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Wilhelm Tell
Wilhelm Tell ist ein legendärer Schweizer Freiheitskämpfer. Seine Geschichte spielt in der heutigen Zentralschweiz und wird auf das Jahr 1307 datiert.
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Wilhelm Tell als Freiheitsfigur
Wilhelm Tell ist ein legendärer Schweizer Freiheitskämpfer. Die Sage spielt in der heutigen Zentralschweiz und wird auf das Jahr 1307 datiert. Seit dem 15. Jahrhundert ist Tell überliefert; seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gilt er als Nationalheld der Schweiz. Er wurde außerdem zu einer wichtigen Identifikationsfigur sowohl konservativer als auch progressiver Kreise der Eidgenossenschaft. Besonders bekannt wurde der Stoff durch Friedrich Schillers Drama Wilhelm Tell von 1804.
Im Mittelpunkt stehen der Widerstand gegen habsburgische Herrschaft, der Apfelschuss und Tells Tyrannenmord. Die Geschichte verbindet eine persönliche Bewährungsprobe mit der Gründungserzählung der Eidgenossenschaft: Tells Tat gilt in der Sage als Auslöser des bewaffneten Aufstands gegen die Vögte.
Die Tell-Legende
Nach der Fassung im Weissen Buch von Sarnen lässt der habsburgische Landvogt Gessler in Altdorf, „under die linden ze Ure“, einen Hut auf eine Stange setzen. Die Bewohner müssen den Gesslerhut jedes Mal grüßen, wenn sie an ihm vorbeigehen. Tell, ein als „redlicher Mann“ bezeichneter Einheimischer, verweigert den Gruß. Er steht heimlich mit Stauffacher, dem Landammann von Schwyz, im Bund.
Gessler zwingt Tell daraufhin, mit der Armbrust einen Apfel vom Kopf seines Kindes zu schießen. Tell trifft den Apfel, nimmt aber heimlich einen zweiten Pfeil mit. Auf die Frage nach diesem Pfeil erklärt er, er wäre für Gessler bestimmt gewesen, wenn er sein Kind getroffen hätte. Obwohl der Vogt zunächst verspricht, Tell nicht zu töten, lässt er ihn fesseln und auf seine Burg nach Küssnacht bringen. Dort soll Tell lebenslang eingekerkert werden.
Während der Überfahrt auf dem Vierwaldstättersee gerät das Schiff in einen Sturm. Tell wird von seinen Fesseln befreit, damit er das Boot steuern kann. Er lenkt es geschickt zur Steilwand Axen und springt auf eine hervorstehende Felsplatte, die im Weissen Buch von Sarnen bereits „Tellsplatte“ beziehungsweise „tellen blatten“ genannt wird.
Tell eilt über die Berge nach Küssnacht und wartet in einem Hohlweg, der Hohlen Gasse, auf den zurückkehrenden Gessler. Aus dem Hinterhalt erschießt er den Vogt mit der Armbrust. Dieser Tyrannenmord löst nach der Sage den „Burgenbruch“, also den bewaffneten Aufstand, aus. Nach dem Sieg bei Morgarten im Jahr 1315 etabliert sich die Eidgenossenschaft als reichsunmittelbare Regionalmacht.
Die Datierung auf 1307 geht auf Aegidius Tschudi zurück. Er datiert den Apfelschuss genau auf Montag, den 19. November 1307, und gibt an, Tells Kind sei nicht älter als sechs Jahre gewesen. Den Vornamen Wilhelm übernahm Tschudi aus dem Tellenlied. Die Namen Walther für Tells Sohn und Herrmann für Gessler führte erst Schiller 1804 ein. In Tschudis späterer Fassung kämpft Tell außerdem 1315 bei Morgarten mit und stirbt 1354 im Schächenbach beim Versuch, ein Kind vor dem Ertrinken zu retten.
