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Neolithisierung Europas
Die neue Lebensweise wurde in Europa ab 7300 v. Chr. von Migranten aus dem fruchtbaren Halbmond Vorderasiens importiert, wo sie sich erstmals auf der Erde …
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Begriff, Bedeutung und Ursachen
Die Neolithisierung Europas bezeichnet den kulturellen Wandel von mittelsteinzeitlichen Jägern und Sammlern zu jungsteinzeitlichen Gesellschaften, die ihre Nahrung durch Pflanzenbau und Tierhaltung produzierten. Damit verbunden waren meist Sesshaftigkeit, Vorratshaltung, Keramik, neue Werkzeuge und Gebäude sowie Veränderungen von Arbeitsteilung, sozialen Rollen, politischen Einrichtungen, Religion und langfristiger Planung. Die Bevölkerung wuchs häufig deutlich, später kam es jedoch auch zu Hungersnöten und starken Einbrüchen.
Landwirtschaftliche Lebensweisen entstanden zwischen 9500 v. Chr. und 2000 v. Chr. unabhängig voneinander in 15 bis 20 Weltregionen. In Vorderasien begann die Entwicklung zuerst. Nach Europa gelangte die neue Lebensweise ab 7300 v. Chr. durch Einwanderer aus dem Fruchtbaren Halbmond. Ihre Ausbreitung über die kühlgemäßigte Zone Europas dauerte annähernd 4000 Jahre.
Warum Menschen zur Landwirtschaft übergingen, ist nicht abschließend geklärt. Sie erforderte mehr Arbeit als das Leben von Wildbeutern und brachte durch enge Kontakte mit Tieren neue Krankheiten, sogenannte Zoonosen, sowie teilweise schlechtere Ernährung mit sich. Vorräte erhöhten andererseits die Versorgungssicherheit.
Als wichtiger Auslöser gelten Klimaveränderungen am Ende der letzten Eiszeit. Im milden Alleröd-Interstadial nahmen im Vorderen Orient Regenfälle, Graslandschaften, Gazellenbestände und menschliche Populationen zu. Einige Gruppen wurden sesshaft und nutzten wilde, körnertragende Gräser; Reibsteine und Mörser belegen deren Verarbeitung. Ob eine folgende Abkühlung den vollständigen Übergang zum Getreideanbau erzwang, bleibt unklar. Die kohlenhydratreiche Ernährung ermöglichte kürzere Abstände zwischen Geburten. Trotz Krankheiten und möglicherweise erhöhter Kindersterblichkeit wuchs die Bevölkerung insgesamt, wodurch sich bäuerliche Gruppen weiter ausbreiteten. Ob die Kindersterblichkeit tatsächlich höher war, ist umstritten, weil Kleinkinder tierische Milch verdauen konnten und davon profitiert haben könnten.
Einwanderung, Lebensweise und Ausbreitungswege
Die europäischen Bauern stammten nach heutigem Kenntnisstand von anatolischen Einwanderern ab. Sie brachten domestizierte Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine, die Kulturpflanzen Einkorn, Emmer und Gerste sowie landwirtschaftliches Wissen mit. Die Gründe ihrer Wanderung sind nicht sicher bekannt; diskutiert werden Ernährungsprobleme, Raub, religiöse Motive, Neugier, Klima und Bevölkerungsentwicklung. Radiokarbondaten zeigen kein gleichmäßiges Wachstum, sondern wiederholte Phasen von Erschließung, Wachstum und regionalen Bevölkerungseinbrüchen von 30–60 %.
Das sogenannte neolithische Paket umfasst Sesshaftigkeit, Tier- und Pflanzendomestikation, Häuser, Keramik und eine produzierende Wirtschaftsweise. Diese Merkmale traten jedoch nicht überall gleichzeitig auf. Auch mesolithische Gruppen konnten bei reichlichen Fisch- oder Wildgetreidevorkommen sesshaft sein. Kennzeichnend für das Neolithikum war, dass die Menschen dauerhaft an ihre Siedlungen und ihre Produktion gebunden wurden. Die „Neolithische Revolution“ dauerte Jahrtausende und verlief regional unterschiedlich.
