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Nachfolge Jesu

In der Christentumsgeschichte haben sich verschiedene Lebensformen entwickelt, die sich als Nachfolge Jesu Christi verstehen.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee
  2. 2. Berufung im Neuen Testament
  3. 3. Jüdischer Hintergrund und Besonderheiten
  4. 4. Merkmale der Jüngerschaft
  5. 5. Entwicklung in der Christentumsgeschichte
  6. 6. Neuere Deutungen

Grundidee

Nachfolge Jesu, auch Nachahmung Christi oder imitatio Christi genannt, bezeichnet im Christentum eine Lebensweise, die sich von Jesus Christus leiten lassen will. Christen versuchen dabei, im Glauben an seine Lehre und an sein Vorbild Jesus ganz zu folgen. Der Ausgangspunkt ist die Einladung Jesu an seine ersten Jünger: „Komm und folge mir nach!“ Diese Einladung bewegte sie nach den Evangelien dazu, Jesus auf seiner Wanderschaft zu begleiten und an seiner Botschaft mitzuwirken.

Nachfolge bedeutet daher nicht nur Zustimmung zu einer Lehre, sondern eine praktische Orientierung des ganzen Lebens an Jesus. In der Geschichte des Christentums entstanden daraus verschiedene Lebensformen: wandernde Verkündigung, Martyrium, Askese, Mönchtum, Armutsbewegungen, reformatorische und pietistische Frömmigkeit sowie moderne Formen von Jüngerschaft.

Berufung im Neuen Testament

Die Evangelien berichten, dass Jesus Männer und Frauen in seine Nachfolge berief. Dies erscheint als eine seiner ersten öffentlichen Handlungen. Die Texte zeigen verschiedene Arten von Berufung.

Eine Form ist das vollmächtige Hinausrufen aus Beruf, Besitz und Familie. In Mk 1,16–18 ruft Jesus Simon und Andreas beim Fischen: „Folgt mir nach; ich werde euch zu Menschenfischern machen!“ Sie verlassen sofort ihre Netze und folgen ihm. Das griechische Wort dafür ist akolouthein, „folgen“.

Eine zweite Form ist die freie Entscheidung eines Menschen, Jesus folgen zu wollen. Jesus prüft dann, ob diese Entscheidung tragfähig ist. In Mt 8,19–22 sagt ein Schriftgelehrter, er wolle Jesus überallhin folgen. Jesus antwortet, der Menschensohn habe keinen Ort, „wo er sein Haupt hinlegen kann“. Ein anderer will zuerst seinen Vater begraben; Jesus erwidert: „Folge mir nach; lass die Toten ihre Toten begraben!“

Eine dritte Form ist Nachfolge durch Vermittlung anderer. In Joh 1,35 ff. weist Johannes der Täufer zwei seiner Jünger auf Jesus hin: „Seht, das ist Gottes Lamm!“ Darauf folgen sie Jesus.

In allen drei Formen gilt Jesus als eigentlicher Initiator. Besonders die zwölf Apostel werden als von Jesus Berufene und damit zugleich als von Gott Erwählte dargestellt, ohne dass sie dies selbst bewirkt hätten.

Jüdischer Hintergrund und Besonderheiten

Zur Nachfolge Jesu gehört eine direkte Lehrer-Schüler-Beziehung. Solche Beziehungen gab es im Judentum bereits seit der frühen Prophetie im Tanach. Ein Beispiel ist Elija, der Elischa mitten aus seiner Berufsarbeit heraus berief (1 Kön 19,19–21). Elischa gab seinen Besitz auf, schlachtete sein Vieh und verbrannte sein Geschirr. Flavius Josephus bezeichnete Prophetenjünger des 1. Jahrhunderts als „Nachfolger“.

Jesus wurde von Zeitgenossen sowohl als Prophet als auch als Rabbi bezeichnet. Wie Lehrer in den Lehrhäusern der Pharisäer legte er die Tora, also die jüdische Weisung, für den Alltag aus. Halacha meint dabei die Auslegung von Geboten für konkrete Lebenssituationen. Jesus verband verschiedene Gebote flexibel miteinander und bezog sie auf seine Hörer.

