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Zeitrechnung
Moderne Zeitrechnungssysteme · Das Julianische Datum zählt in seiner Ursprungsform die Tage seit dem 1. Januar −4712 (4713 v. Chr.) · Modifiziertes Julianisches …
Inhalt6 Abschnitte
Gegenstand und Grundformen
Zeitrechnung ordnet und strukturiert Zeit sowie zeitliche Abläufe. Die international gebräuchlichste Zeitrechnung orientiert sich bei ihren Bezugsdaten, der Ära, am Gregorianischen Kalender und entspricht auch in anderen Aspekten der christlichen Zeitrechnung.
Wichtige Aufgabenbereiche sind:
- die Ordnung der linearen Zeit, etwa durch Angaben wie „Before Present“ oder „million years ago“;
- die Angabe eines Zeitpunkts im Kalendersystem, zum Beispiel durch Uhrzeit oder astronomische Chronologie;
- Vereinbarungen über Bezugsdaten, etwa ein Jahr null oder eine Ära;
- die kalendarische Ordnung zyklischer Einheiten wie Jahr, Monat, Woche und Tag;
- Regeln für die Schreibweise eines Datums.
In Deutschland steht das Recht der Zeitbestimmung nach Art. 73 Abs. 1 Nr. 4 GG allein dem Bund zu.
Kalender und Uhrzeit
Kalender teilen die Zeit regelmäßig in Jahre, Monate, Wochen und Tage ein. Uhren stellen sie in Stunden, Minuten und Sekunden dar. Ausgangspunkt dieser Einteilungen war in allen Kulturen die Beobachtung astronomischer Erscheinungen von Sonne, Mond und Sternenhimmel. Der heute weltweit gebräuchlichste Gregorianische Kalender ist ein Solarkalender.
Die Bewegung der Sonne wird in Jahr, Tag und Uhrzeit abgebildet. Ein Tag orientiert sich an der Zeitspanne zwischen zwei Sonnenhöchstständen; Grundlage des Jahres ist die Umlaufdauer der Erde um die Sonne. Vom Mond leitet sich der Monat ab, außerdem beispielsweise der Mond-Tag Tithi der vedischen Zeitrechnung. Längere Zeiträume können sich ebenfalls auf astronomische Vorgänge beziehen: Das platonische Jahr beruht auf der Präzessionsbewegung der Erdachse, das sothische Jahr des ägyptischen Kalenders auf dem Stern Sirius.
Bezugsdaten für die Jahreszählung
Lineare Zeitrechnungen setzen die Vereinbarung eines oder mehrerer Bezugsdaten voraus. Das persönliche Bezugsdatum ist der Geburtstag; aus der Erinnerung an die Abfolge der Sonnenjahre ergibt sich die Einteilung eines Menschenlebens in Lebensjahre.
Als Ausgangspunkt kann die Entstehung der Welt dienen. Das Lambda-CDM-Modell beschreibt die Entwicklung des Universums seit dem Urknall und ergibt ein Alter des Universums von rund 13,8242 Milliarden Sonnenjahren. Die geologische Zeitskala unterteilt die Erdgeschichte von der Entstehung der Erde vor 4,54 Milliarden Jahren bis heute hierarchisch in große Zeiträume von hunderten von Millionen Jahren.
Jüdische Forscher datierten den Beginn der Jüdischen Ära auf den 6. Oktober 3761 v. Chr., 23:11:20 Uhr. Nach christlicher Tradition wich die Berechnung des „annus creationis mundi“ davon ab. Gregor der Große kam auf 5184 Jahre bis zur Auferstehung Jesu Christi und setzte diese auf dessen 33. Jahr; bis zur Zeitenwende verblieben dadurch 5151 Jahre. Das Oströmische Reich datierte die Erschaffung der Welt nach Angaben der Septuaginta auf 5501 v. Chr. oder 5508 v. Chr.; diese Zählung wurde etwa im Altrussischen Kalender übernommen. In den orthodoxen Kirchen setzte sich erst Ende des 17. Jahrhunderts die Zählung nach Christi Geburt durch. Zar Peter I. führte 1699 die Jahreszählung nach Christi Geburt und den Jahresbeginn am 1. Januar ein: Auf den 31. Dezember 7208 folgte der 1. Januar 1700, der dem 11. Januar nach dem gregorianischen Kalender entsprach.
In vielen Kulturen begann die offizielle Zeitrechnung mit dem Amtsantritt eines Herrschers. Jahre konnten als „im xx. Jahr der Regentschaft des …“ bezeichnet werden. Königslisten dienten in Sumer und Ägypten als Grundlage. Die Seleukidische Ära begann 312 v. Chr. mit dem Herrschaftsantritt von Seleukos I.; die Diokletianische Ära begann 284 und wurde nach dem Tod Diokletians eingeführt, besonders in der koptischen Kirche und im christlichen Nubien. Die römische Zeitrechnung beruhte auf Konsullisten mit den jeweils amtierenden Konsuln.