Bauern und Wildbeuter lebten oft jahrhundertelang nebeneinander und tauschten Wissen und Güter aus. In der Blätterhöhle in Nordrhein-Westfalen wurden beide Gruppen noch 2000 Jahre nach Ankunft der Landwirtschaft in einer gemeinsam genutzten Begräbnisstätte bestattet. Regional verschwand der Ackerbau auch wieder: Nach dem Zusammenbruch der Bandkeramik wurde der extensive Getreideanbau in Mittel- und Nordeuropa etwa tausend Jahre lang unterbrochen.
Die Ausbreitung verlief in schnellen Schüben mit langen Pausen. Eine Hauptstrecke führte ab 7300 v. Chr. von Anatolien über Griechenland und Bulgarien, den Balkan und die Donau nach Mitteleuropa, später bis Skandinavien (4300–4000 v. Chr.). Um 5700 v. Chr. wurde Mitteldeutschland, um 4500 v. Chr. die Ostseeküste erreicht. Ab etwa 6350 v. Chr. zweigte eine Route über Serbien und die Ukraine bis zum Finnischen Meerbusen ab. Von Mitteldeutschland verlief eine weitere Route westwärts bis zu den Britischen Inseln (4600–4300 v. Chr.). Die Mittelmeerroute führte über Griechenland, Italien und Südfrankreich zur Iberischen Halbinsel (6000–5800 v. Chr.). Nach Norden verlangsamten kürzere Wachstumsperioden den Prozess; dort nahmen Zusammenarbeit und genetische Vermischung mit Wildbeutern zu.
Frühe und mittlere Bauernkulturen
Die Linearbandkeramische Kultur, kurz Bandkeramik, war die älteste bäuerliche Kultur Mitteleuropas mit dauerhaften Siedlungen. Sie breitete sich etwa 5600–5400 v. Chr. vom westlichen Ungarn bis zum Rhein-Main-Gebiet und danach bis ins Pariser Becken sowie weit nach Osteuropa aus. Genetische Untersuchungen verbinden ihre Angehörigen mit nahöstlichen Populationen und einer Einwanderungsroute über Anatolien und den Balkan. Bevorzugt wurden fruchtbare Löss- und Schwarzerdeböden.
Die Bandkeramiker betrieben Ackerbau und hielten Rinder, Hunde, Schafe, Ziegen und Schweine, aber keine Pferde. In Waldlandschaften legten sie Rodungsinseln mit Äckern an. Sie lebten in Langhäusern, die möglicherweise auch als Speicher dienten; Getreide wurde außerdem in Gruben gelagert. Wie viele Menschen in einem Haus wohnten, ist ungeklärt. Vermutlich bestanden Austauschbeziehungen mit der Schafe und Ziegen haltenden La-Hoguette-Gruppe.
Ältere Modelle nahmen eine umfassende Aufnahme einheimischer Wildbeuter an. Neuere genetische Ergebnisse sprechen dagegen für eine weitgehende Trennung, obwohl Techniken, Ideen und Güter ausgetauscht wurden. Um 5000 v. Chr. brachen bandkeramische Siedlungen unter deutlichen Anzeichen von Gewalt zusammen. Danach führten die Hinkelstein-Gruppe, die Großgartacher Gruppe und die Stichbandkeramiker die Landwirtschaft als mittelneolithische Kulturen fort. Reichere Grabbeigaben und Einzelgräber der Hinkelstein-Gruppe weisen auf eine stärker elitär geprägte Gesellschaft hin.
Mit der Michelsberger Kultur entstanden große befestigte Anlagen auf Hügeln. Siedlungen wurden häufiger verlegt, Ackerbau, Siedlungsdichte und Bevölkerung nahmen ab; Rinderhaltung gewann in einer agropastoralen, also Ackerbau und Weidewirtschaft verbindenden Wirtschaftsweise an Bedeutung. Diese Kultur brachte Landwirtschaft weiter nach Norddeutschland.
