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Geschichte der Landwirtschaft
Die Geschichte der Landwirtschaft umfasst die weltweiten Entwicklungen bezüglich der Bewirtschaftung des Bodens und der Viehhaltung, die mit dem Ziel der …
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee und Entstehung
Die Geschichte der Landwirtschaft umfasst die weltweite Entwicklung von Bodenbewirtschaftung und Viehhaltung zur Gewinnung pflanzlicher und tierischer Produkte – von der Neolithischen Revolution bis zur Gegenwart. Landwirtschaft veränderte Ernährung, Bevölkerungsdichte, Arbeit und Umwelt grundlegend.
Ihre Anfänge werden als Reaktion bereits weitgehend sesshafter Wildbeuterkulturen auf saisonale Nahrungsengpässe erklärt. Als Ursachen nennt der Artikel die Überjagung von Wildbeständen und die Abkühlung während der jüngeren Dryaszeit. Weil eine Rückkehr zur nomadischen Lebensweise nicht mehr möglich oder nicht mehr erwünscht war, gingen Menschen zu Ackerbau und Viehzucht über. Diese produzierenden Wirtschaftsweisen waren zunächst arbeitsaufwendiger und unsicherer als das Sammeln und Jagen.
Durch die zunehmende Umgestaltung der Umwelt wurden mehr Pflanzen für Menschen nutzbar. Dadurch konnten mehr Menschen je Flächeneinheit ernährt werden. Bevölkerungswachstum und eine intensivere Landwirtschaft verstärkten sich gegenseitig, während sich die Landwirtschaft fast weltweit ausbreitete. Extensive, also wenig intensive und großflächige Landwirtschaftsformen erhöhten bis zum 19. Jahrhundert weltweit deutlich die biologische Vielfalt. Erst die intensive Landwirtschaft und die Übernutzung unter wachsendem Bevölkerungsdruck kehrten diesen Trend um.
Leonid Grinin nimmt an, dass sich Landwirtschaft dort entwickelte, wo geeignete Umweltbedingungen bestanden, etwa in Südostasien. Die erste Kultivierung von Getreide fand auch im Nahen Osten statt, beispielsweise im Alten Ägypten oder in Palästina. Grinin datiert den erstmaligen Beginn der Agrarkultur auf 12.000 bis 9.000 v. Chr.; einige archäologische Funde sind etwas älter. In der Moxos-Ebene wurden bereits vor über 10.000 Jahren Maniok und Kürbisse angebaut.
Frühe Ausbreitung und Landwirtschaft in Europa
Im antiken Mittelmeerraum wurden Weizen, Wein und Ölbäume angebaut. In den stark entwaldeten Gebirgen betrieb man Viehhaltung. Die Römer übertrugen Obst-, Gemüse- und Weinbau nach Mitteleuropa. Die Araber führten Baumwoll- und Zuckerrohranbau sowie Bewässerungstechniken in Spanien ein.
Einfache Werkzeuge wie Hacke, Sichel und Sense entstanden bereits nach Beginn des Feldbaus. Grabstöcke zum Ausgraben von Wurzeln und Knollen sind aus prähistorischer Zeit belegt. Die ersten Ritzpflüge stammen wahrscheinlich aus dem 5. Jahrtausend v. Chr. Trotzdem blieb die Landwirtschaft bis zum Ende des 18. Jahrhunderts stark von der körperlichen Arbeitskraft von Menschen und Tieren abhängig.
Vor etwa 9000 Jahren ließen sich die ersten europäischen Ackerbauern in den Ebenen Thessaliens nieder. Die Kultur der Linearbandkeramik brachte den Ackerbau 5700 v. Chr. vom Balkan entlang der Donau nach Mitteleuropa. Angebaut wurden Emmer, Einkorn, Dinkel, Lein, Linsen und Erbsen, vermutlich im Schwendbau. Dabei wurden bewachsene Flächen zeitweilig für den Anbau nutzbar gemacht. Die Ausbreitung erfolgte in einer sehr milden Klimaphase: Das Atlantikum gilt als wärmste Epoche, die Europa in den letzten 75.000 Jahren mit regionalen und zeitlichen Unterschieden sowie kurzen Unterbrechungen erlebte. Sommer- und Wintertemperaturen lagen 1–2 °C über denen des 20. Jahrhunderts; besonders die Winter waren mild.
Schon zuvor hatte sich der Ackerbau mit der Cardial- oder Impressokultur im 7. Jahrtausend v. Chr. entlang der italienischen Mittelmeerküste nach Südfrankreich und weiter nach Frankreich und Spanien verbreitet. Die La-Hoguette-Kultur erreichte Maas und Rhein noch vor der Bandkeramik. Bevorzugt wurden zunächst Flussterrassen und Lössböden. Waldweide und Schneitelwirtschaft, also die Gewinnung von Laubheu, waren saisonal mit der Viehhaltung verbunden. Weiteres Land entstand durch Waldrodung, in Nord- und Osteuropa auch durch die Entwässerung von Sümpfen und Mooren.
