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Musikpsychologie

Themen der Musikpsychologie sind die Wahrnehmung von Musik, die Musikalische Sozialisation, die Möglichkeit des Musikverstehens sowie der Musikproduktion als …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Bedeutung
  2. 2. Entwicklung des Fachs
  3. 3. Wahrnehmung und Gehirn
  4. 4. Begabung und Testverfahren
  5. 5. Präferenzen, Persönlichkeit und unbewusste Prozesse
  6. 6. Fachpublikationen

Gegenstand und Bedeutung

Die Musikpsychologie ist ein Teilgebiet der Musikwissenschaft. Sie untersucht mit psychologischen Methoden, wie Menschen Musik wahrnehmen, erleben und verstehen sowie wie Musik durch Komposition, Interpretation und Improvisation entsteht. Aus einem Bereich der Systematischen Musikwissenschaft entwickelte sie sich zu einer eigenständigen Fachdisziplin mit verschiedenen Teilgebieten und Methoden.

Zu ihren Themen gehören die musikalische Sozialisation, also die Entwicklung musikalischer Erfahrungen und Verhaltensweisen im sozialen Umfeld, das Musikverstehen und die Musikproduktion. Die angewandte Musikpsychologie unterstützt Musiker unter anderem beim Umgang mit Stress und Lampenfieber, beim mentalen Training, bei der Konzentration, beim Auftrittscoaching und bei der Bühnenperformance.

Das Fach grenzt an Musikalische Akustik, Musikästhetik, Musiksoziologie, Musikpädagogik, Musiktherapie und Musikethnologie. Seine wissenschaftlichen Aktivitäten werden durch Fachgesellschaften koordiniert. Dazu zählen die 1983 gegründete Deutsche Gesellschaft für Musikpsychologie (DGM), die Society for Education, Music and Psychology Research (Sempre), die Society for Music Perception and Cognition (SMPC), die Australian Music Psychology Society (AMPS) und die 1991 gegründete European Society for the Cognitive Sciences of Music (ESCOM).

Entwicklung des Fachs

Über die psychischen und körperlichen Wirkungen von Musik wurde bereits in der Antike nachgedacht. Der Arzt Herophilos von Chalkedon untersuchte den Zusammenhang zwischen menschlichem Puls und Musik. Die griechische Musiktheorie ordnete verschiedenen Tonarten bestimmte Emotionen zu. In Renaissance und Barock blieb die Vorstellung wichtig, dass Musik gezielt auf Hörer wirke; sie führte zu einer stark ausdifferenzierten Figurenlehre.

Im deutschsprachigen Raum verwendete Ernst Kurth den Begriff „Musikpsychologie“ 1931 in seinem gleichnamigen Buch zur Abgrenzung von Carl Stumpfs Tonpsychologie. Eine von Albert Wellek, Christian von Ehrenfels und der Würzburger Schule beeinflusste Phase orientierte sich an der Gestaltpsychologie. Neben Experimenten galt die Introspektion, also die Beobachtung eigener innerer Vorgänge, als wichtig. Im Mittelpunkt standen allgemeine Gesetzmäßigkeiten des Hörens sowie Phänomene wie absolutes Gehör und Synästhesien. Carl E. Seashore bezog mit „Psychology of Music“ von 1938 erstmals auch musikalische Begabung und Aufführungspraxis ausdrücklich ein. Seit 1910 behandelten außerdem einzelne psychoanalytische Aufsätze musikpsychologische Fragen.

In den 1970er Jahren erschienen im deutschsprachigen Raum erste ganzheitlich ausgerichtete Sammelwerke zum musikalischen Verhalten und Erleben. Seit den 1980er Jahren führte die Kognitive Wende zu einer stärkeren Erforschung geistiger Informationsverarbeitung und des musikalischen Lernens. Dadurch entstanden engere Beziehungen zur Musikpädagogik; neuropsychologische Ansätze verbanden die Musikpsychologie zudem mit der Musikmedizin.