Im Nord- und Ostseeraum sowie in Südskandinavien entwickelte sich aus Bauern und stark beteiligten lokalen Wildbeutern die Trichterbecherkultur. Rad, Ochsen als Zugtiere und Pflüge ermöglichten Rodungen und größere Äcker. Viehzucht war wichtiger als bei den Bandkeramikern, doch Jagd und Fischfang blieben jahrhundertelang bedeutend. Brandrodung gestaltete die Landschaft; erste kleine Kupferobjekte hatten noch keine großen gesellschaftlichen Folgen. Regionale Kulturen, Kleinfamilien in Dörfern sowie Kollektivbestattungen in Grabhügeln und Hünengräbern lösten die frühere großräumige Einheit ab.
Gewalt und offene archäologische Fragen
Mit wachsender Bevölkerung und der Erschließung geeigneter Flächen entstanden Verteilungskämpfe. Bauern errichteten Wallanlagen, und Massaker wie das von Talheim belegen die Tötung ganzer Gruppen oder Familien. Wahrscheinlich kämpften vor allem Bauern gegen Bauern. Anfangs dienten Beile, Dechsel und Keulen als Waffen. Damit sind erstmals in Europa kriegerische Auseinandersetzungen zwischen ganzen Gruppen sicher nachweisbar.
Besonders rätselhaft ist Herxheim. Dort fanden sich in einer bandkeramischen Grabenanlage die Überreste Hunderter Menschen, darunter vieler junger Erwachsener. Fleisch war sorgfältig von den Knochen entfernt worden; anschließend wurden die Knochen zerschlagen und teilweise geordnet. Bearbeitete Schädelkalotten lagen in Gruppen, und wertvolle Keramik aus bis zu 400 km entfernten Gebieten war ebenfalls zerschlagen worden. Strontiumanalysen zeigen, dass die Toten aus entfernten Mittelgebirgsregionen kamen. Genetisch waren sie keine Wildbeuter, sondern Bandkeramiker.
Die Handlungen erstreckten sich über ungefähr 50 Jahre. Die Deutung als Folgen von Kämpfen oder als erneute Bestattung gilt inzwischen als weniger wahrscheinlich. Kannibalismus wird diskutiert, ist aber nicht bewiesen. Andrea Zeeb-Lanz vermutet überregional geregelte Rituale während einer tiefen kulturellen Krise, bei denen Menschen getötet, bearbeitet und bestattet wurden, möglicherweise begleitet von Festmahlen. Ob Krieg, religiöse Gewalt oder andere Ursachen entscheidend zum Ende der Bandkeramik beitrugen, bleibt offen.
Auch Spuren eines möglichen Pflanzenanbaus im Schweizer Mittelland um 6900 v. Chr. sind umstritten. Pollen- und Pflanzenfunde könnten darauf hindeuten, dass Menschen nördlich der Alpen etwa 1500 Jahre vor der Durchsetzung des Ackerbaus Wälder rodeten und Pflanzen anbauten. Falls Datierung und Bestimmung stimmen, ist unbekannt, wie Samen und Kenntnisse dorthin gelangten. Getreide war damals jedenfalls noch kein Grundnahrungsmittel.
Genetische Umbrüche und Schnurkeramik
Die Paläogenetik untersucht Verwandtschaft anhand alter DNA. Eine Untersuchung Barbara Bramantis von 2009 ergab große genetische Unterschiede zwischen mesolithischen Wildbeutern und neolithischen Bauern: 82 % der untersuchten Jäger und Sammler besaßen DNA-Typen, die heute in Europa kaum vorkommen. Die ersten Bauern waren daher hauptsächlich Nachfahren von Einwanderern. Heutige Europäer stammen jedoch weder allein von ihnen noch allein von Wildbeutern ab, sondern zusätzlich von einer dritten Gruppe.
Diese dritte Gruppe wird mit der Jamnaja-Kultur aus den südrussischen Steppen verbunden. Eine 2015 veröffentlichte Analyse von 69 Skeletten aus dem Gebiet von mittlerer Elbe und Saale belegt die Einwanderung einer Hirtenbevölkerung mit Rindern und Pferden. Warum frühere bäuerliche Gesellschaften zuvor einbrachen, ist nicht eindeutig beweisbar. Johannes Krause hält eine frühe Form der Pest für eine plausible Ursache; möglich sind auch andere Krankheiten, Klimaveränderungen, Missernten und folgende Kriege.
