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Erinnerungskultur

Erinnerungskultur, auch Geschichtspflege, bezeichnet den Umgang des Einzelnen und der Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit und ihrer Geschichte.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Funktionen
  2. 2. Formen der Erinnerung im Alltag und in der Öffentlichkeit
  3. 3. Staat, Perspektiven und materielle Bewahrung
  4. 4. Erinnerung an den Holocaust
  5. 5. Kontroversen, Kritik und Wandel seit 1989/91

Grundbegriff und Funktionen

Erinnerungskultur, auch Geschichtspflege genannt, bezeichnet den Umgang von Einzelnen und Gesellschaften mit ihrer Vergangenheit und Geschichte. Sie umfasst historisch und kulturell unterschiedliche Formen des kollektiven Gedächtnisses und befasst sich im Artikel vor allem mit Deutschland.

Hans Günter Hockerts versteht Erinnerungskultur als Sammelbegriff für den nicht ausdrücklich wissenschaftlichen Gebrauch von Geschichte in der Öffentlichkeit. Christoph Cornelißen fasst den Begriff weiter: Er umfasst alle bewussten Formen der Erinnerung an historische Ereignisse, Personen und Prozesse, unabhängig davon, ob sie ästhetischer, politischer oder kognitiver Art sind. Dazu gehören der geschichtswissenschaftliche Diskurs, private Erinnerungen sowie Texte, Bilder, Denkmäler, Gebäude, Feste und Rituale. Träger können Einzelpersonen, soziale Gruppen, Staat und Nation sein.

Erinnerungskultur ähnelt dem Begriff Geschichtskultur, betont aber stärker den Gebrauch der Vergangenheit für gegenwärtige Zwecke und für die Bildung historisch begründeter Identität. Nach Jan Assmann beantwortet sie für eine soziale Gruppe die Frage: „Was dürfen wir nicht vergessen?“ Dadurch wirkt sie gemeinschaftsstiftend. Sie setzt voraus, dass die Vergangenheit durch Zeugnisse präsent ist und zugleich als von der Gegenwart verschieden wahrgenommen wird. Anders als Tradition verdeckt Erinnerungskultur nicht den Bruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Aleida Assmann unterscheidet drei Bedeutungen: Erstens ist Erinnerungskultur ein Sammelbegriff für die Pluralisierung und Intensivierung der Zugänge zur Vergangenheit. Zweitens bezeichnet sie die Aneignung der Vergangenheit durch eine Gruppe, die dadurch ihre Identität und Werte bestätigt. Drittens meint „ethische Erinnerungskultur“ die kritische Auseinandersetzung mit Staats- und Gesellschaftsverbrechen, wobei besonders die Opferperspektive berücksichtigt wird. Eine stark ausgeprägte Erinnerungskultur hebt jedoch bestimmte Elemente hervor und kann dadurch andere dem Vergessen überlassen.

Formen der Erinnerung im Alltag und in der Öffentlichkeit

Die älteste und verbreitetste Form der Erinnerungskultur sind Grabmäler und Friedhöfe, die sich bis zu Mausoleen weiterentwickelt haben. Zu extremen Formen zählen die Pyramiden von Gizeh und die öffentliche Präsentation des Leichnams im Lenin-Mausoleum in Moskau. Private und subjektive Formen sind Familienalben, Ahnenforschung und persönliche oder familiäre Jubiläen. Bei öffentlichem Interesse können Erinnerungsobjekte amtlich als Kulturgut oder Kulturdenkmal anerkannt werden.

Archive bewahren Materialien, die von der Geschichtswissenschaft erschlossen werden. Die wissenschaftliche Aufarbeitung erscheint etwa in Monografien, Fachzeitschriften und Festschriften. Museen und Sonderausstellungen dokumentieren Geschichte öffentlich und können bei kontroversen Themen die Meinungsbildung beeinflussen. Die Wehrmachtsausstellung der 1990er Jahre wird dafür als Beispiel genannt.

Denkmäler erinnern an Personen oder historische Ereignisse. Kriegerdenkmäler sind in Europa weit verbreitet; bei negativ bewerteten Ereignissen spricht man von Mahnmalen. Nationaldenkmäler entstanden besonders im 19. Jahrhundert. Personendenkmäler werden meist erst nach dem Tod errichtet, während viele Bismarckdenkmäler bereits zu Lebzeiten des Reichskanzlers entstanden. Erinnerung kann auch durch mit Personen verbundene Bauwerke wie Bismarcktürme oder Goethesteine erfolgen.

Weitere Formen sind nationale Gedenktage mit ritualisierten Handlungen wie Militärparaden und Kranzniederlegungen, Preisverleihungen, Lehrstuhlwidmungen, öffentliche Vorlesungen, Straßen- und Gebäudenamen, Sondermarken und Gedenkmünzen. Reenactment-Veranstaltungen stellen historische Situationen szenisch nach; Museumsbahnen und Traditionsschiffe bewahren Geschichte durch ihren funktionierenden Betrieb. Erinnerungsorte müssen nicht am Ort des Ereignisses liegen, erhalten aber besondere Bedeutung, wenn der historische Ort bekannt und zugänglich ist. Gedenkstätten und Denkmäler können zugleich kulturelle, vergangenheitspolitische und ideologische Funktionen erfüllen, weil sie politisch gewünschte Deutungen der Vergangenheit vermitteln.

