndikate, darunter die von Al Capone und Johnny Torrio. Der Scopes-Prozess von 1925 machte den Konflikt zwischen biblischer Schöpfungslehre und Evolutionstheorie sichtbar: Lehrer John Thomas Scopes wurde in Tennessee zu 100 Dollar Bußgeld verurteilt, weil er Evolution unterrichtet hatte.
Im Sport fanden große internationale Wettbewerbe statt: die VI. Olympischen Sommerspiele 1920 in Antwerpen, die ersten Olympischen Winterspiele 1924 in Chamonix-Mont-Blanc, die VII. Olympischen Sommerspiele 1924 in Paris, die II. Olympischen Winterspiele 1928 in St. Moritz und die IX. Olympischen Sommerspiele 1928 in Amsterdam. 1924 wurden außerdem der Internationale Skiverband FIS und der Weltschachverband FIDE gegründet. In den USA entstand 1920 die spätere National Football League zur Organisation von American Football.
Weitere prägende Ereignisse waren Charles Lindberghs Non-Stop-Alleinflug über den Atlantik 1927, die Unabhängigkeit Irlands und der „Bevölkerungsaustausch“, also die wechselseitige Vertreibung, zwischen Türkei und Griechenland.