Unter den Einwanderern herrschte ein Verhältnis von fünf bis vierzehn Männern auf eine Frau. Genetische Befunde zeigen, dass sich die Männer mit ansässigen Frauen verbanden. Kristian Kristiansen vermutet überwiegend aus jungen Männern bestehende Kriegergruppen und Frauenraub. Die Neuankömmlinge wurden sesshaft, betrieben Landwirtschaft und hielten besonders viele Rinder; Milchwirtschaft wurde wichtig.
Aus ihnen entwickelte sich die Schnurkeramikkultur. Etwa 75 % ihres Erbguts gingen auf die Jamnaja zurück. Streitäxte, Dolche, Reflexbogen und verschiedene Pfeiltypen zeigen eine weiterentwickelte Waffentechnik. Frauen der ersten Generation hatten in ihrer Kindheit eine andere Ernährung als Männer und kamen wahrscheinlich aus neolithischen Dörfern. Möglicherweise brachten sie Kenntnisse der Keramikherstellung mit. Landwirtschaftliche Wörter älterer Gruppen wurden vermutlich in indoeuropäische Sprachen übernommen. Familiengräber und geschlechtsspezifische Beigaben – eher Waffen für Männer, eher Schmuck für Frauen – zeigen stärkere Individualisierung und unterschiedliche Geschlechterrollen.
Der Steppenanteil ist im Norden Europas stärker als im Süden. In Deutschland wurden etwa 70 % der genetischen Struktur verändert, auf den Britischen Inseln über 90 %. In Spanien stammten insgesamt etwa 40 % der Gene von Menschen mit steppennomadischen Vorfahren; die männlichen Y-Chromosomen der früheren Bauern wurden nahezu vollständig ersetzt. David Reich hält einen friedlichen Ablauf deshalb für ausgeschlossen. Sardinien bewahrte dagegen eine genetisch fast unveränderte Population neolithischer Einwanderer aus Anatolien.
Glockenbecher, Übergang zur Bronze und Nordafrika
Die Glockenbecherkultur überschnitt sich zeitlich und räumlich teilweise mit der Schnurkeramikkultur, war aber nicht an eine einheitliche Abstammungsgruppe gebunden. Sie verbreitete sich sowohl auf den stark von Steppengenen geprägten Britischen Inseln als auch in Spanien, wo ältere anatolisch-neolithische Abstammung stärker erhalten blieb. Ihre Angehörigen waren regional genetisch verschieden. Daher müssen sowohl Migration als auch die Weitergabe von Ideen durch Lernprozesse ihre Ausbreitung erklären.
Die Glockenbechergruppen lebten räumlich getrennt, blieben aber über große Entfernungen verbunden: Funde reichen von der Iberischen Halbinsel und Südfrankreich über Großbritannien, die Niederlande und Dänemark bis nach Norddeutschland, Jütland und Ungarn. Für dieses Netzwerk wird der Begriff Metapopulation vorgeschlagen: getrennte Teilgruppen, die durch Personenaustausch verbunden sind. Die Glockenbecherkultur bildet ein Bindeglied zwischen Neolithikum und Bronzezeit.
In Nordeuropa, Skandinavien und auf den Britischen Inseln setzte sich die Neolithisierung erst nach 4500 v. Chr. durch. Um 1300 v. Chr. entstand die letzte und eindrucksvollste von ungefähr sieben Bauphasen Stonehenges. Möglicherweise entwickelte diese Kultur selbstständig Bronze, begünstigt durch die nahe Zinnmine Cornwalls. Die eingewanderten Träger der Jamnaja-Abstammung ersetzten die Erbauer Stonehenges, nutzten das Monument aber weiter. Im Endneolithikum stieg die Besiedlungsdichte, während Jagd gegenüber Viehzucht endgültig zurücktrat.
Die Ausbreitung verlief auch über Europa hinaus: Im Nordwesten Afrikas begann der Übergang zur Landwirtschaft vor etwa 7400 Jahren. Genomanalysen zeigen, dass europäische Bauern aus Spanien um 5500 v. Chr. dorthin kamen. Die seit mindestens 8000 Jahren isolierte lokale Jäger- und Sammlerbevölkerung lebte mindestens ein Jahrtausend neben ihnen. Um 4300 v. Chr. erreichten zusätzlich Nomaden aus der Levante die Region.
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