Ab dem 6. Jahrtausend v. Chr. breiteten sich Pflugbau und später Nutzungswechselwirtschaft aus. Mist, vermischt mit Rasenstücken, sollte die Bodenfruchtbarkeit erhöhen. Funde aus Keramiken belegen bei den Kelten unter anderem Dinkel, Emmer, Einkorn, Mohn, Ziegenweizen, Gerste, Rispenhirse, Ackerbohnen, Linsen und Lein zur Öl- und Fasergewinnung.
Intensivierung und technische Modernisierung
Seit dem 8. Jahrhundert setzte sich in Europa die Dreifelderwirtschaft durch: Wintergetreide, Sommergetreide und eine einjährige Brache wechselten einander ab. Regional bestanden daneben andere Fruchtfolgen. Die sommerliche Heuernte wurde wichtig; das Wort „Grummet“ für die zweite Mahd ist seit dem 13. Jahrhundert belegt. Seit dem Dreißigjährigen Krieg war die Entwicklung durch steigende Getreidepreise, zeitweilige Hungerkrisen und Bevölkerungswachstum geprägt.
Seit dem 16. Jahrhundert wurde die Landwirtschaft intensiver. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich aus der Dreifelderwirtschaft ein kontinuierlicher Fruchtwechsel. Verbesserte oder neue Techniken wie Bodenwendepflug und Hufbeschlag förderten die Produktion. Pferde ersetzten zunehmend Ochsen als Zugtiere. Die gezielte Auswahl von Saatgut und Zuchttieren steigerte die Erträge. Ödland wurde kultiviert, und neue Feldfrüchte wie die Kartoffel verbreiteten sich in Europa, teilweise unterstützt durch staatliche Maßnahmen. Für die Entwicklung ab etwa 1700 wird der Begriff „Landwirtschaftliche Revolution“ verwendet. Um 1800 arbeiteten in Bayern noch etwa 75 % aller Arbeitskräfte in der Landwirtschaft.
Das 19. und 20. Jahrhundert waren von Technisierung und Spezialisierung geprägt. Justus von Liebig beschrieb 1840 in „Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie“, kurz „Agriculturchemie“, den Einsatz von Mineraldünger. Ab Ende des 19. Jahrhunderts ließ sich synthetischer Dünger herstellen. Während des Ersten Weltkriegs wurde dafür das Haber-Bosch-Verfahren zur bevorzugten großindustriellen Lösung. Dünger, Züchtung und neue Maschinen vervielfachten die Erträge. Zugleich vergrößerte sich die Produktivitätslücke zwischen moderner und traditioneller Landwirtschaft; das Höfesterben wurde zu einer anhaltenden Folge.
Die Mechanisierung wurde besonders durch große Flächen und knappe menschliche Arbeitskraft vorangetrieben. Viele Menschen wanderten vom Land in Industriestädte ab: zunächst in Industrieländern, seit den 1960er-Jahren im Zusammenhang mit der Grünen Revolution auch in Entwicklungsländern.
Die europäische Kolonisation weitete Agrarwirtschaft und Welthandel global aus. Produktionsformen wurden auf andere Kontinente übertragen. Es entstand die export- und kapitalorientierte Plantagenwirtschaft, häufig auf Kosten der Selbstversorgung. Durch den Columbian Exchange verbreiteten sich Kulturpflanzen und Nutztiere weit über ihre ursprünglichen Herkunftsgebiete hinaus.
Betriebsgrößen und Strukturwandel
Trotz verschiedener Bodenreformen nahm die landwirtschaftliche Nutzfläche einzelner Betriebe immer wieder zu. Anfang der 1930er Jahre bewirtschafteten in Deutschland nur 0,2 % aller Bauernhöfe ein Viertel des Ackergrundes. Gleichzeitig versuchte der Staat, Mindestgrößen festzulegen, die Betriebe wirtschaftlich sichern sollten. Das Reichserbhofgesetz definierte 1933 die „Ackernahrung“ als die Landmenge, die nötig sei, um eine Familie unabhängig vom Markt und von der allgemeinen Wirtschaftslage zu ernähren und zu bekleiden sowie den Betrieb des Erbhofs zu erhalten.
Langfristig sank die Zahl der Einzelbetriebe. In der DDR wuchs die durchschnittliche Fläche der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs) von 280 ha je Betrieb im Jahr 1960 auf 599 ha 1970, 1276 ha 1980 und 1391 ha 1989.
