Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Narrativ (Sozialwissenschaften)
Als Narrativ (Neutrum) wird seit den 1990er Jahren eine sinnstiftende Erzählung bezeichnet, die Einfluss auf die Art hat, wie die Umwelt wahrgenommen wird.
Inhalt6 Abschnitte
Begriff und Funktion
Ein Narrativ ist eine sinnstiftende, gesellschaftlich etablierte Erzählung, die beeinflusst, wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen. Es transportiert Werte und Emotionen, bezieht sich meist auf einen Nationalstaat oder einen Kulturraum und verändert sich im Laufe der Zeit. Entscheidend ist weniger sein Wahrheitsgehalt als ein gemeinsam geteiltes Bild mit starker Wirkung. Narrative geben gesellschaftliche Orientierung, können Zuversicht vermitteln und Handlungen anstoßen. Häufig wird angenommen, dass sie in einer Gesellschaft gefunden und nicht gezielt erfunden werden.
In der Erzähltheorie wird zwischen Erzählung, Narration und Narrativ unterschieden. Wolfgang Müller-Funk versteht das Narrativ als eine „theoretisch strenger gefaßte Kategorie, die auf das Muster abzielt“. Eine Erzählung ist für ihn ein allgemeiner, formal nicht genauer bestimmter Begriff. Narration bezeichnet dagegen genauer den Akt und den Prozess des Erzählens. Albrecht Koschorke spricht von einem Narrativ, wenn sich ein Handlungsschema als „Erzählformular“ etabliert hat, das verschiedene Erzähler sinnstiftend ausfüllen können. Kulturprägende Narrative üben dabei eine „Gravitationskraft“ aus: Sie lenken, welche Geschichten plausibel und bedeutsam erscheinen.
Mit dem wachsenden Interesse an Neurowissenschaften sowie an der Rolle von Emotionen und unbewussten Vorgängen bei Entscheidungen nahm auch die öffentliche Aufmerksamkeit für Narrative zu.
Wissenschaftliche Bedeutung und Kritik
In ökonomischen und soziologischen Theorien erklären Narrative mit, warum bestimmte Vorstellungen gesellschaftlich erfolgreich werden. Die Transformationsforschung zeigt, dass neue Narrative sich eher in Krisen als in ruhigen Zeiten durchsetzen. Dabei bestehen Pfadabhängigkeiten: Ein einmal eingeschlagener gesellschaftlicher Weg kann nicht jederzeit verlassen werden, sondern meist erst an einer passenden „Weggabelung“.
Der Erfolg ökonomischer Theorien hängt dem Artikel zufolge nicht in erster Linie von ihrer wissenschaftlichen Stichhaltigkeit ab, sondern auch davon, wie gut das zugrunde liegende Narrativ vermittelt werden kann. Wissenschaftliche Erkenntnisse können bestehende Narrative jedoch relativieren. Die Friedrich-Ebert-Stiftung verweist beispielsweise auf Studien von OECD, IWF und World Economic Forum, nach denen nachhaltiges Wachstum vom gesellschaftlichen Zusammenhalt abhängt. Narrative, die soziale Ungleichheit fördern, seien deshalb mit nachhaltigem Wachstum nicht vereinbar.
Seit den 2010er Jahren wird „Narrativ“ zugleich als Modewort kritisiert. Wenn nahezu jedes Phänomen, sogar traditionell als nicht narrativ geltende Künste wie die Architektur, als Narrativ beschrieben werde, verliere der Begriff seine Trennschärfe. Diese Kritik wird als Pan-Narrativismus bezeichnet. Der inflationäre Gebrauch wird mit der früheren Verbreitung der Begriffe „Diskurs“ und „Dialektik“ verglichen. Müller-Funk verteidigt den Begriff dagegen, weil er die Bedeutung des Erzählens für Kultur und Politik sichtbar mache.