Die indische Geschichte kennt zahlreiche kurzlebige Reiche mit eigenen, an Herrscher geknüpften Zeitrechnungen, die chronologisch teilweise noch nicht sicher festgelegt sind. Genannt werden unter anderem die Maues-Ära im frühen ersten vorchristlichen Jahrhundert, die Azes-Ära in der Mitte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts, die Gondophares-Ära ab etwa 20, die Saka-Ära ab 78, die Kanischka-Ära zwischen 110 und 130, die Kuschan-Ära ab 227, die Kushano-Sasanidische Ära ab 233, die Kalchuri-Chedi-Ära von 248 und die Ganga-Ära von 420. Das Gupta-Reich begann seine Zeitrechnung mit der Thronbesteigung Chandraguptas I. im Jahr 319. Im Hinduismus zählen außerdem das Shaka-Zeitalter und das Kali-Yuga-Zeitalter zu den wichtigen Zeitrechnungen.
Religiöse und politische Bezugspunkte
Andere Zeitrechnungen richten sich nach dem Leben eines Religionsgründers oder nach einem bedeutenden kultischen beziehungsweise politischen Ereignis.
Im Buddhismus orientiert sich die traditionelle Zeitrechnung am Todesjahr Siddhartha Gautamas. Singhalesische Mönche legten es auf 544 v. Chr. fest; tatsächlich starb Buddha vermutlich erst um 483 v. Chr. Da die buddhistische Zeitrechnung mit dem Jahr 0 BE (Buddhist Era) beginnt, entspricht das westliche Jahr 2000 in der gängigen buddhistischen Zählung dem Jahr 2543 BE.
Die christliche Jahreszählung wurde von Dionysius Exiguus berechnet. Er setzte das Jahr 754 ab urbe condita, also nach der alten römischen Zeitrechnung, als Geburtsjahr Jesu von Nazaret und machte es zum „Jahr 1“ nach Christi Geburt. Beda Venerabilis verwendete diese Zählung um 730 als erster Historiker systematisch. Im Frankenreich Karls des Großen war sie bereits gebräuchlich und verbreitete sich später weltweit. Seither wird zwischen ante Christum natum, „vor Christi Geburt“, und post Christum natum, „nach Christi Geburt“, unterschieden. Diese Datierung steht allerdings im Widerspruch zur historisch wahrscheinlichen Geburt Jesu im Zeitraum von 7 bis 4 vor Christi Geburt. Ältere deutschsprachige Angaben verwenden auch „AD“ für Anno Domini; in englischen Texten sind AD und BC (before Christ) üblich. Im 20. Jahrhundert wurde außerdem versucht, die Bezeichnungen vuZ und nuZ für „vor“ beziehungsweise „nach unserer Zeitrechnung“ einzuführen.
Die islamische Jahreszählung beginnt mit der Hidschra Mohammeds, also dem Abbruch der Beziehungen zur Heimatstadt Mekka und der Übersiedlung nach Medina im Jahr 622 n. Chr. Im Bahaitum beginnt der Badi-Kalender am 21. März 1844, dem Jahr der Erklärung des Bāb.
Zu den ereignisbezogenen Zeitrechnungen gehören die griechischen Olympiaden, deren erste 776 v. Chr. stattfand, sowie die römische Zählung ab urbe condita, die sich auf die legendäre Gründung Roms durch Romulus und die Abstammung von Äneas bezieht. Systematisch nutzte sie um 400 n. Chr. der iberische Historiker Orosius. Die Französische Revolution begann 1792 eine eigene Zeitrechnung mit dem Französischen Revolutionskalender. Benito Mussolinis Era Fascista begann am 28. Oktober 1922, dem Marsch auf Rom; der 28. Oktober 1933 war danach das Jahr XI.
Moderne Systeme und Chronologie
Für die maschinelle Berechnung von Zeitspannen wurden lineare Systeme mit teilweise willkürlich festgelegten Nullpunkten entwickelt. Das Julianische Datum zählt in seiner ursprünglichen Form die Tage seit dem 1. Januar −4712, also 4713 v. Chr., 12 Uhr GMT. Varianten des Modifizierten Julianischen Datums verwenden als Nullpunkt den 17. November 1858, 0 Uhr GMT, den 30. Dezember 1899 bei Microsoft Excel für Windows sowie StarOffice/Apache OpenOffice oder den 1. Januar 1904 bei Microsoft Excel für Macintosh. Die Unixzeit zählt die Sekunden seit dem 1. Januar 1970, 0 Uhr UTC.
In den Geschichtswissenschaften wird zwischen absoluter und relativer Chronologie unterschieden. Eine Chronologie gilt als absolut, wenn ihre zeitliche Abfolge an die Gegenwart angebunden werden kann, etwa durch exakt datierte Fixpunkte, Herrscherlisten oder eine dendrochronologische Abfolge. Dann kann die gesamte Abfolge absolut datiert werden. Eine relative Chronologie ordnet Ereignisse, Funde oder andere Elemente zwar untereinander zeitlich, lässt aber offen, wie lange diese Abfolge vor der Gegenwart liegt, weil ein fester Bezugspunkt zur Gegenwart fehlt.
Schreibweise von Datumsangaben
Die Europäische Norm EN 28601 von 1992 legt das Datumsformat für Deutschland und Österreich uneingeschränkt fest. Sie wurde aus ISO 8601 von 1988 abgeleitet. Der aktuelle Standard ISO 8601 von 2000 sieht eine vollständige Zeitskala mit einem Jahr null und Jahresangaben mit negativem Vorzeichen vor. Eine Datierung nach christlicher Tradition mit „vor Christus“ oder „nach Christus“ und ohne Jahr null wird darin nicht mehr behandelt.
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