Staat, Perspektiven und materielle Bewahrung

Der Staat fördert Erinnerungskultur ideell und finanziell und trägt Archive, Museen und historische Gebäude. Beispiele sind das Bundesarchiv, staatliche Schlösser, Burgen und Gärten sowie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Er schafft außerdem rechtliche Rahmenbedingungen, etwa durch Denkmalschutzgesetze. In Deutschland ist Holocaustleugnung als Straftatbestand rechtlich begrenzt. Staatliche Eingriffe können auch darin bestehen, Gebäude mit möglicher Erinnerungsfunktion zu beseitigen.

Erinnerung ist mit der Legitimation politischer Macht und nationaler Identität verbunden. Bei Regimewechseln werden Denkmäler beseitigt, ergänzt, umgedeutet oder durch Gegendenkmäler ersetzt. Gebäude können neue Funktionen erhalten, etwa wenn monarchische Schlösser zu Parlamenten, Bibliotheken oder Universitäten werden. Politische Gesten können Erinnerungskulturen verändern. Als Zeichen der deutsch-französischen Versöhnung gelten die gemeinsame Versöhnungsmesse von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer in Reims im Juli 1962, Willy Brandts Kniefall von Warschau und Richard von Weizsäckers Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes.

Erinnerungskultur ist multiperspektivisch. In der frühen Bundesrepublik war die Bewertung des 20. Juli 1944 umstritten; Norbert Frei spricht von einem „Erinnerungskampf“. Die DDR entwickelte andere Deutungen als Westdeutschland. Am Beispiel Proras wird eine unvollständige Erinnerung sichtbar: Die Anlage war als KdF-Seebad geplant und wurde in der DDR als Kaserne genutzt, während die Nachkriegsgeschichte erst seit einigen Jahren stärker erinnert wird. In multiethnischen Gesellschaften entstehen aufgrund verschiedener Erfahrungen unterschiedliche Erinnerungskulturen. Konflikte zeigen sich etwa beim Spanischen Bürgerkrieg und bei der Erinnerung an den Völkermord an Armeniern, Herero und Nama oder in Ruanda. Wahrheits- und Versöhnungskommissionen, wie in Südafrika nach der Apartheid, können durch die Erinnerung an Unrecht zur Versöhnung beitragen.

Konservierung, Restaurierung und Rekonstruktion sichern die materielle Grundlage der Erinnerung. Dazu zählen die Erhaltung von Schriftstücken, die technische Lesbarkeit digitaler Texte, die Entzifferung eines Palimpsests und die Rekonstruktion historischer Bau- und Kunstwerke. Umstritten ist, ob ein überlieferter Zustand streng bewahrt, in ein neues Bauwerk integriert oder rekonstruiert werden soll. Beispiele sind die Ruine der Dresdner Frauenkirche, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die Pinakothek in München und der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche ab 1991. Bei der Anastylose werden vorhandene Bauteile an ihrer berechneten ursprünglichen Position wieder eingefügt. Rekonstruktionen historischer Stadtbilder gibt es unter anderem in Warschau, Danzig, am Frankfurter Römerberg und am Dresdner Neumarkt. Das Humboldt Forum entstand am Ort des zerstörten Berliner Schlosses und ersetzte den Palast der Republik.

Erinnerung an den Holocaust

Im deutschsprachigen Raum besitzt die Erinnerung an den Holocaust wegen seines Umfangs, seiner Einzigartigkeit und seiner ethischen Bedeutung eine besondere Stellung. Nach Aleida Assmann verlief die Aufarbeitung der NS-Zeit in zwei Phasen. Zunächst dominierten Vergangenheitsbewältigung und „Politik des Schlussstrichs“. Symbolische Handlungen mit abschließendem Charakter, etwa die Versöhnungsmesse von Adenauer und de Gaulle in Reims oder die Entwicklung der Beziehungen zu Israel, sollten Hass und Rache vermeiden. Diese Form bezeichnet Assmann als dialogisches Vergessen. Seit den 1980er Jahren setzte sich stärker die Auffassung durch, dass Versöhnung durch gemeinsames Erinnern von Nachkommen der Opfer und der Tätergeneration möglich ist.

Wichtige Erinnerungsorte sind Gedenkstätten auf den Geländen ehemaliger Konzentrationslager. Einen dezentralen Gegenpol bilden lokale Initiativen und Stolpersteine, die an vertriebene, verschleppte und ermordete Menschen an ihren früheren Wohnorten erinnern. Da die meisten Überlebenden inzwischen verstorben sind, gewinnen kleine Gedenkorte wie ehemalige Synagogen, jüdische Wohnstätten, Schulen und Ritualgegenstände an Bedeutung. Oft werden sie von Ehrenamtlichen getragen.