Frühe Quellen der Sage
Die ersten Belege für die Tell-Erzählung stammen aus der Zeit um 1470. Danach verbreitete sich die Sage rasch und war spätestens um 1510 allgemein volkstümlich.
Die älteste schriftliche Quelle ist das Weisse Buch von Sarnen, das der Obwaldner Landschreiber Hans Schriber um 1472 niederschrieb. Dort erscheint Tell als „Thäll“, mit den Varianten „Thall“ und „Tall“. Um 1477 taucht die Figur außerdem im Lied vom Ursprung der Eidgenossenschaft auf, das auch Tellenlied oder Bundeslied genannt wird. Es wurde zunächst mündlich weitergegeben; die älteste Abschrift stammt von 1501. Im Weissen Buch von Sarnen wird Tells Kind nur als Kind bezeichnet, während das Tellenlied ausdrücklich von einem Sohn spricht.
Die Geschichte gelangte in die Luzerner Chroniken von Melchior Russ und Petermann Etterlin, die um 1507 erstmals gedruckt wurden, sowie in Heinrich Brennwalds Schweizerchronik, die zwischen 1508 und 1516 verfasst wurde. Schon im Tellenlied gilt Tell als „erster Eidgenoss“. Russ bezeichnet ihn ebenfalls als Haupturheber der Befreiung und als Stifter des eidgenössischen Bundes.
Aegidius Tschudi erzählt die Sage in seinem Chronicon Helveticum um 1550 in der Form, die für die spätere Überlieferung besonders prägend wurde. Das Werk erschien allerdings erst 1734–1736. Seine Darstellung erreichte durch Josias Simlers De Republica Helvetiorum libri duo, das 1576 erstmals veröffentlicht und danach vielfach neu aufgelegt wurde, bereits vom späten 16. bis zum beginnenden 19. Jahrhundert ein breites Publikum.
Das Apfelschuss-Motiv und der Name Tell
Das Motiv, dass ein Schütze einen Apfel vom Kopf seines Kindes treffen muss, erscheint bereits in den Gesta Danorum, der „Geschichte der Dänen“ des Saxo Grammaticus, die etwa 1200–1216 verfasst wurde. Dort heißt der Schütze Toko. Er ist ein Gefolgsmann des dänischen Königs Harald Blauzahn und wird von diesem zum Apfelschuss gezwungen. Wie Tell steckt auch Toko einen zweiten Pfeil zu sich und erklärt, dieser wäre für den König bestimmt gewesen, wenn er seinen Sohn getroffen hätte. Später erschießt Toko den König aus dem Hinterhalt. Wegen dieser Übereinstimmungen gilt Saxo Grammaticus als Quelle für die Apfelschuss-Episode der Tell-Sage.
Eine weitere Erzählung, die Geschichte von Punker von Rohrbach im Hexenhammer von 1486, ist etwas jünger als der erste Tell-Beleg. Dort muss der Schütze statt eines Apfels eine Münze treffen.
Die Überlieferung verwendet zunächst die Formen Tell, Tall oder Thäll. Tschudi übernimmt den Vornamen Wilhelm aus dem Tellenlied. Die Namen Walther und Herrmann gehören dagegen erst zu Schillers Fassung von 1804. Die Deutung des Namens Tell als schweizerdeutsches Wort für „Einfältiger, Tor“ wird in der älteren Überlieferung als Spitzname verstanden; andere, mythologisierende Historiker bevorzugten eine Verbindung mit der Bedeutung „stolz, leuchtend, prunkend“. Der Artikel stellt diese Erklärungen als unterschiedliche Deutungen dar.
Historische Einordnung
Dass Tell keine historische Person sein könnte und die Erzählung eine Sage ist, wurde schon früh vermutet. Franz Guillimann äußerte diesen Zweifel 1607. Später vertraten unter anderem Christian und Isaak Iselin, der Berner Pfarrer Uriel Freudenberger 1760 und Voltaire in den Annales de l’Empire ähnliche Auffassungen. Freudenberger erklärte Wilhelm Tell als Nachdichtung der Toko-Episode aus den Gesta Danorum. Gottlieb Emanuel von Haller übersetzte Freudenbergers anonym veröffentlichte Abhandlung ins Französische und gab sie wegen Freudenbergers Befürchtungen unter seinem eigenen Namen heraus.