Seit den 1970er Jahren gewann die Anwendung des Fachs durch die leichtere technische Verfügbarkeit von Musik an Bedeutung. Untersucht wurden Musik in Werbung, öffentlichem Raum, Film und Videoclips sowie ihr Einsatz zur Entspannung oder Aktivierung. Ein Teil dieser Forschung fragte ausdrücklich danach, ob Musik Menschen zu kommerziellen Zwecken beeinflussen oder manipulieren kann.

Wahrnehmung und Gehirn

Die Musikwahrnehmung ist ein Grundlagengebiet der Musikpsychologie. Sie untersucht die psychoakustischen, physiologischen, psychologischen und neurowissenschaftlichen Voraussetzungen dafür, dass Menschen Musik hören und verarbeiten. Psychoakustik bezeichnet dabei die Beziehung zwischen messbaren Schallmerkmalen und ihrer subjektiven Wahrnehmung.

Musizieren stellt hohe Anforderungen an das Gehirn. Komplexe Bewegungen müssen koordiniert und mit auditiven, somatosensorischen und visuellen Reizen abgestimmt werden, also mit Informationen des Hörens, des Körperempfindens und des Sehens. Musikalische und sensorische Informationen werden aus dem Langzeitgedächtnis abgerufen, während das Arbeitsgedächtnis den laufenden musikalischen Prozess plant. Zur Vermittlung von Emotionen muss außerdem die limbische Hirnregion aktiviert werden.

Bei professionellen Musikern wurde eine nachhaltige Veränderung der Gehirnstruktur festgestellt. Insbesondere ist die Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften stärker ausgeprägt als bei nicht musizierenden Menschen. Auch beim bloßen Hören sind zahlreiche Gehirnprozesse beteiligt: Das Gehörte wird unter anderem im semantischen Gedächtnis, das Bedeutungswissen speichert, und im Emotionszentrum verarbeitet.

Die Wahrnehmung und Speicherung von Musik beginnt früh. Ein Experiment der Keele University in Großbritannien zeigte, dass bereits Ungeborene im Mutterleib Musik wahrnehmen können. Musikhören lässt sich jedoch nicht eindeutig einer einzigen Gehirnhälfte zuordnen. Ein eigenes, klar abgegrenztes Areal für Musikverarbeitung wurde bisher nicht identifiziert. Belegt sind dagegen Unterschiede zwischen dem Hören professioneller Musiker und dem von Laien.

Begabung und Testverfahren

Musikalische Begabung wird auch „Musikalität“ genannt. Seit etwa hundert Jahren untersucht die Forschung, was darunter zu verstehen ist, wie sie gemessen und wie sie gefördert werden kann. Heute wird Begabung als Teil der gesamten musikalischen Entwicklung betrachtet und sowohl in der Musikpsychologie als auch in der Musikpädagogik erforscht. Anfangs konzentrierten sich Forschung und Förderung vor allem auf jüngere Menschen. Die Musikgeragogik untersucht zusätzlich, wie sich musikalische Begabung im Alter weiterentwickelt.

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden wissenschaftlich begründete Musikalitätstests. Das „Musical Aptitude Profile“ von Edwin E. Gordon aus dem Jahr 1965 ist ein relativ aufwendiges Verfahren mit drei Bereichen:

• tonales Vorstellungsvermögen: Melodie und Harmonie • rhythmisches Vorstellungsvermögen: Tempo und Metrum • musikalische Urteilsfähigkeit: Phrasierung, Ausgeglichenheit und Stil

Arnold Bentley veröffentlichte 1966 einen bekannten Gruppentest für sieben- bis vierzehnjährige Kinder. Lehrer sollen ihn in der schulischen Praxis einsetzen können. Er prüft die Unterscheidung von Tonhöhen, das Ton- und Rhythmusgedächtnis und die Fähigkeit, Akkorde zu analysieren beziehungsweise zu bestimmen.

Der „Wiener Test für Musikalität“ von Vanecek, Preusche und Längle aus dem Jahr 2004 ist nach Angaben seiner Herausgeber der erste computerbasierte Musikbegabungstest für Kinder im Vor- und Volksschulalter. Er umfasst den „Längle-Test“ zur Messung der Tonhöhenunterscheidung und den „Wiener-Walzer-Test“, mit dem das Erkennen von Rhythmusverschiebungen innerhalb eines Taktes gemessen wird.