In der Bundesrepublik Deutschland führten Technisierung und Höfesterben zu größeren Flächen und höheren Viehbeständen je Betrieb. Auch die Landpacht gewann an Bedeutung. Der Anteil gepachteter Flächen lag 1949 bei rund 12 %, stieg bis 1990 auf rund 38 % und erreichte 2016 58,5 %, etwas weniger als in den Jahren zuvor. Besonders stark nahm er in Gebieten mit Realteilung zu. Einen weiteren Schub brachten die Wiedervereinigung und die Privatisierung ehemals kollektivierter Betriebe.
Sozialökologische Sicht: Energie, Zeit und Fläche
Die Soziale Ökologie untersucht die Landwirtschaftsgeschichte besonders anhand von Energie, Zeit und Fläche. Beim Energiefluss wird zwischen Energieeinsatz und Energieertrag unterschieden. Energieeinsatz ist die für Pflanzen- und Tierproduktion verwendete Energie. Intern ist beispielsweise die Muskelkraft von Menschen und Tieren aus Nahrung; extern sind unter anderem fossile Brennstoffe für Maschinen sowie die Energie zur Herstellung von Werkzeugen, Futtermitteln, Düngern und Pestiziden. Traditionelle Agrarsysteme beruhen hauptsächlich auf Biomasse aus Nahrung, die in den Produktionskreislauf zurückkehrt. In industrialisierten Systemen dominieren dagegen Energieträger wie Öl, Gas, Kernbrennstoffe, Wasser, Wind und Sonne. Der Energieertrag ist die nutzbare, einer Fläche entnommene Biomasseenergie für Ernährung, Produkte oder Wärme.
Bei Wildbeutern, Weidetierhaltern und Hackbauern liegt der Energieeinsatz durch reine Muskelkraft bei rund 0,5 bis unter 400 Megajoule pro Hektar und Jahr (MJ/ha/a). Hirtennomaden setzen 35-mal so viel Energie wie Wildbeuter ein, Wanderfeldbauern das 330-Fache und Wanderweidehirten das 855-Fache. Tierhüteformen liefern etwa 390 bis knapp über 1.000 MJ/ha/a gegenüber 2,9 MJ/ha/a bei Jägern und Sammlern, sind aber energetisch nur ein Fünftel bis knapp halb so effizient. Hackbau ist etwa doppelt bis gut neunmal effizienter als Jagen und Sammeln und erzielt 15.000 bis 25.000 MJ/ha/a.
Traditioneller Ackerbau nutzt zusätzlich Pflüge, Zugtiere und später industriell hergestellte Geräte und Dünger. Sein Energieeinsatz liegt bereits 18-mal höher als beim Feldbau, sein durchschnittlicher Ertrag aber nur 1,7-mal höher. Je nach Fall liegt der Ertrag unter der Hälfte oder mehr als 2,5-mal so hoch. Deshalb ist einfacher Feldbau meistens energieeffizienter als traditioneller Ackerbau: im Durchschnitt mehr als doppelt, in den Extremen zwischen 0,4- und 16-mal so effizient.
Der Zeitfaktor erfasst, wie viele Menschen wie lange mit der Nahrungsproduktion beschäftigt sind. Unterschieden werden die Arbeitszeit der landwirtschaftlich Beschäftigten und der externe Zeitaufwand zur Herstellung der Produktionsmittel. In vorindustrieller Zeit arbeitete die Mehrheit der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Natürliche Grenzen wie die Tageslänge bestimmten die Arbeitszeit; im Sommer wurde länger gearbeitet als im Winter. Der Artikel weist darauf hin, dass Angaben zur historischen Veränderung dieses Faktors fehlen.
Die Umwandlung natürlicher Biotope heißt „Kolonisierung von Natur“. Wildbeuter nutzen Biotope fast nur in ihrer natürlichen Zusammensetzung, während Bodenbauern Vegetation ersetzen, gezüchtete Pflanzen einsetzen, Energie-, Wasser- und Chemiehaushalt beeinflussen und Flächen durch Gebäude oder Verkehrswege versiegeln. Als Maß dient die Human Appropriation of Net Primary Production (HANPP), die gesellschaftliche Aneignung der Nettoprimärproduktion. Sie setzt anthropogen produzierte Biomasse auf einer Fläche zur Entnahme ins Verhältnis. Je höher der HANPP-Wert, desto weniger erzeugte Energie bleibt nicht-menschlichen Organismen. Landwirtschaftliche Intensität zeigt sich außerdem in der Bevölkerungsdichte, der Zahl der Menschen, die eine Flächeneinheit ernähren kann, und der spezifischen Flächenproduktivität.