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin-Mitte besitzt den Charakter eines zentralen Mahnmals. Seine Errichtung war in den 1990er Jahren wegen Standort, künstlerischer Gestaltung, Finanzierung und der Frage umstritten, welchen Opfergruppen gedacht werden sollte. Auch der Historikerstreit, der 1986 begann, und die Rede des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November 1988 lösten heftige Debatten aus. Im Historikerstreit ging es um die Singularität des Holocaust und eine mögliche kausale Verbindung zum stalinistischen Terror. Er blieb ergebnislos und brachte laut Artikel keinen Erkenntnisgewinn über die Funktionsweise des nationalsozialistischen Terrors. Im Kern stritten die Beteiligten um die Deutungshoheit über die deutsche Identität nach dem Nationalsozialismus.

Kontroversen, Kritik und Wandel seit 1989/91

Jan-Holger Kirsch deutet den Streit um das Berliner Holocaust-Mahnmal weniger als Auseinandersetzung um historische Trauer, sondern als Versuch einer Neudefinition nationaler Identität im vereinten Deutschland. In der „Berliner Republik“ werden nationale Selbstverständigung und das Bekenntnis zur historischen Schuld miteinander verbunden. Kritisch wird gesehen, dass der Holocaust dabei für Identitätspolitik genutzt werden und jüdische Menschen trotz öffentlicher Vereinnahmung erneut ausgeschlossen werden können. In den 1990er Jahren stritten außerdem Ignatz Bubis und Helmut Kohl über die Gestaltung der Neuen Wache und die Notwendigkeit eines zentralen Holocaust-Mahnmals.

Mehrere Autoren kritisieren Formen der etablierten Gedenkkultur. K. Erik Franzen meint, die sakralen Gedenkorte in der KZ-Gedenkstätte Dachau hätten den Ort religiös geprägt, sodass sich der „authentische“ Ort nahezu aufgelöst habe. Hans Günter Hockerts fordert deshalb eine Trennung von ritueller Zeremonie und differenzierter historischer Forschung. Ruth Klüger kritisiert die museale Ordnung Dachaus: Der Ort könne eher wie ein Ferienlager als wie ein Ort des Leidens wirken. „Pathos und Kitsch“ könnten die Realität verdecken; Aleida Assmann bezeichnet solche musealisierten Orte als „Deckerinnerungen“.

Sigrid Jacobeit warnt vor einer ritualisierenden Gedenksprache. Sie selektiere, vereinheitliche und entkontextualisiere Geschichte, sodass politische Geschichtsbilder entstehen könnten. Florian Wenninger kritisiert eine quasireligiöse Ritualisierung, moralische Selbstaufwertung, Voyeurismus und zu allgemeine Lehren. Die Geschichte totalitärer Regime dürfe nicht auf den persönlichen Mut Einzelner verkürzt werden. Mit Adorno betont er, die Wiederkehr oder Nichtwiederkehr des Faschismus sei vor allem eine gesellschaftliche, nicht eine psychologische Frage. Aleida Assmann sieht außerdem die Gefahr von „Schablonen“, wenn nur erwartungsgemäße Darstellungen als authentisch gelten, wie die erfundene Autobiografie Binjamin Wilkomirskis zeigte.

Harald Welzer bezweifelte 2008, dass eine moralische Gebrauchsanweisung zusammen mit historischem Wissen wirksam sei. Erinnerung solle stärker den alltäglichen sozialen Prozess der Ausgrenzung und konkrete Handlungsspielräume in der Gegenwart behandeln. Ulrike Schrader und Norbert Reichling wiesen diese Sicht als Zerrbild der Gedenkstättenarbeit zurück. Auch Gerhard Schröder forderte 1999 eine Gedenkstätte als sichtbares Zeichen des Nichtvergessens und als Ort freiwilliger Auseinandersetzung, nicht als bloße Pflichtveranstaltung.

In der Walser-Kontroverse von 1998 kritisierte Martin Walser die dauernde öffentliche Präsentation der deutschen Schuld und warnte vor einer Instrumentalisierung von Auschwitz als „Moralkeule“ oder Pflichtübung. Kritiker warfen ihm historischen Revisionismus und Holocaustverharmlosung vor; Ignatz Bubis sprach von „geistiger Brandstiftung“. 2015 erklärte Walser, er habe eine Instrumentalisierung in der deutschen Tagespolitik gemeint. Seit dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Ost- und Ostmitteleuropa 1989/91 veränderten sich Erinnerungskulturen durch die Beseitigung, Umgestaltung und Ersetzung von Denkmälern, die Umbenennung von Straßen und veränderte Gedenkfeiern. Im vereinten Deutschland rückte seit den 1990er Jahren die Erinnerung an den Holocaust stärker in das Zentrum öffentlicher Gedenkveranstaltungen.

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