Politische Kommunikation
In der Wahlkampfforschung dienen Narrative als Deutungsangebote und als Analyseheuristik, also als Hilfsmittel zur Untersuchung politischer Kommunikation. Sie sind diskursive Muster, die den Wählerinnen und Wählern Möglichkeiten zur Identifikation sowie bestimmte Definitionen politischer Probleme anbieten. Untersucht werden vor allem drei Kernelemente: Metaphern, die handelnden Subjekte und die sprachliche Organisation von Zeit. Ihr Zusammenspiel erzeugt Narrative, die einen Wahlkampfdiskurs prägen können. Beispiele sind Barack Obamas Hope-Kampagne im US-Präsidentschaftswahlkampf 2008 und das Bild „Mutti Merkel“ im Bundestagswahlkampf 2013.
Auch die Operative Kommunikation der Bundeswehr verwendet den Begriff. Dort ist ein Narrativ eine erzählerische Darstellung von Ereignissen, die diese im Sinne eines Stakeholders, also des Erzählers, erklärt und in einen für ihn vorteilhaften Bedeutungszusammenhang stellt. Im politischen Sprachgebrauch kann der Begriff dadurch eine ähnliche Bedeutung wie „Propaganda“ erhalten. Problematisch ist ein verengtes Verständnis, nach dem nur die Aussagen eines Gegners als angeblich unwahres Narrativ gelten, während die eigenen Aussagen als feststehende Wahrheit erscheinen.
Historische und europäische Leitbilder
Bekannte westliche Narrative bündeln politische Werte und Ziele. Dazu zählen „No taxation without representation“ aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776, „Liberté, Égalité, Fraternité“ aus der Französischen Revolution von 1789, „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ aus dem Völkerfrühling von 1848 sowie soziale Marktwirtschaft und demokratischer Rechtsstaat in der deutschen Nachkriegszeit nach 1945. Die Domino-Theorie diente während des Kalten Krieges zur Rechtfertigung des Vietnamkriegs und zur Darstellung des Kommunismus als Feindbild. Auch der Mythos „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ und der Aufruf zum Wettlauf zum Mond zeigen, wie ein starkes gemeinsames Bild Kräfte bündeln kann.
Die europäische Einigung entstand vor dem Hintergrund zweier Weltkriege und sollte vor allem eine „dauerhafte Friedensordnung“ sichern. Weitere europäische Narrative betonen, dass nur ein vereintes Europa den USA und aufstrebenden Regionen auf Augenhöhe begegnen könne oder dass Europa gesellschaftlichen Fortschritt und Wohlstand ermöglichen solle. Seit einiger Zeit wird ein neues europäisches Narrativ verlangt. Das 2012 unter anderem von Helmut Schmidt, Klaus Töpfer, Richard von Weizsäcker und Jürgen Habermas unterzeichnete Manifest „Wir sind Europa!“ forderte eine Neugründung der EU von unten und gemeinsames Handeln gegen Klimawandel, Umweltzerstörung, Fluchtmigration, Rassismus und Rechtsextremismus.
Andere Vorstellungen setzen unterschiedliche Schwerpunkte: Manche erwarten eine Antwort auf Europas ökonomische Krise; Frankreich verbindet Europa auch mit der Hoffnung auf frühere Größe. Ein global ausgerichteter Ansatz sieht Europas Chance darin, sich als weniger stark wachsender Erdteil früh auf neue Anforderungen einzustellen und planetare Grenzen sowie ein faires Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell zu beachten.
Der amerikanische Traum verspricht, dass jeder Mensch durch harte Arbeit reich werden könne; 2013 glaubte die Hälfte der US-Amerikaner daran. Der europäische Traum verbindet dagegen soziale Gerechtigkeit mit wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Jeremy Rifkin hält den auf individuelles Glück und uneingeschränktes Wachstum gerichteten amerikanischen Traum für unzeitgemäß und hebt den europäischen Traum hervor, der nachhaltige Entwicklung und die Zusammenarbeit der Völker betone.