Gleichzeitig unterschied sich seine Nachfolge in mehreren Punkten. Seine Lehre war nicht an feste Orte gebunden. Er lehrte unterwegs, auf freiem Feld, am See, vom Boot aus, auf Anhöhen, in Häusern und später im Jerusalemer Tempel. Seine Jünger wechselten den Lehrer nicht, sondern blieben als Christen ihr Leben lang seine Schüler. Zwar gab Jesus ihnen Vollmacht zu predigen und zu heilen, doch seine Lehre blieb Maßstab für Auslegung und Praxis. Außerdem war Nachfolge nicht nur Männern vorbehalten, sondern stand nach den Quellen auch Frauen von Anfang an gleichwertig offen.

Merkmale der Jüngerschaft

Wer in die Nachfolge Jesu gerufen wird, verlässt nach den Evangelien eine gesicherte Existenz und nimmt an Jesu eigener Sendung teil: der Verkündigung des Reiches Gottes. Das Reich Gottes bezeichnet die Nähe und Herrschaft Gottes, die den ganzen Einsatz des Lebens verlangt. Deshalb bedeutet Nachfolge, bisherige Bindungen zugunsten der Aufgabe aufzugeben, den Armen das Evangelium mit und wie Jesus zu verkünden.

Zu den Merkmalen gehört die Gabe, zu heilen und „Dämonen“ auszutreiben. Mit Dämonen sind Mächte gemeint, die Menschen am ganzen Menschsein hindern. Die Jünger bringen außerdem Gottes Segen: Wo sie aufgenommen werden, ist den Gastgebern Gottes zukünftiger Schalom, also Heil und Frieden, zugesagt. Wo sie abgelehnt werden, sollen sie den „Staub von ihren Füßen schütteln“ und weiterziehen.

Nachfolge schließt auch Heimatlosigkeit in einer unerlösten Welt ein. Dazu gehört das nicht gesuchte, aber jederzeit mögliche Martyrium, also das Sterben als Zeugnis des Glaubens. Die Randexistenz der Jünger zeigt den Konflikt zwischen Gottes Zukunft und der gegenwärtigen Welt, die als von Sünde und Tod geprägt beschrieben wird.

Ein weiteres Merkmal ist Solidarität mit gesellschaftlich Ausgegrenzten. Die Evangelien nennen besonders Zöllner, Dirnen, Krüppel, Bettler, Leprakranke, Samaritaner und einige Römer. Wer diese Nachfolge auf sich nimmt, erhält nach Mt 19,28 und Lk 22,30 die Verheißung, in der Endzeit auf Thronen zu sitzen und die zwölf Stämme Israels zu richten. Diese Aufgabe war in jüdischer Tradition dem Messias zugeordnet und wird hier auf die Nachfolger übertragen. Paulus von Tarsus verwendete für die Orientierung an Christus eher den Begriff Nachahmung, griechisch mimeomai, etwa in 1 Kor 11,1.

Entwicklung in der Christentumsgeschichte

In der Alten Kirche galt der Ruf zur Nachfolge grundsätzlich jedem Christen. Die radikale Lebensweise Jesu, mit Verzicht auf gesicherte Existenz und einem Leben als Wanderbettler, wurde jedoch bald nur noch von einer Minderheit gelebt. Daraus entstand in der kirchlichen Theologie eine Zweistufenethik: Die Gebote der Bergpredigt galten praktisch vor allem für besonders Fromme, die in Askese, Kloster und Mönchsorden lebten. Für die breite Masse wurde Christsein stärker mit Taufe, Gottesdienst und Sakramenten verbunden. Nach Edward E. Malone entstanden aus unterschiedlichen neutestamentlichen Akzenten die Typen Märtyrer, Eremit und Mönch. Clemens von Alexandria und Origenes betonten eine weniger radikale Form, besonders freiwilligen Besitzverzicht und das Verlassen von Freunden und Familie. Mit Pachomius entwickelte sich ab dem 3. bzw. 4. Jahrhundert eine gemeinschaftliche, klosterähnliche Lebensform.