Im 19. Jahrhundert stellte die kritische Schweizer Geschichtsschreibung, deren Begründer Joseph Eutych Kopp um 1835 gilt, sowohl Tells Existenz als auch die Befreiungstradition insgesamt infrage. Eine internationale Historikerdebatte fand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts statt und wurde durch die Wiederentdeckung des Weissen Buchs von Sarnen im Jahr 1856 angestoßen. Noch vor 1900 setzte sich unter Historikern weitgehend die Ansicht durch, Tell sei keine historische Figur. Besonders der Apfelschuss wurde wegen seiner bereits um 1760 erkannten Parallele zur dänischen Erzählung als sagenhaft beurteilt.
Im frühen 20. Jahrhundert blieb die Frage dennoch umstritten. Anton Largiadèr stellte die Kontroverse 1931 im Historisch-biographischen Lexikon der Schweiz dar, während Karl Meyer dort Tells geschichtliche Existenz verteidigte. Erst nach 1945 wurde die Tell-Sage von Historikern einhellig als Sage eingestuft. Bruno Meyer vermutete 1959 allerdings noch als möglichen historischen Kern die tatsächliche Ermordung eines Landvogts im frühen 14. Jahrhundert.
Das wichtigste Argument gegen Tells historische Existenz ist das vollständige Fehlen zeitgenössischer Belege für Tell oder für die Ermordung eines Landvogts namens Gessler. Die Sage ist vor dem letzten Drittel des 15. Jahrhunderts, also mehr als 150 Jahre nach den erzählten Ereignissen, nicht nachweisbar. Auch bildliche Darstellungen des Apfelschusses fehlen vor dieser Zeit. In Uri konnte außerdem keine Familie „Tell“ ermittelt werden. Vermeintliche Hinweise in Erkenntnissen der Urner Landsgemeinden von 1387 und 1388 sowie Einträge „Tello“ und „Täll“ in Totenregistern und Jahrzeitbüchern wurden bereits im 19. Jahrhundert als spätere Fälschungen eingestuft.
Bilder, politische Wirkung und künstlerische Adaptionen
Die breite Rezeption im 16. Jahrhundert zeigt sich in zahlreichen Darstellungen des Apfelschusses, öffentlichen Gedenkstätten und Tellenspielen. Volkstümliche Dramatisierungen in der Tradition der Fasnachtsspiele sind ab 1512 belegt. Die Tellskapelle auf der Tellsplatte bestand bereits im frühen 16. Jahrhundert; eine weitere Tellskapelle wurde 1582 in Bürglen errichtet, und ein erstes Telldenkmal in Altdorf entstand 1583. Im 17. Jahrhundert war „die Drei Tellen“ eine volkstümliche Bezeichnung für die Drei Eidgenossen. Johann Gottfried Gregorii, genannt Melissantes, verbreitete die Geschichte zwischen 1708 und 1729 durch volksnahe Geographiebücher im deutschsprachigen Raum.
Die älteste bekannte bildliche Darstellung ist Daniel Schweglers Holzschnitt der Apfelschuss-Szene für Etterlins Chronik von 1507. Um 1520–1530 erschienen zahlreiche weitere Darstellungen, etwa ein Holzrelief im Klauser-Haus in Luzern um 1523, das Berner Predigt-Mandat von 1523, eine Wappenscheibe des Zürcher Geschlechts Froschauer um 1530 und ein Holzschnitt in Johannes Stumpfs Chronik von 1527. Diese frühen Bilder zeigen den Apfelschuss und sind kompositorisch von Schweglers Holzschnitt abhängig. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden in Uri mehrfach Silbermedaillen mit diesem Motiv geprägt.