Präferenzen, Persönlichkeit und unbewusste Prozesse

Die Forschung zu musikalischen Präferenzen untersucht Musikgeschmack und Musikrezeption, also die Aufnahme und Verarbeitung von Musik durch Hörer. Dabei werden verschiedene Altersgruppen und Kohorten wie Kinder, Jugendliche und alte Menschen berücksichtigt. Außerdem wird geprüft, wie Vorlieben mit sozialer Schicht, Bildung und der Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Gruppen zusammenhängen. Die Ergebnisse können etwa bei der Programmauswahl von Rundfunkanstalten sowie in Musikpädagogik und Musikgeragogik verwendet werden. Zu den Methoden gehören strukturierte Interviews, Befragungen mit oder ohne vorgespielte Musikbeispiele, korrelative statistische Verfahren zur Untersuchung von Zusammenhängen und Clusteranalysen zur Bildung ähnlicher Gruppen.

Die Forschung zur Musikerpersönlichkeit untersucht dauerhafte Merkmale von Musikern, meist von professionellen Komponisten und ausübenden Musikern. Sie unterscheidet überdauernde Dispositionen von situativer Identität und fragt, ob bestimmte Musikerberufe mit bestimmten Charaktermerkmalen verbunden sind oder diese hervorbringen. Ein Beispiel ist die Untersuchung der besonderen psychologischen Beziehung zwischen einem Musiker und seinem Instrument. Weitere Themen sind Leistungsfähigkeit, Sozialverhalten, Geschlecht, Neurotizismus, Krankheitsanfälligkeit und Selbstkonzept. Praktische Anwendungen betreffen den persönlichkeitsabhängigen Umgang mit Stress und Lampenfieber sowie den Zusammenhang von Persönlichkeit, beruflicher Belastung und Erkrankungsrisiken. Einzelstudien können auch die Persönlichkeit herausragender Musiker analysieren und sich dabei mit musikalischer Biografik und Historischer Musikwissenschaft überschneiden.

Tiefenpsychologische Ansätze beziehen unbewusste Prozesse in die Erklärung des Musikerlebens und Musikverhaltens ein. Sie stützen sich unter anderem auf Gestaltpsychologie, Morphologische Psychologie und Psychoanalyse. In der Psychoanalyse wurden frühe triebpsychologische Erklärungen seit den 1950er Jahren erweitert, etwa durch Heinz Kohuts Aufsätze zum Musikgenuss von 1950 und zu den psychologischen Funktionen von Musik von 1957 sowie durch Theodor Reik im Jahr 1953. Hinzu kamen Ich-Psychologie, Selbst- und Objektbeziehungstheorien, die französische Schule um Jacques Lacan, Alfred Lorenzers tiefenhermeneutischer Ansatz und die Analytische Psychologie nach Carl Gustav Jung. Untersucht werden beispielsweise die Bedeutung von Filmmusik und die psychoanalytische Deutung einzelner Werke.

Fachpublikationen

Die englischsprachige Zeitschrift „Psychology of Music“ erscheint seit 1973. Sie veröffentlicht Beiträge über musikalisches Hören, Aufführungspraxis, musikalische Schaffensprozesse, Analyse sowie musikalisches Lernen und Lehren. Hinzu kommen Studien aus angewandter Sozialforschung, Entwicklungspsychologie und Musiktherapie. Ein Schwerpunkt liegt auf der Verbindung von Musikpsychologie und Musikpädagogik.

Seit 1984 veröffentlicht die Deutsche Gesellschaft für Musikpsychologie das „Jahrbuch Musikpsychologie“. Die von Klaus-Ernst Behne, Günter Kleinen und Helga de la Motte-Haber gegründete Reihe enthält unter Einbeziehung der Jahrestagungen deutsche und englische Fachbeiträge. Seit 2018 werden die einzelnen Beiträge zunächst frei zugänglich als Open-Access-Publikationen veröffentlicht und anschließend jährlich in einer Buchpublikation zusammengefasst.

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