Im Mittelalter vertiefte sich die Imitatio-Christi-Lehre im Mönchtum und in der Mystik. Bewegungen der vita apostolica wollten den Lebensstil Jesu als Wanderprediger nachahmen. Aus der Armutsbewegung gingen unter anderem die von Franz von Assisi initiierten Minoriten und weitere Bettelorden hervor. Auch Ordensregeln und spätere Reformschriften, etwa bei Ignatius von Loyola, bezogen sich auf die Nachfolge. In der Deutschen Mystik deuteten Meister Eckhart und spätere Autoren die Lehre geistlich. Thomas von Kempens De imitatione Christi wurde ein wichtiges Beispiel des ausgehenden Mittelalters und beeinflusste die Devotio moderna.

In der Reformation beeinflusste die Theologia deutsch den frühen Martin Luther. Später stand bei Luther weniger die Imitatio-Christi-Lehre als die Conformitas Christi im Mittelpunkt. Im Täufertum blieb das Nachfolgemotiv stark prägend: Etwa 1.000 Täufer, davon 800 namentlich bekannt, nahmen im 16. und 17. Jahrhundert Verfolgung, Gefangenschaft, Folter, Hinrichtung oder Feuertod auf sich. Der Pietismus griff die Nachfolge nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder stärker auf und verstand sie als persönliche, aber nicht trennende Rückkehr zur urchristlichen Botschaft. Die Erweckungsbewegungen des späten 18. und 19. Jahrhunderts führten diese Auslegung fort.

Neuere Deutungen

In der modernen Theologie trat die Frage der Nachfolge eher zurück. Der moralische und religionsbildende Kern der imitatio Christi wurde weniger zentral behandelt und stärker von der historischen Jesusforschung untersucht. Eine bedeutende Ausnahme war Dietrich Bonhoeffer. In der Pastorenausbildung der Bekennenden Kirche im Predigerseminar Finkenwalde versuchte er, evangelische Formen der Nachfolge zu praktizieren. Daraus entstand sein Buch Nachfolge, dessen Manuskript er 1937 abschloss.

Bonhoeffer unterschied zwischen „billiger“ und „teurer“ Gnade. „Billige Gnade“ ist für ihn Gnade ohne Preis und Kosten; sie rechtfertigt nicht den Sünder, sondern die Sünde, gewährt Vergebung ohne Buße und verändert das Leben nicht. „Teure Gnade“ dagegen kostet das Leben und schließt Nachfolge ein. Bonhoeffer deutete Luthers Gnadenverständnis so, dass Nachfolge darin immer mitgemeint war: Bruch mit der Sünde, Absage an das eigenwillige Leben und Ruf zur Nachfolge.

Bonhoeffers Widerstand gegen den Nationalsozialismus machte den Einsatz für Menschenrechte verfolgter Minderheiten und besonders die Solidarität der Christen mit den Juden zu einer gesamtchristlichen Herausforderung. Die Befreiungstheologie griff diese Herausforderung seit den 1960er Jahren mit Basisgemeinden auf. Seit den 1960er-Jahren gibt es auf den Philippinen auch eine extreme Praxis der imitatio Christi in Form der Selbstkreuzigung.

Im 21. Jahrhundert vertreten manche christliche Jugendgruppen eine popularisierte Form unter dem Slogan „What would Jesus do?“ („Was würde Jesus tun?“), abgekürzt W.W.J.D. Diese Bewegung geht auf eine Idee von 1989 des methodistischen Jugendpastors Jamie Tinklenberg in Holland, Michigan, zurück. Angelsächsische evangelikale Autoren verwenden oft discipleship, übersetzbar als Nachfolge oder Jüngerschaft. Michael Herbst beschreibt dies als lebendige, mündige Ich-Du-Beziehung mit Hören, Reden, Empfangen, Weitergeben, Vertrauen und Gesandtwerden. David Platt kritisiert, viele westliche Christen hätten sich zu stark einer Konsummentalität angepasst und nähmen Jesu Aussagen zur Nachfolge nicht ernst genug.

Lernvideos zu Nachfolge Jesu

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