Konkurrierende globale Narrative
Das westliche Narrativ betrachtet Demokratie und Marktwirtschaft als weithin anerkannte Grundlagen des Zusammenlebens. Das chinesische Modell setzt dem die Vorstellung einer weisen Führung entgegen. Es verspricht Armutsbekämpfung in großem Maßstab, technischen Fortschritt und politische Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten. Während im westlichen Narrativ Wettbewerb wichtig ist, betont das chinesische Modell Harmonie.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 schien sich das westliche Narrativ eindeutig durchgesetzt zu haben. Die amerikanische Irak-Invasion von 2003 beschädigte jedoch die Vorstellung, andere Regionen nach westlichen Maßstäben ordnen zu können. Die Finanzkrise ab 2007 führte zu weiterer Ernüchterung und wurde vielfach als Krise des Kapitalismus und westlicher Werte verstanden. Weil China die Finanzmarktkrise schneller bewältigte, gewann sein Narrativ in vielen Teilen der Welt an Zustimmung.
Als westliche Antwort werden Nachhaltigkeit und gutes Leben genannt. Das westliche Narrativ könne wieder an Ausstrahlung gewinnen, wenn der Westen sozialen und internationalen Frieden bewahre und bei Konflikten sowie globalen Problemen Lösungen finde, die weithin als gerecht gelten. Als besondere Stärke gilt seine Fähigkeit zur evolutionären Anpassung und Selbstkorrektur. Dafür seien mehr europäische Integration und weltweit anschlussfähige Partnerschaften erforderlich.
Nachhaltigkeit, Wohlstand und gemeinsame Ziele
Internationale Organisationen können durch Narrative gemeinsame Ziele schaffen. Dirk Messner bezeichnete die Millennium Development Goals (MDG) der Vereinten Nationen als Erfolgsgeschichte, weil sie der Entwicklungszusammenarbeit ein globales Narrativ gegeben hätten. Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen nutzte die UN auch beim 2-Grad-Ziel und bei den Zielen nachhaltiger Entwicklung (SDG) vorbildlich ihre Fähigkeit, ein dynamisches Narrativ zu bilden.
Ökonomische Narrative prägen ebenfalls Wahrnehmung und Verhalten. In Deutschland lockte die „Erzählung vom Globalisierungsboom“ viele Anleger an die Börse. Seit ungefähr 2006 werde die deutsche Wirtschaft weltweit mit Anerkennung und Neid betrachtet, während kurz zuvor noch die Vorstellung eines drohenden „Endes der Arbeit“ verbreitet gewesen sei. Daneben existiere ein „Stagnations-Narrativ“, das geringe Investitionen und wenige Reformen begünstige. Diese Beispiele zeigen, dass sich wirtschaftliche Deutungen rasch verändern und selbst wirtschaftliche Entscheidungen beeinflussen können.
Mit Blick auf Nachhaltigkeit wird das Narrativ des Zeitwohlstands vorgeschlagen. Ulrich Grober vertritt in einer wissenschaftlichen Arbeit des deutschen Umweltbundesamtes die Auffassung, ein ressourcenschonender Lebensstil werde mittelfristig wegen der Belastungsgrenzen des Planeten und der wachsenden Weltbevölkerung notwendig. Um dafür gesellschaftliche Akzeptanz zu schaffen, solle eine „Kultur der Nachhaltigkeit“ durch das attraktive Narrativ Zeitwohlstand vermittelt werden. Dieses könne mit einem gesellschaftlichen „Dialog über das gute Leben“ und einer Diskussion über „Zeit für das Gute Leben“ verbunden werden.
Lernvideos zu Narrativ (Sozialwissenschaften)
3:44
Narrativ ✅ was das ist und wie du es nutzt
lernfoerderung · 9.496 Aufrufe
9:19
Narrative Perspective (Englisch Oberstufe, Abitur) - auf Deutsch erklärt - Point of View, Narrator
Mr V Englisch und Sport · 58.274 Aufrufe
23:10
Die Deutschen sind die Monster der WELT Narrative brechen und Geschichte richtig erzählen!
Auftrag Geschichte präsentiert von KlappspatenTV · 20.024 Aufrufe
21:18
Wettbewerb der Narrative: Begrüßung (1/8)
Heinrich-Böll-Stiftung · 1.573 Aufrufe