Ob frühe Brunnenfiguren tatsächlich Tell darstellen, ist umstritten. Figuren am Tellenbrunnen in Schaffhausen von 1522 beziehungsweise 1682 und am Basler Tellbrunnen waren wahrscheinlich zunächst anonyme Bannerherren, die die eidgenössische Eigenständigkeit im Wehr- und Gerichtswesen verkörperten. Erst ab den 1780er Jahren ist eine eindeutige Zuordnung möglich, wenn der durchschossene Apfel und besonders der Sohn Walter als Attribute hinzukommen. Dazu gehören Friedrich Schäfers Zürcher Telldenkmal von 1780, das 1800 zerstört wurde, und Josef Benedikt Kurigers Altdorfer Tellstatue von 1786, die seit 1891 in Bürglen steht.
Vor 1800 wurde Tell meist nicht als Bauer, sondern als bewaffneter Landsknecht mit Schwert oder Schweizerdegen, geschlitzter Tracht und Federhut dargestellt. Während der Französischen Revolution konnte er sowohl als Vertreter der Eidgenossenschaft gegen die Revolution als auch als revolutionärer Held erscheinen. Das Siegel der Helvetischen Republik zeigte Tell, wie er seinen Sohn nach dem Apfelschuss in die Arme schließt. Nach Schillers Drama von 1804 wurde Tell in der Nationalromantik häufig in der Tracht eines Alphirten dargestellt. Bedeutende spätere Bildwerke sind Vincenzo Velas Denkmal in Lugano von 1856, Ernst Stückelbergs Fresko vom Sprung auf die Tellsplatte von 1879, Richard Kisslings Denkmal in Altdorf von 1895, Ferdinand Hodlers Gemälde von 1897 und Hans Sandreuters Mosaik der Verhaftung Tells von 1901.
Künstlerisch wurde der Stoff vielfach bearbeitet. Neben den Tellenspielen entstanden Antoine-Marin Lemierres Tragödie Guillaume Tell von 1766, André-Ernest-Modeste Grétrys Oper von 1791, Schillers Drama Wilhelm Tell von 1804 und Rossinis Oper Guillaume Tell von 1829. Schillers Werk machte die Sage international bekannt und verdrängte in der Innerschweiz die älteren volkstümlichen Tellspiele. In Altdorf wurde es erstmals 1823 aufgeführt; die Tellspielgesellschaft Altdorf wurde 1898 gegründet. In Interlaken finden Tellspiele seit 1912 statt, seit 2024 nicht mehr jährlich.
Durch Schiller wurde Tells Tyrannenmord zu einem politischen Symbol. Die Figur wurde unter anderem mit republikanischen und revolutionären Bewegungen verbunden, etwa in Mülhausen 1828 und in der Revolution von 1848/1849 im Kaisertum Österreich, besonders in Ungarn. Auch auf Spielkarten wurden in Ungarn bereits um 1835 Figuren aus Schillers Tell dargestellt. Adolf Hitler befürwortete Schillers Stück zunächst, verbot Aufführungen aber am 3. Juni 1941; im Februar 1942 äußerte er sich bei einem Tischgespräch verärgert darüber.
Spätere Bearbeitungen stellten die heroische Deutung infrage. Max Frischs Wilhelm Tell für die Schule von 1971 erzählt den Stoff aus Gesslers Perspektive und deutet Tell sowie die Urschweizer kritisch. Hansjörg Schneiders Der Schütze Tell von 1975 verfolgt ebenfalls eine entheroisierende Perspektive. Danach erschienen weitere Bearbeitungen als Film, Hörspiel, Fernsehserie, Musical und Roman, darunter ein Rock-Musical von 1977, Fernsehserien von 1987 und 1998, der Film Tell von 2007, Tell – Das Musical von 2012 sowie Romane von 2016 und 2022 und Filme von 2023 und 2024.
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